E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Dreksler Ich wünsch dir ein glückliches Leben
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8321-8913-6
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Leid meiner Mutter und ihr Geschenk an mich
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8321-8913-6
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jacky Dreksler wurde 1946 in einem französischen Gefängnis geboren. Seine Mutter war eine polnische Jüdin und KZ-Überlebende, sein Vater ein französischer Jude, den er nie kennengelernt hat. Jacky Dreksler studierte Soziologie und Philosophie und arbeitete als Segel- und Gitarrenlehrer, Journalist, Comicautor, Gagschreiber und Liedtexter. Er war lange Jahre einer der meistbeschäftigten Fernsehautoren im Comedy- und Unterhaltungsbereich und erfolgreicher Fernsehproduzent. Jacky Dreksler lebt mit
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Morgen, morgen schreibe ich
meine Träume auf und sehe,
wie in der Vergangenheit
der Schmutz in meinen Eingeweiden,
im Rückenmark, im Hirn
begonnen hat zu faulen
und zu Gift geronnen ist.
Morgen werde ich dann wissen,
wie es heißt, woher es kommt,
und wenn ich erst den Namen kenne,
bringt dies Gift mich nicht mehr um.
Hannes Wader,
»Unterwegs nach Süden«
Jüdisches Bauchgrummeln
Geboren bin ich im Gefängnis. In einem gelb-grauen Steinkasten in den südlichen banlieues von Paris, 1946, ein Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg. Meine Mutter war eine polnische Jüdin, mein Vater ein französischer Jude. Ihn habe ich nie kennengelernt. Ein Jahr lang war ich hinter Gittern, die nächsten drei in deutschen und französischen Kinderheimen.
Aufgewachsen bin ich in einem deutschen Gefängnis. Keins aus wirklichen Mauern und Gittern. Das Gefängnis bestand aus unsichtbaren Wänden der Unterdrückung, die meine christliche Pflegemutter um mich herum erbaute, nachdem meine Mutter gestorben war, als ich neun war; und es bestand aus den jüdischen Gittern in meinem Kopf, durch die ich die Welt betrachtete, bis ich ein junger Mann war.
Dies ist eine jüdische Geschichte. Die wahre Geschichte dreier Menschen, jeder beschädigt vom Gift der Nazis, jeder auf eigene Weise. Drei Menschen – drei Teile:
Im ersten Teil dieses Buches geht es um die Geschichte meiner jüdischen Mutter Fela. Die Anstifter des Zweiten Weltkriegs haben sie durch zwei Ghettos und zwei Konzentrationslager getrieben; die Sieger haben sie Anfang Mai 1945 befreit und in Paris schon einen Monat später wieder eingesperrt, weil sie in Auschwitz Mitgefangene misshandelt haben soll.
Der zweite Teil handelt von der Geschichte meiner christlichen Pflegemutter. Sie war Mamis Gefängniswärterin in einem deutschen Gefängnis, suchte Zeugen für die Unschuld meiner Mutter, holte die todkranke Frau nach der Begnadigung in ihre Wohnung, pflegte sie bis zum Ende und zog mich weiter auf. Bis ich entdeckte, dass sie ein Gebäude aus halben Wahrheiten und ganzen Lügen gemauert hatte und dass sie ein glühender Nazi gewesen war.
Und der dritte Teil ist die Geschichte eines Jungen, der schon mit fünf bei Kakao und Marmeladenbrötchen von seiner Mutter lernte, wie lange Juden in der Gaskammer nach Luft schnappen, eines Jungen, an dem zwei Religionen zerrten und der von seiner Pflegemutter eingesperrt und ausgebeutet wurde, der von seiner Mutter auf dem Sterbebett den Auftrag erhielt, glücklich zu werden – meine Geschichte.
