E-Book, Deutsch, 238 Seiten
Dragt Die Türme des Februar
Neuausgabe 2021
ISBN: 978-3-7725-4612-9
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein (zur Zeit noch) anonymes Tagebuch mit Anmerkungen und Fußnoten
E-Book, Deutsch, 238 Seiten
ISBN: 978-3-7725-4612-9
Verlag: Freies Geistesleben
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tonke Dragt, 1930 in Batavia, dem heutigen Djakarta, geboren, lebt in Den Haag. Sie erhielt zahlreiche Preise für ihre Abenteuer- und Zukunftsromane. So wurde ihr Roman »Turmhoch und meilenweit« mit dem Buxtehuder Bullen ausgezeichnet und 2004 »Der Brief für den König« als bestes Jugendbuch der vergangenen 50 Jahre. Im Verlag Freies Geistesleben sind bereits mehrere ihrer Kinder- und Jugendbücher erschienen.
Weitere Infos & Material
Vorwort Motto Erster Teil: Wer bin ich? (30. Februar bis 23. März, ohne Jahreszahl) Zweiter Teil: Bin ich das gewesen? (1. Februar bis einschließlich 29. Februar 1964) Dritter Teil: Welches Wort? (23. März bis einschließlich 1. April, ohne Jahreszahl) Vierter Teil: Epilog (Tagebuchfragmente: von Mai 1964 bis 29. Februar 1968) Nachwort
Das ist von Neuem ein Anfang meines Tagebuchs1
Ich war draußen. Ich sah mich um, weil ich Margret noch einmal grüßen wollte, und ich entdeckte das T auf dem beschlagenen Fenster – es war immer noch ein T und ich immer noch ein Tim. Dann las ich darunter ein Wort, das von draußen anders aussah als jenes, welches ich drinnen geschrieben hatte. Aus MOIXA ist AXIOM geworden – dieselben Buchstaben, aber ein anderes Wort. Und AXIOM bedeutet allerdings etwas; ich habe es vorige Woche noch in Mathematik gehört: GRUNDSATZ, GRUNDBEHAUPTUNG.
Ich hatte Téja und Jan gesagt, dass ich ihnen heute Mittag mein Tagebuch geben werde, dass ich es in ihrer Gegenwart ins Feuer werfen werde, aber ob ich es vorher bitte noch einmal durchlesen dürfe. Sie waren damit einverstanden und gingen weg.
Im ganzen Haus hängt kein einziger Spiegel mehr. Aber ich habe doch einen gefunden: in einer Schublade in Téjas Zimmer. Ich muss ihn wieder dorthin legen, bevor sie nach Hause kommt.
MOIXA = AXIOM im Spiegel, TIM = MIT im Spiegel. Mein Tagebuch ist im Spiegel unlesbar, genauso unlesbar wie die gestohlenen 24 Seiten. Nur einige große Buchstaben bleiben, wie sie sind.
Mein Gesicht kenne ich im Spiegel – sieht Téja mich vielleicht anders? Und was sagte doch Herr Avla, am Sonntagmorgen vor drei Wochen?2
AXIOM, Grundbehauptung – also das, was wahr ist beziehungsweise was man für wahr hält.
Schon wieder betrogen!
Warum haben sie sonst die Spiegel versteckt.
Jetzt muss ich die zwölf Blätter zurückhaben. Und Herrn Avla (den richtigen) finden. Aber wie? Und wo?
Nun weiß ich es. Wie dumm, dass ich nicht schon früher darauf gekommen bin. Ich kann nicht weiterschreiben. Ich glaube, da kommt jemand –
Zwei Turmwächter und zwei Türme. Nur einer von diesen Türmen kann besichtigt werden. Der andere Turm sieht ja haargenau so aus. Er ist also nicht nur unbewohnt, sondern wird auch von keinem Menschen betreten. Ein ideales Versteck! Dort wird sich Herr Avla aufhalten. Wo sollte er denn sonst sein?
