E-Book, Deutsch, Band 3, 606 Seiten
Reihe: Hannah Bloch
Dützer Die Unerhörten
2023
ISBN: 978-3-8392-7660-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 606 Seiten
Reihe: Hannah Bloch
ISBN: 978-3-8392-7660-0
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Volker Dützer wurde 1964 geboren und schreibt Thriller und Kriminalromane. Nach 'Die Unwerten' und 'Die Ungerächten' erscheint mit 'Die Unerhörten' der dritte und letzte Band der Trilogie um Hannah Bloch.
Autoren/Hrsg.
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Prolog
Frankfurt am Main, 1949
Der 13. April war für die meisten Frankfurter ein Tag wie jeder andere. Für Hannah Bloch sollte er eine Entscheidung bringen, der sie seit einem Jahr entgegenfieberte.
Hannah schlug den Kragen ihres Mantels hoch, um sich vor dem für diese Jahreszeit ungewöhnlich kalten Wind zu schützen. Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte an der Sandsteinfassade des Oberlandesgerichts empor. Ein Fenster im Obergeschoss weckte beklemmende Erinnerungen. In diesem Büro war sie Staatsanwalt Harald Lenz zum ersten Mal begegnet, dem Mann, der so viel Leid über sie gebracht hatte.
Sie dachte an den Schock, den sein Anblick damals bei ihr ausgelöst hatte. Harry war ein Ebenbild ihrer großen Liebe Hans gewesen, den die Nazis ermordet hatten. Wie naiv und unerfahren sie doch gewesen war. Harry hatte es geschickt verstanden, ihr mit seinem unwiderstehlichen Charme den Kopf zu verdrehen. Max Pohl – ihr früherer Geschäftspartner und väterlicher Freund – hatte sie gewarnt, aber sie hatte nicht auf ihn hören wollen und war bald regelmäßig mit Harry ausgegangen. Das Unheil hatte seinen Lauf genommen, ohne dass Hannah ahnte, einem krankhaft eifersüchtigen Egomanen eine Tür in ihr Leben geöffnet zu haben.
Zehn Monate später hatte sie ein Mädchen zur Welt gebracht; ein Kind, das sie niemals im Arm gehalten hatte. Harry hatte dafür gesorgt, dass ihr Malisha fortgenommen wurde – ihr, der verrückten Hannah, die unter epileptischen Anfällen litt, die unerwartet kamen und gingen. Der verantwortungslosen Hannah, die sich weigerte, ein braves Mädchen zu sein und zu tun, was man von ihr erwartete: Harry zu heiraten. Gerade noch rechtzeitig war sie dem goldenen Käfig entkommen, in den er sie hatte sperren wollen.
Für ihre Standhaftigkeit hatte sie einen hohen Preis bezahlt, doch der Tag war nun nicht mehr fern, an dem sie die kleine Malisha würde heimholen können. Hannah hatte viele aussichtslose Kämpfe ausgetragen und Siege errungen, die sich wie Niederlagen angefühlt hatten. Sie hatte Freunde verloren und mehr als einmal vor dem Nichts gestanden. Aufgegeben hatte sie nie. Auch diesmal würde sie erfolgreich sein, sie musste einfach. Die Vorstellung, dass es ihr nicht gelingen könnte, ihr Kind endlich in die Arme zu schließen, verbannte sie aus ihren Gedanken.
»Du siehst gut aus«, sagte Scott, »wie jemand, der bekommt, was er will.«
Hannah prüfte kritisch ihr schemenhaftes Spiegelbild in der Fensterscheibe des Eingangsportals. Sie versuchte sich zu entspannen und musste bei dem Gedanken daran, dass sie nun nicht mehr Bloch, sondern Young hieß, unwillkürlich lächeln. Scott war da, wenn sie ihn brauchte, auf ihn konnte sie sich verlassen. Ihr frischgebackener Ehemann hatte darauf bestanden, dass sie sich konservativ kleidete. In dem hellgrauen Kostüm mit dem knielangen Rock, den dezenten Nylons und den schwarzen Schuhen fühlte sie sich um Jahre älter, als sie war. Der schräg sitzende, dunkle Hut machte die Verwandlung komplett. Missbilligend verzog sie den Mund.
