E-Book, Deutsch, Band 1, 512 Seiten
Reihe: Die Samenhändlerin-Saga
Durst-Benning Die Samenhändlerin
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8437-0412-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 512 Seiten
Reihe: Die Samenhändlerin-Saga
ISBN: 978-3-8437-0412-0
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Petra Durst-Benning ist eine der erfolgreichsten und profiliertesten deutschen Autorinnen. Seit fast 30 Jahren laden ihre historischen Romane die Leserinnen ein, mit mutigen Frauenfiguren Abenteuer und große Gefühle zu erleben. Auch im Ausland und im TV feiern ihre Romane große Erfolge. Petra Durst-Benning lebt mit ihrem zweiten Mann und ihren Hunden in der schönen Kurstadt Bad Kreuznach. Mehr erfahren Sie auf Facebook und unter: www.durst-benning.de
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1
Der Mann spürte, wie sich der Schweiß, der ihm in Rinnsalen den Leib hinablief, im Bund seiner Hose sammelte. Das Durchatmen fiel ihm schwer. Er griff an seinen Gürtel, um ihn ein Loch weiter zu schnallen. Als er den Krug an die Lippen setzte, lief ihm etwas Bier das Kinn hinab und befleckte seinen Hemdkragen. Statt es abzuputzen, grinste er vor sich hin. Wenn er von diesem Tisch aufstand, konnte er sich nicht nur ein neues Hemd nähen lassen, sondern gleich zwei oder drei oder vier!
So ein gutes Blatt hatte er noch nie in seinem Leben gehabt. So viel Glück … Und das heute! Ausgerechnet heute …
Mit Wucht knallte er seine Karten auf den Tisch.
Das war’s!
»Ja, verdamm mich doch!«
»Verrecke! Du –«
»Das … ist das wirklich …?«
Ungläubige Gesichter starrten ihn an.
»Meine Herren« – er bemühte sich um einen beiläufigen Ton, während sein Puls hart gegen seine Schläfen pochte –, »heute scheint das Glück auf meiner Seite zu sein.« Mit zittriger Hand raffte er sämtliche Geldscheine und Münzen, die auf dem Tisch verteilt waren, zusammen und stopfte alles in seinen Geldsack. Schnell weg damit! Es war besser, diesen Kerlen den Abschied von ihrem Geld so schmerzlos wie möglich zu machen.
Der Wirt war der Erste, der seine Sprache wiederfand. »Warum die Eile? Kann so ein reicher Mann wie du nicht wenigstens noch eine Runde ausgeben?«
Seine Frage wurde vom beifälligen Murmeln der anderen begleitet, aus welchem Friedhelm Schwarz aber auch die Worte »Betrug« und »nicht mit rechten Dingen« herauszuhören glaubte.
Das Wirtshaus war alt und heruntergekommen, die Wände waren geschwärzt vom Rauch. Der Geruch von Arme-Leute-Essen mischte sich mit dem der Verzweiflung, Aggression und Abgestumpftheit. In einer Ecke tropfte etwas Nasses, Muffiges von der Decke.
Angewidert schaute Friedhelm Schwarz sich um. In was für eine Spelunke war er hier geraten? Hatte er sich nicht geschworen, solchen Stätten ein für allemal den Rücken zu kehren? Andererseits: Hätte er dieses Wirtshaus nicht betreten, würde sein Geldsack jetzt nicht prall und schwer bis fast zu seinem Knie hinabhängen … Ha, da wird Else Augen machen!
Sich ein Lachen verkneifend, warf er seinen feuchten Umhang über die Schultern.
»Am besten mache ich mich gleich auf den Weg.« Während er die Bändel am Hals zuschnürte, blickte er durch die winzigen Fenster nach draußen. Es war noch hell – wenn man den Begriff überhaupt auf dieses gottverlassene Tal in den Schweizer Bergen anwenden wollte. Richtig hell wurde es hier eigentlich nie. Die umliegenden Berge fraßen jeden Sonnenstrahl auf, bevor er die Wiesen und Felder erreichen konnte. Landwirtschaft zu betreiben war in diesem Schattendasein ein hartes Brot. Das bisschen, was die Erde erbrachte, war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.