Ich muss also zu den Türmen und dort warten, bis der andere Wächter mit Besuchern im ersten Turm verschwunden ist, und dann schnell in den zweiten Turm hineinhuschen. Wie aber soll ich Herrn Avla finden, selbst wenn er wirklich dort ist? Zwölf Etagen, tausend Zimmer oder noch mehr!
Und ob es mir je gelingt, unbemerkt das Haus hier zu verlassen? Ich habe nicht den Mut, nachts zu gehen – vielleicht würde ich mich verirren und –
Heute Abend fragte Jan Davit, wann ich ihm denn nun endlich dieses Tagebuch geben würde. Ich hatte es gut versteckt und sagte, dass ich es im Kaminfeuer verbrannt hätte. Ich habe jedoch nur mein Heft über Atlantis verbrannt (obwohl mir das sehr Leid tat), so dass noch ein wenig verkohltes Papier in der Asche lag. Ich habe getan, als ob – als ob es mir nun egal sei, wer ich früher einmal war. Ich weiß nicht, ob sie mir glauben. Ich fürchte, sie tun es nicht.
Téja ist die Einzige, die mir helfen kann. Téja, der . Morgen gehe ich zu den Türmen, ich darf nicht länger zögern. Mit Téja, dem Hund. Ich muss das Risiko eingehen und ihm vertrauen. Der Hund hat mich ja mithilfe meiner Socke gefunden; so muss der Hund auch Herrn Avla finden, und zwar mit dessen Schal. Mir fiel auf einmal ein, dass er hier in meinem Schrank liegt.
So weit war ich gerade, als das Mädchen Téja zu mir hereinkam und mich schreiben sah. Ich gab ihr gar nicht erst die Gelegenheit, etwas zu sagen, sondern erklärte, dass ich ihr mein Büchlein geben wolle – allein, damit sie es lesen und aufbewahren solle. Jedenfalls dann, wenn sie mir verspricht, es nicht zu vernichten. Zuerst wollte sie es versprechen und dann wieder nicht; aber ich ließ sie wiederum nicht zu Wort kommen, denn ich hatte selbst so viel zu sagen. Ich war gleichzeitig böse auf sie und hatte sie lieb.
«Warum habt ihr mich betrogen?», fragte ich. «Ihr wisst, was MOIXA bedeutet … Weshalb habt ihr sonst alle Spiegel versteckt?»
Sie machte ein ratloses Gesicht; sie versuchte, etwas zu sagen, und hörte wieder auf. Ich fuhr fort: «Ich möchte, dass Téja mich morgen begleitet. Téja, der . Er hat keine eigennützigen Absichten – das behauptet jedenfalls dein Vater. Der Hund kann mir helfen.»
«Wobei?»
«Herrn Avla zu finden. Den Turmwächter.»
«Still!» Téja schien Angst zu haben; auch ich war ängstlich, denn ich wusste nicht, wie Jan Davit reagieren würde, falls er erwachte. «Schon wieder zu den Türmen?», flüsterte Téja. «Du weißt doch, dass sie gefährlich sind.»
«Und was wollt Mich verfolgen und gefangen nehmen! Das ist noch viel gefährlicher. Herr Avla hatte recht …»
«Herr Avla hat überhaupt keine Ahnung. Falls es ihn gibt», sagte Téja, die nun ebenfalls böse war.
«Jawohl, es gibt ihn», sagte ich. «Ich erinnere mich an ihn, und er hat die vierundzwanzig Seiten aus meinem Buch gerissen. Ich muss sie lesen. Und ich kann sie lesen!»
«Hör doch endlich einmal mit diesem verflixten Buch auf», flüsterte sie wütend. «Du warst doch glücklich hier und du willst doch auch hier bleiben! Tim, bitte, ich hab dich gern, wirklich – und die Türme sind gefährlich für dich, auch Spiegel sind gefährlich für dich; du solltest dich nicht mal mehr in Gedanken damit beschäftigen.»
«Woher weißt du das, Téja? Wieso weißt du so viel von mir? Mehr, als ich selbst verstehe? Kennst du mich vielleicht von früher her?»
«Nein, ach nein, Tim. Ich kenne dich genauso lang wie du mich. Aber ich möchte nicht, dass du unglücklich wirst.»
