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E-Book, Deutsch
Driesen Wattenstadt. Ein satirischer Roman von der Hallig Langeneß
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-948486-30-3
Verlag: Bedey Media GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-948486-30-3
Verlag: Bedey Media GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Journalist und Schriftsteller Oliver Driesen, geboren 1966 in Düsseldorf, ist gelernter Wirtschaftsredakteur. Er studierte Volkswirtschaft in Köln und London, arbeitete ein halbes Jahr in einer Pressestelle in Mumbai/Indien und danach als freier Wirtschaftsjournalist sowie als Redakteur bei "Die Woche" und "brand eins". Seit 2002 ist er als Autor, Redakteur und Ghostwriter im Auftrag von Agenturen und Industrieunternehmen tätig. Ende 2018 erhielt Driesen für eine Kurzgeschichte den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr. Im Juli 2019 erschien im Kadera-Verlag sein Roman "Schalttagskind". Der Autor lebt in Hamburg und schreibt nebenbei das Blog Zeilensturm (www.zeilensturm.de).
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Kapitel 1: Werfen Sie, Westerholdt!
Heute war ein guter Tag für eine Hinrichtung. Westerholdt sah es kommen, bevor der Agenturfuzzi überhaupt die Chance hatte, für irgendwelche Erklärungen den Mund zu öffnen. Das war genau betrachtet keine prophetische Gabe, nur Erfahrung. Der 72-jährige Westerholdt mit seinem stets sorgfältig gescheitelten weißen Haarschopf und den tiefen Tränensäcken war seit 22 Jahren Aufsichtsratschef der Wamabag. In der Verwaltungszentrale der Wattenscheider Maschinenbau AG konnte er die Todgeweihten mit verbundenen Augen erkennen. Auch das war keine Hexenkunst, er folgte einfach dem Geruch. Und der Agenturfuzzi verströmte ganz deutlich das Aroma einer letzten Ölung. Er war ein Toter im Wartestand, der sein Urteil auf der Stirn geschrieben trug. Nur hatte er nicht in den Spiegel schauen können, um es zur Kenntnis zu nehmen, seit er diesen Saal betreten hatte.
Aber Westerholdt sah es, und wahrscheinlich sah es jeder der übrigen neun am Tisch Platzierten. Sie waren ja alle lang genug dabei. Selbst Estelle de Maizière, mit ihren erst 36 Lenzen schon Kommunikationschefin der Wamabag, schien etwas zu ahnen. Sie nestelte zunehmend nervös am Kragen ihrer extrem teuren silbergrauen Seidenbluse unter dem Nadelstreifen-Blazer, während ihre Augen alarmiert zwischen der Projektionsleinwand an der Stirnseite des palisandergetäfelten Raumes und dem ölig schwarzen Schopf des ahnungslosen Toten hin und her wanderten. Besser wär’s, dachte Westerholdt, sie ahnte etwas. Es war ihr zu verdanken, dass die De-facto-Leiche hier angetanzt war.
Der Agenturfuzzi hatte einen Fehler gemacht. Na gut, er hatte drei gemacht: Er hatte eine falsche Berufsentscheidung getroffen, als er in die Werbung gegangen war. Er hatte von irgendwelchen Praktikanten den idiotischsten Slogan der Welt ausbrüten lassen. Aber vor allem hatte er den Slogan in diesem von goldgerahmten Porträts früherer Vorstandschefs gezierten Konferenzraum, vor aller Augen, mit dem Beamer an die Leinwand projiziert, wo die Buchstaben und Wörter nun deutlich lesbar leuchteten. Schon bevor die Sitzung begonnen hatte. Schon bevor der Alte überhaupt hereingekommen war. Schlimm. Armer Mann.
W eltweit
A ktives
M aximal
A mbitioniertes
B usiness
A us
G ermany.
Jetzt geht gleich das Gemetzel los, dachte Westerholdt, während der Agenturfuzzi sich eine Öl-Strähne aus der tiefengebräunten Stirn wischte und, mit vorgerecktem Kinn Souveränität simulierend, über den Tisch gelehnt die Einstellknöpfe seines Beamers zu korrigieren vorgab. Der Mann hatte bestimmt eine Art Vortrag einstudiert, der Ärmste. Die Zeiger auf der Fünfzigerjahre-Uhr über der Eingangstür ruckten auf Punkt elf, und als ob es dieses Signals bedurft hätte, verstummte das letzte Gesprächsgemurmel im Raum.
