Doyle | Sherlock Holmes - Das Zeichen der Vier | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Sherlock Holmes

Doyle Sherlock Holmes - Das Zeichen der Vier

Roman. Neu übersetzt von Henning Ahrens
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-403614-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. Neu übersetzt von Henning Ahrens

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: Sherlock Holmes

ISBN: 978-3-10-403614-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Sie sind eine Frau, der Unrecht getan wurde, aber Ihnen soll Gerechtigkeit widerfahren. Bringen Sie keine Polizei mit, sonst wäre alles umsonst. Ihr unbekannter Freund.« Eine schöne Frau erhält diese mysteriöse Einladung und wendet sich in ihrer Not an Sherlock Holmes, der sie verdeckt zum Rendezvous begleitet - und einbeinige Ganoven, verborgene Schätze und Giftpfeile entdeckt. - Der zweite Fall von Sherlock Holmes und Dr. Watson. Andere Detektive haben Fälle, Sherlock Holmes erlebt Abenteuer - entdecken Sie sie neu in der großartigen Übersetzung von Henning Ahrens.

Arthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.
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EINS Die Wissenschaft der Deduktion


Sherlock Holmes griff nach der auf dem Kaminsims stehenden Flasche, holte die Injektionsspritze aus dem Lederfutteral und befestigte die Nadel mit langen, bleichen und sensiblen Fingern auf der Düse. Dann krempelte er die linke Manschette hoch. Sein Blick haftete lange auf Handgelenk und sehnigem Unterarm, beide von vielen Einstichen übersät. Schließlich führte er die Nadel ein, drückte den Kolben nach unten und sank mit einem zufriedenen Seufzer auf den samtbetressten Lehnsessel.

Obwohl ich während der letzten Monate dreimal täglich Zeuge dieser Prozedur geworden war, hatte ich mich nicht daran gewöhnen können, im Gegenteil. Meine Irritation wuchs mit jedem Tag, und nachts quälte mich die Frage, warum ich nicht den Mut hatte, Holmes von diesen Injektionen abzuhalten. Ich hatte mir wiederholt geschworen, aus meinem Herzen keine Mördergrube zu machen, ein Ansinnen, das schon im Vorfeld an der kühlen, sorglosen Art meines Mitbewohners scheiterte. Außerdem trugen sein starkes Ego und die vielen Begabungen und außergewöhnlichen Fähigkeiten, deren Zeuge ich geworden war, dazu bei, dass ich ihm nicht auf die Zehen treten mochte.

Doch an diesem Nachmittag – sei es, weil ich zum Mittagessen einen roten Burgunder getrunken hatte, sei es, weil mich seine penible, ja pedantische Vorgehensweise auf die Palme brachte – konnte ich mich nicht mehr beherrschen.

»Was ist es heute?«, fragte ich. »Morphium oder Kokain?«

Er blickte von dem alten, in Fraktur gedruckten Buch auf, das er zur Hand genommen hatte, und sah mich benommen an.

»Kokain«, antwortete er. »Siebenprozentige Lösung. Möchten Sie auch mal probieren?«

»Nein, auf keinen Fall«, erwiderte ich brüsk. »Ich habe mich immer noch nicht ganz von dem Afghanistan-Feldzug erholt und kann es mir nicht leisten, meinen Körper zusätzlichen Belastungen auszusetzen.«

Meine heftige Reaktion entlockte ihm ein Lächeln. »Sie haben sicher recht, Watson«, sagte er. »Vermutlich schadet es der Gesundheit. In geistiger Hinsicht empfinde ich es allerdings als so anregend und erhellend, dass mir die Nebenwirkungen egal sind.«

»Das kann nicht Ihr Ernst sein!«, beschwor ich ihn. »Bedenken Sie die Folgen! Gut möglich, dass Ihre Gehirnaktivität intensiviert wird, aber es handelt sich um einen krankhaften Prozess, der das Gewebe stark verändert und für anhaltende Schwäche sorgt. Sie wissen doch, wie zerschlagen Sie danach sind. Das Spiel ist den Einsatz nicht wert. Wollen Sie für ein flüchtiges Vergnügen tatsächlich den Verlust Ihrer einzigartigen Fähigkeiten riskieren? Denken Sie daran, dass ich nicht nur als Freund, sondern auch als Arzt zu Ihnen spreche, der eine Mitverantwortung für Ihre Gesundheit trägt.«

Er wirkte nicht beleidigt. Stattdessen stützte er die Ellbogen auf die Sessellehnen und legte die Fingerspitzen aneinander, als hätte er Spaß an diesem Gespräch.

