Duesberg | Im Bann des Hexenfluches | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

Duesberg Im Bann des Hexenfluches


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-23606-6
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 360 Seiten

ISBN: 978-3-347-23606-6
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Kristin, Flora, Sile und Mòrag sind außergewöhnliche Persönlichkeiten. Schon als Kinder entwickeln sie magische Fähigkeiten, spielen unbefangen mit Erde, Wasser, Luft und Feuer und verkehren wie selbstverständlich mit den Nymphen. Doch ihre Fähigkeiten werden schnell von dunklen Wesen entdeckt, welche dieselben für sich begehren und die Mädchen entführen. So geraten sie in einen Strudel aus Bosheit, aus dem sie sich nur durch die Hilfe geistiger Wesen befreien können. Je älter sie werden, desto schwerer fällt es ihnen, ihre Verbindung zur Welt der Nymphen aufrechtzuerhalten. Daher suchen sie nach neuen Wegen, die zerstörte Brücke zwischen Diesseits und Jenseits wieder aufzubauen. Eine erfahrene ältere Freundin bietet ihnen dazu erste Anregungen. Im Laufe ihres Studiums, das die jungen Frauen an verschiedene Universitäten führt, treten jene Mächte, die den Brückenbau verhindern wollen, erneut an sie heran. Zudem entbrennt in ihrem eigenen Innern ein Kampf zwischen dem Bewahren der Kindheitsimpulse und den Verlockungen des Lebens, die schnellen Genuss bieten, jedoch abhängig machen. In dem Krieg, den die Kräfte der Finsternis gegen die jungen Frauen führen, stehen die Naturwesen den letzteren noch einmal bei und verhindern so ihren frühen Tod. Doch gerade dann, als es darauf ankäme, die Auseinandersetzung mit dem Bösen selbstständig, ohne fremde Hilfe zu bestehen, führen die dunklen Mächte ihre tückischste Waffe ins Feld: Sie greifen mit den Fallstricken des Alltags an, mit Egoismus, Seelenkälte und Gleichgültigkeit. Die Folgen davon sind erschütternd, werden aber im Zustand fortschreitender Abstumpfung kaum mehr wahrgenommen. Der Bannfluch beginnt zu wirken. Die Hexen unserer Märchen und Sagen sind keine realen Menschen, durchaus aber reale Kräfte. Kräfte, die uns zu verführen und in Dinge zu verstricken drohen, die wir nicht wollen, die uns unfrei machen und im schlimmsten Falle Seiten unseres Wesens zerstören.

Geboren 1947. Berufe: Gärtner, Bauer, Waldwirt; Heilpädagoge; von 1979-2003 Lehrer; Genealoge; Rentner und Privatforscher. Lebt mit seiner Frau am Bodensee. Das Paar hat fünf Kinder.
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I

Murron und Amhuinn hielten sich im Schatten der Bäume, als sie sich quer durch den Park auf das Herrschaftshaus zu bewegten. Amhuinn, der etwas hinter Murron zurückgeblieben war, hatte ihr mehrmals durch Handzeichen zu verstehen gegeben, dass sie anhalten solle, und endlich blieb sie hinter einem breiten Zedernstamm stehen und wartete.

„Du bist verrückt“, flüsterte Amhuinn ihr zu, „sollen wir das wirklich durchziehen?“

„Unbedingt“, zischte Murron und huschte auch schon zur nächsten Deckung.

Drüben beim Herrschaftshaus rührte sich nichts. Vor dem Treppenaufgang war ein Sonnenschirm aufgestellt worden, unter welchem der Kinderwagen mit der kleinen Sile stand. Das Mädchen war fast ein halbes Jahr alt, und mit ihm hatte es seine eigene Bewandtnis: Die Gutsherrin hatte den damals acht Wochen alten Säugling der unverheirateten Fia abgekauft, die zur Zeit der Geburt noch minderjährig und mittellos gewesen war. Jetzt, ein halbes Jahr später, war Fia verheiratet und wollte ihre Tochter zurück, aber die Gutsherrin gab die Kleine nicht mehr her. Sile war ein besonders schönes Kind; jeder, der sie auch nur kurz anschaute, war von ihr entzückt. Die alten Weiber im Ort tuschelten, neben Siles Kinderwagen halte stets eine Schar Elfen Wache.

