E-Book, Deutsch
Dützer Die blinde Zeugin
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98637-653-6
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch
ISBN: 978-3-98637-653-6
Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wie weit werden sie gehen, um ihre Geheimnisse zu wahren?
Der spannende Krimi um einen Privatdetektiven und die Suche nach der Wahrheit
Als die junge Trickdiebin Samantha Baring Zeugin eines Mordes wird, ist auch ihr eigenes Leben in Gefahr. Bei der Polizei kann sie keine Hilfe suchen, denn ihre Gegner sind mächtige Männer, die selbst die Gesetzeshüter in der Hand haben. Deshalb wendet sie sich an abgebrannten Privatdetektiv Jan Stettner, der ebenfalls schon Erfahrung mit Korruption in den Reihen der Mordkommission gesammelt hat. Stettner nimmt den Fall zunächst nur widerwillig an, doch schon bald stößt er auf mehr als nur eine Leiche und das geballte Schweigen einer eingeschworenen Dorfgemeinschaft. Können er und Sammy die dunklen Geheimnisse lüften, bevor sie noch mehr Opfer fordern?
Erste Leser:innenstimmen
„Hervorragender Krimi rund um Macht, Geld und Korruption.“
„Fesselt sofort an die Seiten und lässt nicht mehr los – wie ich es von Volker Dützer gewohnt bin!“
„Extrem spannender und rasanter Kriminalroman, großes Lob für den Schreibstil!“
„Hier wird mitreißende Ermittlungsarbeit und eine gut durchdachte Story mit einigen Wendungen geboten.“
Volker Dützer, geboren 1964, lebt und arbeitet im Westerwald. Die Bandbreite seiner Romane reicht vom lupenreinen Kriminalroman über Science-Thriller bis zur Horror-Kurzgeschichte.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
Dienstag, 20. August
Was für ein riesiger Haufen Geld. Sauber gestapelte Bündel mit bunten Scheinen, Euro, Dollar, sogar Yen waren dabei. Daneben glänzten in Folie eingeschweißte Krügerrand-Goldmünzen, angelaufene Silbertaler und winzige Barren aus einem weiß schimmernden Metall. War das etwa Platin? In den mit Samt ausgelegten Mahagonikästen und Stahlkassetten lockten weitere erlesene Kostbarkeiten: Colliers, Ringe und Rohdiamanten in flauschigen Stoffbeuteln.
Volltreffer! Mann, das war ein absoluter Volltreffer. Puh! Die Vorstellung, in den knisternden Scheinchen zu wühlen und bis zum Hals im Geld zu baden, war besser, als auf ihrer Kawasaki die Haarnadelkurven im Lahntal entlangzurasen. Sie war entschieden besser als Champagnertröpfchen, die kitzelnd am Gaumen zerplatzten, sogar besser als Sex. Samantha Baring, in Gaunerkreisen kurz genannt, brauchte nur die Hände auszustrecken, um sich die Taschen vollzustopfen. Sie war reich! Reich! So reich, dass für diesen Zustand noch kein Wort erfunden worden war. Wie sie das Kurhotel verlassen konnte, ohne die argwöhnischen Blicke des Personals auf sich zu ziehen, hatte sie bereits ausgekundschaftet. Der Rest war ein Kinderspiel.
Blieben nur noch zwei Probleme zu lösen: Ihre Hände waren mit einem zähen Klebeband an das Rohrgestell eines Bürodrehstuhls gefesselt, und in ihrem Mund steckte ein Knebel, der sie zu ersticken drohte. Wütend starrte sie auf den geöffneten Hoteltresor und die beiden Männer, die sich die Rosinen aus dem Millionenkuchen herauspickten, den Sammy angeschnitten hatte. Methodisch füllten sie einen stabilen Samsonitekoffer bis zum Rand mit gebündelten Banknoten, handlichen Goldbarren und Edelsteinen.
Der riesenhafte Mann mit dem gespaltenen Kinn gehörte wie sein drahtiger rothaariger Kumpel zur Truppe professioneller Wachmänner, die die Hotelleitung zum Schutz der illustren Gäste angeheuert hatte. Seit zwei Tagen fanden in der Kurstadt die Bad Emser Mineralientage statt; eine Veranstaltung, die Edelsteinhändler und Schmuckdesigner ebenso anlockte wie Esoteriker, die nach Kristallschädeln und ähnlichem teuren Plunder Ausschau hielten. Die Hotellobbys waren überfüllt mit den oberen Zehntausend der Republik und ihren in verschwenderischen Reichtum gehüllten Begleiterinnen. Allerdings suchten auch gewitzte Diebe und Trickbetrüger die Stadt an der Lahn heim, unter ihnen zwei Männer in anthrazitfarbenen Maßanzügen, die sich mit gefälschten Ausweisen als Angestellte einer Securityfirma ausgaben.