Beide Flügel der schweren Eichentür wurden gleichzeitig aufgerissen. Ein kühler Windhauch streifte die elf bereits Versammelten, gefolgt von einem Donnergrollen: Konrad Klapps Bassbaritonstimme, die Naturgewalt aus der Fülle von 120 Kilogramm Lebendgewicht, verteilt auf 201 Zentimeter Gardemaß. Der Besitzer der Stimme blinzelte aus zusammengekniffenen Schweinsäuglein angewidert ins grelle Licht der Projektion. »Entschuldigen Sie, dass ich offensichtlich zu spät bin. Vielleicht mögen Sie mich gnädigerweise darüber ins Bild setzen, was Sie in meinem Unternehmen bereits alles ohne mich entschieden haben!«
Ohne diese Auskunft tatsächlich zu erwarten oder auch nur für möglich zu halten, ließ Klapp sich in seinen dunkelroten Ledersessel mit der erhöhten Rückenlehne sinken, nahm nacheinander die Reihen des Managements und des Aufsichtsrats links und rechts des zehn Meter langen Tisches ins Visier, als ob er die Abwesenheit von Haarschuppen auf ihren Revers inspizieren würde, registrierte für eine Sekunde die überzählige und die Symmetrie störende Person, die sich hinten rechts herumdrückte, und hielt dann inne wie zum Gebet. Während er den Kopf leicht senkte, zog seine Stimme nun das Register Demut, in den Obertönen von Mordlust kontrastiert. »Wenn niemand etwas dagegen hat und da wir offensichtlich vollzählig sind, mehr als vollzählig, erkläre ich diese gemeinsame Vorstands- und Aufsichtsratssitzung für eröffnet. De Maizière, was tut der Herr dort hinten hier und was hat diese Leuchtschrift zu bedeuten, die meine Augen blendet?«
»Mein Name ist …«, begann der Agenturfuzzi, obwohl ausdrücklich nicht angesprochen, und beging damit einen weiteren Fehler. Doch da er sowieso tot war, tat das kaum noch etwas zur Sache. Jetzt galt es nur noch zu verhindern, dass sich sein unabweisbares Schicksal zur Epidemie ausbreiten konnte. »Das ist Punkt zwei der Tagesordnung, Herr Doktor Klapp«, beeilte sich daher de Maizière mit kernkompetenter Eisbeutelstimme zuzuschnappen, was die Anatomie des weiblichen Sprechapparats angesichts des dahinterstehenden Drucks leider nicht ohne ein gewisses juveniles Quäken zuließ. »Präsentation und gegebenenfalls Verabschiedung des neuen Claims der Wamabag Corporate Communications für die kommenden beiden Geschäftsjahre.«
»Ver-ab-schie-dung«, ließ Klapp sich das Wort noch einmal auf den eigenen Lippen schmecken, betont leise, doch nur scheinbar wie zu sich selbst. »Das scheint mir hier das Stichwort zu sein. Junger Mann!« Er fasste den Agenturfuzzi ins Auge und stemmte sich halb aus seinem Sessel empor, wodurch sich im selben Maß auch das Volumen seiner Stimme erhob: »Haben Sie eine blasse Ahnung, wie lange dieses Unternehmen besteht?« Der Mann, gar nicht so jung, wie es sein sportives Äußeres und Klapps spöttische Anrede nahelegten, rühmte sich durchaus, stets seine Hausaufgaben zu machen. »Die Wamabag wurde 1875 von Carl Johann Klapp als Wattenscheider Maschinenbau Aktiengesellschaft gegrün …« So weit kam er, doch an dieser Stelle fegte ihm das Klapp-Organ mit Orkanstärke entgegen: »Ich hatte Sie nicht um einen VORTRAG gebeten, sondern um eine JAHRESZAHL!« Jetzt erst, angesichts der obszönen Lautstärke und Dreistigkeit des Ausbruchs, dämmerte dem Überrollten, dass dies nicht sein geplanter glanzvoller Auftritt sein würde, nicht einmal sein ehrenvoller Abtritt. Zu spät. Immer zu spät, dachte Westerholdt wehmütig.
