Doyle | Punk is Dad | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 413 Seiten

Doyle Punk is Dad


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-942989-81-7
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 413 Seiten

ISBN: 978-3-942989-81-7
Verlag: Haffmans & Tolkemitt
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Jimmy Rabbitte ist mittlerweile 47 Jahre alt, hat vier Kinder, eine liebevolle Ehefrau - und die Diagnose Darmkrebs. So schnell hat ihn eigentlich noch nichts umgehauen, aber diesmal ist sich Rabbitte, ehemaliger Sänger der legendären Dubliner Soulband 'The Commitments', nicht so sicher. Nach einer durchzechten Nacht im Pub trifft er unerwartet auf zwei ehemalige Bandkollegen und die Vergangenheit scheint ihn wieder einzuholen... Roddy Doyle ist erneut ein kultiges Meisterwerk geglückt. Ausgezeichnet mit dem Irish Book Award als bester Roman 2013 ist 'Punk is Dad' eine bewegende Tragikomödie über Familie, Freundschaften und das Älterwerden der Generation, die in den 1980er Jahren jung war. Inklusive seitenweise original irischer Dialoge, wie nur Doyle sie schreiben kann!

Roddy Doyle (*1958 in Dublin) schrieb mit 'Die Commitments' (1987) einen Kultroman. Dem Antihelden Jimmy Rabbitte widmet sich Doyle auch in den nachfolgenden Büchern 'The Snapper' sowie 'Fish & Chips'. Neben sechs weiteren Romanen schrieb Doyle Kurzgeschichten und gewann für 'Paddy Clarke Ha Ha Ha' 1993 den Booker Prize. Doyle lebt in Dublin.
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– Kennst du dich mit Facebook aus?

– Wie auskennen?

Sie saßen im Pub, in ihrer Ecke. Es war nichts Besonderes mehr, mit seinem Vater ein Bier trinken zu gehen. Am frühen Abend, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Er rief an, oder sein Vater rief an. Sporadisch. Angefangen hatte es an dem Tag, als sein Vater sein erstes Handy bekam. Jimmy war der Erste, den er anrief.

– Wie geht’s?

– Dad?

– Ja, ich.

– Und selbst?

– Nicht schlecht. Hab mir so’n Handy zugelegt.

– Super.

– Benutz ich gerade.

– Glückwunsch.

– Gehen wir ein Bier trinken? Zur Feier des Tages?

– Okay. Gut. Ja.

Jimmys Vater hatte noch gearbeitet, als er das Telefon bekam. Aber jetzt war er schon eine Weile in Rente.

– Es gibt sowieso keine Arbeit mehr, verkündete er am zweiten Weihnachtstag, als Jimmy die Kinder zum Haus seiner Eltern schleppte, um die Geschenke abzuholen und Oma einen Kuss zu geben. – Da kann ich ebenso gut aufhören und es Rente nennen.

Jimmys Job war sicher – dachte er jedenfalls.

– Na ja, sagte sein Vater jetzt im Pub. – Facebook. Kennst du doch, oder?

– Klar, ja, sagte Jimmy.

– Was hältst du davon?

– Weiß nicht.

– Du weißt es nicht?

– Nein, sagte Jimmy. – Kein Ahnung.

– Aber du hast doch Kinder.

– Allerdings, sagte Jimmy. – Vier Stück.

– Vier? Echt?, sagte sein Vater. – Ich dachte drei.

– Nein, sagte Jimmy. – Es sind schon eine ganze Weile vier. So zehn Jahre.

Das war es, was Jimmy mochte. Deshalb rief er seinen Vater alle paar Wochen an. Sein Vater blödelte rum, tat, als wüsste er nicht, wie viele Enkelkinder er hatte. So war er schon immer gewesen. Eine Nervensäge manchmal, aber heute genau das, was Jimmy brauchte.

– Darren hat drei, richtig?, sagte sein Vater.

Er hieß auch Jimmy.

– Nein, sagte Jimmy, der Sohn. – Darren hat zwei. Soweit ich weiß.

Darren war einer von Jimmys Brüdern.