Wütend zerrte Sammy an ihren Fesseln. Warum nur war sie das hohe Risiko eingegangen? Bisher hatte sie sich mit ihrer speziellen Masche auf Partys, Empfänge und Volksfeste beschränkt. Die Beute, die sie ergaunern konnte, war stets gering genug, um keinen allzu heftigen Lärm zu entfachen; aber trotzdem groß genug, um damit über die Runden zu kommen.
Der Verlockung, an einem einzigen Abend den Jackpot zu knacken, hatte sie nicht widerstehen können. Aber erst jetzt wurde ihr schmerzlich bewusst, dass dieser Diebeszug eine Nummer zu groß für sie gewesen war.
Der Mann mit dem gespaltenen Kinn klappte den Koffer zu und redete gestikulierend auf seinen Kumpel ein. Sammy verstand kein Wort, es klang wie Russisch oder Polnisch. In ihrem Bauch breitete sich Panik aus wie ein Hornissenschwarm. Sie glaubte noch immer daran, dass ihr cleverer Plan funktioniert hätte. Dass sie im Tresorraum des Kurhotels der Russenmafia über den Weg lief, war mehr als ein böser Zufall und glich einer schallenden Ohrfeige des Schicksals.
Der Rothaarige mit der Statur eines Wiesels ließ die Safetür zuschnappen, lief an Sammy vorbei und steckte die Nase durch den Türspalt an der Rückwand des Raumes. Offenbar war sie nicht die Einzige, die sich mit dem Grundriss des Hotels neben dem Spielcasino vertraut gemacht hatte. Sammys Hoffnung, dass die Diebe mit ihrer Beute verschwanden und sie als Bauernopfer zurückließen, erfüllte sich nicht. Mit einem Springmesser zerschnitt der Kleine ihre Fesseln. Sein Kumpel zerrte sie hoch und umwickelte ihre Handgelenke mit einem zähen Gewebeband. Das Wiesel schnappte sich den Koffer; dann hakten sie Sammy unter und schleiften sie in den Korridor hinter dem Tresorraum. Von dort führte eine Treppe in die Kellerräume. Zielsicher sperrten sie eine Feuerschutztür auf und stießen Sammy in den nach Schimmel und Moder stinkenden Keller. Eine verdreckte Glühbirne tauchte den Raum in trübes Licht und riss verstaubte Aktenschränke aus dem Dunkel.
Das Wiesel drückte sie auf einen Hocker, dann wuchteten die Diebe schwitzend eine rostige Eisenplatte von einer Öffnung im Boden. In dem trüben Licht schillerte übel riechendes Wasser an den Wänden eines Schachtes, Steigeisen führten in die Tiefe. Das war also der Abwasserkanal, durch den sie sich hatte aus dem Staub machen wollen. Eine wirklich tolle Idee. Herzlichen Glückwunsch, Sammy! Sie verfluchte ihre Gier und schwor sich, endlich einem ehrlichen Job nachzugehen, wenn sie dieses eine Mal noch davonkam.
Der Riese riss den Klebestreifen von ihrem Mund und befreite sie von dem Knebel. Hier unten hörte ohnehin niemand ihre Hilferufe.
Das Wiesel setzte sich auf einen umgedrehten Papierkorb und grinste sie an. „Wir haben dich den ganzen Abend beobachtet. Und wir wissen immer noch nicht, wie du das angestellt hast.“
Sammy legte den Kopf schief und pustete eine vorwitzige Locke aus der Stirn. „Was denn angestellt?“
Der Russe riss sie an den Haaren zurück und presste seine Hand um ihre Kehle. „Verarsch uns nicht. Zehn Minuten nachdem du hast angemacht den Direktor von Hotel, du hast geöffnet Safe ohne Problem. Woher weißt du Kombination?“
Sammys Gedanken rasten. Die Kerle hatten sie die ganze Zeit beobachtet. Wahrscheinlich verstanden sie nicht genug Deutsch, um ihren Trick zu durchschauen. Ihre Methode, mit der sie einem potenziellen Opfer in kurzer Zeit die Geheimzahlen seiner Kreditkarten entlocken konnte, war für die beiden Verbrecher von allergrößtem Wert.