Murron hatte gar nicht vor, das Mädchen nur zu rauben, um es Fia zurückzubringen; sie wollte es eigentlich lieber selbst behalten und ihm eine tausendmal bessere Mutter sein als alle diese Puppenmütter, einschließlich der arroganten Gutsherrin, die doch nichts Besseres war als eine Hure mit etwas Glück bei der Gattenwahl. Die kleine Sile würde sich bei Murron und all den besonderen Geschwistern ihrer neuen Familie bestimmt wohlfühlen.

Murron straffte den Rücken. Jetzt kam das schwerste Wegtück, weil der Park zu Ende war und ein offener Garten begann. Mit den letzten Bäumen des Parks fiel die Deckung weg, und sie konnten vom Haus aus gesehen werden. Murron schritt aufrecht und entschlossen auf den Kinderwagen zu, Amhuinn tat es ihr gleich, so gut er konnte, doch fehlten ihm der Mut und die Willensstärke, über die seine Freundin in reichem Maße verfügte.

Diese war am Kinderwagen angekommen. Sie beugte sich hinab, schob das leichte Deckchen beiseite und nahm das Mädchen auf den Arm.

„Helft mir“, bat sie die um den Wagen versammelten Elfen. Sie hatte zwar noch nie Elfen gesehen, glaubte aber fest an ihre Existenz.

Die kleine Sile war wach und blickte Murron aus großen blauen Augen an.

„Herzchen“, murmelte Murron und weinte fast vor Liebe zu der Kleinen.

„Komm“, sagte Amhuinn hinter ihr, „lass uns abhauen, ehe doch noch jemand kommt.“

Sie wandten sich wieder dem Park zu und verschmolzen alsbald mit den Schatten der Bäume. Doch ungeschoren kamen sie nicht davon, denn gerade als sie das Tor in der Parkmauer vor sich sahen, wurde dieses geöffnet und der Graf stand da, das Jagdgewehr auf dem Rücken. Als er die Eindringlinge erblickte, riss er das Gewehr herab und wollte anlegen, als ihn auch schon der schlanke, scharfe Dolch traf, den Murron in fließender Bewegung aus dem Stiefelschaft gezogen und im Aufrichten geschleudert hatte. Obgleich ihr Wurf wegen des Kindes auf ihrem Arm schwächer ausfiel, traf er den Grafen doch tödlich in den Hals. Er brach mit einem Gurgeln zusammen, das Gewehr entfiel ihm; aus seinem Hals ragte die Waffe hervor.

„Tut mir leid“, murmelte die junge Frau, und es galt zu gleichen Teilen dem Säugling wie dem Sterbenden. Amhuinn riss den Dolch mit einem Ruck heraus, wischte die Waffe am Gras ab und gab sie der jungen Frau zurück.

„Jetzt stecken wir in der Klemme“, sagte er.

„Die Elfen werden uns schützen“, entgegnete Murron.

„Mit Pfeil und Bogen und Elben-Pfeilen?“, spottete Amhuinn.

Sie erreichten den Feldweg und eilten zu ihrem Wagen. Amhuinn schloss auf und ließ die junge Frau mit dem Kind einsteigen; dann setzte er sich ans Steuer und fuhr los. Auf Schleichwegen gelangten sie zu ihrem „Lager“; das war ein einsames Haus im Wald jenseits der Grenze auf tschechischem Boden, etwas nördlich von Ceský Krumlov an der Moldau. Als sie in den Hof einbogen, trat Marsaili vor die Tür, als ob sie das Kommen der Freunde geahnt hätte.

„Es hat sich etwas geändert“, sprudelte sie aufgeregt hervor, kaum dass Murron mit dem Säugling ausgestiegen war.

„Was denn?“

„Fia ist nun doch zu uns gekommen und will bei uns bleiben.“

„Ach“, sagte Murron, „das trifft sich gut, dann kann sie gleich ihre Tochter stillen.“

In diesem Augenblick stürzte auch die 18-jährige Fia aus dem Haus und rannte auf Murron und Marsaili zu.

„Ihr habt meine Kleine!“, jubelte sie im Laufen, noch ehe sie bei Murron war.

„Kannst du sie sofort stillen?“ fragte diese.

„Klar“, antwortete Fia, „in spätestens zwei Tagen bekomme ich sie auch wieder ganz satt.“

Jetzt eilten Ciorstag und Ailean aus dem Haus, traten zu den anderen und betrachteten die kleine Sile, die begonnen hatte, an Fias Brust zu saugen.