»Sei unbesorgt, kein noch so verknöcherter Richter kann an deinem Erscheinungsbild etwas aussetzen«, fügte Scott hinzu.
Hannah rieb ihre kalten Hände aneinander. »Ich sehe aus wie meine eigene Großmutter.«
Scott lachte. Er trug eine olivgrüne Eisenhower-Jacke über einem Flanellhemd und dazu eine beigefarbene Hose mit messerscharfen Bügelfalten.
»Ich bin sicher, sie war eine wunderschöne Frau«, sagte er.
»Pffh.«
»Wir müssen dem Richter beweisen, dass du deine Vergangenheit hinter dir gelassen hast«, erklärte er. »Die wilden Zeiten sind vorbei, Hannah Bloch ist erwachsen geworden, pflichtbewusst und gesetzestreu. Jemand, dem man jederzeit ein Kind anvertrauen würde.«
»Und du glaubst, ein Paar klobige Schuhe und ein züchtiger Rock reichen aus, um ihn zu überzeugen?«
»Kleider machen Leute. Deine Garderobe wird auf jeden Fall dazu beitragen, ihn zu beeindrucken.«
Hannah war weniger zuversichtlich. Sie fühlte sich unwohl in den steifen Sachen und kam sich vor, als spielte sie jemanden, der sie nicht war.
Scott seufzte und fasste sie bei den Schultern. Stets schien er ihre Gedanken zu lesen. »Du musst diese Rolle nur eine halbe Stunde lang durchhalten.«
»Und wenn der Richter die Maskerade durchschaut und gegen mich entscheidet?«
»Das wird er nicht. Elmar Bär ist überzeugt, dass diesmal nichts schiefgehen kann.«
Hannah nickte zerstreut. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Sie blickte die Straße entlang und hielt Ausschau nach dem Rechtsanwalt, der den Antrag auf Prüfung des Sorgerechts gestellt hatte und für den wichtigen Termin eigens aus Köln anreisen wollte.
Scott steckte sich eine Chesterfield an und sah auf seine Armbanduhr. »Keine Sorge, er wird rechtzeitig hier sein.«
Sie teilte seine Gelassenheit nicht, Bär hatte sie schon einmal im Stich gelassen. Ihre Gedanken wanderten in der Zeit zurück. Wieder saß sie in dem mit Akten und Papieren vollgestopften Hinterhofbüro in Köln. Es kam ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen. Mit den Stiefeln auf der zerkratzten Schreibtischplatte schaukelte ihre Freundin Ruth auf dem Stuhl neben ihr und hörte mit finsterer Miene Bärs Ausflüchten zu.
Der Anwalt sollte das psychiatrische Gutachten entkräften, das Hannah die Eignung absprach, für ihr Kind zu sorgen. Ruth hatte behauptet, Bär könne auch Goebbels erfolgreich verteidigen, hätte der sich nicht vorher umgebracht. Doch der beleibte Rechtsanwalt hatte überraschend einen Rückzieher gemacht. Grund dafür waren die Drohungen alter NS-Seilschaften. Bär hatte Hannah die in eine Hakenkreuzbinde gewickelte Gewehrpatrone präsentiert, die ein anonymer Absender ihm geschickt hatte, und es abgelehnt, für sie tätig zu werden.
Sie ahnte, dass Harry hinter der Warnung steckte, hatte es jedoch nie beweisen können. Er war zu jung, um im NS-Terrorapparat eine Rolle gespielt zu haben, aber zweifelsohne ein Opportunist. Stets hängte er sein Fähnchen nach dem Wind und ließ sich auch mit dem Teufel auf einen Kuhhandel ein, wenn er einen Nutzen daraus ziehen konnte.
Seit damals war ein Jahr vergangen. Vor zehn Tagen hatte Bär Hannah überraschend angerufen und ihr angeboten, im Sorgerechtsstreit um Malisha einen neuen Anlauf zu starten. Was ihn wohl dazu bewogen hatte, seine Meinung zu ändern?