„Ihr habt, was ihr wollt, also haut schon ab. Kümmert euch nicht um mich, ich komme schon klar“, sagte sie.
Der Riese tippte an ihre Stirn. „Bist schlaues Mädchen. Kopf ist mehr wert als Beute aus Safe. Warum hat Direktor dir verraten Code?“
„Ich hab keine Ahnung, wovon du redest.“
„Wird dir schnell wieder einfallen.“ Seine Lippen waren jetzt dicht an ihrem Ohr. „Sag mir, was will kleines blondes Mädchen mit so viel Geld?“
Sie bog ihren Kopf zur Seite, um seinem nach Knoblauch und Wodka stinkendem Atem zu entgehen. „Der Tresor stand offen, als ich das Zimmer betrat.“
Das Wiesel lachte meckernd und ließ die Klinge seines Stiletts aufschnappen. „Und ich passe hier auf, dass niemand was klaut. Für jede falsche Antwort verlierst du ab sofort einen Finger. Also überleg dir gut, was du uns als Nächstes erzählst.“
Sammy geriet in Panik. Auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, erschien ihr plötzlich überaus verlockend. Kellnern, Putzen oder Taxi fahren, das hatte sie sich eigentlich schon immer gewünscht.
Lieber Gott, wenn ich mit heiler Haut aus diesem Loch herauskomme, will ich brav sein. Ich verspreche es.
Der Riese hob sie hoch, als wöge sie nicht mehr als eine Barbiepuppe, zog eine Schublade aus einem Aktenschrank und klemmte blitzschnell ihren Arm ein. Unter seinem Jackett zeichnete sich ein gewaltiger Bizeps ab. Gegen seine rohe Kraft konnte Sammy nichts ausrichten.
„Zeig uns Trick. Sei liebes Mädchen. Mit Narben in Gesicht du wirst sehr hässlich aussehen!“
Auf dem Gang vor dem Keller näherten sich Schritte. Jemand hustete und kam die Treppe herunter. Der Russe drückte ihr seine schwielige Hand auf Mund und Nase. Sammy würgte angeekelt und wand sich unter seinem Griff.
Draußen rief jemand einen Namen, eine Stimme antwortete gelangweilt, Flaschen klirrten, und die Schritte entfernten sich wieder.
Der Kleine klappte sein Messer zu. „Wir nehmen sie mit. Ist zu gefährlich hier.“ Geschickt kletterte er an den Steigeisen nach unten.
Sein Kumpel reichte ihm den Geldkoffer, stieß Sammy in das Loch und folgte ihr dann. Der Schacht war knapp zwei Meter tief. Sammy landete im knietiefen, nach Fäulnis stinkenden Flusswasser.
Der Russe stieß sie in das Tonnengewölbe des Abwasserkanals, der nach etwa zwanzig Metern am Fuß der Stützmauer unterhalb der Straße ins Freie mündete. Die Natriumdampflampen auf der Uferpromenade warfen goldene Reflexe auf das schwarze Wasser der Lahn. Dicht über Sammys Kopf nahm das Nachtleben von Bad Ems seinen Lauf, unbeeindruckt von dem Drama, das sich wenige Meter entfernt abspielte. Spaziergänger flanierten scherzend die Promenade entlang, der Autoverkehr rollte zähflüssig am Kurhotel vorbei. Jemand hupte, ein Hund kläffte nervtötend. Irgendwo erklang das Lachen einer hellen Frauenstimme, so nah und doch unerreichbar für Sammy.
Die Männer zerrten sie ein Stück den schmalen Kiesstrand entlang. Das Wiesel hetzte eine Treppe hinauf, verschwand in der Dunkelheit und tauchte kurz darauf winkend wieder auf. Der Russe trieb sie die Steinstufen hinauf. Die Treppe endete gegenüber dem Casino, vor dessen Eingang sich eine Menschentraube gebildet hatte. Wer gute Geschäfte abgeschlossen hatte, gönnte sich in der warmen Sommernacht den Kitzel des Spiels. Auch Sammy spielte mit. Und sie riskierte den höchstmöglichen Einsatz: ihr Leben.
Die Entführer nutzten den Trubel aus, um Sammy an Bord eines rostigen Hausbootes zu schleppen, das an einem der Landestege lag. Der Russe brach die Tür zur Hauptkabine auf und polterte die Stiege hinab. Sein Kumpel stellte den Koffer ab, beobachtete misstrauisch die hell beleuchtete Uferpromenade und zog Sammy in...