„Sie passt gut zu Flora und Kristin“, bemerkte Ailean, der im Rufe stand, hellsichtig zu sein; er selbst nannte das nicht so.

„Ist alles gut gegangen?“, fragte Ciorstag.

„Leider nein“, antwortete Amhuinn, „Murron hat den Grafen töten müssen.“

„Au weia“, sagten alle gleichzeitig.

„Was bedeutet das für uns?“, fragte Fia.

„Du musst entweder auf Coinneach oder auf deine Tochter verzichten“, antwortete Murron, „es sei denn, dein Mann schließt sich uns ebenfalls an.“

„Ich hoffe doch, er kommt mit“, sagte Fia, „schließlich liebt er mich.“

„Dann ruf ihn nachher gleich an“, sagte Murron, „wir fahren noch heute Abend los. Ihr Anderen“, wandte sie sich an die Freunde, „könnt schon mit dem Packen anfangen.“

Damit schritt sie zum Haus, trat in den Flur und stieg sofort zum Kinderzimmer hinauf. Sie öffnete die Tür und trat an die Bettchen der beiden Kleinen, Flora und Kristin. Beide waren wach. Sie strich Kristin über das Köpfchen und murmelte ihr zärtliche Koseworte zu. Kristin lachte, gab fröhliche Laute von sich und strampelte mit Armen und Beinchen. Murron strich Flora über die prallen Bäckchen und schäkerte eine Weile mit ihr.

„In Deutschland werden wir vielleicht alle unsere Namen ein wenig ändern müssen“, sagte sie zu den Kleinen, „sonst bekommen die Leute Schwierigkeiten mit der Aussprache.“

Dann ging sie zum Schlafzimmer hinüber und begann selbst zu packen.

Am Abend fuhren drei Wagen vom Hof weg. Im ersten saßen Murron und Amhuinn, im zweiten Ciorstag und AiIean, im dritten, dem größten, Marsaili und Fia mit den drei Mädchen. Coinneach, Fias Ehemann, hatte versprochen, direkt zum Bodensee nachzukommen. Die vorderen beiden Wagen waren bis unter das Dach beladen, weil sie zusätzlich zum eigenen Zeug der Insassen auch noch einen Teil von Fias und Ciorstags Gepäck mitführten; der dritte Wagen war der „Kinderwagen“, seine Ladung ganz auf die Bedürfnisse der Kleinen ausgerichtet. Alle Fahrer hatten dieselbe Adresse in die Navis eingegeben und sich auf die über 500 Kilometer lange Fahrt vorbereitet.

Um 20 Uhr verließen sie die Region um Ceský Krumlov und fuhren in Richtung Passau, später nach München und dann Richtung Bodensee. Um 3 Uhr nachts kamen sie in Friedrichshafen an, wo sie eine kleine Pause machten; eine knappe Stunde später erreichten sie Überlingen und kurz darauf ihre Adresse in einem der Teilorte Überlingens. Um 4 Uhr bogen sie in die Hofeinfahrt ein. Sie schlossen die Haustür auf und trugen die schlafenden Kinder gleich nach oben ins Kinderzimmer. Darauf holten sie ihr Gepäck, machten ihre Nachtlager in den verschiedenen Zimmern bereit und legten sich hin.

Fia lag mit den Kleinen im Kinderzimmer. Damit war ein neues Leben für sie alle angebrochen; sie hatten neue Ausweise, lernten seit einigen Monaten Deutsch und waren gespannt auf die Zukunft. Beim Einschlafen dachte Fia noch kurz an ihren Ehemann Coinneach, mit dem sie zusammen weitere Kinder haben und eine eigene Familie gründen würde; und alle diese Kinder würden miteinander spielen und beim Älterwerden Streiche miteinander verüben. Unter solchen Gedanken schlief sie ein. Die Kleinen in ihren Bettchen nebenan atmeten ruhig.

Murron konnte nicht einschlafen; die lange Autofahrt und die Aufregungen der letzten Wochen setzten ihr zu. Ihre Gedanken kamen nicht zur Ruhe, kreisten immer wieder um die erlebten Bilder oder um das Neue, das unbekannt vor ihr lag. Ihr altes Leben in der Heimat war gemischt gewesen, ein Auf und Ab an Schönem und Schlechtem. Den Tiefpunkt stellte die Vergewaltigung vor fast zwei Jahren dar. Der Kommilitone, der das gemacht hatte, war eigentlich nett...



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