E-Book, Deutsch, Band 4
Reihe: Die Hand Gottes
Dumas Der Graf von Monte Christo. Band 4
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-96130-572-8
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Illustrierte und ungekürzte Neuausgabe in fünf Bänden
E-Book, Deutsch, Band 4
Reihe: Die Hand Gottes
ISBN: 978-3-96130-572-8
Verlag: apebook Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der junge Edmond Dantès ist glücklich verlobt mit der schönen Mercedes, und ihm wird vom Reeder Morell die Position des Kapitäns eines Segelschiffs in Aussicht gestellt. Alle seine Wünsche scheinen sich zu erfüllen. Doch er wird vom höchsten Glück in den tiefsten Abgrund geschleudert, als es zu einem hinterhältigen Komplott gegen ihn kommt. Jeder der Verschwörer hat einen anderen Grund, Dantès aus dem Weg räumen zu wollen. Durch einen schnellen und willkürlichen Prozess wird er zu Einzelhaft im Inselgefängnis Château d´If veruteilt. Alles scheint verloren. Doch im Kerker lernt er durch Zufall den alten Geistlichen und Mitgefangenen Abbé Faria kennen, der zu seinem Lehrmeister wird und ihm das Versteck eines enormen Schatzes verrät. Schließlich, nach vierzehn Jahren unverschuldeter Kerkerhaft, gelingt es Dantès, durch Glück und eigene Entschlossenheit, von der Gefängnisinsel zu flüchten. Einige Monate später erscheint in der französischen Gesellschaft ein mysteriöser Graf von sagenhaftem Reichtum, der schnell ins Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit gerät. Hinter seiner undurchsichtigen Fassade verfolgt dieser jedoch nur ein Ziel: Vergeltung zu üben an den Schuldtragenden, die einst Edmond Dantès um sein Glück brachten. Er ist die Hand Gottes, die gekommen ist, um Rechenschaft zu fordern... Der mehrfach verfilmte Abenteuer-Klassiker liegt hier in einer fünfbändigen und reichhaltig illustrierten Neuausgabe in der ungekürzten Übertragung von August Zoller vor. Dieses ist der vierte Band.
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I.
Die Gruft der Familie Villefort.
Zwei Tage nachher versammelte sich eine beträchtliche Menge Menschen, gegen zehn Uhr Morgens, vor der Türe von Herrn von Villefort, und man sah eine Reihe von Trauerwagen und Privatgefährten den Faubourg Saint-Honoré und die Rue de la Pépiniére entlang ziehen. Unter diesen Wagen war einer von sonderbarer Form, der eine lange Reise gemacht zu haben schien. Es war eine Art von schwarz angemaltem Fourgon und er hatte sich unter den ersten auf dem Versammlungsorte des Leichenbegängnisses eingefunden. Man erkundigte sich und erfuhr, daß dieser Wagen-durch ein seltsames Zusammentreffen von Umständen den Körper des Herrn Marquis von Saint-Meran enthielt, und daß diejenigen, welche wegen eines einzigen Leichenbegängnisses gekommen waren, zwei Leichnamen folgen sollten. Die Zahl der Anwesenden war sehr groß. Der Herr Marquis von Saint-Meran, einer der eifrigsten und getreuesten Würdenträger von König Ludwig XVIII. und König Carl X., hatte sich eine große Schar von Freunden erhalten, die im Verein mit den Personen, welche durch die gesellschaftlichen Konvenienzen mit Villefort verbunden waren, eine beträchtliche Truppe bildeten. Man benachrichtigte auch die Behörden, und es wurde erlaubt, diese zwei Leichenbegängnisse zu gleicher Zeit stattfinden zu lassen. Ein zweiter Wagen, mit derselben Pracht geschmückt, wurde vor die Türe von Herrn von Villefort geführt und der Sarg von dem Postfourgon auf den Leichenwagen gebracht. Die zwei Toten sollten in dem Friedhofe des Père la Chaise bestattet werden, wo seit langer Zeit Herr von Villefort das für das Begräbnis seiner ganzen Familie bestimmte Gewölbe hatte errichten lassen. In diesem Gewölbe ruhte bereits der Leichnam der armen Renée, mit der sich ihr Vater und ihre Mutter nach einer zehnjährigen Trennung wieder