Drawe | Die Verführung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Drawe Die Verführung

Liebesgeschichte, Eifersucht, Hass, Mord, Zeitgeschichte
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-96899-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Liebesgeschichte, Eifersucht, Hass, Mord, Zeitgeschichte

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-96899-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine romantische Liebesgeschichte, die harmlos beginnt und tödlich endet. Geschildert wird das Praktikum zweier Lehrerstudenten, die durch ihr unangepasstes Verhalten in ideologische und emotionale Turbulenzen mit der Parteiführung des Lehrerbildungsinstituts geraten. Zudem verliebt sich die Mentorin in Stefan Kopmann, einen der Studenten, um sich an ihrem untreuen Ehemann, einem charmanten Stasioffizier, zu rächen. Auf der Feier am 8. Mai, dem Tag der Befreiung von der Naziherrschaft, explodiert der Konflikt, der einen Mord zur Folge hat und die Moral der Herrschenden entblößt.

Hans Drawe absolvierte das Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Er schrieb mehrere Film- und Fernsehdrehbücher (ZDF, NDR, HR), den Roman "Kopfstand" (Hoffmann & Campe), "Griebnitzsee" und "Die Verführung" bei Tredition. Neben dem Lyrikband "Seelengesichter" verfasste er auch Theaterstücke, die in Berlin, Ingolstadt, Halle und Düsseldorf aufgeführt wurden. Von 1968 bis 1970 arbeitete er als Dramaturg bei der DEFA Kurzfilm. 1970 Flucht über die Mauer. Dann Außenlektor beim ZDF; Rundfunkmoderator beim HR. Von 1978-2005 Hörspielregisseur beim HR. Deutscher Hörbuchpreis; Hörbuch des Jahres 2000; Preis der Bayrischen Theatertage für das Stück "Der Englische Pass"; Bundesfilmförderungspreis für das Drehbuch "Ein Mädchen aus zweiter Hand".
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Nach vielen Jahren träumte ich gestern erneut von den beiden Schüssen und sah Gottfried mit schreckhaft aufgerissenen Augen und aufgedunsenem Gesicht am erleuchteten Schlafzimmerfenster gestikulieren. In blauem Nebel schwebte ein Zinksarg auf den Schultern schwarzgekleideter Männer opernhaft an mir vorüber. Aimée, Aimée, rief ich mit krächzender Stimme. Doch keiner der Männer hörte mich. Auch mein blutiges Hemd bemerkte niemand, das ich mir verzweifelt vom Leib zu reißen versuchte. Schließlich bedrohte ich Gottfried mit einer Wasserpistole und schrie: Du hast sie umgebracht. Dunkelheit. Ein Schuss krachte, und ich erwachte schweißgebadet.

Ein tragischer Unglücksfall, las ich damals im Lokalteil der Volksstimme, ereignete sich vor drei Tagen auf der Insel Heiligenpfort, bei dem die Unterstufenlehrerin Aimée Badinsky getötet wurde. Als ihr Ehemann, Oberleutnant Gottfried Badinsky, seine Dienstwaffe reinigen wollte, löste sich ein Schuss und zerfetzte die Halsschlagader seiner Frau. Jede ärztliche Hilfe kam zu spät. Zwei Lehrerstudenten, die ihr Praktikum bei Frau Badinsky absolvieren, müssen sich nun ohne ihre Mentorin behelfen.

Einer dieser Lehrerstudenten war ich. Vom zweiten Schuss war keine Rede. Auffällig war auch, dass diese Zeitungsnotiz erst drei Tage nach dem Mord an Aimée erschien.

Diese Geschichte hat sich vor einem halben Jahrhundert ereignet und war in all den Jahren allmählich in meinem Bewusstsein versickert. Durch den Traum ist sie nun wieder gegenwärtig. Aimée Badinsky! Der Name klingt wie eine Beschwörung für mich. Ich sehe sie auf ihrem scheppernden, rostigen Fahrrad, einem Strohhut mit blauem Band, das im Wind flatterte und dem Batikrock mit den tellergroßen hellblauen Blumen auf dunkelblauem Stoff. Oder: Aimée mit schwarzem Borsalino, einer engen schwarzen Hose, einen Stumpen rauchend und meine schweißfeuchten Bizeps betastend.

