E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Dröge Postkartenalben und weibliches Sammeln
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-0037-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zu einem kulturellen Handlungsmuster um und nach 1900
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7528-0037-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sammler und Autor, der vornehmlich an historischer Alltagskultur interessiert ist.
Autoren/Hrsg.
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Anmerkungen zum Sammeln
Wenn das Sammeln in Publikationen thematisiert wird, findet dies seinen Ausgangspunkt häufig in der vielzitierten Darstellung von Krzysztof Pomian über den „Ursprung des Museums“ und das Sammeln. Man kommt dann auch schwerlich daran vorbei, zu der plattitüdenhaften Welterklärung vom „Jagen und Sammeln“ zurück zu kehren, um hier seinen eigenen Anfang zu markieren. Dieses urzeitliche Vorstellungsbild lässt sich auch und gerade in der Literatur zur Kulturgeschichte des Sammelns bis in die Neuzeit immer wieder vorfinden. „Die Männer sind, so scheint es, in mancherlei Hinsicht Jäger und Sammler geblieben.“23 Zumindest einzelne Aspekte, die mit diesem Bild inhaltlich in Beziehung stehen, dürften jenseits ihrer Klischeehaftigkeit in der Tat einer Beachtung wert sein.
Dazu passt, dass bei Pomian die hier zu behandelnde Fragestellung als solche vollkommen unbekannt ist: Dort ist der Sammler männlich, ohne Wenn und Aber. Seine Qualitäten sind: ästhetisches Vergnügen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Prestige, starke intellektuelle Neugier, Reichtum und Großzügigkeit. Eine Frau kommt in der Darstellung von Pomian nur einmal vor: als polnische Sammlerin von Banalitäten, nämlich Obst-Verpackungspapieren.24
Ein Stück weit ist eine solche Sehweise dem historischgenetischen Ansatz geschuldet, der sich älteren Zeitabschnitten bis zur Renaissance zuwendet. Unter dem Spannungsbogen „Sammler – Bibliophile – Exzentriker“ etwa lassen sich verschiedene historisch-thematische Zugänge vom Altertum bis zur Frühen Neuzeit zu einer Anthropologie des Sammelns zusammen tragen. Bei Aleida Assmann erstreckt sich dies bis hin zu einer Figur des „Pedanten“ und Antiquars, der Kunst und Bücher sammelt (in der Antike und erneut wieder in der Frühen Neuzeit) und mit dem Touch des Kritikers und Kauzes versehen ist, aus dessen Pedanterie und Triebhaftigkeit sich eine Manie des Sammelns entwickeln kann.25
Geht es, wie hier, um den Bücher- und Kunst-Sammler in der älteren Geschichte und vornehmlich in der Renaissance, so kommen verschiedene Ästhetik-Begriffe ins Blickfeld. Überlegungen Jacob Burckhardts in seiner Schrift „Die Sammler“ mit seiner Unterscheidung „der niedrigsten Stufe des Sammelns”, „in welcher der Sammler keine innere Beziehung zu den erworbenen Gegenständen” besitzt, und der „höchsten Form des Sammelns aus ästhetischen Beweggründen” lassen sich in modifizierter Form auf die Neuzeit übertragen.26
„Fehlende Ästhetik“ wird auch, in gewisser Parallelität zum Sammelgut der Urzeit, jenen trivialen Sammelgegenständen der modernen Gesellschaften testiert, die keinen ausgesprochen künstlerischen Wert besitzen und denen deshalb von einem kunstwissenschaftlichen Standpunkt so etwas wie tiefere Semiotik und Würde abgesprochen wird.
Dass gesammelte Dinge der Alltagskultur eine persönliche wie auch soziale Bedeutung besitzen können, auch auf der Basis von weniger elitären Ästhetik-Vorstellungen, erweist die kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Sammeln in der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Von Hermann Lübbe ist früh auf die kompensatorische Funktion des Sammelns hingewiesen worden, mit welcher dem Erlebnis der Wegwerfgesellschaft der Wille zur Bewahrung entgegen gestellt werden kann.
Diese Beobachtung ist in Richtung kollektiver Sozialfunktion wie auch biografischer Bedeutung verschiedentlich weiter geführt worden bis hin zu dem Gedanken, dass persönlich gesammelte Artefakte generell eine potentiell tröstende Funktion in Lebenskrisen beinhalten können: „Wir gehen von der These aus, dass Menschen Dinge sammeln, um sie mit dem Mörtel der Erinnerung zu festen Fundamenten zu verbinden, auf die sie sich stützen können, wenn sie mit Schwierigkeiten und drohenden Verlusten konfrontiert werden.”27
Interessant ist grundsätzlich der Blick auf das Verhalten von Kindern im Umgang mit ihrer materiellen Umgebung. Beobachtungen zeigen, dass sie zu Beginn scheinbar wahllos und ohne erkennbare Ordnung im Sinne der Denk- und Sammlungskategorien der Erwachsenen sammeln und horten. Später „inkorporieren Kinder das Sammeln als ein kulturelles Muster, mit dem geschlechts- und milieuspezifische Dispositionen tradiert werden.“28 Dieser Aspekt mit seinen Phasen des Erlernens kultureller Muster und damit der schrittweisen Aneignung der Umwelt scheint allerdings längst noch nicht hinreichend erforscht zu sein.29
Das Stichwort der Aneignung führt, über entwicklungspsychologische Aspekte bei heranwachsenden Kindern hinaus, wohl immer direkt hinein in das Wesen des Sammelns als einer kulturellen Handlung. Der Philosoph Odo Marquard soll die These aufgestellt haben, dass Epochen des Sammelns in kulturgeschichtlicher Betrachtung mit Epochen einer kollektiven Weltaneignung zusammen fielen. So schlicht wie auch zutreffend diese These erscheint, vermag sie gerade bei Postkarten (und Druckgrafiken der Frühen Neuzeit und Sammelbildern des 20. Jahrhunderts) möglicherweise eine noch konkreter fassbare Bedeutung zu erlangen.
