Drawe | Kunos Leiden und Freuden in schwierigen Zeiten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 514 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Drawe Kunos Leiden und Freuden in schwierigen Zeiten


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-82270-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 514 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-82270-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Suche nach dem Sinn des Lebens. Bildungsroman. Adoleszenzprobleme. Liebessehnsucht und Liebesenttäuschung. Die Lügen der Erwachsenen, die eine Blaupause für Kunos Leben werden. Die Lügen der geistigen Würdenträger, die den Glauben an die Religion erschüttern. Die Lüge als Überlebensprinzip und die daraus entstehenden Konflikte. Hintergrund der Geschichte über Liebe, Schmerz und Tod, Illusionen und Erfolg, Eifersucht und Treuebruch ist ein Flüchtlingslager in Bayern nach dem zweiten Weltkrieg. In den Baracken, einem ehemaligen Gefangenenlager für deutsche Soldaten, leben die sudetendeutschen Flüchtlinge auf engsten Raum. Fast alle sehnen sich nach einem besseren Leben, das sich aber nur für jene Frauen erfüllt, die einen GI heiraten und anschließend in den USA leben. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des fünfzehnjährigen Kuno, den Inge Malisch, eine hübsche Friseuse, in die er vernarrt ist, als Liebesspion missbraucht, um sich Informationen über das Liebesleben seines Großcousins Benny, einem kleinkriminellen Philosophen und Frauenheld, zu verschaffen. Als Belohnung winkt ihm Streicheln über Inges nackte Brüste. Außerdem spielen seine wesentlich ältere Jugendfreundin, die Medizinstudentin Gesine, und 'Geierkralle' Lena, eine Mitschülerin und Baronin, in Kunos Leben eine entscheidende Rolle. Gesine lockt ihn nach München, missbraucht ihn auf ihre perverse Art und offeriert ihm Bildungsangebote. Lena wiederum liebt Kuno auf naive kindliche Weise. Handicap: Ihr verkrüppelte Hand, die ihr bei den Mitschülern den Spitznamen 'Geierkralle' eingetragen hat. Ein Umgang mit ihr ist problematisch, da er den Spott der Mitschüler zur Folge hätte. Doch gerade als Kuno Lena trotz ihrer verkrüppelten Hand zu lieben beginnt, ändert sich sein Leben in dramatischer Weise.

Hans Drawe absolvierte das Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Er schrieb mehrere Film- und Fernsehdrehbücher (ZDF, NDR, HR), den Roman "Kopfstand" (Hoffmann & Campe), "Griebnitzsee" und "Die Verführung" bei Tredition. Neben dem Lyrikband "Seelengesichter" verfasste er auch Theaterstücke, die in Berlin, Ingolstadt, Halle und Düsseldorf aufgeführt wurden. Von 1968 bis 1970 arbeitete er als Dramaturg bei der DEFA Kurzfilm. 1970 Flucht über die Mauer. Dann Außenlektor beim ZDF; Rundfunkmoderator beim HR. Von 1978-2005 Hörspielregisseur beim HR. Deutscher Hörbuchpreis; Hörbuch des Jahres 2000; Preis der Bayrischen Theatertage für das Stück "Der Englische Pass"; Bundesfilmförderungspreis für das Drehbuch "Ein Mädchen aus zweiter Hand".
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8. Das Angebot

An dieser Stelle muss ich die Ankunft des Kredithais Mack erwähnen, der den Fortgang unseres Lebens entscheidend bestimmte. Damals wusste ich noch nicht, wer er ist, als er mit silberknöpfiger Trachtenjacke und grauem Filzhut mit Gamsbart aus seinem nagelneuen Opel/Rekord stieg und auf das Geschäft meiner Eltern zusteuerte. In dieser Phase spielte er noch keine entscheidende Rolle, bereitete das Unglück jedoch vor wie einst Lheureux in der Bovary.

Indessen schlenderten Inge und ich an der buckligen Paula, dem alten Köster und Walluscheck vorbei, die uns erstaunte Blicke zuwarfen.

„Mein Kreislauf bringt mich noch um“, stöhnte Walluscheck. „Loheim meint, es wäre das Wetter und geht, wie es gekommen ist.“

Köster lachte. „Typisch Quacksalber!“

Dann wandte er sich uns zu. „Na, Kuno? Mit der hübschen Inge unterwegs? Dass mir keine Klagen kommen.“ Er wieherte wie ein alter Gaul und entblößte seine gelben Zähne.

