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E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Duesberg Stadtjagd

Des Feuers lange Schatten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-33671-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Des Feuers lange Schatten

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-33671-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Der Mord an einer jungen Frau ist der Beginn einer Reihe weiterer Morde. Das Kaltentaler Team, das mit deren Aufklärung betraut wird, steht vor der Aufgabe, die Täter, ihre Motive und die möglichen Zusammenhänge der Taten zu klären. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Tatsache durch die Ermittlungen, dass sich alle anfangs Verdächtigen im Laufe der Untersuchungen als unschuldig erweisen. Unschuldig allerdings nur an dem ursprünglichen Mord, denn dunkle Geheimnisse finden sich bei vielen ... Wird es den Kaltentaler Ermittlern gelingen, das Gestrüpp an Fakten und Personen zu lichten? Und welche Rolle spielt der Waldbrand, der 1961 in der Nähe der Bärenseen wütete und ein Todesopfer forderte?

Geboren 1947. Berufe: Gärtner, Bauer, Waldwirt; Heilpädagoge; von 1979-2003 Lehrer; Genealoge; Rentner und Privatforscher. Lebt mit seiner Frau am Bodensee. Das Paar hat fünf Kinder.
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1

Der Waldbrand, 1961

Andi und Willi waren beste Freunde, das wusste jeder aus der Clique, Herbert, Raffi, Leo, Benni, Jutta, Helga und Renate; und doch war es Andis Freund Willi, der seinen Tod herbeiführte, und das kam so unerwartet, wie Schicksalsschläge sind.

Die Clique war an diesem Spätsommertag im Wald herumgestreunt. Sie hatten im Geäst von Bäumen ihre Kunststücke gezeigt, auch ein bisschen gewildert – wie immer erfolglos – und schließlich ‚ihre‘ Teiche besucht, kleine mit Wasser gefüllte Bombenkrater aus dem 2. Weltkrieg, in denen merkwürdige Pflanzen wuchsen und geheimnisvolle Tiere lebten. Gegen Abend waren die Kinder müde, und ihre Spiele wurden ruhiger. Im Tannenwald, schoben sie auf einer kleinen Lichtung herumliegende Zweige und Holzstücke zusammen und entzündeten ein Feuer, obwohl es seit Langem trocken war. Dann saßen und lagen sie um das Feuer herum, und Benni erzählte eines seiner Wahnsinnsabenteuer aus der Schule. Er war der geborene Erzähler und bei allen Mädchen beliebt, obwohl er einer der Jüngsten war. Das passte nicht allen Buben, die sich dauernd Neues einfallen lassen mussten, um auch etwas weibliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Herbert kramte eine Schnur aus der Tasche und wollte sich wichtigmachen. „He, Leute“, sagte er, „keiner kann mich so fesseln, dass ich die Fesseln danach nicht mehr aufbekomme.“

Helga und Renate wetteten sofort dagegen. Sie schlossen ihre Wette mit Fauststößen ab, und Raffi, Leo und Benni fesselten Herbert an Händen und Füßen. Dann drehten sich alle von ihm weg und zählten bis 20. Als sie sich umwandten, stand Herbert bereits neben dem Feuer und hielt die gelösten Schnüre in der Hand.

„Hej“, sagte Leo, „ist ja echt krass!“

„Kann jeder“, gab Herbert zurück.

„Lass mich auch mal versuchen“, sagte Andi.

„Soll ich dir den Trick ins Ohr flüstern?“, fragte Herbert.

„Nö“, antwortete Andi, „zuerst versuch ich’s selbst.“

„Okay“, stimmte Herbert zu, „versuch’s nur.“

Helga und Willi fesselten Andi, dann drehten sich alle wieder von ihm weg und wollten eben zu zählen beginnen, als ein markerschütternder Schrei aus dem nahen Dickicht ertönte, dem sogleich ein zweiter und ein dritter folgte, jeder aus einer anderen Richtung. Schreie, die ihnen einen Schauer über den Rücken jagten. Sie waren sich nicht sicher, in welche Richtung sie davonlaufen sollten, weil die Schreie von allen Seiten gekommen waren, und zögerten noch. Doch ein vierter Schrei brachte sie dann in Bewegung. Den Anfang machte Raffi, und alle rannten hinter ihr her.

Nur einer nicht, das war Andi, denn der war gefesselt. In der Aufregung riss und zerrte er an den Schnüren, doch die lösten sich nicht, wie zuvor bei Herbert. Nach weiteren Versuchen tat es weh und Andi gab auf. „Ich warte, bis die wiederkommen“, dachte er. Das war nicht ganz falsch gedacht, doch der Finger der Schicksalsfrau wies schon in eine andere Richtung.

Auf die Schreie aus dem Dickicht und die Flucht der Kinder war tiefe Stille gefolgt, und das fand Andi schon mal gut; aber im Augenblick machte ihm das Feuer Sorgen, denn es erfasste das bisher verschont gebliebene Kleinholz um den Feuerkern herum und fraß sich langsam nach außen. Andi konnte nichts tun als zusehen, wie die Flammen immer größer wurden, mehr und mehr Nadeln und Holz erfassten und sich ausbreiteten. Weil die Clique viel Erfahrung mit Feuermachen hatte und ein kleines Feuer gut unter Kontrolle zu halten war, hatte keiner für nötig gefunden, das Brennmaterial aus der Umgebung des Feuerkerns zu entfernen. Und so lagen Nadeln, Zweige und Äste herum, und das Zeug war relativ trocken, denn es hatte ja wochenlang nicht geregnet. Das Feuer wuchs.