Ich bin Jude
Meinen Freund Hugo Egon Balder lernte ich 1983 beim Radio kennen, sieben Jahre vor Beginn seiner Fernsehkarriere. Wir waren Gag-Autoren und sollten Witziges zu aktuellen News basteln. Meine Begrüßung überraschte Hugo: »Hi, ich bin Jacky … Sag mal, bist du etwa Jude?«
In den Augen des Berliners glitzert Adrenalin. Aber der Schillertheater-Schauspieler hat sich im Griff: gepflegtes Zusammenzucken, entspanntes Lächeln, ein Zug an der Reyno: »Ja, ick bin Jude. Haste wat jejen Juden?«
Ich halte ihm mein Feuerzeug ans Ohr – zisschhh: »Ja, Gas.«
»Na, dann Schalömchen«, lacht Hugo und highfived mich, »noch ’n Judenbengel!«
Woran haben wir uns erkannt? Der alte SS-Kalauer war für Hugo ein untrügliches Kennzeichen: Nur Nazis machen solche geschmacklosen Witze – und Juden. Öffentlich nur Juden. Und nur Nazis und Juden würden – wie ich – die beiden winzigen Silberwinkel, die am Ende eines Kettchens aus Hugos T-Shirt lugten, sofort zu einem vollständigen Davidstern ergänzen. Nazis und Juden können Juden »riechen«.
Hugo lächelt: »Der Führer hätte seine Freude an dir gehabt. Meine Mutter war in Theresienstadt. Und deine?«
»Auschwitz.«
»Auch nicht schlecht«, sagt Hugo anerkennend nickend, »und wie hat’s ihr gefallen?«
»Na ja, sie haben halt viel gelacht.«
Comedy ist Schmerz und Wahrheit!1 – Warum nur neigen Juden wie Hugo und ich zu dieser bemüht lockeren Form ironischer Vergangenheitsbewältigung? Unsere Mütter verloren im KZ ihre Würde und ihre Familien. Und wir Söhne spielen die Eiche, die es nicht kümmert, wenn ein Schwein sich an ihr kratzt.
Vielleicht sind wir, was Jean-Paul Sartre in seinem 1944 veröffentlichten Essay Überlegungen zur Judenfrage als »unauthentischen Juden« typisiert hat: Er stehe abseits, sei zwischen Demütigung, Furcht und Stolz hin- und hergerissen, aber »was er auch tun mag, in den Augen der anderen ist er und bleibt er Jude«. So entwickele er einen Minderwertigkeitskomplex und die Angst, jüdisch zu fühlen, zu handeln und zu denken. Er lebe nicht authentisch, sondern reflexiv: »Er sieht sich handeln, er sieht sich denken.« Und er entwickele – wie Hugo und ich – eine zuweilen masochistische jüdische Ironie, »die meistens auf Kosten des Juden selbst geht und der ständige Versuch ist, sich von außen zu sehen«. Der unauthentische Jude wolle »alle Bande mit der jüdischen Gemeinschaft … zerreißen und findet sie dennoch in der Tiefe seines Herzens wieder«. Laut Sartre spielen Juden das zynische Spiel, gar keine Juden zu sein – wie Hugo und ich.2
In seinen Memoiren Ich habe mich gewarnt erzählt Hugo, wie es weiterging:
Schnell stellten wir fest, daß […] wir über die gleichen Dinge lachen konnten – und daß wir beide nichtpraktizierende Juden waren, was zumindest die Sache mit dem Humor erklären konnte. Wir hatten das Gefühl, uns schon eine Ewigkeit zu kennen.3
Wir wurden Freunde, arbeiteten viel zusammen und produzierten gemeinsam über zweihundert TV-Unterhaltungssendungen. Darunter von 1993 bis 1998 RTL Samstag Nacht, die Kult-Comedy der Neunziger.
Eine jüdische Freundschaft unter erklärten Nichtjuden. Hugos Gefühl, dass wir uns schon »eine Ewigkeit« kennen, entspringt wohl dem Wissen, dass der andere im gleichen Teufelskreis reflektierender Reflexionen umherirrt wie man selbst – wie ein Chamäleon in einem Spiegelkabinett.
