E-Book, Deutsch, 640 Seiten
Reihe: Penhaligon Verlag
Durst Die Geisterkönigin
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-21464-7
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 640 Seiten
Reihe: Penhaligon Verlag
ISBN: 978-3-641-21464-7
Verlag: Penhaligon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Königin Daleina und Königin Naelin herrschen gemeinsam über Aratay und beschützen ihre Untertanen vor den Elementargeistern. Da werden Naelins Kinder von fremden Geistern entführt. Für sie ist klar, dass die Herrscherin des Nachbarreichs Semo dahinter steckt. Außer sich vor Zorn und bereit, das ganze Land zu zerreißen, folgt Naelin ihren Kindern. Doch in der Hauptstadt von Semo stellt ihr die feindliche Königin ihre Bedingungen: Wenn Königin Naelin ihre Kinder lebend wiedersehen will, muss sie abdanken – und ihr Volk im Stich lassen.
Sarah Beth Durst hat an der Princeton University Anglistik studiert. Sie verbrachte dort vier Jahre damit, über Drachen zu schreiben und sich zu fragen, was die Campus-Gargoyles wohl erzählen würden, wenn sie sprechen könnten. Seit über 10 Jahren schreibt sie sehr erfolgreich Fantasy für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und wurde mehrfach ausgezeichnet (u.a. von der American Library Association). Mit ihrem Mann und ihren Kindern lebt sie in Stony Brook, New York.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Schon bald wird alles wieder besser, dachte Daleina.
Sie war hoch hinauf in die Wipfel geklettert und balancierte jetzt auf zwei dünnen Ästen. Unter ihr breiteten sich die Wälder Aratays in all ihrer Herrlichkeit aus. Bunte Blätter in Rot, Orange und Gelb leuchteten wie Kerzenflammen im Licht des späten Nachmittags.
Von hier oben konnte sie den gesamten Westen Aratays überblicken, bis hin zu den ungebändigten Landen jenseits der Grenze. Die ungebändigten Lande waren in dichten Nebel gehüllt und erweckten den Eindruck, als würden sie kochen. Während Daleina hinübersah, stieß ein Berg aus dem dichten Dunst hervor, um sogleich wieder zu zerfallen. Jenseits der Grenzen der Welt war alles so kurzlebig und vergänglich wie eine Sandburg, die von den Wellen davongespült wurde.
Solange Aratay eine Königin hatte, würde es hier niemals so sein.
Und jetzt haben wir sogar zwei!
Es war ein erhebender Gedanke, denn mit zwei Königinnen … Wir können alles wieder heil machen, was zerstört worden ist.
Unter sich hörte sie Naelin – die zweite Königin Aratays – keuchend den Baum heraufklettern. Daleina hätte ihr am liebsten geraten, sich doch von einem Geist in die Baumwipfel hinauffliegen zu lassen, aber sie sparte sich die Mühe. Sie wusste, wie Naelin darüber dachte. Die andere Königin mochte es nicht, Geister »unnötig« einzusetzen. In Wahrheit hat sie Angst vor ihnen, dachte Daleina.
Und, ganz ehrlich, es war vernünftig, so zu empfinden.
Doch heute wollte Daleina nicht vernünftig sein. Sie schloss die Augen und atmete tief die süße, frische Luft ein. Heute fangen wir an!