Inge winkte ihm zu. „Immer zu einem Scherz aufgelegt, der Herr Köster.“

„Also, Vater“, rief Paula. „Dafür ist er doch noch viel zu jung.“

Jetzt lachten alle, und ich lief wie immer rot an.

An der Ladentür fragte mich Inge, ob ich ihr die Schuhe auf ihr Zimmer tragen könne. „Wir unterhalten uns noch ein bisschen. Ich hab noch Mittagspause. Hast du Lust?“

Natürlich hatte ich Lust und spürte, wie mir erneut die verhasste Pennälerröte in die Wangen schoss. Gleichzeitig sah ich Inge nackt wie die Frauen auf Bennys Nacktfotos.

„Ich hab auch Luckys“, flüsterte sie, als ob es um eine Verschwörung ging, griff nach meiner schweißigen Hand und zog mich in den kühlen, schummrigen Flur. Ich fühlte mich wie in Trance. Ein lang gehegter Traum schien in Erfüllung zu gehen! Endlich, endlich, dachte ich, war mir aber nicht klar darüber, was endlich bedeuten sollte. Meine Diktat-Vier hatte sich erneut in das Reich des Vergessens geflüchtet.

Inge presste ihren Zeigefinger an den Mund, da ihre Eltern Mittagsschlaf hielten.

Mein Blick fiel auf einen Spiegelschrank aus weißem Schleiflack mit verschiedenfarbigen Bürsten, Cremes und Parfums. Dann auf einen mit rotem Plüsch bezogenen Hocker. Hier sitzt sie also und schminkt sich, dachte ich und spürte, wie mein Herz vor Aufregung pochte.

„Du bist gewachsen, Kuno, stimmt‘s?“ „Kann sein“, sagte ich stolz.

„Setz dich“, forderte sie mich mit verführerischer Süße in der Stimme auf und wies auf einen der Schalensessel.

Meine Aufregung war so groß, dass ich Sodbrennen bekam. Ich wusste nicht, wohin mit den Händen, räusperte mich und starrte auf den Hampelmann über ihrem Bett, während sie die Pumps auspackte. In diesem Augenblick sah sie aus wie ein Kind, das sich über ein Weihnachtsgeschenk freut. Neben dem Hampelmann hingen Fotos der kleinen Inge mit ihren Eltern auf einem Rummelplatz in Königgrätz. Inge biss sich auf die Lippen und hielt einen mit einem Clownsgesicht bemalten Luftballon in der Hand. Ihre schlanke, damals noch hübsche Mutter, strahlte und streckte einen Lutscher in die Luft.

Zu meinem Verdruss tanzte plötzlich wieder die Vier vor meinen Augen. Eine Vier im Diktat, so, so! Hosen runter, hörte ich den Vater schimpfen.

Inge stellte sich vor den Ganzkörperspiegel neben dem Fenster, stolzierte auf und ab, blieb stehen, schob ihre Brüste vor und lächelte mir zu. „Magst du mich ein bisschen, Kuno?“ fragte sie und schob die Träger ihres Kleides auf die Oberarme, so dass der Ansatz ihres Busens sichtbar wurde. „Wir könnten gute Freunde sein, meinst du nicht?“ „Warum nicht?“ sagte ich gespielt gleichgültig, weil ich von Benny wusste, dass das bei Frauen Eindruck macht. Wenn du Ihnen zeigst, dass du in sie verschossen bist, machen sie mit dir, was sie wollen. Wenn sie um dich kämpfen müssen, sieht es anders aus.

„Aber eigentlich willst du es nicht?“ fragte sie mit erstauntem Augenaufschlag.

„Wieso? Doch“, sagte ich und setzte mich gerade auf.

Inges Fenster wies auf die Rückseite der Fleischerei Meierlich, in der wöchentlich einmal Kühe und Schweine geschlachtet wurden. Vor einiger Zeit hatte mein Vater mit Meierlich vereinbart, dass ich Lehrling bei ihm werden sollte, was ich auf keinen Fall wollte. Auch die Mutter nicht. Der Junge ist als Metzger überhaupt nicht geeignet, hatte sie sich empört. Ich bin dagegen. Danach hatte es einen langen Streit zwischen beiden gegeben und keine Entscheidung. Seitdem hing der Metzgerberuf wie ein Damoklesschwert über mir.

Das Problem war, dass mein Vater auch Metzger gelernt hatte und nicht verstand, warum der Beruf für mich zu fein sein sollte.

