Duran Die Wahrheit deiner Berührung
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9019-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 380 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-8025-9019-1
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die schöne Mina Masters rettete dem englischen Spion Phineas Granville einst das Leben. Nun ist sie eine erfolgreiche amerikanische Geschäftsfrau, die ihre Vergangenheit in England hinter sich gelassen hat. Als sie von den britischen Behörden gefangen genommen wird, um einen Verräter aus dem Versteck zu locken, ist Phineas der Einzige, der ihr helfen kann.
Meredith Duran hat Anthropologie studiert. Ihre Faszination für die englische Geschichte führte zu ihrem ersten historischen Liebesroman. Seither schreibt sie sehr erfolgreich Bücher für eine wachsende Fangemeinde.
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2
Nur ein schmaler Lichtschimmer drang unter der Tür zum Zimmer ihrer Mutter hervor. Ohne anzuklopfen drückte Mina leise den Griff herunter, der sofort nachgab. Harriet Collins saß in der Fensternische, die Beine untergeschlagen, das Gesicht gen Nachthimmel gerichtet. Das helle blonde Haar fiel ihr bis über die Schultern und ließ dabei ihren schlanken Hals und die weichen Konturen ihres Kinns frei. So, wie sie dasaß, nur mit Nachthemd und Morgenrock bekleidet, wirkte sie ungemein jung. Fast so jung wie das Konterfei, das Mina allmorgendlich im Spiegel erblickte.
Reflexartig verkreuzte Mina die Finger. Niemals. Sie würde nie und nimmer derart gebrochen aussehen, und das nur, um einem Mann zu gefallen. An einer derartigen Liebe hatte sie kein Interesse.
Ein kaum hörbares Geräusch musste sie beim Betreten des Raums verraten haben, denn ihre Mutter wandte das Wort an Mina, ohne den Kopf zu drehen: »Sind die Gäste gegangen?«
Die Frage machte Mina stutzig. Es war noch nicht einmal Mitternacht. Sie schaute zum Kaminsims und entdeckte sofort die Lücke an der Stelle, an der für gewöhnlich eine Uhr stand. Sie ließ den Blick durch das Zimmer schweifen. Dort drüben, vor dem Kleiderschrank, lag die Uhr in einem Meer von Scherben, das Ziffernblatt zum Boden gewandt.
Sie sah ihre Mutter an, deren Gesicht keine Regung zeigte. »Nein, noch nicht.« Behutsam zog Mina die Tür ins Schloss. Der Riegel war gut geölt und rastete lautlos ein … Nicht nur die Türriegel, sondern alles in diesem Hause befand sich in vorzüglichem Zustand, war teuer und reich verziert und diente dazu, Collins’ gesellschaftlichen Rang hervorzuheben. In dieser Hinsicht unterschieden Mina und ihre Mutter sich kein bisschen von dem Seidenteppich unter ihren Füßen. »Das kann auch noch einige Stunden dauern.«
»Wie bitte?« Ihre Mutter wandte sich um, die Augen waren vom vielen Weinen gerötet. »Was hast du dann hier verloren? Kümmere dich wieder um die Gäste. Solange ich abwesend bin, fällt dir die Rolle der Gastgeberin zu. Beim Allmächtigen, dein Haar! Trag Jane auf, es sofort wieder zu richten.«
Bestürzt hob Mina die Hand, um ihre Frisur zu überprüfen. Sogleich löste sich eine mit Edelsteinen besetzte Haarnadel und landete in ihrer Hand. Doch sie ließ sie zu Boden fallen – als Belohnung für denjenigen, der die Glasscherben zusammenfegen würde. »Nein, ich habe mich bereits zurückgezogen. Mr Monroe ist erkrankt, und Mr Collins hat mich gebeten, mich um ihn zu kümmern.«
Harriet Collins runzelte die Stirn. Zweifelsohne missbilligte sie diese Anweisung, würde sich jedoch hüten, dagegen aufzubegehren. »Nun gut.«
Sie nestelte an dem Medaillon, das sie um den Hals trug. Ihre Stimme war dünn vom Weinen und klang resigniert. »Was stimmt denn nicht mit ihm? Hast du einen Arzt rufen lassen?«
»Ja, aber es dürfte eine Weile dauern, ehe der eintrifft. Es scheint, als sträubte sich Mrs Harlocks Baby dagegen, endlich das Licht der Welt zu erblicken.« Als ihre Mutter den Morgenrock raffte, um sich zu erheben, schob sie hastig nach: »Jane ist gerade bei ihm. Es gibt also keinen Grund, dass du dich seiner annimmst.« Ihre Mutter war von nicht allzu robuster Natur, und gesetzt den Fall, Monroe hatte eine ansteckende Krankheit, sollte man sie nicht in seine Nähe lassen.