Aber es war nicht sein hartes Brot, sagte sich Friedhelm. Nicht heute!
Seit Wochen war er in dieser dunklen Ecke der Schweiz nun schon unterwegs und versuchte, mit den Bauern ins Geschäft zu kommen. Gerade einmal die Hälfte seines Gemüsesamens war er losgeworden – und so manches Päckchen hatte er auf Kredit dalassen müssen, auf das Versprechen hin, dass der Käufer im nächsten Jahr, nach der nächsten Ernte wieder genug Geld haben würde, um seine Schulden zu bezahlen. Blumensamen hatte Friedhelm in keinem einzigen Haus verkaufen können, was er den Leuten nicht einmal übel nehmen konnte. Veilchen und Anemonen machten nicht satt. Und mit knurrendem Bauch ging der Blick für die Schönheit eines Blumenbeetes schnell verloren.
Ach, er hatte die Nase so voll von diesen hoch gelegenen Tälern mit den verschlossenen, verbitterten, armen Menschen! Warum erging es ihm nicht wie den anderen Samenhändlern, die ihre Geschäfte in besseren Gegenden tätigen konnten, fragte er sich nicht zum ersten Mal. Warum zählten zu seinen Kunden keine wohlhabenden Bauern, keine Gärtnereien, keine reichen Gartenliebhaber? Warum hatte sein Vater ihm lediglich diesen ärmlichen Samenstrich in der Schweiz vermacht?
Ein Griff an seinen Geldsack half ihm, einen Deckel auf diese Fragen zu legen, bevor Neid und Wut und Hass ungebändigt in ihm aufsteigen konnten. Die anderen sollten sich zum Teufel scheren! Heute war er der König. Heute hatte er sein Geschäft gemacht, jawohl!
Er wollte nach Hause.
Nach Gönningen.
In sein Heimatdorf, am Fuße der Schwäbischen Alb gelegen, hunderte Meilen von diesem elenden Flecken hier entfernt.
Nun hatte er es eilig, schulterte seinen Zwerchsack, in dem neben den Blumensamen auch noch Blumenzwiebeln lagen. Blumenzwiebeln! Warum hatte er die überhaupt hierher mitgeschleppt? Er hob seinen Hut zum Abschiedsgruß.
»Wo willst du denn heute noch hin zu Fuß? Ganz runter ins Tal kommst du bestimmt nimmer.« Einer der Kartenspieler schaute ihn missgelaunt an.
Friedhelm ging die Strecke, die vor ihm lag, im Geiste durch. Der Mann hatte Recht, ins nächste Tal waren es gut und gern zwanzig Meilen, dazwischen lagen zwei oder drei Weiler, mehr nicht. Aber was blieb ihm anderes übrig, als sich so schnell wie möglich auf die Socken zu machen? Eine Nacht in dieser Spelunke war das Letzte, wonach ihm der Sinn stand. Garantiert würde er sich am nächsten Morgen mit eingeschlagenem Schädel wiederfinden oder betäubt und ausgeraubt oder –
»Ich hab’s eilig, will an Weihnachten zu Hause sein.«
»Vorhin hattest du es aber ganz und gar nicht eilig«, murmelte einer der Männer feindselig.
»Genau. Da hattest du genügend Zeit, uns bis aufs letzte Hemd auszuziehen«, schnauzte ein anderer.
»Ruhe!«, fuhr der Wirt dazwischen. »Wer spielen kann, muss auch verlieren können, ist’s nicht so?« Er nickte Friedhelm zu, der das Nicken erwiderte. Wie gut kannte er dieses dumpfe Grollen in der Bauchgegend, wenn sich erst einmal das Bewusstsein, sich um Kopf und Kragen gespielt zu haben, gesetzt hatte! Wenn die Euphorie des Spiels, die Konzentration nachließ und der Fassungslosigkeit über die eigene Dummheit wich. »Das Glück ist eine Hure, legt sich jedes Mal zu einem anderen« – solche gut gemeinten Sprüche trösteten da nicht, deshalb verkniff sich Friedhelm jetzt auch jede Bemerkung in dieser Richtung.
