E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Dugaro / Ustorf Mauerpost
Originalausgabe 2019
ISBN: 978-3-641-22791-3
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
ISBN: 978-3-641-22791-3
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Berlin, 1988: Julia ist fünfzehn Jahre alt und lebt im Osten der Stadt, direkt an der Mauer. Ihre Nachbarin „Oma Ursel“ vermittelt ihr eine Brieffreundschaft mit der dreizehnjährigen Ines aus Westberlin, Ursels Enkelin. Doch die Brieffreundschaft muss streng geheim bleiben: Julias Vater duldet keine Westkontakte und Ines‘ Mutter will nichts mehr zu tun haben mit dem Staat, aus dem sie einst floh. Brief für Brief kommen Ines und Julia einem großen Familiengeheimnis auf die Spur …
Autoren/Hrsg.
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Wilhelmsruh, 7.7.1989
Liebe Ines,
wir müssen noch vorsichtiger sein. Christa wurde an der Grenze durchsucht. Ich hab’ richtig Angst, seit Oma Ursel mir das erzählt hat. Sie haben den Brief nicht gefunden, weil sie ihn ja wie immer gut versteckt hatte. Ihre ganze Tasche haben sie umgestülpt. Und in die Schuhe haben sie auch gesehen. Nur eine alte Rechnung haben sie aus ihrer Handtasche gezogen und sehr lange studiert. Aber was, wenn sie Christa jetzt einfach im Auge behalten? Wir müssen uns irgendwas überlegen. Vielleicht gibt es noch jemand anderen, der die Briefe über die Grenze bringen könnte. Vielleicht wenigstens jedes zweite Mal. Fällt Dir da jemand ein? Christa war auf jeden Fall wohl ganz schön durcheinander. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie den Brief gefunden hätten. Vielleicht ist Deine Idee mit einer Geheimsprache nicht verkehrt. Wir werden sie vielleicht schon bald brauchen. Aber nicht nur das. Auch einen geheimen Ort für unsere Briefe. Ich bin nämlich nicht sicher, ob wir Oma Ursel noch länger als Briefempfängerin nutzen sollten. Sonst passiert auch ihr noch was. Wir müssen Christa bitten, die Briefe irgendwo zu verstecken. An einem Ort, den sie Ursel mitteilt, und an dem ich sie dann finden kann. Niemand soll etwas bei Ursel entdecken können.
Dein Vater sagte doch vor Kurzem, dass die DDR die politischen Veränderungen nicht überleben wird – darüber denke ich seitdem nach. Was Gorbatschow bei seinem Besuch im Juni meinte, dass jeder Staat das Recht hat, das eigene politische und soziale System frei zu wählen, macht hier vielen Mut. Tinas Eltern zum Beispiel, die hoffen, dass ihr Ausreiseantrag jetzt schneller bewilligt wird. Und auch Uwe, der die Hoffnung nicht aufgibt, dass die DDR eine bessere DDR sein kann. Aber heißt es nicht auch, dass, wenn unser Staat den Sozialismus gewählt hat, dass das eben unsere Entscheidung ist? Dass wir dann damit leben müssen oder vielleicht auch wollen?
Uwe sagt, dass wir es eben nicht frei gewählt hätten, weil es hier keine freien Wahlen gäbe. Aber wer hat es dann gewählt? Haben nicht die Gründer der DDR den Sozialismus für die beste Staatsform gehalten? Und ist es dann nicht deshalb richtig? Ich bin ein wenig ratlos, wie Du merkst. Mit meinen Eltern kann ich nicht darüber reden. Mit Mutti vielleicht schon, aber nicht, wenn mein Vater da ist. Und wann soll das bitte sein?
Aber neulich habe ich gesehen, dass Mutti Westfernsehen guckt. Ich bin nachts nochmal aufgestanden, weil ich Durst hatte. Kommt eigentlich nie vor, aber es war so heiß in der Nacht. Da konnte ich sehen, dass ein Lichtstrahl aus dem Wohnzimmer in den Flur fiel. Und als ich näher kam, hörte ich – ganz leise – einen mir unbekannten Nachrichtensprecher.