Ihre Mutter lehnte sich wieder zurück. »Sehr gut. Es hätte mir auch nicht behagt, einem der hier herumwandernden Gäste zu begegnen.« Sie zögerte, bevor sie den Arm ausstreckte. »Komm her und erzähl mir geschwind alles, ehe du wieder gehst.«
Ihr Interesse war ermutigend. In letzter Zeit schien ihre Mutter immer häufiger in einen Zustand der Benommenheit abzudriften, so als hätte sich ihr Geist vom Körper gelöst. Mina ließ sich auf einem Kissen aus Chintz nieder und lächelte ihre Mutter an. »Ich war gerade in ein Gespräch mit Mr Monroe verwickelt, als …«
»Nein, bitte von Anfang an. Warst du das schönste Mädchen auf dem Ball?«
Mina verdrehte die Augen. »Wieso ist das immer die erste Frage, die du mir stellst?«
»Ich mag es eben, mit den guten Nachrichten anzufangen, Darling.«
»Also …« Mina dachte ein wenig über die Frage nach, da Schönheit nach Dafürhalten ihrer Mutter nicht über das äußere Erscheinungsbild hinausging. Ihr Kleid war kostspieliger als alle anderen, die sie gesehen hatte, und für die Perlen, die sie um den Hals trug, hätte man fünf Kopien der Kette Mrs Morgans erwerben können. Ganz zu schweigen davon, dass die Männer sich um sie geschart und geradezu bedrängt hatten, einen Tanz auszulassen. »Ja, ich glaube schon.«
»Heißt das, dass Miss Kinnersley nicht anwesend ist?«
Mina verzog schockiert das Gesicht. Die Kinnersleys waren vor Kurzem von Rangoon hierher versetzt worden, wo deren Tochter die unumstrittene Königin aller Schönen gewesen war. »Warum fragst du? Du findest sie doch nicht etwa hübscher als mich?« Sie beugte sich vor und blickte ihre Mutter mit gespielter Besorgnis und einem Zwinkern an. Die Falten um die Augen ihrer Mutter schienen tiefer geworden zu sein. Sämtliche Cremes und Tinkturen waren vergebens, solange Collins sie ständig zum Weinen brachte. »So jung und schon so schlechte Augen?«
»Sei nicht albern.«
»Ich kann nicht anders. Ich bin nun mal ein höchst albernes Mädchen.«
»Ist sie jetzt da oder nicht?«
»Ja, ist sie.«
»Und was trägt sie? Mit wem hat sie getanzt?«
Mina zuckte die Achseln. »Was für eine Rolle spielt das? Stehen wir im Wettstreit?«
»Es ist immer ein Wettstreit.« Harriet legte die Hand um Minas Kinn, damit diese sie ansah. »Es gibt genau drei Pluspunkte, die eine Frau in die Waagschale werfen kann. Ihre Schönheit, ihre Erziehung und, vorausgesetzt, das Glück ist ihr hold …«
»Ihr Vermögen, ja, ich weiß.« Mina löste sich aus dem Griff ihrer Mutter, und ihr Blick fiel auf die Glasscherben, die im gedämpften Schein der Lampe so anmutig funkelten wie Brillanten. Kein Wunder, dass sich so viele Menschen von Strass blenden ließen. »Das hast du mir schon tausendmal gesagt.«
»Wie dem auch sei.« Ihre Mutter zuckte die Schultern. »Was Letzteres betrifft, kann keine dir das Wasser reichen, vergiss das nie. Mehr wollte ich gar nicht sagen.«
Hätte sie bei jeder Erinnerung daran einen Penny bekommen, wäre Mina inzwischen steinreich und könnte tun und lassen, was sie wollte, statt sich aufzutakeln, als stünde sie zur Versteigerung an. »Schade nur, dass Mr Bonham gänzlich anderer Meinung ist.«