Die Zweige gerieten in Bewegung, und Naelins Kopf tauchte zwischen den Blättern auf. »Und warum können wir das alles …«, sie schnappte keuchend nach Luft, »… nicht weiter unten, auf halber Höhe des Waldes, erledigen?«
Daleina legte den Kopf in den Nacken, um die Strahlen der Sonne auf dem Gesicht zu spüren. Sie waren so warm wie Hamons Liebkosungen. Doch sie schob diesen angenehmen Gedanken beiseite, für später, wenn sie nicht mehr mit Naelin zusammen war. »Weil es hier oben wunderschön ist.«
»Schönheit.« Naelin stieß einen abfälligen Laut aus und zog sich nun ganz nach oben. »Sicher, es ist schön. Aber es ist auch leichtsinnig, und wir verfügen über keine Thronanwärterinnen, die uns gegebenenfalls ersetzen könnten.«
Daleina zuckte zusammen – sie war die Letzte, die an diese Tatsache erinnert werden musste – , doch sie würde sich davon nicht die gute Laune verderben lassen. Sie öffnete die Augen und zeigte auf ein kahles Loch im dichten Grün der Bäume. Ganz wie sie gehofft hatte, war es von so hoch oben aus leicht, die versehrten Bereiche auszumachen. »Wir fangen mit dieser Stelle dort an.«
Früher einmal hatte ein Baum dieses Loch ausgefüllt, wahrscheinlich ein sehr großer mit weit ausladenden Ästen und dichtem Blattwerk, aber jetzt … Die verödete Stelle sah aus wie eine schwarze Insel in einem Meer aus Grün. Merecot hatte im Zuge ihres feindlichen Einfalls in das Land zahllose Todeszonen hinterlassen. Noch etwas, was ich ihr nicht verzeihen kann. Sie hatte mit ihrem Angriff Daleinas geliebtes Aratay tief verwundet – das Töten seiner Geister tötete das Land selbst. Mit vereinten Kräften hatten sie die Königin von Semo wieder zurückgetrieben, aber ihr zerstörerisches Wirken war immer noch überall im Land sichtbar.
Die Zeit des Kämpfens war vorüber. Jetzt war die Zeit des Heilens.
»Kommt mit.« Daleina ließ sich herabgleiten und huschte über den Ast, bis sie einen Drahtpfad fand. Sie klinkte einen Karabinerhaken in den Draht ein. »Je näher wir dran sind, umso leichter ist es.«
»Können wir nicht einfach …«
Daleina stieß sich ab und segelte durch die Blätter hindurch. Sie stieß einen Freudenschrei aus, und was immer die andere Königin noch sagte, verlor sich im Rauschen des Windes. Im Dahinsausen riss sie gelbe Blätter von den Zweigen, und sie erfüllten die Luft, so dass es ihr vorkam, als flöge sie durch einen Wirbelsturm aus Gold.
Schnell hatte sie den nächsten Baum erreicht und landete dort auf einem terrassenartigen Aufbau. Sie hakte sich vom Draht los und wartete auf Naelins Eintreffen.
»Ihr quält mich mit Absicht«, klagte Naelin, als sie nun neben ihr landete. Sie schwitzte, und ihr braungraues Rehhaar klebte ihr an der Stirn. Ihre Wangen waren gerötet.
»Nein, nicht mit Absicht.« Daleina ging in die Hocke und spähte durch die Bäume hindurch. »Es ist einfach ein glücklicher Zufall.« Sie warf Naelin ein Lächeln zu, zum Zeichen, dass sie nur scherzte. Allerdings war sie sich nicht so ganz sicher, ob Naelin überhaupt Sinn für Humor hatte. Sie hatten bisher nicht viel Zeit miteinander verbracht, zumindest nicht, ohne dass entweder Naelins Kinder oder Ven dabei waren.
Egal. Ich fand es jedenfalls witzig.
Eine Seilbrücke führte von dem Aufbau hin zu der verödeten Stelle im Wald – sehr praktisch. Sie fragte sich, warum wohl … Ah. Hier muss einmal ein Dorf gewesen sein. Ihr wurde schwer ums Herz. Mit dem Absterben des Baumes waren auch die Häuser der Dorfbewohner zerstört worden. Vielleicht waren auch Tote zu beklagen gewesen. Daleina verlangsamte ihr Tempo und ging voran, vom Baum auf die Brücke. Sie gab sich alle Mühe, nicht daran zu denken, wie viele Menschen hier gelebt haben mochten.
Ich habe mein Bestes getan, rief sie sich nicht zum ersten Mal ins Gedächtnis.
Wie gewöhnlich fühlte sie sich dadurch nicht besser.
Ihre Nation war nicht das Einzige, was der Heilung bedurfte.