Ich starrte auf Inges Rücken, ihr Becken und ihre Beine. Ihr Po war ein wenig zu üppig, erregte mich jedoch trotzdem oder gerade deswegen. Ich stellte mir vor, ihn so zu küssen, wie ich es auf Bennys Bildchen gesehen hatte. Eine Vorstellung, die mich noch mehr durcheinanderbrachte.

Als sie sich mir gegenüber in den Sessel fallen ließ und die Beine übereinanderschlug, so dass ich ein Stück ihrer braunen Schenkel sah, wusste ich nicht, wo ich hinschauen sollte und ärgerte mich über mein blödes Verhalten. Ich hatte Inge zwar schon öfter im Schwimmbad im Badeanzug gesehen, aber da rumorten noch keinerlei erotische Gefühle in mir. Nun aber vibrierte mein Körper.

„Weißt du schon, was du mal werden willst, Kuno?“

„Nichts.“

„Nichts? Du bist ja putzig. Nichts gibt‘s nicht.“ „Wieso nicht?“

„Weil du dann kein Geld verdienst. Und mit den Frauen, na ja… wird es auch schwierig werden.“ „Benny macht ja auch nichts und hat genug.“ „Weil ihn seine Eltern und die Frauen aushalten. Und er ein Falschspieler ist.“

„Dann lass ich mich eben auch von Frauen aushalten und werde Falschspieler“, sagte ich und fühlte mich in meiner Großspurigkeit großartig.

Inge lächelte. Sie schien mich durchschaut zu haben. Doch das machte mir nichts aus.

„Stell dir das nicht so einfach vor. Falschspielen will gelernt sein. Außerdem braucht man eiserne Nerven, wenn man nicht erwischt werden will.“ Sie trank einen Schluck Cola und lehnte sich zurück. Dabei rutschte ihr Rock ein wenig höher und brachte mich vollends durcheinander.

„Weißt du, was er jetzt für eine Freundin hat?“ „Nein“, sagte ich pampig, da es wieder nur um Benny ging. Ich verstand nicht, dass ihn alle Frauen liebten, obwohl er ein Falschspieler war und sich von ihnen aushalten ließ.

Inge ging darüber hinweg. „Und wie geht‘s in der Schule, Kuno? Alles gut?“

„Ja, prima.“

„Ich wäre gern auf eine höhere Schule gegangen, aber durch den Krieg war‘s unmöglich. Ich wasche Köpfe, schneide Haare, lege Dauerwellen. Jetzt ist es zu spät für mich, das Abitur nachzuholen. Gesine hat es noch in Königgrätz gemacht, die Glückliche und darf hier studieren. Inzwischen liebe ich meinen Beruf. Manchmal muss man auch zu seinem Glück gezwungen werden. Nur dieses Lager ist so langweilig. Ich möchte weg. Weit weg. Verstehst du das, Kuno?“

„Klar.“

Inge sah mich mit einem prüfenden Blick an und drückte ihre Zigarette in einem Kristallaschenbecher aus. „Du bist ein gutaussehender Junge, Kuno, weißt du das? Wenn du älter wärst, würd‘ ich mich glatt in dich verlieben. Schade.“ Sie zündete sich erneut eine Zigarette an und blies einen fetten Rauchring in die Luft, der lange über dem Tisch schwebte und sich nur langsam aufzulösen begann.

Hatte ihr Benny dieses Kunststück beigebracht?

„Kannst du das auch? Versuch‘s mal.“

Sie erhob sich und schob mir ihre Lucky in den Mund, die am Filter feucht von ihrer Spucke war. Sie beugte sich über mich. „Du musst die Lippen zu einem kleinen Loch formen, und dann den Rauch mit einem kurzen Atemstoß durchblasen.“

Ich versuchte es mehrmals, bis mir ein wunderbar geformter Ring gelang, der sich einen Augenblick über dem Tisch hielt und dann zu Inges Bett schwebte, bis er sich nach einer Weile aufzulösen begann. „Bravo“, rief sie, ließ sich wieder in den Sessel fallen und musterte mich. Kurz darauf erhob sie sich erneut und warf sich auf ihr Bett. „Ich muss mich noch ein bisschen hinlegen vor der Arbeit. Es ist manchmal so anstrengend.“

Ich erschrak. Was hatte sie vor? „Gut, dann geh‘ ich jetzt.“

„Nein, nein, komm her, Kuno, komm her.“

Ich starrte sie verunsichert an.

„Setz dich“, sagte sie und wies neben sich. „Hast du schon mal von mir...



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