»Mein Geist«, sagte er, »rebelliert gegen Stagnation. Setzen Sie mir ein Problem vor, verschaffen Sie mir Arbeit, konfrontieren Sie mich mit einer abstrusen Geheimschrift oder mit einer hochkomplexen Analyse, und ich bin wieder in meinem Element. Dann kann ich auf künstliche Anreger verzichten. Aber ich verabscheue die öde Routine des Lebens. Ich sehne mich nach geistigen Höhenflügen. Deshalb habe ich mich für meinen Beruf entschieden, ihn besser gesagt erfunden, denn ich bin weltweit ein Einzelfall.«

»Der einzige inoffizielle Detektiv?«, fragte ich und zog die Augenbrauen hoch.

»Der einzige inoffizielle beratende Detektiv«, antwortete er. »Ich bin die höchste und letzte Ermittlungsinstanz. Wenn Gregson, Lestrade oder Athelney Jones mit ihrem Latein am Ende sind – übrigens ihr Normalzustand –, unterbreiten sie mir den Fall. Ich beuge mich als Experte über die Fakten und fälle ein fachmännisches Urteil. Ich verlange keine Anerkennung. Mein Name taucht in den Zeitungen nicht auf. Meine größte Belohnung ist die Arbeit selbst, denn sie ermöglicht mir die Anwendung meiner speziellen Fertigkeiten. Einige meiner Methoden haben Sie ja im Zuge der Ermittlungen gegen Jefferson Hope kennengelernt.«

»Stimmt«, erwiderte ich. »Ich bin nach wie vor tief beeindruckt und habe den Fall sogar in einem Buch mit dem ausgefallenen Titel ›Eine Studie in Scharlachrot‹ geschildert.«

Er schüttelte betrübt den Kopf.

»Ja, ich habe hineingeschaut«, sagte er, »kann Sie aber nicht dazu beglückwünschen. Die detektivische Arbeit ist eine exakte Wissenschaft, sollte dies jedenfalls sein und deshalb möglichst nüchtern und sachlich behandelt werden. Sie haben versucht, ein romantisches Element einzuflechten, was in etwa so ist, als würde man den fünften euklidischen Lehrsatz durch eine Liebesgeschichte verwässern.«

»Die Liebesgeschichte ist keine Erfindung«, versetzte ich. »Sie entspricht den Tatsachen.«

»Manche Tatsachen sollte man ausblenden oder wenigstens ihrer Bedeutung gemäß gewichten. Der einzige nennenswerte Aspekt des Falles besteht in meiner Ermittlungstechnik, die von den Wirkungen auf die Ursachen schließt.«

Ich ärgerte mich über seine Kritik, denn ich hatte das Buch nicht zuletzt geschrieben, um ihm eine Freude zu bereiten. Außerdem nervte mich seine Selbstverliebtheit, die zu verlangen schien, dass sich jede Zeile um seine analytischen Glanzleistungen drehte. Während unserer gemeinsamen Zeit in der Baker Street hatte ich oft bemerkt, dass sich hinter der stillen, selbstsicheren Art meines Mitbewohners eine gehörige Portion Eitelkeit verbarg. Doch ich erwiderte nichts, sondern rieb mein Bein, das vor Jahren durch die Kugel einer Jezail-Flinte verwundet worden war. Es behinderte mich nicht beim Gehen, schmerzte aber stark, wenn das Wetter umschlug.

»Meine Methode wird seit neuestem auf dem Kontinent angewandt«, sagte Holmes nach einer Weile und entfachte seine alte Bruyère-Pfeife. »Letzte Woche erhielt ich eine Anfrage von François le Villard, seit geraumer Zeit einer der bekanntesten Detektive Frankreichs, wie Sie wissen. Als Kelte verfügt er über eine rasche Auffassungsgabe, hat aber noch große Wissenslücken, die er dringend füllen muss, wenn er seine Kunst auf eine höhere Ebene heben will. Der Fall hatte mit einem Testament zu tun und war in mancher Hinsicht nicht ganz uninteressant. Ich konnte ihn auf zwei vergleichbare Fälle hinweisen, der eine 1857 in Riga, der andere 1871 in St. Louis, die ihn auf die Lösung gebracht haben. Hier ist sein heute Morgen eingetroffener Dankesbrief.«

Er warf mir einen zerknitterten Bogen ausländischen Briefpapiers zu. Als ich den Blick darauf senkte, fielen mir sofort zahlreiche lobende Formulierungen ins Auge, garniert mit Worten wie , und , die von der glühenden Bewunderung des Franzosen zeugten.

»Liest sich wie das Schreiben eines Schülers an seinen Meister«, sagte ich.