Die Seile waren moosbewachsen und zerfasert, und die Brücke schwankte und schaukelte, als Daleina und Naelin sie überquerten. Von der nächsten Terrasse aus konnten sie die verödete Stelle sehen: ungefähr kreisförmig, mit dem Umfang einer der gewaltigen Eichen, deren Zweige für gewöhnlich Wohnhäuser beherbergten. Unter ihnen, ganz weit unten, war der Boden trocken und grau, ohne Leben. Der leblose Kreis war umgeben von dichtem Unterholz, das jedoch keinen Zentimeter weit in die Todeszone vordrang … Nicht, bis wir alles wieder in Ordnung gebracht haben.
Daleina griff in das Bündel, das sie bei sich trug, und zog eine Seilrolle heraus. Sie wählte einen stabilen Ast und knotete das Seil fest. Dann schwang sie sich auf das Seil und ließ sich daran am Stamm des Baumes herab.
»Muss das sein?«, kam es von Naelin.
»Wir könnten auch einen Geist beschwören und fliegen.«
Mit einem Seufzen seilte sich die andere Königin nun ebenfalls ab.
Auch wenn es sie schmerzlich an all die Verluste erinnerte, die ihr Land erlitten hatte, war es doch schön, einmal aus dem Palast herauszukommen, weg von den Höflingen und Beratern, weg von all den täglichen Kleinigkeiten der Verwaltung Aratays. Nur mit einem einzigen Problem hatte sie es heute zu tun: das Land wieder heil zu machen. Und das kann ich auch.
Sie hätte es aus der Ferne tun können – als Königin besaß sie die Macht dazu. Und Naelin verfügte ohne Zweifel über mehr als genug Macht. Die andere Frau verströmte förmlich Kraft und Energie. Aber bei diesem ersten verödeten Gebiet wollte Daleina die Sache persönlich erledigen, um Naelin zu zeigen, wie so etwas gemacht wurde. »Es ist eine notwendige Übung zu ihrer weiteren Ausbildung«, hatte sie Ven erklärt. Als Meister konnte er keine Einwände gegen eine zusätzliche Ausbildung der neuen Königin erheben, vor allem, da Naelin nahezu ohne jegliche Unterweisung von einer einfachen Waldbewohnerin zur Königin geworden war.
Er hatte Daleina natürlich sofort durchschaut. »Ihr wollt doch nur eine Erholungspause nehmen, weit weg vom Thron.«
»Es ist ein unbequemer Stuhl«, hatte sie ihm recht gegeben.
»Während Ihr fort seid, werde ich mich auf die Suche nach ein paar zusätzlichen Kissen machen.« Und um es zu demonstrieren, hatte er einen Pfeil in seinen Bogen eingelegt und ihn in das nächste Sofa geschossen. Daunenfedern waren durch die Luft gestoben.
Auf halbem Weg den Baum hinunter wechselten Daleina und Naelin vom Seil auf eine Leiter, die in den Stamm hineingebaut worden war, wahrscheinlich für die Dorfbewohner, damit sie zum Waldboden hinabsteigen konnten, um dort nach Beeren zu suchen oder Rotwild zu jagen. Es war einfacher, die Leiter hinunterzuklettern, und schon bald erreichten sie den Boden und bahnten sich durch die Büsche einen Weg zu der verödeten Stelle.
Sie war so leblos, wie Daleina vermutet hatte. Oder eigentlich sogar noch lebloser. Sie hatte erfahren, was Dürre anrichten konnte, aber selbst dann war da doch immer noch irgendetwas im Boden spürbar. Jetzt jedoch fühlte sie nichts als den Staub, der im Weitergehen um ihre Füße wirbelte. Sie kniete sich hin, schöpfte eine Handvoll trockener Erde und ließ die toten Körnchen durch ihre Finger rinnen. Naelin setzte sich auf einen Stein und trank aus ihrer Feldflasche. Einige Tropfen fielen auf den Boden und wurden schnell von der Erde aufgesogen.
»Als der Geist oder die Geister, die zu diesem Baum gehörten, gestorben sind, ist auch das Land gestorben«, erklärte Daleina. »Wenn wir es ins...




