Duran Suche nicht die Sünde
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9170-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-8025-9170-9
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gwen Maudsley hat Pech mit den Männern. Als sie schon zum zweiten Mal vor dem Altar stehen gelassen wird, beschließt sie, ihr Leben zu verändern und von nun an nur noch ihrem Herzen zu folgen. Gemeinsam mit ihrem Jugendfreund Alex beginnt sie eine wilde Reise durch Europa, auf der die beiden schon bald Gefühle füreinander entdecken.
Meredith Duran hat Anthropologie studiert. Ihre Faszination für die englische Geschichte führte zu ihrem ersten historischen Liebesroman. Seither schreibt sie sehr erfolgreich Bücher für eine wachsende Fangemeinde.
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1886
Dieses England war eine bösartige Hexe, die ihm Übles wollte. Am Pier von Southampton hatte sie ihn mit Donnergrollen begrüßt. Auf seiner Reise nach Norden waren Bäume von Blitzschlägen gespalten worden und wie Dominosteine auf die Straßen gestürzt. Das Bad im Fluss heute Morgen war zu einem Kampf gegen die Unterströmung geworden. Und nun ließ sich die Sonne sehen – obwohl gerade jetzt ein Sturm die passendere Kulisse gewesen wäre. Das bunte Glas der bleigefassten Fenster strahlte auf, und helles Sonnenlicht flutete das Innere der Kirche. Wie ein kleines Wunder kam es Alex vor, dass sie ihn nicht zu Asche verbrannte.
Die Messingbeschläge des Sargs glänzten matt.
Er kniete sich auf das kleine Kissen, das unter dem Druck leise seufzte und den Duft von Lavendel verströmte. Seine Hände legten sich in einer alten, längst überkommenen Gewohnheit zusammen und verschränkten sich zum Gebet. Doch ihm fiel keines ein. Seltsam distanziert fühlte er sich von dem Geschehen.
Es war die reinste Ironie. Seine ganze Kindheit hindurch hatte Alex darum gekämpft, seine Gefühle zu unterdrücken und zum Schweigen zu bringen, damit sie ihm nicht die Luft abschnürten – aber erst jetzt, nachdem seine Krankheit seit Langem überwunden war, beherrschte er diese Fähigkeit meisterhaft. Selbst tiefes Leid berührte ihn nicht mehr. Die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, fühlten sich frei an. Teilnahmslos lauschte er auf die ferne Stimme in seinem Bewusstsein, die von Zorn sprach.
Dieser Tod war sinnlos gewesen.
Richard und sein verdammter Leichtsinn.
Was selbstverständlich Unsinn war.
Alex beobachtete, wie sich seine Finger anspannten. Die Knöchel hoben sich weiß gegen die Haut ab, die noch von der italienischen Sonne gebräunt war. Gut so, Melodramatik half oft, wenn ein Gebet es nicht vermochte. Richards letzte freundliche Worte an ihn – er konnte sich nicht daran erinnern. Sie waren betrunken gewesen. Doch am nächsten Tag war dann die Wut gekommen: Richards Anklagen gegen ihn, dann seine eigenen kalten Antworten darauf – und dazu auch noch der beißende Geruch von Gwens Brief, der im Kamin verbrannte. Daran erinnerte sich Alex genau, schließlich war er wieder nüchtern gewesen.
Auch deshalb durfte es keine Entschuldigung für das geben, was danach geschehen war.
In der Gewissheit, dass Richard wie ein neugieriger Welpe reagieren würde, hatte ihm Alex die Richtung in eine Wolfshöhle gewiesen. Seit Tagen schon hatte Richard nach einem Abenteuer gequengelt. Unstet und gereizt war er immer auf der Suche nach jenen leichtfertigen dummen Eskapaden gewesen, von denen in Reiseberichten von Junggesellen so gern die Rede war. Als ihm Alex vor einiger Zeit angeboten hatte, ihn als Partner in die Reederei aufzunehmen, hatte Richard vielleicht nicht erwartet, dass Geschäftemachen auch harte Arbeit mit sich brachte.
, hatte Alex zu ihm gesagt. Jene Spielhölle war in keinem Reiseführer verzeichnet gewesen, schließlich existierte sie außerhalb der Legalität. Mit dieser Bemerkung hatte sich Alex wieder einem Stapel von Finanzberichten zugewandt – als hätten derart blutleere Angelegenheiten mehr von seiner Aufmerksamkeit verdient als der naive Richard, den er losgeschickt hatte, um mit den Wölfen zu spielen.
Richard war also in jene Spielhölle gegangen, um etwas zu beweisen. , hatte er im Weggehen gesagt.
Für seine Naivität hatte Richard ein Messer zwischen die Rippen bekommen.
»Du bist ein verdammter Narr gewesen«, flüsterte Alex jetzt.
Und zweifellos der beste Freund, den ein Mann hatte haben können.
Richard war der einzige Junge gewesen, der sich während Alex’ erstem Semester in Rugby die Mühe gemacht hatte, mit ihm zu sprechen. Das war in jenem Jahr gewesen, bevor sich sein Körper darauf besonnen hatte, verlässlich zu atmen und zu wachsen.
Richard hatte als Einziger Alex dazu ermutigt, seine Träume zu verwirklichen. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Gerry. hatte der ihn verhöhnt.
Richard jedoch war begeistert gewesen. , hatte er gerufen.