vereinigten. Stets neugierig, stets bewegt durch Leichengepränge, sah Paris mit religiösem Stillschweigen den glänzenden Zug, welcher nach ihrer letzten Ruhestätte zwei von den, hinsichtlich des traditionellen Geistes, der Sicherheit des Handels und der hartnäckigsten Anhänglichkeit an die Prinzipien, berühmtesten Namen der alten Aristokratie begleitete. Mit einander in demselben Trauerwagen unterhielten sich Beauchamp. Debray und Chateau-Renaud über diesen so plötzlichen Tod. »Ich habe Frau von Saint-Meran bei meiner Rückkehr von Algerien im vorigen Jahre in Marseille gesehen«, sagte Chateau-Renaud; mit ihrer vollkommenen Gesundheit, mit ihrer Geistesgegenwart und ihrer wunderbaren Tätigkeit schien sie zu einem Leben von hundert Jahren bestimmt. Wie alt war die Marquise?« »Sechs und sechzig Jahre«, wenigstens wie mich Franz versicherte«, antwortete Albert. »Doch das Alter ist es nicht, was sie getötet, sondern der Kummer über den Tod des Marquis; es scheint, daß sie seit diesem Tode, der sie auf das Heftigste erschütterte, nicht mehr völlig zur Vernunft gekommen ist.« »Doch, woran ist sie denn gestorben?« fragte Debray. »An einer Hirncongestion, wie es scheint, oder an einem Schlagflusse. Ist das nicht dasselbe?« »So ungefähr.« »Schlagfluß«, versetzte Beauchamp, »das ist schwer zu glauben. Frau von Saint-Meran, die ich ebenfalls ein oder zweimal in meinem Leben gesehen habe, war klein, von schwächlicher Gestalt und von mehr nerviger, als sanguinischer Konstitution; die Schlagflüsse, durch den Kummer auf einen Körper wie der von Frau von Saint-Meran hervorgebracht, sind selten.« »Wie dem sein mag«, sagte Albert, »hat sie der Arzt oder die Krankheit getötet: Herr von Villefort oder Fräulein Valentine, oder vielmehr unser Freund Franz ist nun im Besitze einer herrlichen Erbschaft, achtzig tausend Franken Rente, glaube ich.« »Eure Erbschaft, welche bei dem Tod des alten Jakobiners Noirtier beinahe verdoppelt wird.« »Das ist ein hartnäckiger Großvater«, versetzte Beauchamp. »Tanacem propositi virum«, Er hat, glaube ich, gegen den Tod gewettet, er würde alle seine Erben beerdigen, und es wird ihm, meiner Treue, gelingen. Er ist das alte Konventsmitglied von 93, das im Jahr 1814 zu Napoleon sagte: ›Sie sinken, weil Ihr Kaiserreich ein junger, durch sein Wachsen ermüdeter Stamm ist; nehmen Sie die Republik zum Vormund; lassen Sie uns mit einer guten Konstitution auf die Schlachtfelder zurückkehren, und ich verspreche Ihnen fünfmal hundert tausend Soldaten, ein anderes Marengo und ein zweites Austerlitz. Die Ideen sterben nicht, Sire, sie schlummern zuweilen, aber sie erwachen stärker, als sie vor dem Entschlafen gewesen.‹ »Es scheint, für ihn sind die Menschen, wie die Ideen; nur Eines beunruhigt mich, ich möchte wissen, wie sich Franz d’Epinay in einen Großschwiegervater fügen wird, der seine Frau nicht entbehren kann; doch wo ist Franz?« »In dem ersten Wagen mit Herrn von Villefort, der ihn bereits als zur Familie gehörig betrachtet.« In jedem von den Wagen, welche dem Leichenbegängnis folgten, fand ungefähr dasselbe Gespräch statt; man staunte über diese zwei so plötzlichen und so rasch hinter einander eingetretenen Todesfälle; doch in keinem ahnte man das furchtbare Geheimnis, das Herr d’Avrigny bei seinem nächtlichen Spaziergang Herrn von Villefort mitgeteilt hatte. Nach einem Marsche von ungefähr einer Stunde gelangte man an das Thor des Friedhofes: es war ein ruhiges, aber düsteres Wetter, das folglich mit der eben stattfindenden Trauerfeierlichkeit im Einklange stand. Unter den Gruppen, die sich nach dem Familiengrabgewölbe wandten, erkannte Chateau-Renaud Morrel, der ganz allein und im Cabriolet gekommen war; er ging, sehr bleich und schweigsam, auf dem schmalen, mit Eibenbäumen eingefaßten Pfade. »Sie hier?