Doyle | Das große Sherlock-Holmes-Buch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Doyle Das große Sherlock-Holmes-Buch

Fischer Klassik PLUS
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401819-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fischer Klassik PLUS

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401819-5
Verlag: S. Fischer
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Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. In der Londoner Baker Street warten die Klienten auf den berühmten Kriminalisten Sherlock Holmes. Denn wenn sich der Opium rauchende, leicht verlotterte und menschlich nicht wirklich kompetente Privatdetektiv ihrer Sache annimmt, dann wird der Bösewicht zweifelsohne mit Scharfsinn und Kombinationsgabe zur Strecke gebracht. Sherlock Holmes löste einen wahren Kult aus und erhielt Leserbriefe an seine fiktive Adresse. Dieser Band versammelt die schönsten Geschichten mit dem Meisterdetektiv.

Arthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.
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Eine Skandalgeschichte im Fürstentum O.


Ich hatte mich vor kurzem verheiratet und daher in letzter Zeit nur wenig von meinem Freunde Sherlock Holmes gesehen. Mein eigenes Glück und meine häuslichen Interessen nahmen mich völlig gefangen, wie es wohl jedem Mann ergehen wird, der sich ein eigenes Heim gegründet hat, während Holmes, seiner Zigeunernatur entsprechend, jeder Art von Geselligkeit aus dem Wege ging. Er wohnte noch immer in unserem alten Logis in der Baker Street, begrub sich unter seinen alten Büchern und wechselte zwischen Kokain und Ehrgeiz, zwischen künstlicher Erschlaffung und der aufflammenden Energie seiner scharfsinnigen Natur. Noch immer wandte er dem Verbrecherstudium sein ganzes Interesse zu, und seine bedeutenden Fähigkeiten, sowie seine ungewöhnliche Beobachtungsgabe ließen ihn den Schlüssel zu Geheimnissen finden, welche die Polizei längst als hoffnungslos aufgegeben hatte. Von Zeit zu Zeit drang irgend ein unbestimmtes Gerücht über seine Tätigkeit zu mir. Ich hörte von seiner Berufung nach Odessa wegen der Mordaffäre Trepoff, von seiner Aufklärung der einzig dastehenden Tragödie der Gebrüder Atkinson in Trimonale und schließlich von der Mission, die er im Auftrage des holländischen Herrscherhauses so taktvoll und erfolgreich zu Ende geführt hatte. Sonst wußte ich von meinem alten Freund und Gefährten wenig mehr als alle Leser der täglichen Zeitungen.

Eines Abends, es war am 20. März 1888, führte mich mein Weg durch die Baker Street; ich kam gerade von einer Konsultation her, da ich wieder meine Privatpraxis aufgenommen hatte. Als ich mich der wohlbekannten Tür näherte, ergriff mich der unwiderstehliche Drang, Holmes aufzusuchen, um zu erfahren, welcher Angelegenheit er augenblicklich sein außergewöhnliches Talent widmete. Seine Zimmer waren glänzend erleuchtet, und beim Hinaufsehen gewahrte ich den Schatten seiner großen, mageren Gestalt. Den Kopf auf die Brust gesenkt und die Hände auf dem Rücken, durchmaß er schnell und eifrig das Zimmer. Ich kannte seine Stimmungen und Angewohnheiten viel zu genau, um nicht sofort zu wissen, daß er wieder in voller Tätigkeit war. Er hatte sich aus seinen künstlich erzeugten Träumen emporgerafft und war nun einem neuen Rätsel auf der Spur. Ich zog die Glocke und wurde in das Zimmer geführt, das ich früher mit ihm geteilt hatte.

Sein Benehmen war nicht übermäßig herzlich zu nennen. Das war bei ihm überhaupt selten der Fall, und doch hatte ich das Gefühl, daß er sich freute, mich zu sehen. Er sprach kaum ein Wort, aber nötigte mich mit freundlichem Gesicht in einen Lehnstuhl, reichte mir seinen Zigarrenkasten herüber und zeigte auf ein Likörschränkchen in der Ecke. Dann stellte er sich vor das Feuer und betrachtet mich in seiner sonderbar forschenden Manier.

