Doyle | Seine Abschiedsvorstellung | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 276 Seiten, eBook

Doyle Seine Abschiedsvorstellung


1. Auflage, neue Ausgabe 2012
ISBN: 978-3-0369-9128-3
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 276 Seiten, eBook

ISBN: 978-3-0369-9128-3
Verlag: Kein & Aber
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Holmes ließ den Lichtschein über das Fenstersims gleiten. Es war dicht besetzt vom Ruß der vorbeifahrenden Lokomotiven, aber an einigen Stellen war der schwarze Überzug verwischt und abgescheuert. ›Da sieht man, wo sie die Leiche abgesetzt haben. Aber, holla, Watson, was haben wir denn da? Das ist zweifellos ein Blutfleck.‹ Er deutete auf einige schwache Farbmale entlang dem Fensterrahmen. ›Und dort auf der Treppenstufe ist noch einer. Die Demonstration ist damit abgeschlossen.‹«

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WISTERIA LODGE

1. Das eigenartige Erlebnis des Mr. John Scott Eccles

In meinem Notizbuch finde ich vermerkt, daß es ein trüber und windiger Tag gegen Ende März des Jahres 1892 war. Während wir beim Mittagessen saßen, hatte Holmes ein Telegramm erhalten und rasch eine Antwort hingekritzelt. Er äußerte sich nicht dazu, aber die Angelegenheit schien ihn weiter zu beschäftigen, denn etwas später stand er mit nachdenklicher Miene vor dem Feuer, rauchte seine Pfeife und warf hin und wieder einen Blick auf die Nachricht. Plötzlich wandte er sich mit einem schalkhaften Funkeln in den Augen mir zu.

»Ich würde doch sagen, Watson, daß man Sie als einen Mann von Bildung zu betrachten hat«, sagte er. »Wie würden Sie denn das Wort ›grotesk‹ definieren?«

»Seltsam – merkwürdig«, schlug ich vor.

Er schüttelte den Kopf ob meiner Definition.

»Es steckt mit Sicherheit noch mehr darin«, entgegnete er; »ein Unterton von Tragik und Schrecken schwingt da mit. Wenn Sie Ihre Gedanken zu einigen jener Erzählungen zurückschweifen lassen, mit denen Sie Ihre langmütige Leserschaft traktiert haben, wird Ihnen auffallen, wie oft das Groteske ins Verbrecherische umgeschlagen ist. Denken Sie nur etwa an jene Episode mit den Rotschöpfen. A2 Die hätte am Anfang kaum grotesker sein können, und doch lief sie zum Schluß auf den tollkühnen Versuch eines Bankraubs hinaus. Oder auch jene äußerst grotesk anmutende Angelegenheit mit den fünf Orangenkernen, welche in direkter Verbindung mit einem Mordkomplott stand. Mich macht dieses Wort hellhörig.«

»Steht es da drin?« fragte ich.

Er las mir das Telegramm vor.

Hatte soeben äußerst unglaubliches und groteskes Erlebnis. Darf ich Sie konsultieren?

SCOTT ECCLES 

 Postamt Charing Cross 

»Mann oder Frau?« fragte ich.

»Ah, ein Mann natürlich. Eine Frau würde nie ein Telegramm mit bezahlter Rückantwort senden. Sie würde einfach herkommen.«

»Werden Sie ihn empfangen?«

»Mein guter Watson, Sie wissen doch, wie sehr ich mich langweile, seit wir Colonel Carruthers hinter Schloß und Riegel gebracht haben. Mein Geist ist wie eine Maschine, die leerläuft und sich selbst in Stücke reißt, weil sie nicht mit dem Räderwerk gekoppelt ist, für das sie konstruiert wurde. Das Leben ist banal; die Zeitungen sind geistlos; Wagemut und Romantik scheinen auf immer aus der Welt des Verbrechens entschwunden zu sein. Wie können Sie mich da noch fragen, ob ich gewillt bin, ein neues Problem in Augenschein zu nehmen, wie trivial auch immer es am Ende sein mag. Aber da ist, wenn mich nicht alles täuscht, ja unser Klient.«

