E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Doyle Sherlock Holmes - Der Hund von Baskerville
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-10-400024-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-400024-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Arthur Conan Doyle, geboren am 22. Mai 1859 im schottischen Edinburgh, absolvierte dort ein Medizinstudium und unterhielt kurzlebige Praxen in Plymouth und Southsea. Aus Patientenmangel begann er zu schreiben, ab 1887 verfasste er Geschichten um die Detektivfigur Sherlock Holmes, die in den 1890er Jahren enorme Popularität erlangten. Außerdem verfasste er zahlreiche historische Romane und ab 1912 auch Science-Fiction. Doyle engagierte sich politisch und sozial, 1902 wurde er geadelt. Er starb am 7. Juli 1930 in Crowborough/Sussex.
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1
Mr Sherlock Holmes, der, außer in den seltenen Fällen, wo er die ganze Nacht hindurch wach bleiben musste, ein Spätaufsteher war, saß am Frühstückstisch. Ich stand vor dem Kamin und nahm den Stock, den unser Besuch am Abend vorher vergessen hatte, in die Hand. Es war ein schönes, starkes Stück Holz mit zwiebelförmigem Griff, eines jener Dinger, die unter dem Namen »Penangstöcke« bekannt sind. Ein zollbreites silbernes Band saß knapp unter dem Griff. »James Mortimer M. R. C. S. von seinen Freunden im C. C. H. gewidmet« war darauf eingraviert sowie ein Datum: 1884. Es war genau der Stock, den ein altmodischer Hausarzt zu tragen pflegt – würdevoll, unverwüstlich und vertrauenerweckend.
»Nun, Watson, was schließen Sie daraus?«
Holmes saß mit dem Rücken zu mir – ich wunderte mich, dass er wusste, womit ich mich beschäftigte.
»Woher wissen Sie, was ich tue? Mir scheint, Sie haben Augen am Hinterkopf.«
»Jedenfalls habe ich eine gut polierte silberne Kaffeekanne vor mir stehen«, erwiderte er, »aber sagen Sie, Watson, was schließen Sie aus dem Spazierstock unseres Gastes? Da wir ihn unglücklicherweise verfehlt und keine Ahnung von dem Zweck seines Besuches haben, gewinnt dieses zufällige Souvenir an Bedeutung. Lassen Sie mich hören, welche Schlüsse Sie nach dessen Betrachtung auf seinen Besitzer ziehen?«
»Ich meine«, sagte ich, indem ich die Methode meines Freundes so gut ich konnte anwandte, »dass Dr. Mortimer ein erfolgreicher, sehr geschätzter älterer Arzt ist, da ihm Freunde dieses Zeichen ihrer Anerkennung gewidmet haben.«
»Gut«, nickte Holmes, »ausgezeichnet!«
»Es spricht auch viel dafür, dass er ein Landarzt ist, der seine Krankenbesuche zu Fuß macht.«
»Warum das?«
»Weil dieser Stock, obzwar ursprünglich gewiss sehr schön, so abgenutzt ist, dass ich mir ihn kaum im Besitz eines Arztes in der Stadt vorstellen kann. Die starke eiserne Spitze ist beinahe stumpf, was auf ausgedehnte Fußmärsche hinweist.«
»Vollkommen richtig«, lobte Holmes.
»Und dann ›die Freunde im C. C. H.‹. Ich würde meinen, es handle sich um eine ›Hunt‹, die Reitgesellschaft der Grafschaft, die ihm für irgendwann geleistete Hilfe ihre Anerkennung ausgesprochen hat.«
»Wirklich, Watson, Sie übertreffen sich!« Holmes stand auf und zündete sich eine Zigarette an. »Ich muss Ihnen sagen, dass Sie bei allen Gelegenheiten, bei denen Sie meine kleinen Erfolge erwähnen, immer Ihre eigenen Leistungen unterschätzen. Mag sein, dass Sie selber keine Leuchte sind, aber Sie wirken erleuchtend. Es gibt Menschen, die, ohne selbst Genie zu besitzen, die bemerkenswerte Gabe haben, es bei anderen anzufachen. Ich muss zugeben, lieber Freund, dass ich Ihnen sehr viel verdanke.«
Noch nie hatte er so viel gesagt, und ich gestehe, dass mich seine Worte besonders freuten; ich hatte mich oft über seine Gleichgültigkeit gegen meine Bewunderung für ihn und meine Versuche, seine Methoden bekannt zu machen, geärgert. Auch war ich stolz darauf, sein System so weit zu beherrschen, dass ich es nun in einer Weise anwenden konnte, die seinen Beifall fand.