Wir glaubten, ihren Vater zu hören; ich schickte sie fort und begann wieder zu schreiben. Dabei hatte ich ständig die Tür im Auge; sie lässt sich nicht abschließen.
Ich liebe dich, und wenn du mich ebenfalls liebst, dann hilf mir bitte! Ich oder wer ich . Ich weiß schon so viel, und ich werde keine Ruhe finden, bevor ich oder alles weiß. Es kann sein, dass ich dann unglücklich werde – aber auch jetzt fühle ich mich unglücklich. Es kommt also auf dasselbe heraus.
Morgen werde ich dir im Beisein deines Vaters dieses Büchlein geben, und dann werde ich sagen: «Mach damit, was du willst.» In Wirklichkeit bitte ich dich jedoch um etwas anderes: Lies es und behalte das, was darin steht. Anschließend kannst du es verbrennen, so wie dein Vater es befiehlt; aber hoffe, dass du es für mich aufbewahrst, bis ich von den Türmen zurückkomme.
TIM
(Bis jetzt heiße ich noch so.)
!)3
Ich habe es gelesen und werde es behalten, und hier hast du es zurück.
Téja
(.)
*
Wie lange scheint es her zu sein, seit ich Téja dieses Büchlein gab!4 Sie hat es gelesen und mir dann zurückgegeben, und ich sollte es eigentlich auch durchlesen – Wort für Wort. Aber was nutzt das schon? Ich glaube nicht, dass es mir helfen würde.
Mittags gingen sie und ihr Vater weg; Téja hatte mein Tagebuch bei sich. Ich blieb bei der Katze zu Hause und wartete ab. Und dann stand plötzlich der Hund an der Haustür und bellte: Hier bin ich, komm mit!
Ich ließ ihn herein; dann holte ich ganz aufgeregt Herrn Avlas Schal und hielt ihn dem Hund unter die Nase.
Wir gingen die Straße entlang. Frau Margret stand im Garten und sah uns nach. Wer beobachtete uns wohl sonst noch? Menschen? Andere Hunde?
Dies ist eine merkwürdige Welt. Vielleicht scheint sie mir weniger merkwürdig, wenn ich mein Gedächtnis wiederhabe.
Auf der Suche nach Herrn Avla.5 Zuerst in Richtung Dünen, aber dann auf einmal durch andere Straßen und Wege – kreuz und quer und im Kreis herum, so schien es mir wenigstens. Und dabei hatte ich dauernd das Gefühl, dass irgendwelche Augen mir nachstarrten. Ich hatte den Schal in meiner Tasche, und erst als ich fast sicher war, dass mir niemand mehr nachschaute (das war erst nach einer ganzen Weile), ließ ich Téja wieder daran schnüffeln. Sie tat es gehorsam und war ganz und gar ein Hund.
Irgendwo anders musste nun das Mädchen Téja sein … Ob sie wohl in meinem Büchlein las? Ich wünschte, sie hätte mitgehen können – dann hätten wir zu diesen wichtigen Gang unternehmen können.
Wo warst du nur, Téja?
Endlich landeten wir auf einem Weg, den ich kannte (den Weg mit den Weidenbäumen am Ufer des Sees), und von da ab übernahm die Führung. Ich hatte mir überlegt, dass der Schal erst in der Nähe der Türme eine brauchbare Spur liefern könne. Der Hund blieb zum Glück dicht neben mir; er knurrte einen anderen Hund und sämtliche Leute an, die uns zu nahe kamen. Als ich jedoch die Türme vor uns emporragen sah, war es rings um uns herum still; es war inzwischen schon spät geworden, und es würde mir auf keinen Fall gelingen, vor dem Abendessen zurück zu sein. Ich begann zu laufen, der Hund auch, bis wir in unmittelbarer Nähe waren. Wir gingen nicht zum offenen Eingangstor, sondern machten einen weiten Bogen drum herum – bis zu der Ausbuchtung in den Dünen, wo der Gefährliche Pfad endet oder beginnt. Die Vögel flogen vor...