Man hörte einen gemessenen Schritt im Treppenhaus, und einen Augenblick später wurde eine große, stattliche, auf imposante Weise respektabel wirkende Gestalt mit grauem Backenbart ins Zimmer geführt. In seiner gravitätischen Miene und seinem würdevollen Auftreten stand die Geschichte seines Lebens geschrieben. Von den Gamaschen bis zu der goldgeränderten Brille war er ein Konservativer, Kirchgänger und rechtschaffener Bürger, orthodox und traditionsverhaftet bis zum Äußersten. Aber irgendein bestürzendes Erlebnis hatte die ihm eigene Gemütsruhe gestört und in seinem wirr abstehenden Haar, auf den zorngeröteten Wangen und in seinem aufgescheuchten, erregten Gebaren Spuren hinterlassen. Er sprudelte sogleich sein Anliegen hervor.

»Mr. Holmes, ich habe ein äußerst eigenartiges und unerfreuliches Erlebnis hinter mir«, sagte er. »Nie in meinem ganzen Leben bin ich in eine solche Situation gebracht worden – eine äußerst unschickliche, äußerst empörende Situation. Ich muß auf einer Erklärung bestehen.« Er schnaubte und prustete vor Wut.

»Nehmen Sie doch bitte Platz, Mr. Scott Eccles«, sagte Holmes in beschwichtigendem Ton. »Darf ich zuerst einmal fragen, was Sie überhaupt zu mir führt?«

»Nun, Sir, die Sache schien mir nicht gerade ein Fall für die Polizei zu sein, und doch werden Sie, sobald Sie die Einzelheiten vernommen haben, zugeben müssen, daß ich sie nicht einfach auf sich beruhen lassen konnte. Privatdetektive sind zwar eine Sorte Menschen, der ich nicht die geringste Sympathie entgegenbringe, aber da ich Ihren Namen früher einmal …«

»Schon gut. Und dann, zum zweiten, möchte ich wissen, weshalb Sie nicht sofort gekommen sind.«

»Wie meinen Sie das?«

Holmes blickte auf seine Uhr.

»Es ist jetzt Viertel nach zwei«, sagte er. »Ihr Telegramm ist ungefähr um ein Uhr aufgegeben worden. Aber ein Blick auf Ihren Aufzug genügt, um zu sehen, daß Ihre Verstörung vom Zeitpunkt Ihres Erwachens herrührt.«

Unser Klient fuhr sich mit der Hand über das ungekämmte Haar und betastete sein unrasiertes Kinn.

»Sie haben recht, Mr. Holmes. Ich habe keinen Gedanken an meine Toilette gewendet. Ich wollte nur so schnell wie möglich hinaus aus einem solchen Haus. Aber dann bin ich herumgerannt und habe Erkundigungen eingezogen, bevor ich zu Ihnen gekommen bin. Ich war beim Häusermakler, wissen Sie, und dort hat man mir gesagt, daß Mr. Garcias Miete ordnungsgemäß bezahlt sei und daß alles seine Richtigkeit habe mit Wisteria Lodge

»Nur gemach, Sir«, sagte Holmes lachend. »Sie sind wie mein Freund Dr. Watson, der die schlechte Angewohnheit hat, seine Geschichten am verkehrten Ende anzufangen. Bitte ordnen Sie Ihre Gedanken und teilen Sie mir dann schön der Reihe nach mit, welcher Art genau die Ereignisse waren, welche Sie dazu veranlaßt haben, sich zerzaust und ungekämmt, die Galastiefel und die Weste schief geknöpft, auf die Suche nach Rat und Beistand zu begeben.«

Unser Klient blickte mit zerknirschter Miene an seinem unkonventionellen Äußeren hinab.

»Ich muß einen äußerst unvorteilhaften Eindruck machen, Mr. Holmes, und ich wüßte nicht, daß mir zeit meines Lebens dergleichen schon passiert wäre. Aber ich will Ihnen die ganze sonderbare Geschichte erzählen, und danach werden Sie bestimmt zugeben, daß ich reichlich entschuldigt bin.«

Indes, seine Erzählung wurde noch im Keim erstickt. Draußen rührte sich etwas, und dann öffnete Mrs. Hudson die Tür, um zwei stämmige, beamtenhaft aussehende Individuen einzulassen, in deren einem wir Inspektor Gregson erkannten, den mutigen, tatkräftigen und – in seinen Grenzen – auch tüchtigen Polizeibeamten von Scotland Yard. Er schüttelte Holmes die Hand und stellte seinen Begleiter als Inspektor Baynes von der Constabulary A3 der Grafschaft Surrey vor.