»Die Ehe bekommt dir, Watson«, bemerkte er. »Ich glaube, du hast siebeneinhalb Pfund zugenommen, seit ich dich zuletzt sah.«

»Sieben«, antwortete ich.

»Wirklich? Ich hätte es für etwas mehr gehalten. Nur eine Kleinigkeit mehr, Watson. Und du praktizierst wieder, wie ich bemerke; du erzähltest mir nichts von deiner Absicht, wieder ins Joch gehen zu wollen.«

»Woher weißt du es denn?«

»Ich sehe es, ich folgere es eben. Ich weiß auch, daß du kürzlich in einem tüchtigen Unwetter draußen gewesen bist, und daß du ein sehr ungeschicktes, nachlässiges Dienstmädchen haben mußt.«

»Mein lieber Holmes«, sagte ich, »nun hör’ auf; vor einigen Jahrhunderten würden sie dich wahrscheinlich verbrannt haben. Ich habe allerdings am vorigen Donnerstag eine Landtour gemacht und kam furchtbar durchnäßt und beschmutzt nach Hause, aber woraus du das schließen willst, weiß ich doch nicht, da ich ja sofort meine Kleider wechselte. Und Marie Johanne ist wirklich unverbesserlich, meine Frau hat ihr schon den Dienst gekündigt, aber um alles in der Welt, wie kannst du das wissen?«

Er lachte in sich hinein und rieb seine schmalen, nervösen Hände.

»Das ist doch so einfach«, meinte er; »meine Augen sehen deutlich, daß auf der Innenseite deines linken Stiefels, die gerade jetzt vom Licht erhellt wird, das Leder durch sechs nebeneinander laufende Schnitte beschädigt ist. Das kann nur jemand getan haben, der sehr achtlos den getrockneten Schmutz von den Rändern der Sohle abkratzen wollte. Daher meine doppelte Vermutung, daß du erstens bei schlechtem Wetter ausgegangen bist, und zweitens, ein besonders nichtswürdiges, stiefelaufschlitzendes Exemplar der Londoner Dienstbotenwelt hast. Und was nun deine Praxis betrifft, so müßte ich doch wirklich schwachköpfig sein, wenn ich einen Herrn, der nach Jodoform riecht, auf dessen rechtem Zeigefinger ein schwarzer Fleck von Höllenstein prangt, während die Erhöhung seiner linken Brusttasche deutlich das Versteck seines Stethoskops verrät, nicht auf der Stelle für einen praktischen Arzt halten würde.«

Ich mußte lachen, mit welcher Leichtigkeit er diese Folgerungen entwickelte. »Wenn ich deine logischen Schlüsse anhöre, erscheint mir die Sache lächerlich einfach, und ich glaube es ebensogut zu können«, bemerkte ich. »Und doch überrascht mich jeder Beweis deines Scharfsinnes auf neue, bis du mir den ganzen Vorgang erklärt hast. Nichtsdestoweniger sehe ich genau so gut wie du.«

»Sehr richtig«, entgegnete er, steckte sich eine Zigarette an und warf sich in den Lehnstuhl. »Du siehst wohl, aber du beobachtest nicht. Der Unterschied ist ganz klar. Du hast z.B. häufig die Stufen gesehen, die vom Flur in dies Zimmer hinaufführen.«

»Sehr häufig.«

»Wie oft?«

»Nun sicher einige hundertmal.«

»Dann wirst du mir auch wohl sagen können, wieviel es sind?«

»Wieviel? Nein, davon hab’ ich keine Ahnung.«

»Siehst du wohl, du hast zwar gesehen, aber nicht beobachtet. Das meine ich ja eben. Ich weiß ganz genau, daß die Treppe siebzehn Stufen hat, weil ich nicht nur gesehen, sondern auch beobachtet habe.  – A propos, da ich dein Interesse für meine kleinen Kriminalfälle kenne,  – du hattest sogar die Güte, eine oder zwei meiner geringen Erfahrungen aufzuzeichnen,  – wird dich vermutlich auch dies interessieren.« Er reichte mir einen Bogen dicken, rosenfarbenen Briefpapiers, der geöffnet auf dem Tisch lag. »Dies Schreiben kam mit der letzten Post an, bitte lies vor.«