Harriet Collins seufzte. »Ich weiß, dass ihr beide einen schlechten Start hattet, aber er ist ein äußerst liebenswerter Gentleman, Mina. Und er hegt ein starkes Interesse an dir.«
Nicht an mir, lag ihr auf der Zunge. An ihrem Gesicht und ihrer Figur? Natürlich. Doch sie hütete sich, dies laut auszusprechen. Für ihre Mutter hätte es sowieso keinen Unterschied gemacht. Sie fand amerikanische Mädchen entsetzlich nassforsch. Für eine junge Dame ziemt es sich nicht, ihre Meinung kundzutun. Die Zügellosigkeit, die die New Yorker Gesellschaft ihren Töchtern zugestand, konnte sie beim besten Willen nicht verstehen. In England schickt es sich nicht für ein Mädchen, sich ohne Anstandsdame mit einem Gentleman zu unterhalten oder gar zu treffen. Es hatte den Anschein, als träfen in England die Mütter sämtliche Entscheidungen. Entscheidungen, die einzig darauf ausgerichtet waren, dem Leben sämtlichen Spaß zu rauben. Wärest du in England aufgewachsen, würdest du Limonade statt Champagner trinken. England – das klang unendlich trist, und die Mädchen dort waren vermutlich so langweilig wie Sonntagspredigten.
Die kurze Stille hatte dazu geführt, dass ihre Mutter sich ihrer Probleme abermals bewusst geworden war. Sie presste die Lippen zusammen, während sie nach einem Taschentuch tastete.
»Hat er die Uhr nach dir geworfen?«, fragte Mina sanft.
Harriet drückte das Seidentuch auf die Augen und holte keuchend Luft. »Natürlich nicht.«
»Aber er hat sie geworfen, oder?«
Keine Antwort. Was für eine Rolle spielten noch die Details? Selbst wenn er heute keine Gegenstände nach ihr geworfen hatte, gab es keine Garantie dafür, dass er sein Ziel morgen nicht treffen würde.
Die Schultern ihrer Mutter bebten. Das Tuch dämpfte ihr Schluchzen.
Nimm sie in den Arm. Doch Minas Muskeln gehorchten ihr nicht, sträubten sich und zogen sich zusammen wie erhärtender Ton. »Ich habe Angst um dich«, brachte sie hervor.
»Oh …« Harriet legte das Taschentuch beiseite und sank in die Arme ihrer Tochter. Mina hielt sie fest und spürte, wie ihr Tränen über die Brust und unter das Mieder kullerten. Der Körper ihrer Mutter erbebte vor einem Gram, der mächtiger als ihre körperlichen Ressourcen zu sein schien. Die Baumwolle ihres Nachthemdes kaschierte nichts; keine Wölbung, keine Unebenheit ihres Rückens blieb Minas Fingern verborgen. Sie waren beide von gleicher Größe und hätten dieselben Kleider tragen können, doch Mina fühlte sich robuster und kräftiger an. Es bereitete ihr unendlichen Kummer, dass ihre Mutter so zerbrechlich war.
Sie schlang die Arme fester um sie. Ihre Mutter vermochte ausgiebiger zu weinen als die Marmorengel im Garten der Rockefellers – jene, aus denen Wasserfontänen heraussprudelten.
Ihre Ungeduld beschämte Mina. Sie richtete sich ein wenig auf und atmete tief durch, um mit ihrem in solchen Situationen üblichen Ritual zu beginnen. Es bestand zum...