»Wir sind gemeinsam auf der Jagd, Mr. Holmes, und unsere Fährte führt in diese Richtung.« Er richtete seinen Bulldoggenblick auf unseren Besucher. »Sind Sie Mr. John Scott Eccles vom Popham House in Lee?«

»Der bin ich.«

»Wir sind schon den ganzen Vormittag hinter Ihnen her.«

»Zweifellos haben Sie ihn aufgrund des Telegramms aufgespürt«, sagte Holmes.

»Ganz recht, Mr. Holmes. Wir haben im Postamt Charing Cross seine Witterung aufgenommen und sind dann hierhergekommen.«

»Aber weshalb sind Sie hinter mir her? Was wollen Sie von mir?«

»Wir wünschen eine Aussage von Ihnen, Mr. Scott Eccles, die Ereignisse betreffend, die gestern nacht zum Tode von Mr. Aloysius Garcia, wohnhaft auf Wisteria Lodge bei Esher, geführt haben.«

Unser Besucher hatte sich mit starrem Blick in seinem Stuhl aufgerichtet, und aus seinem fassungslosen Gesicht war jede Spur von Farbe gewichen.

»Tot? Haben Sie gesagt, er sei tot?«

»Ja, Sir, er ist tot.«

»Aber wie? Ein Unfall?«

»Mord – so sicher wie nur je etwas auf Erden.«

»Allmächtiger Gott! Das ist ja furchtbar! Aber Sie wollen doch nicht – Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie mich verdächtigen?«

»In einer Tasche des Toten hat man einen Brief von Ihnen gefunden, dem wir entnehmen, daß Sie vorhatten, gestern in seinem Haus zu übernachten.«

»Das habe ich auch getan.«

»Ach, haben Sie das, tatsächlich?«

Und schon wurde das amtliche Notizbuch gezückt.

»Warten Sie, Gregson«, sagte Sherlock Holmes. »Alles, was Sie wollen, ist doch eine schlichte Aussage, nicht wahr?«

»Und es ist meine Pflicht, Mr. Scott Eccles darauf aufmerksam zu machen, daß sie gegen ihn verwendet werden kann.«

»Mr. Eccles...


Giger, Leslie
Sir Arthur Conan Doyle wurde 1859 in Edinburgh geboren. Er studierte Medizin und praktizierte von 1882 bis 1890 in Southsea. Reisen führten ihn in die Polargebiete und nach Westafrika. 1887 schuf er Sherlock Holmes, der bald seinen "Geist von besseren Dingen" abhielt. 1902 wurde er zu Sir Arthur Conan Doyle geadelt. In seinen letzten Lebensjahren - seit dem Tod seines Sohnes 1921 - war er Spiritist. Sir Arthur Conan Doyle starb 1930 in Crowborough/Sussex.

Doyle, Sir Arthur Conan
Sir Arthur Conan Doyle wurde 1859 in Edinburgh geboren. Er studierte Medizin und praktizierte von 1882 bis 1890 in Southsea. Reisen führten ihn in die Polargebiete und nach Westafrika. 1887 schuf er Sherlock Holmes, der bald seinen "Geist von besseren Dingen" abhielt. 1902 wurde er zu Sir Arthur Conan Doyle geadelt. In seinen letzten Lebensjahren - seit dem Tod seines Sohnes 1921 - war er Spiritist. Sir Arthur Conan Doyle starb 1930 in Crowborough/Sussex.

Sir Arthur Conan Doyle wurde 1859 in Edinburgh geboren. Er studierte Medizin und praktizierte von 1882 bis 1890 in Southsea. Reisen führten ihn in die Polargebiete und nach Westafrika. 1887 schuf er Sherlock Holmes, der bald seinen "Geist von besseren Dingen" abhielt. 1902 wurde er zu Sir Arthur Conan Doyle geadelt. In seinen letzten Lebensjahren - seit dem Tod seines Sohnes 1921 - war er Spiritist. Sir Arthur Conan Doyle starb 1930 in Crowborough/Sussex.



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