Er nahm mir den Stock aus der Hand und betrachtete ihn einige Augenblicke lang mit bloßem Auge. Dann schien etwas sein Interesse zu erwecken – er legte seine Zigarette weg, trug den Stock zum Fenster und untersuchte ihn nochmals, diesmal mit einem Vergrößerungsglas.
»Interessant, wenn auch einfach«, sagte er und kehrte auf seinen Lieblingsplatz in der Ecke des Kanapees zurück. »Gewiss lässt der Stock das eine oder andere vermuten. Er lässt einige Schlussfolgerungen zu.«
»Habe ich etwas übersehen?«, fragte ich ziemlich eingebildet, »ich hoffe, mir ist nichts entgangen, was von Wichtigkeit wäre?«
»Ich fürchte, mein lieber Watson, die meisten Ihrer Folgerungen waren falsch. Wenn ich sagte, dass Sie mich anregen, meinte ich damit, dass ich, indem ich Ihre Fehler bemerke, zuweilen dadurch auf die richtige Spur gebracht werde. Nicht, dass Sie sich in diesem Falle vollständig geirrt hätten. Der Mann ist bestimmt ein Landarzt, und er geht viel zu Fuß.«
»Dann hatte ich doch recht.«
»So weit gewiss.«
»Das war aber doch alles?«
»Nein, nein, mein lieber Watson, nicht alles. Gewiss nicht alles. Ich würde zum Beispiel meinen, dass eine Widmung an einen Arzt eher von einem Krankenhaus als von einer Jagdgesellschaft stammt und dass, wenn die Buchstaben C. C. vor diesem Krankenhaus stehen, sich die Worte ›Charing Cross‹ ziemlich selbstverständlich daraus ergeben.«
»Damit könnten Sie recht haben.«
»Es spricht vieles dafür. Und wenn wir von dieser Voraussetzung ausgehen, ergibt sich eine neue Basis für die Auslegung der Persönlichkeit unseres unbekannten Besuchers.«
»Nun denn – angenommen, dass die Buchstaben C. C. H. wirklich Charing Cross Hospital bedeuten, was für weitere Schlüsse ziehen wir daraus?«
»Finden Sie nicht, dass sich welche daraus ergeben? Sie kennen meine Methode. Wenden Sie sie an.«
»Ich kann nur zu dem selbstverständlichen Schluss kommen, dass der Mann seine Praxis in der Stadt ausgeübt hat, ehe er auf das Land übergesiedelt ist.«
»Ich glaube, wir können sogar einen Schritt weiter gehen. Betrachten Sie die Sache von folgendem Standpunkt aus: Was wäre wohl die Gelegenheit zu einer solchen Widmung? Wann würden sich seine Freunde zusammentun, um ihm einen solchen Beweis ihrer Gesinnung zu geben? Sicherlich in dem Augenblick, wo Dr. Mortimer den Dienst im Krankenhaus aufgab, um eine eigene Praxis zu gründen. Wir wissen, dass ein Geschenk gemacht worden ist, wir nehmen an, dass es einen Wechsel von einem Krankenhaus in der Stadt zu einer Praxis auf dem Land gegeben hat – ist die Voraussetzung, dass dieser Wechsel die Ursache zu diesem Geschenk war, zu weit hergeholt?«
»Es scheint mir sogar sehr wahrscheinlich.«
»Nun müssen Sie in Betracht ziehen, dass er nicht Mitglied des Ärztepersonals dieses Krankenhauses gewesen sein kann, da nur ein Arzt mit einer gut fundierten Londoner Praxis eine solche Stellung einnehmen könnte und ein solcher Mann sich nicht auf das Land zurückziehen würde. Was also war seine Stellung? Wenn er im Krankenhaus arbeitete und nicht Mitglied des ständigen Ärztepersonals war, kann er nur Hauschirurg oder Hausinternist gewesen sein – wenig mehr als ein älterer Student. Und er hat das Krankenhaus vor fünf Jahren verlassen – das Datum ist auf dem Stock eingraviert –, wodurch aus Ihrem Hausarzt gesetzten Alters ein junger Mensch unter dreißig wird; liebenswürdig, ohne Ehrgeiz, zerstreut, und Besitzer eines Lieblingshundes, der größer als ein Terrier und kleiner als eine Bulldogge sein dürfte.«