In diesem Augenblick bog der Anwalt um die Ecke des Gerichtsgebäudes und kam schnaufend auf sie zu. Er schleppte einen schweren Aktenkoffer und schwitzte trotz der frischen Morgenluft. Sein Doppelkinn schwang bei jedem seiner schaukelnden Schritte hin und her. Ächzend wechselte er den Koffer in die linke Hand und reichte Hannah die rechte.
»Freut mich, Sie wiederzusehen, Fräulein Bloch. Mein Zug hatte Verspätung, tut mir leid.«
»Young. Ich heiße jetzt Young.«
»Ah ja, richtig.« Er begrüßte Scott. »Ihre Heirat wird für uns von Vorteil sein. Wir sind etwas spät dran, wollen wir?«
Hannah und Scott stiegen hinter ihm die Stufen zum Eingangsportal hinauf. Bär erkundigte sich an einem Empfangsschalter und orientierte sich dann an den Hinweisschildern in der Halle. »Ich denke, wir müssen dort entlang«, erklärte er.
Seine Sohlen quietschten auf dem gefliesten Boden. Irgendwo schlug eine Tür zu, der Knall hallte wie ein Pistolenschuss durch die Korridore. Hannah zuckte bei dem Geräusch zusammen. Sie fühlte sich zurückversetzt in die Villa – die Frankfurter Gestapozentrale mit ihren nach Angst und Blut stinkenden Zellen und Verhörräumen im Untergeschoss. In einem dieser Keller war Hannahs Mutter, der die kleine Malisha ihren Namen verdankte, an den Folgen der Folterungen gestorben.
»Vor einem Jahr lehnten Sie es ab, mich zu vertreten, weil Sie bedroht wurden«, sagte Hannah. »Warum haben Sie Ihre Meinung jetzt geändert?«
»Ihre Frage ist berechtigt«, antwortete Bär. »Ich will Sie gerne beantworten. Wie Sie wissen, hatten wir eine gemeinsame Freundin.«
»Sie meinen Ruth Obermayer?«
»Genau die. Ich erfuhr erst vor zwei Wochen von ihrem Tod. Die Nachricht hat mich sehr getroffen. Mit meiner Weigerung, Ihren Fall weiterzuverfolgen, habe ich Ruth damals tief enttäuscht. Ich kann ihren Tod nicht ungeschehen machen, aber es war ihr Wunsch, dass ich Ihnen beistehe, und dem werde ich nun entsprechen. Ich bin es ihr schuldig.«
Hannah wollte entgegnen, dass Bär seine Chance besser genutzt hätte, als Ruth noch gelebt hatte, aber Scott drückte sanft ihren Arm. Er wusste, wie impulsiv sie reagieren konnte. Bär stand auf ihrer Seite, sie sollte ihn nicht vergraulen.
»Der Vormundschaftsrichter hat das psychiatrische Gutachten, das ich damals teuer bezahlt habe, nicht akzeptiert«, sagte sie stattdessen. »Harry hat vermutlich seinen ganzen Einfluss in die Waagschale geworfen, um das zu erreichen. Warum sollte es heute besser für mich laufen als vor einem Jahr?«
Der Anwalt funkelte sie aus listigen kleinen Augen an und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
»Es hat sich einiges geändert. Harald Lenz hat sich selbst diskreditiert, in dem er Fluchthilfe für gesuchte Kriegsverbrecher geleistet und dafür abkassiert hat. Ob er sich auch im Sinne des Gesetzes strafbar gemacht hat, ist im Augenblick Gegenstand einer internen Untersuchung. Sein Stuhl in der Staatsanwaltschaft wackelt, Lenz hat massiv an Einfluss verloren.«
»Der Richter wird derselbe sein, oder?«
Bär nickte. »Das will ich doch hoffen. Hoffmann wird Ihnen sehr gewogen sein.«
Hannah blickte ihn zweifelnd an. »Es...