Keine Ahnung, wie lange sie das schon macht. Aber sie wirkte nicht so, als würde sie das zum ersten Mal gucken, sondern eher so, als würde sie das jede Nacht machen. Die Füße hatte sie auf den Tisch gelegt. Ich konnte das Loch in ihrer linken Socke genau sehen. Zum Glück hat sie mich nicht gehört.
Ich bin also nicht die Einzige in der Familie, die Westfernsehen guckt. Meiner Mutter scheint es auch nicht mehr zu genügen, die »Aktuelle Kamera« zu sehen. Mein Vater ahnt sicher nichts. Wenn der schläft, dann schläft er. Da kann eine Kuh durchs Zimmer laufen. Der wird nicht wach.
Mir gegenüber tut Mutti immer sehr pflichtbewusst, aber ich glaube, bei ihr verändert sich da grade was. Seit immer mehr Kollegen nicht mehr aus dem Ungarn-Urlaub zurückkommen, muss sie noch mehr arbeiten. Sie beklagt sich nicht, aber ich merke, dass sie wütend ist. Nicht auf die Kollegen, sondern auf die Partei. Das sagt sie natürlich nicht so direkt, aber neulich beim Abendbrot ist ihr dann doch was rausgerutscht. »Und, was sagt ihr nun?«, hat sie meinen Vater angezischt. Keine Ahnung, was sie mit »ihr« meint. Schließlich ist er ja auch nur ein ganz normaler Polizist und nicht Bürgermeister. Aber er wusste offenbar ganz genau, was oder wen sie meinte, denn er sagte nur: »Du bist auf die Falschen wütend. Deine Kollegen haben euch im Stich gelassen. Sonst niemand. Und im Übrigen ist das Abendbrot jetzt beendet.«
So macht er das immer. Wenn ihm ein Gespräch unangenehm wird, beendet er einfach die Mahlzeit. Egal, ob noch jemand Hunger hat. Bisher hat das auch immer funktioniert. Aber nicht dieses Mal.
Wie von einer Wespe gestochen sprang meine Mutter auf: »So einfach ist das also?« – »Ja, so einfach ist das.« Mein Vater sagte das ganz ruhig. Wenn er richtig wütend ist, wird er immer ruhiger. So lange, bis er richtig explodiert. Unheimlich ist das, sag ich Dir. Und weil ich schon geahnt hatte, dass das gleich passiert, hab ich mich lieber schnell in mein Zimmer verzogen. Mirko dagegen ist ja immer viel zu neugierig, um so einem Orkantief auszuweichen. Ich konnte durch die Wand immer noch gut genug hören, wie meine Mutter meinem Vater vorhielt, dass die Menschen doch nicht ohne Grund seit dem 7. Juni auf die Straße gehen würden. Und dass, wer friedliche Demonstrationen mit Gewalt verhindern wolle, doch wohl etwas zu verbergen hätte. Jetzt brüllte mein Vater. So sehr, dass ich glaubte, die Wände müssten gleich einstürzen. Ich sagte es ja: Es ist wie ein Orkan. Einer, der durch Wände pustet. »Friedlich nennst du das? Das waren staatsfeindliche Subjekte! Und wie ich als Hauptwachmeister meine Einsatzbefehle gebe, geht dich gar nichts an! Willst du dich jetzt etwa auf die Seite dieser Dissidenten stellen?« Dann knallte eine Tür und dann noch eine. Mein Vater hatte seinem Ärger jetzt anscheinend genug Luft gemacht und brach nun zu einem seiner Wutspaziergänge auf.
Dann klopfte es an meiner Tür und meine Mutter öffnete sie langsam. »Tut mir leid, dass es grad so laut war, Julia«, sagte sie. »Manchmal streiten Eltern sich eben.« Ich sah sie verständnislos an. Hielt sie mich für fünf? »Ich weiß sehr wohl, dass das hier nicht irgendein Streit war. Was weißt du, das Papa so wütend macht?« Sie sah zum Fenster, dann auf den Boden und schließlich holte sie tief Luft. »Ich weiß nichts, Julia. Aber ich finde einfach, dass Gewalt immer falsch ist.« Jetzt musste ich Luft holen. »Stimmt. Aber ich glaube, du weißt sehr wohl, was hier so alles falschläuft. Ich meine nicht, hier zu Hause, sondern überall. In der ganzen DDR. Ich war da, Mutti. Ich hab’ es gesehen.«
Ich biss mir auf die Zunge.