So ein rekursiv sozialisiertes Hirn ist allerdings im Comedybereich durchaus nützlich. Wie heißt der alte Spruch aus der Zeit der amerikanischen Vaudeville- und Radiocomedy? You don’t have to be Jewish, but it helps.
Eine typisch jüdische Sentenz der Selbstvergewisserung – Hybris im Gewand der Bescheidenheit. Warum sind Juden stolz auf sich? Im Internet heißt es: »Ein Jude ist stolz, ein Jude zu sein, denn wäre er nicht stolz, wäre er auch Jude; also ist er gleich stolz.« Aha. Und mit stolzer Rabulistik gewinnen wir jeden Schwanzvergleich: Du kannst deine adeligen Vorfahren bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen? Ich stamme von König David ab! Gott ist auf deiner Seite? Ich gehöre zum Volk seiner Lieblingsmenschen! Du sprichst mit dem Allerhöchsten? Ich rede mit ihm Hebräisch, seine Muttersprache! Deine Großeltern haben zwei Weltkriege erlebt? Wir haben 2500 Jahre Antisemitismus hinter uns! Du hältst dich für intelligent? 15 Millionen Juden stellen 0,2 Prozent der Weltbevölkerung, aber 20 Prozent der Nobelpreisträger! Du hast einen schönen Schwanz? Meiner hat schon im Babyalter eine Schönheitsoperation bekommen! Du glaubst an Jesus? Selbst Jesus war ein verdammter Jude! Wir sind arrogant? Ja, aber die, die bescheiden sind, sollten es auch sein! Wir sind Narzissten? Ja, aber die besten der Welt! – Nimm das, Goj!
Ein toller Hecht, sagte der Aphoristiker Manfred Hinrich, ist vielleicht nur ein unglücklicher Karpfen.
Als Jude bist du ein Antisemitismus-Detektor: Ich rieche ihn selbst da, wo es nichts zu riechen gibt. Der Spiegel schrieb zum Beispiel: »Genies wie der jüdisch-ungarische Emigrant John von Neumann und der Brite Turing …« Da! Unterschwelliger Antisemitismus – warum musste von Neumanns Judentum betont werden? Warum schrieb das Blatt nicht: »der jüdisch-ungarische John von Neumann und der christlich-britische Turing«?4 Und ich rieche ihn, wenn er sich hinter der (oft berechtigten) Kritik an Israel versteckt.
Als Jude bist du zudem ein Juden-Detektor: Welche Hollywood-Produzenten oder -Stars sind Katholiken, Buddhisten oder Baptisten? Ich habe keine Ahnung (und wozu sollte man sich so etwas auch merken?). Aber ich weiß, dass die Spiel-, Katzen- oder Eisenbergs und die Zuckers, Apatows und Bruckheimers Juden sind. Ebenso Stars wie Seth Rogen, Adam Sandler oder Sylvester Stallone; wie Natalie Portman, Gwyneth Paltrow und Scarlett Johansson. Ich kann mich nicht dagegen wehren, überall Juden zu »riechen« – wie ein guter Nazi.
Wenn du nur einen Hammer hast, sieht halt die ganze Welt wie ein Nagel aus.
Ich bin kein Jude
Nein, ich bin kein Jude.
Ich bin Atheist,5 seitdem ich mit dreizehn Bertrand Russells Warum ich kein Christ bin gelesen habe (sieht man von einem halbjährigen Ausflug zum Katholizismus ein Jahr später ab). Ich bin Atheist, das heißt, ich glaube nicht an die totale Überwachung durch Gott.
Aber du kannst die Kippa absetzen, den Priesterhut aufsetzen und den wiederum durch eine atheistische Narrenkappe ersetzen – egal, ob dein Vater Mullah ist, polytheistischer Pygmäe oder Adolf Hitler persönlich: Hast du eine jüdische Mutter, hast du...