Heute frage ich mich, warum ich diese Geschichte nicht schon früher aufgeschrieben habe. Aus Scham? Oder weil ich nicht glaubte, die damaligen Verhältnisse objektiv beurteilen zu können? Weil sich im Westen niemand für eine Story aus der „Zone“ interessierte? Ich weiß es nicht. Andererseits ist es müßig, den Gründen nachforschen zu wollen. Mitunter schlummern Geschichten jahrelang in uns, erwachen plötzlich und fordern, aufgeschrieben zu werden. „Alles hat seine Zeit“, behauptet Koheleth, und so ist es wohl auch mit dieser Geschichte, die mein Leben veränderte. Ja, sage ich mir, jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt!

*

Hast du Aimée geliebt?

Ich weiß es nicht.

Du weißt es nicht?

Nein. Jedenfalls habe ich sie nicht so geliebt wie Melanie.

Du musst doch aber Gefühle für sie gehabt haben? Natürlich.

Und welche?

Das zu beschreiben ist mir heute nicht mehr möglich. Ich will auch keine abgegriffenen Formulierungen verwenden. Nehmen wir das Geschehene einfach so, wie es sich ereignet hat.

*

Ich erinnere mich an blühende Apfelplantagen, Fichten, Laubbäume, Wiesen, wiederkäuende Kühe und grasende Pferde, als Helbi und ich Mitte April 1960 in einem Bummelzug vom Lehrerbildungsinstitut Kobig zur Insel Heiligenpfort fuhren, die sich in der Nähe der Kleinstadt Fahrenhorst befand, in der wir ein Jahr zuvor mit zwei anderen Kommilitonen unser Praktikum in einer dritten Klasse absolviert hatten. Auf der Insel sollten wir pädagogische Erfahrungen in einer Dorfschule sammeln, in der Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse in einem Raum unterrichtet werden. Helbi und ich waren damals siebzehn Jahre alt. Erst nach der Lehrerprüfung wurden wir Achtzehn und sollten unsere Lehrerstellen in einem Dorf oder einer Stadt zugewiesen bekommen. Helbi schien es egal zu sein, wo man ihn einsetzen würde, mir nicht. Ich wollte unbedingt in eine Stadt, am besten nach Berlin, doch das war aussichtslos. Dennoch war ich stolz, in ein paar Monaten als Lehrer arbeiten zu dürfen und mich selbst ernähren zu können.

*

Bevor ich mit der eigentlichen Geschichte beginne, möchte ich meinen Kommilitonen Helbi vorstellen. Er galt als begabt, charmant, war ein Ass in Mathematik und Physik und mit pädagogischem Geschick gesegnet. Kurz: der geborene Lehrer. Ohne ihn hätte ich die Mathematikprüfung im zweiten Kurs nie bestanden und wäre aller Wahrscheinlichkeit nach vom Institut geflogen.

Helbi war mit zwei älteren Schwestern aufgewachsen und hatte ein offeneres und entspannteres Verhältnis zu Mädchen als ich, einem Einzelkind. Mädchen erschienen mir damals als geheimnisvolle Wesen und schüchterten mich ein. In ihrer Gegenwart lief ich rot an und stotterte. Ein Mädchen musste mich ansprechen, wenn es Interesse an mir hatte.

Mit richtigem Namen hieß Helbi Helmut Binder. Sein Kopf überragte mich um die Hälfte. Er bürstete sein braunes glänzendes Haar oft minutenlang vor dem Spiegel, hatte träumerische braune Augen und ein lustiges Schnurrbärtchen, um das ich ihn beneidete. Bei Filmen ab achtzehn winkten ihn die Kartenabreißrinnen, ohne nach seinem Ausweis zu fragen, durch.