Der Brief, der weder Datum noch Unterschrift und Adresse trug, lautete: »Ein Herr, der Sie in einer sehr bedeutungsvollen Angelegenheit zu sprechen wünscht, wird Sie heute abend um dreiviertel acht aufsuchen. Die Dienste, die Sie unlängst einem regierenden europäischen Hause erwiesen, geben den Beweis, daß man Ihnen Dinge von allerhöchster Wichtigkeit anvertrauen kann. Dies Urteil wurde uns von allen Seiten bestätigt. Bitte also zur bezeichneten Zeit zu Hause zu sein, und es nicht falsch zu deuten, wenn Ihr Besucher eine Maske trägt.«

»Dahinter steckt ein Geheimnis«, bemerkte ich. »Kannst du dir das erklären?«

»Bis jetzt habe ich noch keine Anhaltspunkte. Es ist aber ein Hauptfehler, ohne dieselben Vermutungen anzustellen. Unmerklich kommt man so der Theorie zuliebe zum Konstruieren von Tatsachen, statt es umgekehrt zu machen. Doch was schließt du aus dem Brief selbst?«

Ich prüfte sorgfältig Schrift und Papier.

»Der Schreiber lebt augenscheinlich in guten Verhältnissen«, meinte ich, bemüht, das Verfahren meines Freundes so getreu als möglich zu kopieren. »Das Papier ist sicher kostspielig, es ist ganz besonders stark und steif.«

»Ganz richtig bemerkt«, sagte Holmes. »Auf keinen Fall ist es englisches Fabrikat. Halte es mal gegen das Licht.«

Ich tat es und sah links als Wasserzeichen ein großes E. und C. und auf der rechten Seite ein fremdartig aussehendes Wappen in das Papier gestempelt. »Nun, was schließt du daraus?« fragte Holmes.

»Links ist der Namenszug des Fabrikanten.«

»Gut, aber rechts?«

»Ein Wappen als Fabrikzeichen, ich kenne es jedenfalls nicht«, antwortete ich.

»Dank meiner heraldischen Liebhaberei, kann ich es dir verraten«, sagte Holmes. »Es ist das Wappen des Fürstentums O.«

»Dann ist der Fabrikant vielleicht Hoflieferant«, meinte ich.

»So ist’s. Doch der Schreiber dieses Briefes ist ein Deutscher. Fiel dir nicht der eigentümliche Satzbau auf? ›This account of you we have from all quarters received.‹ Ein Franzose oder Russe kann das nicht geschrieben haben, nur der Deutsche ist so unhöflich gegen seine Verben. Ha, ha, mein Junge, was sagst du dazu?«

Seine Augen funkelten, und aus seiner Zigarette blies er große, blaue Triumphwolken.

»Nun müssen wir noch herausfinden, was dieser Deutsche wünscht, der auf diesem fremdartigen Papier schreibt und es vorzieht, sich unter der Maske vorzustellen. Wenn ich nicht irre, kommt er jetzt selbst, um den Schleier des Geheimnisses zu lüften.«

Der scharfe Ton von Pferdehufen und das knirschende Geräusch von Rädern ließ sich hören, dann wurde stark an der Glocke gezogen. Holmes pfiff. »Das klingt ja, als wären es zwei Pferde«, sagte er. Er blickte aus dem Fenster. »Ja«, fuhr er fort, »ein hübscher Brougham und ein Paar Prachtgäule, jeder mindestens seine hundertundfünfzig Guineen wert. Na, Watson, wenn auch sonst nichts an der Sache ist, jedenfalls ist da Geld zu holen.«

»Ich glaube, es ist wohl besser, ich gehe jetzt.«

»Auf keinen Fall, Doktor, du bleibst, wo du bist; was sollte ich wohl ohne dich anfangen? Außerdem verspricht die Geschichte interessant zu werden, und warum willst du dir das entgehen lassen?«

»Aber dein Klient?«

»Darüber mach’ dir keine Skrupel. Vielleicht brauchen wir beide wirklich deine Hilfe. Er kommt jetzt. Setz’ dich...


Doyle, Arthur Conan
Arthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.

Arthur Conan DoyleArthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.



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