Der Wirt begleitete ihn zur Tür. Er warf einen kurzen Blick zurück in den Gastraum, dann winkte er Friedhelm näher zu sich heran. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein verschlagenes Grinsen ab.
»Ich wüsste, wie du heute ein gutes Stück weiterkommst: Du könntest mit dem Öschen-Bürli fahren. Der will heute noch hinunter ins Tal. Er schaut vorher bei mir vorbei, um etwas abzuholen. Wenn du willst, rede ich mit ihm. Er nimmt dich bestimmt mit.« In seinem Blick lag etwas Lauerndes.
Friedhelm zögerte. Der Öschen-Bürli war ein besonders versoffener Kerl und reizbar dazu, das wusste er von früheren Kartenabenden. Friedhelm war froh gewesen, den Mann heute nicht am Tisch gehabt zu haben. Bei dem Gedanken an dessen alten Klepper und den Wagen, an dem die Hälfte der Radspeichen gebrochen waren, verspürte Friedhelm nicht gerade große Lust, sich ihm anzuschließen. Andererseits: Besser schlecht gefahren als gut gelaufen!
»Na gut, dann warte ich auf den Bürli!«
Er wollte wieder in die Wirtschaft zurückgehen, als der Wirt ihn grob am Ärmel packte.
»Lass das bleiben«, murmelte er. »Du kennst die Burschen. Da gönnt keiner dem anderen die Butter auf dem Brot, geschweige denn solch einen Haufen Geld, wie du ihn heute kassiert hast. Die bekommen dich besser nicht mehr zu sehen.«
Friedhelm warf einen Blick über die Schulter des Mannes hinweg in den Schankraum. Die Spieler hatten ihre Köpfe zusammengesteckt. Er verspürte keine besondere Lust, nochmals zu ihnen zu stoßen, aber genauso wenig Lust hatte er, den steilen Buckel zum Hof des Öschen-Bürli zu erklimmen. Doch was blieb ihm anderes übrig?
»Dann mach ich mich mal auf den Weg«, sagte er seufzend und wies mit dem Kinn nach oben in die Richtung, wo er den Hof des Mannes vermutete.
Der Wirt schüttelte den Kopf. »Brauchst dich nicht den Berg hoch zu quälen, ich habe eine bessere Idee!«
Eine gute Stunde Fußmarsch später hatte Friedhelm Schwarz den beschriebenen Treffpunkt erreicht. Prüfend schaute er sich ein letztes Mal um: Zu seiner Linken waren die drei Tannen, die der Wirt ihm genannt hatte. »Sie neigen sich einander zu, als tanzten sie einen Reigen.« Friedhelm lächelte in sich hinein – solch eine poetische Beschreibung hätte er dem Raubein gar nicht zugetraut! Zu seiner Rechten war eine Art Schilfwald – dahinter befände sich ein kleiner Weiher, hatte der Wirt gesagt. Friedhelm hatte den Weiher auf seinen früheren Reisen noch nie bewusst wahrgenommen. Wahrscheinlich ein verschlammtes Loch, in dem höchstens ein paar magere Fische mit trüben Augen dümpelten, dachte er grimmig.
Hinter dem Schilfwald gabelte sich der Weg. Ein schmaler, tief gefurchter Feldweg schlängelte sich nach rechts – wahrscheinlich die einzige Zufahrt zu einem einsam gelegenen Gehöft. Ein nicht wesentlich ebenerer Weg führte nach links. Ob der Öschen-Bürli aus einer dieser Richtungen kommen würde? Friedhelm ärgerte sich, dass er den Wirt nicht danach gefragt hatte. Und warum hatte er den Kutscher eigentlich nicht schon am Ortsende treffen können?
Es war inzwischen fast völlig dunkel geworden, nur die dünne Schneedecke spendete noch ein wenig Licht. Gänsehaut breitete sich über Friedhelms Rücken aus. Er kniff die Augen zusammen. Kein Wagen, kein Öschen-Bürli, weder auf dem rechten noch auf dem linken Feldweg. Sehr weit...