Ich lachte ungläubig, während Sherlock Holmes sich zurücklehnte und kleine Rauchringe zur Zimmerdecke hinaufblies. »Was den zweiten Teil Ihrer Beobachtungen betrifft, habe ich keine Möglichkeit, ihn zu prüfen«, sagte ich. »Aber wenigstens ist es nicht schwer, Genaueres über das Alter und die berufliche Karriere dieses Mannes herauszufinden.«
Ich nahm das Ärzteverzeichnis von meinem Bücherregal und schlug nach. Es gab mehrere Mortimers, aber nur einer davon konnte unser Besucher sein. Ich las die Stelle aus dem Buche laut vor:
»Mortimer James M. R. C. S., 1882, Grimpen, Dartmoor, Devon. Hauschirurg 1882–1884 am Charing Cross Hospital, Empfänger des Jackson-Preises für vergleichende Pathologie für eine Abhandlung, betitelt: Korrespondierendes Mitglied der Schwedischen Gesellschaft für Pathologie. Autor von: (Lancet 1882), (Journal of Psychology März 1883), Oberarzt für die Gemeinden Grimpen, Thorsley und Highbarrow.«
»Die Jagdgesellschaft der Grafschaft wird nicht erwähnt, Watson«, sagte Holmes mit einem maliziösen Lächeln. »Aber, wie Sie richtig angenommen haben, er ist Landarzt. Ich glaube, dass meine Annahmen ziemlich stimmen. Was seine Eigenschaften betrifft – ich sagte, wenn ich mich recht erinnere: liebenswürdig, ohne Ehrgeiz und zerstreut. Meiner Erfahrung nach ist es nur ein liebenswürdiger Mensch, der beschenkt wird. Nur ein ehrgeizloser, der seine Praxis in London gegen eine solche auf dem Land eintauscht und nur ein zerstreuter, der seinen Stock und nicht seine Visitenkarte zurücklässt.«
»Und der Hund?«
»Ist daran gewöhnt, diesen Stock seinem Herrn nachzutragen. Da es ein schwerer Stock ist, hält ihn der Hund fest in der Mitte, und die Spuren seiner Zähne sind sehr gut sichtbar. Der Kiefer des Hundes, wie man aus diesen Zahnspuren schließen kann, ist meiner Meinung nach zu breit für einen Terrier und nicht breit genug für eine Bulldogge. Es könnte sein – ja, bei Jupiter! Es ist ein langhaariger Spaniel!«
Er war aufgesprungen und ging im Zimmer auf und ab. Dann blieb er in der Fensternische stehen. Aus seiner Stimme klang eine solche Überzeugung, dass ich überrascht aufsah.
»Lieber Freund, wie können Sie das mit solcher Sicherheit behaupten?«
»Aus dem sehr einfachen Grund, dass ich den Hund soeben vor unserer Haustüre sehe – und sein Besitzer läutet gerade. Rühren Sie sich bitte nicht, Watson, er ist ein Kollege von Ihnen, und Ihre Gegenwart kann von Nutzen für mich sein. Es ist immer ein dramatischer Moment, Watson, wenn Sie auf der Treppe einen Schritt hören, der in Ihr Leben einzutreten im Begriff ist, und Sie wissen nicht, ob es zum Guten oder zum Bösen sein wird. Was kann Dr. James Mortimer, ein Mann der Wissenschaft, von Sherlock Holmes, dem Sachverständigen für Verbrechen, wollen? ... Herein!«
Ich war beim Anblick unseres...