Im Institut begegnete ich ihm nur während des Unterrichts oder im Waschraum, wenn wir für den Tanzabend in der Aula die Sakkos oder Schlipse tauschten, und bei den Mahlzeiten, da er sich meistens in der Wetterstation aufhielt oder mit irgendwelchen Mädchen poussierte. Und natürlich an den Heimfahrtstagen, wenn wir im selben Zug fuhren. Helbi wohnte nur zwanzig Kilometer entfernt in Gögern, ich in Borde. Bei den Rückfahrten stiegen wir oft am S-Bahnhof „Bellevue“ aus, was uns von der Institutsleitung verboten war und Helbis Vater, einem hundertfünfzigprozentigen Parteigenossen, nicht zu Ohren kommen durfte. An der Imbissbude kauften wir uns eine Zigarette (damals möglich) und eine Cola und betrachteten beim Rauchen staunend die grell und reißerisch aufgemachten Illustrierten, die Werbung für Bier und Cola, Theater und Kino. Schon damals schien es uns unvorstellbar, dass diese bunte Welt dem Untergang geweiht sein sollte, wie wir im Philosophieunterricht gelernt hatten. Vor allem, wenn wir anschließend durch die dunklen und schäbigen S– Bahn-Stationen von Ost-Berlin fuhren.

*

Am Bahnhof Fahrenhorst ergatterten wir ein Taxi bis zur Anlegestelle der Fähre. Die Sonne strahlte. Es war für die Jahreszeit ungewöhnlich warm. Wir schwitzten, rissen uns die Pullover vom Leib und knöpften uns das Hemd auf. Unsere Koffer hingen bleischwer an den Händen, da sie diverse pädagogische Wälzer enthielten. Außerdem hatte ich meinen Punchingball zu schleppen, den mir unser Trainer für meine Trainingseinheiten mitgegeben hatte.

Auch der Fährmann wischte sich mit einem ölverschmutzten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, obwohl er nur ein Unterhemd trug. Auf seinem linken Unterarm prangte ein tätowierter Anker und auf dem rechten Oberarm ein roter Stern mit der Jahreszahl 1917. Damals wussten wir noch nicht, dass er ein Schulfreund Gottfrieds und sein Zuträger war. Außer uns befanden sich nur wenige Fahrgäste auf der Fähre – ein Liebespaar, das die Köpfe aneinander gelehnte hatte und verträumt auf den See schaute, und zwei Familien mit Kindern, die herumtobten und uns neugierig beäugten.

„Seid ihr die Lehrerstudenten?“ fragte uns ein Mädchen mit schwarzen Zöpfen, in die rote Schleifen gebunden waren.

„Ja, das sind wir“, sagte Helbi und fügte lächelnd hinzu: „Was dagegen?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf, lief zu seinen Eltern zurück und tuschelte mit ihnen. Beide sahen zu uns herüber und musterten uns.

Am linken Ufer der Insel reihten sich ein paar neuerbaute Datschen der Parteifunktionäre des Kreises aneinander, weiter im Norden duckten sich zwei gut erhaltene Gründerzeitvillen unter knorrige Eichen, und auf der rechten Seite, oberhalb der Fischfabrik, schmiegten sich die Katen der Fischer und Arbeiter an das steinige Ufer des Sees. Hinter dem Sportplatz befand sich die Schule, ein von drei hundertjährigen Kastanien beschattetes zweistöckiges Gebäude aus Backstein.

*

Aimée hatte fünf Jahre vor uns am Institut für Lehrerbildung studiert und als Einzige ihres Jahrgangs mit Eins abgeschlossen. „Da kommt ihr in sehr gute Hände“, hatte uns unser Klassenlehrer Rühmer mit auf den Weg gegeben, der sie in Pädagogik und Psychologie unterrichtet hatte.

Gewundert hatte uns ihr französischer Vor- und polnischer Nachname.

Vereinbart war, dass sie uns von der Fähre abholen sollte. Doch der gepflasterte Platz an der Anlegestelle gähnte verlassen in der Mittagshitze. Lediglich ein lahmer Hund bewegte sich gemächlich mit heraushängender Zunge auf die Datschen der Funktionäre zu.

„Seid ihr die Lehrerstudenten?“, rief der Fährmann, als wir die Fähre verließen.

„Ja“, sagte...



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