Alex legte die Hand auf den Sarg; das Holz fühlte sich kühl an und war auf Seidenglanz poliert worden. Bald würden sich die Würmer daran gütlich tun. Aber Richard war längst fort.
»Du bist besser gewesen als jeder andere von uns«, sagte Alex leise, atmete tief durch und zog die Hand zurück. »Ich werde auf deine Schwester aufpassen.«
Er hatte sie jetzt schon viel zu lange allein gelassen.
Der Gedanke veranlasste ihn, sich zu erheben. Gwen stand dort, wo das Hauptschiff der Kirche anfing, ihr Haar schimmerte wie ein blutroter Heiligenschein in dem diffusen Licht, das durch eines der Oberfenster auf sie fiel. Alex’ Schwestern Belinda und Caroline, die Zwillinge, hatten sie zwar in ihre Mitte genommen, doch die Geier kreisten bereits über ihr: Trauergäste buhlten um Gwens Aufmerksamkeit und waren bestrebt, ihr zu kondolieren, damit sie in Erinnerung blieben. Vielleicht mochte ihnen das irgendwann einmal zum Vorteil gereichen.
Alex bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Er kannte nur wenige der Anwesenden, aber wie üblich schienen die meisten ihn zu kennen. Blicke folgten ihm, das Getuschel wurde lauter. Er überhörte die Wortfetzen, die an sein Ohr drangen. Seine Sünden waren zahlreich und füllten ohne Zweifel Bände, aber die Gerüchte waren maßlos übertrieben.
Er hörte noch andere Bemerkungen: geflüsterte Einladungen nach Ascot oder zum Cricket-Duell zwischen Eton und Harrow auf dem Lord’s. All diese Leute waren Gwens Freunde. Richard hatte keine Mühe gescheut, um nutzbringende Bekanntschaften zu knüpfen, doch seine Schwester hatte bereits nach dem ersten Monat ihrer ersten Saison mit nur einem einzigen Fingerwink ganze Scharen angelockt.
Der Kummer der Trauergäste ist vermutlich nicht völlig vorgetäuscht, dachte Alex. Der Tod ihres Bruders würde es Gwen für mindestens ein Jahr unmöglich machen, am Treiben des Heiratsmarktes teilzunehmen. Landsitze würden also weiterhin verfallen, Grundbesitz würde auf Auktionen angeboten werden, weil ihr Vermögen durch die einzuhaltende Trauerzeit ärgerlich – und unerreichbar – fern sein würde.
Alex hatte den Weg durch das Kirchenschiff zur Hälfte bewältigt, als Belinda ihn abfing. Beim Anblick ihrer rot geweinten Augen zog sich etwas in ihm zusammen. Es brachte jenen vagen Zorn in ihm dazu, stärker und drängender zu werden.
Er atmete tief durch. Wie absurd, dass sich sein Zorn auf Belinda richtete. hatte Richard irgendwann einmal zu ihm gesagt – bewundernd, wenn Alex sich recht erinnerte. Aber das Offensichtliche war Richard entgangen. Ganz gleich, wie weit Alex reiste, die Liebe seiner Schwestern fesselte ihn enger als alle Ketten. Ihre vorwurfsvollen Briefe folgten ihm um den ganzen Globus. Sie schienen zu glauben, dass seine Anwesenheit ein Trost für sie wäre – ein sogar. Würde er sich doch nur endlich in England niederlassen – selbst jetzt, nach allem, was geschehen war, glaubten sie das vermutlich noch immer.
Er nahm Belindas Hand und dachte, dass sie zu kalt und zu schlaff war. Sein Griff wurde fester. »Geht es dir gut?«
Sie nickte, dann trat sie dicht an ihn heran. »Gwen war nicht wohl, vorhin in der Kutsche«, wisperte sie. »Sie muss sich hinsetzen.«
Er sah an ihr vorbei. Eine ernst dreinblickende ältere Witwe unterhielt sich mit Gwen und berührte sie jetzt leicht am Arm. Als Reaktion darauf verzogen sich Gwens Lippen zu einem höflichen, aber mechanischen Lächeln.
Ja wirklich, es war etwas pervers Beeindruckendes daran, wie ergeben sie ihre Rolle spielte. Erbrechen in der Kutsche, Lächeln in der Öffentlichkeit; in diesem Moment würde sie sogar ihr Erbrochenes wieder herunterschlucken, selbst wenn sie daran ersticken müsste. Einige Gäste missachteten die Anstandsregeln, indem sie ihr bereits in der Kirche kondolierten, schließlich befand man sich auf dem Höhepunkt der Saison, und deren gesellschaftliche Verpflichtungen ließen keine Zeit, um auch noch an der Beisetzung oder dem anschließenden Empfang teilzunehmen. Doch dass diese Leute die Etikette damit verletzten, würde Gwen niemals zugeben. Sie schriebe dieses ungewöhnliche Benehmen vermutlich einer Freundlichkeit zu, die so groß war, dass sie jegliche Anstandsregel überschreiten durfte.
Alex wusste nicht, wie Gwen es fertigbrachte, sich selbst zum Narren zu halten. Schließlich war sie nicht dumm.
»Alex …« Belinda sah ihn prüfend an. »Bist du sicher, dass es gut geht?«
Ihr bedeutungsschwerer Tonfall verwirrte ihn, bis er bemerkte, dass sie mit den Fingerspitzen ihre Kehle berührte. Er ließ ihre Hand los. Dreizehn Jahre war es her, seit er das letzte Mal wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft geschnappt hatte,...