»Oh, er überschätzt meine Hilfe«, erwiderte Sherlock Holmes leichthin, »zumal er ein außerordentlich fähiger Mann ist. Er besitzt zwei der drei Eigenschaften, die den idealen Detektiv auszeichnen: Eine herausragende Wahrnehmungsgabe und einen scharfen, analytischen Verstand. Seine Wissenslücken wird er mit der Zeit sicher füllen. Derzeit übersetzt er meine Schriften ins Französische.«

»Ihre Schriften?«

»Ja, wissen Sie das nicht?«, rief er lachend. »Ich habe mehrere Monographien verbrochen, alle zu Themen aus der Praxis. Etwa diese: ›Zur Unterscheidung der Asche diverser Tabake‹. Sie listet hundertvierzig Zigarren-, Zigaretten- und Pfeifentabake auf, dazu gibt es farbige Abbildungen der jeweiligen Asche. Dieses Thema spielt bei Prozessen oft eine Rolle und kann sich als entscheidendes Indiz erweisen. Könnte man zum Beispiel beweisen, dass ein Mord von einem Mann begangen wurde, der indische Lunkah-Zigarren raucht, dann wäre das für die Ermittlungen zielführend. Der Unterschied zwischen schwarzer Tiruchirapalli-Tabakasche und der weißen, flockigen Asche einer englischen Tabakmischung ist für das geübte Auge so groß wie der zwischen einem Kohlkopf und einer Kartoffel.«

»Sie haben einen genialen Blick für Feinheiten«, sagte ich.

»Ich bin mir ihrer Bedeutung bewusst. Hier, dies ist meine Abhandlung über die Erkennung von Fußabdrücken, ergänzt um Hinweise zum Abguss von Spuren mit Alabastergips. Und hier haben Sie ein abseitiges, kleines Werk über den Einfluss der Arbeit auf die Gestalt der Hände, mit Lithographien der Hände von Schieferdeckern, Matrosen, Korkschneidern, Schriftsetzern, Webern und Diamantenschleifern. Ein sehr wichtiges Thema für den wissenschaftlich arbeitenden Detektiv – vor allem, wenn es um die Ermittlung der Angehörigen von Toten oder der Herkunft von Kriminellen geht. Aber ich will Sie nicht mit meinem Hobby langweilen.«

»Das tun Sie nicht«, versicherte ich. »Ich finde es hochinteressant, zumal ich die praktische Anwendung Ihrer Theorien miterlebt habe. Da Sie gerade von Wahrnehmung und Schlussfolgerung gesprochen haben, stellt sich mir jedoch die Frage, ob beides nicht weitgehend miteinander identisch ist.«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte er, lehnte sich genussvoll im Lehnsessel zurück und paffte dichten, blauen Rauch. »Meine Wahrnehmung sagt mir, dass Sie heute Vormittag in der Post in der Wigmore Street waren, meine Schlussfolgerung lautet aber, dass Sie dort ein Telegramm aufgegeben haben.«

»Richtig!«, sagte ich. »Beides stimmt! Aber ich muss gestehen, dass ich nicht begreife, wie Sie darauf gekommen sind. Ich bin einem spontanen Impuls gefolgt und habe niemandem davon erzählt.«

»Das war kinderleicht«, erwiderte er und...


Doyle, Arthur Conan
Arthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.

Ahrens, Henning
Henning Ahrens lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frankfurt am Main. Er veröffentlichte diverse Lyrikbände sowie die Romane 'Lauf Jäger lauf', 'Langsamer Walzer', 'Tiertage' und 'Glantz und Gloria'. Für S. Fischer übersetzte er Romane von Richard Powers, Kevin Powers, Khaled Hosseini. Zuletzt erschien sein Roman 'Mitgift'.

Arthur Conan DoyleArthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.
Henning AhrensHenning Ahrens lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frankfurt am Main. Er veröffentlichte diverse Lyrikbände sowie die Romane 'Lauf Jäger lauf', 'Langsamer Walzer', 'Tiertage' und 'Glantz und Gloria'. Für S. Fischer übersetzte er Romane von Richard Powers, Kevin Powers, Khaled Hosseini. Zuletzt erschien sein Roman 'Mitgift'.

Arthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.
Henning Ahrens, geboren 1964, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Frankfurt am Main. Er veröffentlichte diverse Lyrikbände sowie die Romane »Lauf Jäger lauf«, »Langsamer Walzer«, »Tiertage«, »Glantz und Gloria«, für den er den Bremer Literaturpreis erhielt, und »Mitgift«, der für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für S. FISCHER übersetzte er u. a. Romane von Richard Powers, Khaled Hosseini und Jennifer Egan. Zuletzt erschien sein Roman »Jahre zwischen Hund und Wolf«.



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