»Was hast du gesehen?« Ihr Tonfall wurde scharf wie ein Schnitzmesser.
»Die Demonstration auf dem Alexanderplatz. Am 7. Juni.«
»Du bist da mitgelaufen? Bist du verrückt geworden?«
Ihre Stimme überschlug sich. Das machte mich wütend. Was dachte sie nur von mir?
»Warum? Wenn doch alles ganz friedlich war? Und NEIN, ich bin da nicht mitgelaufen, aber ich habe es zufällig gesehen.«
»Was hattest du denn bitte schön am Alexanderplatz zu suchen?«
Darüber hatte ich natürlich nicht nachgedacht. Ich kam ja von Uwe (davon später mehr), aber das konnte ich ihr ja unmöglich erzählen. Also fing ich an zu stammeln.
»Ich, ich … ich wollte es eigentlich nicht erzählen. Weil Papa sonst immer so sauer wird. Ich hab Kekse für Oma Ursel gekauft – in ihrer alten Lieblingsbäckerei.«
Meine Mutter legte den Kopf schief wie ein Dackel, der ein Leckerli will. Dann sagte sie. »Ach so. Na, dann ist ja gut.« Meine Mutter mag es, wenn ich mich um Oma Ursel kümmere. Und ein bisschen mochte sie wahrscheinlich auch, dass sie jetzt etwas wusste, was Papa nicht wusste.
»Aber versprich mir, dass du dich fernhältst von diesen Demonstranten, Julia. Ich will nicht, dass dir etwas passiert.«
Ich hab es ihr versprochen. Aber sie muss ja auch nicht alles wissen. Die Wahrheit ist nämlich, dass ich nicht ganz zufällig auf dem Alexanderplatz war.
Uwe hat mich dorthin mitgenommen. Er war gerade auf dem Weg dorthin, als ich ihn besuchen wollte. Und damit ich nicht umsonst gekommen war, schlug er vor, dass ich einfach mitkomme. Allerdings hatte er mir nicht erzählt, was er vorhatte. Er sagte nur, dass er sich mit ein paar alten Freunden treffen wollte. Die könnte ich ja dann kennenlernen. Eine würde auch Marion kennen. Kannst Dir ja vorstellen, dass ich da neugierig geworden bin.
Wir fuhren mit der Straßenbahn, deren quietschende Bremsen jedes Gespräch verhinderten. War bestimmt auch besser so.
Auf dem Alexanderplatz hatte sich schon eine kleine Gruppe Menschen versammelt. Vielleicht fünfzehn oder so. Die meisten von ihnen waren wohl so alt wie Uwe. Er deutete mit dem Kopf in ihre Richtung. »Da. Sie sind schon da.« Die kleine Gruppe stand ziemlich dicht gedrängt, als würden sie sich wärmen. Und das im Juli. Als wir sie fast erreicht hatten, rissen einige von ihnen plötzlich Plakate und Schilder hoch. »Nie genug vom Wahlbetrug« stand darauf oder »Wir fordern freie Wahlen«.
Ehrlich gesagt: Ich hab’ nicht gleich verstanden, in was ich da reinschlittere. Ich wusste ja auch gar nicht, dass Uwe mit mir dahin wollte, doch er ging direkt auf die Plakatleute zu. Und dann ging alles ganz schnell. Plötzlich bewegten sich von allen Enden des Platzes Männer auf die Demonstranten zu. Ich hatte sie vorher gar nicht bemerkt. Es waren viele. Einige Dutzend bestimmt. Auf jeden Fall viel mehr als die Leute mit den Plakaten. Uwe fasste mich an der Hand und zog mich in einen Hauseingang und von da in eine Seitenstraße. Als ich mich umdrehte, sah ich, wie die Männer die kleine Menschengruppe erreichten, sie sie mitsamt ihren Schildern zu Boden rissen und auf sie einschlugen. Ich war fassungslos und schrie: »Warte, wir müssen ihnen helfen!«
Uwe hielt mir den Mund zu und sah mich eindringlich an.
»Kein Wort...