Wenn Weltaneignung stets mit einem Besitzstreben einher geht und dieses nicht nur mit persönlicher Identität, sondern auch mit Prestige, Leidenschaft und Macht zu tun hat, ist ein weiterer Aspekt von Sammelkultur nicht fern: das Sammeln als Suchtphänomen, mit grausamen oder verrückten Geschichten von Glück, Leid und Entzug sowie unbändiger bis hemmungsloser Leidenschaft bis hin zur Besessenheit. Inzwischen gibt es über diese Themenpalette einen eigenen psychoanalytischen Diskurs. Der könnte danach durch „umgeleitete Urtriebe“ definiert sein, die sich bis zu einem zwanghaften Verhalten steigern lassen, und zuweilen ist vom historischen Postkarten-„Sammelsport als fetischistische Praxis“ die Rede.30 Im letzten Schritt wird hier, jedenfalls von einzelnen psychologischen Analytikern, von phallischnarzißtischen Persönlichkeiten gesprochen, bei denen es sich, nicht ohne ironischen Unterton, dann per definitionem nur um Männer handeln kann.31
Generell setzen alle Formen des Sammelns, und vielleicht insbesondere von Postkarten, das Phänomen der Freizeitgesellschaft voraus, in der elementare Lebensbedürfnisse erfüllt oder erfüllbar sind und es Möglichkeiten gibt, sekundäre Bedürfnisse zu befriedigen oder gar Luxusgüter anzuschaffen. Sicher hat hier der Konsumwandel seit dem 19. Jahrhundert eine maßgebliche Rolle gespielt. Daran anschließend sind Theorien der „falschen Bedürfnisse“ formuliert worden, deren Anwendung auf das weibliche Postkartensammeln interessant und lehrreich sein kann.32 Das Moment des Kompensatorischen spielt beim Sammeln wohl stets eine gewichtige Rolle.
Der allgemeinen Bewusstseinslage dürfte das „Wissen“ entsprechen, dass es sich in der gegenwärtigen gesellschaftlichen und kulturellen Situation im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts bei mehr als zwei Dritteln der Personen, die etwas sammeln als Freizeitbeschäftigung, um Männer handelt. So lauten auch manche Befragungs- und Untersuchungsergebnisse.
Hermann Bausinger hat diese für ihn nachweisliche Dominanz „mit der allgemeinen männlichen Dominanz“ in Verbindung gebracht und ging davon aus, dass sie auch als „männliche Dominanz des Sammelns kulturgeschichtlich tradiert ist“ und alte Muster maßgeblich hinein spielen. Daraus schloss er, dass in modernen Milieus mit zwischen den Geschlechtern eher ausgeglichenen kulturellen Unterschieden gegenüber dem traditionellen Rollenverhalten wahrscheinlich weniger gesammelt wird, vermutlich von beiden Geschlechtern, und formulierte: „Vielleicht haben Frauen es einfach weniger nötig, ihr Selbstgefühl durch den Besitz einer Sammlung zu steigern. […] Die Sammlung als Lebensersatz brauchen sie nicht.“33
Eine ähnlich zuschreibende Position vertrat Philipp Blom in seiner weit ausholenden Darstellung zum Sammelwunder und Sammelwahn: „Es ist kein Zufall, dass […] immer nur von Sammler die Rede ist und nicht von der Sammlerin. Zwischen männlichen und weiblichen Sammlern gibt es signifikante Unterschiede. Obwohl sich einer wissenschaftlichen Studie zufolge mehr Frauen als Männer als Sammler bezeichnen [Pearce], waren es Vertreter des männlichen Geschlechts, welche die Geschichte des Sammelns prägten.
Natürlich hat es auch wichtige Sammlerinnen gegeben. Isabella Steward Gardner wurde bereits genannt, Gertrude Stein, Peggy Guggenheim, Helena Rubinstein, und Ima Hogg. [Gere, Vaizey] Aber Frauen, so scheint es, stehen ihren Sammlungen oft gelassener gegenüber und sind weniger obsessiv. Viele Frauen besitzen einen Schrank, in dem sie besonderes Porzellan aufbewahren, oder andere Objekte, die sie sammeln. Dieser Schrank aber hat einen Platz in ihrem Leben, er ist nicht ihr ganzes Leben.“34
Und weiter: „Solche Generalisierungen sagen nie etwas über Individuen aus, sondern immer nur über Gruppen, es sind...