« sagte Chateau-Renaud, seinen Arm unter den des jungen Kapitäns legend; »Sie kennen also Herrn von Villefort? Wie kommt es denn, daß ich Sie nie bei ihm gesehen habe?« »Ich kenne nicht Herrn von Villefort«, entgegnete Morrel, »sondern ich kannte Frau von Saint-Meran.« In diesem Augenblick trat Albert mit Franz zu ihnen. »Der Ort ist für eine Vorstellung schlecht gewählt«, sagte Albert; »doch gleichviel, wir sind nicht abergläubisch. Herr Morrel, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn Franz d’Epinay, einen vortrefflichen Reisegesellschafter, vorzustellen, mit welchem ich eine Wanderung durch Italien gemacht habe. Mein lieber Franz, Herr Maximilian Morrel, ein vortrefflicher Freund, den ich mir in Deiner Abwesenheit erworben, und dessen Namen Du in meiner Unterhaltung so oft hören wirst, als ich von Geist, Herz und Liebenswürdigkeit zu sprechen habe.« Morrel war einen Augenblick unentschieden. Er fragte sich, ob er nicht als eine verdammenswerte Heuchelei den freundschaftlichen Gruß an einen Mann gerichtet, den er im Verborgenen bekämpfte, zu betrachten hätte: doch sein Schwur und die ernste Bedeutung der Umstände stellten sich vor seinen Geist: er bemühte sich, nichts auf seinem Gesichte durchblicken zu lassen, und grüßte auf eine ruhige Weise. »Fräulein von Villefort ist wohl sehr trauriges«, sagte Debray zu Franz. »Oh! mein Herr, sie ist unaussprechlich traurig; diesen Morgen war sie so entstellt, daß ich sie kaum erkannte.« Die scheinbar so einfachen Worte brachen Morrel das Herz. Dieser Mensch hatte also Valentine gesehen, er hatte mit ihr gesprochen! Der junge brausende Offizier bedurfte seiner ganzen Kraft, um dem Verlangen, seinen Schwur zu brechen, zu widerstehen. Er nahm Chateau-Renaud beim Arm und zog ihn rasch nach dem Grabgewölbe fort, vor welchem die mit den Zeremonien des Leichenbegängnisses Beauftragten die zwei Särge niedergesetzt hatten. »Eine herrliche Wohnung«, sprach Beauchamp, das Mausoleum betrachtend, »ein Sommerpalast, ein Winterpalast. Sie werden ebenfalls hier wohnen, mein lieber d’Epinay, denn Sie gehören nun bald zu der Familie. Ich als Philosoph will ein Landhäuschen, eine Hütte dort unter jenen Bäumen, und nicht so viele Quadersteine auf meinem armen Körper haben. Sterbend werde ich zu denen, welche mich umgeben, sagen, was Voltaire an Piron schrieb: Eo rus, und Alles wird vorbei sein . . . Vorwärts, Mut gefaßt, Franz, Ihre Frau erbt!« »In der Tat, Beauchamp, Sie sind unerträglich«, versetzte Franz. »Die politischen Angelegenheiten verleihen Ihnen die Gewohnheit, über Alles zu lachen, und die Menschen, welche diese Angelegenheiten lenken, die Gewohnheit, nichts zu glauben. Doch, mein lieber Beauchamp, wenn Sie die Ehre haben, mit gewöhnlichen Menschen zusammen zu sein, und das Glück, sich einen Augenblick von der Politik zu trennen, so suchen Sie Ihr Herz wieder aufzunehmen, das Sie gewöhnlich indem Stöckeaufbewahrungs-Bureau der Kammer der Abgeordneten oder der Kammer der Pairs lassen.« »Ei, mein Gott!« versetzte Beauchamp, »was ist das Leben? ein Halt im Vorzimmer des Todes.«
Der Friedhof von Père la Chaise »Beauchamp wird mir widerwärtig«, sagte Albert, zog sich vier Schritte mit Franz zurück und überließ es Beauchamp, seine philosophischen Abhandlungen mit Debray fortzusetzen. Das Familienbegräbnis von Villefort bildete ein Gevierte von weißen Steinen und war etwa zwanzig Fußhoch; eine innere Trennung schied in zwei Abteilungen die Familie Saint-Meran und die Familie Villefort, und jede Abteilung hatte ihre eigene Türe. Man sah nicht, wie in den andern Gräbern, die gemeinen, über einander gelegten Schubladen, in welcher eine sparsame Verteilung die Toten mit einer Inschrift einschließt, welche einer Etiquette gleicht; Alles, was man Anfangs durch die Bronzetüre erblickte, war ein strenges,...