Andi ließ sich kippen und versuchte seitlich davonzurollen, doch das war mit den Fesseln nicht möglich. Er kam nicht weit genug vom Feuer weg. Dieses bekam allmählich Biss. Sogar ein alter Stamm, auf dem vor kurzem noch einige aus der Clique gesessen hatten, fing jetzt an zu brennen. Welche Ungeheuer zuvor auch in den Büschen geschrien haben mochten, Andi brauchte jetzt ihre Hilfe und rief und schrie um Beistand. Er kam mit seinen gebundenen Händen und Füßen nicht über die herumliegenden Zweige und Äste weg und konnte die höher leckenden Flammen nicht löschen. Als das Feuer ihm näher kam, schrie er wie noch nie in seinem dreizehnjährigen Leben, doch das änderte nichts an der Unerbittlichkeit der Flammen.

Die Kinderschar war ein großes Stück des Weges panisch dahingerannt, und die Angst hatte sie stets von neuem angetrieben. Doch der Schrecken war noch nicht vorbei, denn die Kreaturen, die geschrien hatten, schienen sie zu verfolgen. Immer wieder ertönten diese fürchterlichen Schreie, und oft sogar ziemlich nah hinter ihnen. Zuletzt rannten sie wieder völlig kopflos Richtung Siedlung, wo sie nach gut einer halben Stunde ankamen. In ihrer Verstörtheit sagten sie einander nicht einmal Ade, sondern machten, dass sie hinter die eigene Haustür gelangten, die sie erleichtert schlossen.

Die Nacht begann ganz ruhig und alles war wie immer. Die Gemüter der acht Waldläufer beruhigten sich allmählich, und sie vergaßen die gespenstischen Schreie und das durch sie hervorgerufene Entsetzen. Als sie am späten Abend zu Bett gingen, war es dunkel und friedlich.

Keiner dachte mehr an Andi.

Doch die Stille hielt nicht an. Gegen 2 Uhr nachts war in der Ferne das Tuten einer Feuerwehr zu hören. Und dann ein zweites Signalhorn. Und ein drittes. Was war da los? Eine vierte Feuerwehr jagte auf der Leonberger Straße in Sichtweite vorüber. Und dann weitere Signalhörner, ein ganzes Geschwader musste unterwegs sein!

Jetzt waren die meisten Leute der Siedlung wach, standen an den offenen Fenstern und rochen auch schon den feinen Brandgeruch in der Luft. Wer von seiner Wohnung aus den Blick zum Wald hin hatte, sah einen schwarzroten Flackerschein in der Ferne am Himmel. „Der Wald brennt“, rief der Vater. Der Ruf pflanzte sich fort und ging durch die ganze Siedlung. Man zog sich schnell die Kleider an, „vorsichtshalber“, denn die Siedlung war von Wald umgeben.

Draußen vor den Häusern unterhielten sich Erwachsene und Jugendliche halblaut miteinander und tauschten Spekulationen aus. Der Brandgeruch nahm zu. Jetzt heulten auch Polizeisirenen. Mehrere Martinshörner näherten sich der Siedlung und hielten unten an der Sperlingstraße an.

Ein Megaphon knarzte und piepte. Dann ertönte eine metallische Stimme: „Achtung! Achtung! Fünf Kilometer von hier steht der Wald in Flammen. Es ist nicht auszuschließen, dass der Brand die Siedlung erreicht. Auch besteht erhöhte Gefahr durch den Rauch. Sie müssen Ihre Häuser verlassen – jawohl, alle, und zwar sofort! Zum Kofferpacken ist keine Zeit mehr! Greifen Sie meinetwegen nach Brieftasche und den wichtigsten Papieren, aber fangen Sie nicht an zu packen! Verlassen Sie sofort Ihre Häuser! Wahrscheinlich ist es nur für wenige Stunden, dann hat die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle. Es ist ernst! Wenn Sie aus dem Fenster Richtung Leonberger Straße schauen, sehen Sie die Polizeiwagen auf der Sperlingstraße stehen. Retten Sie sich! In fünf Minuten werden die ersten Polizeikontrollen bei den Häusern beginnen. Ich wiederhole …“

Jetzt kam auf einmal Bewegung in die Gaffer. Man rannte zurück ins Haus, riss ein paar wichtige Sachen aus den Schubladen, stopfte sie in irgendwelche Taschen und Tüten und jagte aus dem Haus und den Hang hinunter, der Böblingerstraße zu, die am weitesten vom Wald entfernt lag. Innerhalb kürzester Zeit strömte eine Menschenmenge von fast 200 Leuten die Treppen am Sandweg und die Heslacher Wand hinab, über die Leonbergerstraße hinüber und weiter hangabwärts, die meisten quer durch die Skiwiese bis zu den Gleisen der Straßenbahn unten auf der Böblinger Straße.

Als nur noch einzelne Einwohner nachkamen und die Rufe und Gespräche leiser geworden waren, hörte man aus der Menschenmenge einen Mann und eine Frau durch die Nacht rufen: „Andreas!“ Zwischendrin auch zwei Kinderstimmen: „Andi!“ Die Stimme der Frau wurde mit jedem Rufen panischer.

Wer jetzt nach Norden zum nächtlichen Wald hoch sah, nahm über der schwarzen Silhouette einen unheimlichen Flackerschein wahr, der sich im Wolkendunst am Himmel gespenstisch zuckend spiegelte.

Andis Vater, der den Namen gerufen hatte, entdeckte in der Menge Herbert Blume, einen der Freunde seines Sohnes. „Weißt du, wo Andi ist?“, fragte er.

„Nein.“

„Fragst du mal die anderen?“

„Mach ich.“

Herbert holte tief Luft und brüllte: „Willi! Leo! Benni!“

Irgendwoher aus der Menge tönte laut eine Antwort: „Ja! Hab’s...



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