»Hundertvier …, äh, hundert …, hundertfünfundvierzig«, konnte der Agenturfuzzi gerade noch stammeln. »EINHUNDERTFÜNFUNDVIERZIG!«, bestätigte Klapp wie zum Beweis der Schuld. »Und meinen Sie vielleicht, dass wir in das einhundertSECHSundvierzigste Jahr meiner Zeitrechnung eingetreten wären, wenn mein Urgroßvater den Namen Wamabag mit derart unwürdigen, unbrauchbaren, ja undenkbaren Vokabeln verunstaltet hätte, wie Sie sie mit Ihrem Dingsda an meine schöne Wand werfen?«
»Herr Doktor Klapp, mit Verlaub, der Claim, den meine Agentur für diesen Pitch entwickelt hat, stellt das dynamisch-innovative Potenzial der Wamabag in den Kontext einer globalen …« Er zuckt ja noch, dachte Westerholdt beeindruckt, doch schon unterbrach von der gegenüberliegenden Tischseite Estelle de Maizière den Agenturfuzzi, im vollen Bewusstsein, was hier für sie selbst auf dem Spiel stand. »Ihr Claim taugt nicht einmal für die Auslandsmärkte. Wir hatten im Briefing ausdrücklich verlangt, eine englische Entsprechung mitzuliefern!«
»Nun, das dürfte ein unterhaltsames Experiment sein«, ließ Klapp sich diese Vorlage nicht entgehen, während der Kopf des Fuzzis zunehmend entsetzt zwischen seinen beiden Peinigern hin und her ruckte. Scheinst den Hals noch mal aus der Schlinge zu ziehen, Estelle, dachte Westerholdt, während der Alte wieder in den Schulmeister-Modus zurückschaltete: »Als ich das letzte Mal nachsah, erwirtschafteten die 18 Werke meiner Gruppe etwa 74 Prozent des Gesamtumsatzes von 8,7 Milliarden Euro im Ausland. Erläutern Sie uns doch bitte: Wie funktioniert Ihr unausgegorener Quatsch auf Englisch?«
Da er nicht gleich sterben durfte, sondern erst noch zur Belustigung des Circus Maximus gebraucht wurde, kämpfte der Agenturfuzzi weiter. Mit dem sinnlosen Mut des moribunden Gladiators und flackerndem Blick auf die Leinwand übersetzte er spontan, unvorbereitet, tollkühn und in Echtzeit:
»W … orldwide
A ctive
M axi … mum … mally
A mbi … tious
B usiness
A us … aus … out …«
Auf dieses Wort schien Klapp gewartet zu haben. »Out? OUT???«, fuhr er wie ein besonders ausgehungerter Zirkuslöwe auf den verwundeten Buchstaben-Kämpfer nieder. »Ja, was? OUT GERMANY? Mein lieber Mann, ich sage Ihnen was: SIE sind OUT! Sie sind sogar SO OUT, dass Sie sofort auch aus diesem Saal OUT sind. RAUS! Und nehmen Sie Ihre verdammte Lichtschleuder mit! Danke! Nächster Punkt!«
Der Agenturfuzzi war jetzt nicht mehr gebräunt, sein markant-männliches Gesicht hatte sich in ein Wachstuch verwandelt, kontrastreich umrahmt von der Schweröl-Frisur. Der nun auch offiziell Tote raffte seinen Laptop und den Beamer an sich, wobei die Kabel aus ihren Sockeln rissen und um seine Hüfte schlackerten, und trippelte an zehn Metern Tisch entlang wortlos zur Tür wie jemand, der sein Wasser nicht mehr halten konnte.
Out, dachte Westerholdt, over and out. Zur Abschlusskontrolle blickte er auf. Die Zeiger über dem Eingang, der zum Ausgang geworden war, standen bei 11:08 Uhr.
»Meine Herren«, setzte Klapp in geschäftsmäßigem Ton erneut an, nachdem sich das Elend auf zwei Beinen verflüchtigt und das entrüstete Gemurmel gemäßigt hatte. Wie immer ignorierte er dabei in seiner Anredeformel die...