Ah, kannste mal sehen, sagte Jimmy senior. – Ich wusste doch, da war was.

Er stellte sein Bier ab.

– Sie ist schwanger.

Scheiße, dachte Jimmy. Scheiße, Scheiße, Scheiße.

– So?, sagte er. – Ist ja toll.

– Ja, sagte Jimmy senior. – Darren hat heute Morgen deine Mutter angerufen, um es ihr zu sagen. Sie ist im dritten Monat.

– Ma?

– Idiot. Melanie.

Melanie war Darrens Frau – obwohl sie nie geheiratet hatten. Seine Lebensgefährtin. Die beiden versuchten schon seit Jahren, noch ein Kind zu kriegen. Es hatte so viele Fehlgeburten gegeben, dass es zwischen Jimmy und seinem Vater ungeschriebenes Gesetz war, keine Witze mehr über Melanies Fehlgeburten zu machen. Ihre anderen beiden Kinder ...

– Die zwei, die durchgehalten haben.

Ein- oder zweimal hatten sie die Regel gebrochen.

Die anderen beiden Kinder waren zwölf und zehn.

– Dann stehen die Chancen gut, sagte Jimmy jetzt.

– Ja, sagte sein Vater. – Drück die Daumen.

Er schnupperte an seinem Bier.

– Ich glaube, noch eine Fehlgeburt verkrafte ich nicht, sagte er.

Er trank.

– Jedenfalls, sagte er. – Facebook.

– Ja.

– Was ist das? Genau?

– So genau weiß ich das auch nicht, sagte Jimmy.

Sein Vater hatte zu Hause einen Laptop. Er wusste, wie man googelt. Er hatte schon Flüge online gebucht. Hatte auf Pferde gewettet, obwohl er lieber ins Wettbüro ging. Ein gebrauchtes Buch online gekauft, über Dublin im Unabhängigkeitskrieg. Fast hätte er sogar mal ein Apartment in der Türkei gekauft, aber nur aus Versehen. Er dachte, er würde auf eine virtuelle Tour durch die Räume klicken. Als der Laptop seine Kreditkartennummer verlangte, brach er den Vorgang rasch ab. Jedenfalls kannte sein Vater sich mit dem Internet aus. Deshalb verstand Jimmy nicht, warum er sich doof stellte.

– Warum willst du das wissen?, fragte er.

– O Mann, sagte sein Vater. – Man fragt besser gar nicht.

– Was ist denn los?

– Kaum stellt man eine Frage, fragt irgendein Depp, warum willst du das wissen.

– Du fragst die falschen Deppen, sagte Jimmy.

– Das wird’s wohl sein.

– Was für Fragen denn?

– Hm?

– Was für Fragen fragst du?

– Also, sagte sein Vater. – Im Baumarkt hab ich einen Kerl gefragt, wo sie das Klebeband haben. Zugegeben, er hat nicht gefragt, warum ich das wissen will. Er hat gefragt, was wollen Sie denn damit? Ich hab gesagt, ich will es verdammt nochmal kaufen.

– Er wollte nur behilflich sein.

– Darum geht’s nicht. Früher hätte er einfach gesagt, da drüben oder keine Ahnung. Er hätte mich nicht gefragt, was ich damit will. Das ist das Problem. Irgendwie ist er ein Experte für Klebeband geworden. Die Läden sind voll von Experten. Das ganze Land ist voll von Experten. Und keiner hat Ahnung.

– Facebook.

– Ja.

– Das ist ein soziales Netzwerk.

– Und was ist das?

– Komisch, jedes Mal, wenn ich was sage, kommt irgendein Depp mit ’ner Frage an.

– Touché, sagte Jimmy senior.

– Hör zu, sagte Jimmy. – Dein Telefon da. Dein Handy.

– Ja.

– Deine Kontakte. Deine Freunde und ihre Nummern. Deine Kinder. Alle Nummern, die du willst. So ungefähr ist Facebook, nur mit Bildern.

– Dann ist es nur eine Liste mit Telefonnummern und E-Mail-Adressen?

– Nein, sagte Jimmy. – Es ist mehr. Aber das ist der Anfang. Die Basis, schätze ich. Freunde. Wenn du ein Bier trinken gehst, rufst du dann die Jungs an, um zu fragen, ob sie mitkommen?

– Nicht nötig, sagte Jimmy senior. – Ich kenn die Antwort.

– Spiel nur mal kurz mit, Dad, sagte Jimmy. – Ich versuch, dir was beizubringen.

– Red weiter.

– Du gehst also ein Bier trinken. Und du willst wissen, ob dein Kumpel Bertie mitkommt. Rufst du ihn an?

– Nein, sagte Jimmy senior. – Nicht mehr.

– Du schreibst ihm eine SMS, ja?

– Ja.

– Und er schreibt zurück.

– Er hört gar nicht wieder auf.

Sein Handy vibrierte und krabbelte einen halben Zentimeter über den Tisch.

– Das ist er.

Er nahm das Telefon und starrte es an. Er holte seine Lesebrille aus seiner Hemdtasche, setzte sie auf und starrte es erneut an.

– Deine Mutter, sagte er. – Wir haben keine Milch mehr.

– Er legte das Telefon wieder hin und nahm die Brille ab.

– Früher konnte sie selbst einkaufen gehen, sagte er. – Sie war sogar sehr gut darin.

– Er simst zurück, sagte Jimmy. – Okay, zum Beispiel. So weit klar? Und du simst ihm. Schön.

– Genau, sagte Jimmy senior. – Klingt wie ein Tag aus meinem Leben.

– Na ja, das ist soziales Netzwerken, sagte Jimmy. – Mehr oder weniger. Es ist wie ein Club, aber man hat seinen eigenen Raum für Leute, die man treffen will. Nur dass es keinen Raum gibt und man auch niemanden trifft. Oder nur wenn man will.

– Ein Club.

– So muss man es sehen.

– Okay.

– Warum?

– Warum was?

Jimmy beobachtete, wie sein Vater zur Bar hinübersah, blinzelte, wartete und mit ausgestrecktem Finger die Hand hob.

– Hat er mich gesehen?

– Glaub schon.

Jimmy senior wollte noch ein Bier.

– Warum interessierst du dich für Facebook?

– Weil Bernie da was gesagt hat, sagte Jimmy senior. – Weil er da was gehört hat.

– Wenn’s mit Bernie zu tun hat, ist es illegal.

– Nein, sagte Jimmy senior. – Nicht illegal. Aber unmoralisch.

– Jetzt erzähl schon.

– Ja, ja. Ich bin ja dabei. Ist mein Bier in Arbeit?

Jimmy tat, als würde er zur Bar und zum Barmann, den er nicht kannte, rübersehen.

– Ist es, beruhigte er seinen Vater.

– Okay.

– Wirst du blind?

– Nein. Aber ... nein. Es ist so wie mit allem.

Jimmy wusste, was sein Vater meinte, und es wäre ein guter Moment gewesen für seine Neuigkeiten. Doch er konnte nicht. Er war noch nicht so weit.

– Bertie, sagte er.

– Bertie, sagte sein Vater. – Er hat mir erzählt, dass sein Jüngster, Gary heißt er, glaub ich. Ungefähr im selben Alter wie dein Marvin.

– Siebzehn.

– Ungefähr so, ja. Oder ein, zwei Jahre älter. Ein ziemlicher Idiot, nach allem, was man hört. Jedenfalls hat er Bertie erzählt, und Bertie hat es mir erzählt, dass er – also Gary – auf Facebook mit älteren Frauen anbandelt.

– Hab ich auch gehört.

– Ach, ja?

– Hab ich, ja.

– Was...


Roddy Doyle (*1958 in Dublin) schrieb mit "Die Commitments" (1987) einen Kultroman. Dem Antihelden Jimmy Rabbitte widmet sich Doyle auch in den nachfolgenden Büchern "The Snapper" sowie "Fish & Chips". Neben sechs weiteren Romanen schrieb Doyle Kurzgeschichten und gewann für "Paddy Clarke Ha Ha Ha" 1993 den Booker Prize. Doyle lebt in Dublin.



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