Dury Ich und Ben
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95602-021-6
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-95602-021-6
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andreas Dury, geb. 1961, wuchs im pfälzischen Dahn auf. Er studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Tübingen, München und Berlin und absolvierte eine Ausbildung als Programmierer. Heute arbeitet er selbstständig als Autor, in der Erwachsenenbildung und als Softwareentwickler. Er ist Vorstandsmitglied des VS-Saar. Zahlreiche Veröffentlichungen, v.a. '... als ich in die Stadt kam', (Erzählungen, 1999), 'Schachtelkäfer' (Roman, 2003). 1999 Georg-K.- Glaser-Preis, 2003 Martha-Saalfeld- Preis und Buch des Jahres Rheinland-Pfalz, 2005 Sonderpreis beim Sketch- und Geschichtenwettbewerb Dillingen a.d. Donau. Außerdem war Andreas Dury mit seinem Roman »Oh Tapirtier« für den Pfalzpreis für Literatur 2010 nominiert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
8. Dezember 1986 - Westberlin
Februar 1988 - Westberlin
November 1991 - Wiesbaden
November 1993 - Sankt Petersburg
Mai 1994 - Wiesbaden
1998 - Wiesbaden
Frühjahr, Sommer 2000 - Saarbrücken
September 2000 - Saarbrücken, Zürich
Weihnachten, Silvester 2001 - Saarbrücken
2003-2004 - Saarbrücken
August 2005 - Saarbrücken
Juli 2006 - Saarbrücken
November 2007 - Saarbrücken
Februar 1988 – Westberlin
Wir gingen uns aus dem Weg, wo wir konnten, aber manchmal stießen wir doch aufeinander in der großen Altbauwohnung, auf dem Flur, in der Küche, und dann weinten wir und wandten uns ab, oder wir weinten und umarmten uns. Das war alles, was wir noch füreinander tun konnten. Vorher hatten wir schon Bens Nachnamen ändern lassen, sodass er jetzt so hieß wie ich und nicht mehr so wie sie. Außerdem hatten wir eine Vollmacht beglaubigen lassen, nach der Lisa alles billigte, was auch immer ich mit unserem Sohn unternahm. Es gab jetzt nichts mehr zu tun, außer wegzugehen. Ich sterilisierte Bens Flaschen, kochte Brei, packte Koffer und Kisten und trug alles zum Auto. Ben stolperte mir immerzu hinterher, oder ich trug ihn auf dem Arm.
Ich dachte, dass er sich nie an diesen Tag erinnern wird, dass er gar nicht merkt, was mit ihm geschieht und wie ihm eine Wunde zugefügt wird, die niemals heilt.
Lisa hielt die Tür zu ihrem Zimmer geschlossen. Manchmal kam sie heraus. Sie ging mit schleppenden Schritten in die Küche und brühte sich einen Malzkaffee. Dann trug sie die dampfende Tasse mit dem Charlie-Brown-Motiv in ihr Zimmer und blieb wieder für einige Zeit verschwunden.
Gegen zwanzig Uhr brachte ich Ben ins Bett und wusste immer noch nicht, wohin wir fahren sollten. Irgendwann dachte ich: ans Meer, ans große Wasser, wo alle Wege beginnen, und dann faltete ich die Landkarten auf dem Wohnzimmertisch aus und legte die Route fest. Ein alter Freund von mir lebte an der Küste. Früher hatten wir zusammen gesoffen, gekifft und Pilze gefressen, wir waren auf Felsen geklettert und hatten uns mit den Bullen angelegt. Er war mit einer Französin verheiratet, die einen Frisörsalon in Le Treport hatte, in der Normandie. Ich dachte, vielleicht freut er sich, wenn er uns sieht.
Gegen zehn klopfte ich an Lisas Zimmertür. Sie saß im Dunkeln vor ihrem Fenster. Jemand schaltete die Hofbeleuchtung ein, und ein schwaches orange-gelbes Schimmern fiel auf ihr Gesicht. Schritte hallten im Hof. Das Tor quietschte und schwang ein paar Sekunden später mit dem üblichen Poltern in den Rahmen zurück. Der Zeitschalter des Hoflichts tickte. Dann war es wieder dunkel. Ich sagte, dass wir jetzt fahren. Sie kam auf mich zu und fiel so gegen mich, dass ich dachte, sie ist ohnmächtig geworden. Wir umarmten uns lange. Dann sank sie auf ihr Bett und legte ihr Gesicht auf das Kissen. Ich schloss leise die Tür.
Ben schlief weiter, als ich ihn zum Auto trug und auf den Rücksitz legte. Ich fuhr los. Manchmal wachte er auf und ich gab ihm etwas zu trinken. Ich konnte das Auto mit den Knien lenken und dabei ins Handschuhfach greifen und eine Flasche nach hinten reichen und gleichzeitig eine Zigarette drehen. Außerdem hatte ich ein paar Semester dieses und jenes studiert. Es war klar, dass es nicht reichte für die Zukunft, in die ich Ben jetzt führte.
In Kassel-Wilhelmshöhe stoppte ich das erste Mal, tankte, trank Kaffee und fuhr sofort weiter. Als die Sonne aufging, roch ich das Meer. Es war Ende Februar. Ich fuhr das Auto auf einen Parkplatz direkt am Strand. Das ruhige Meer wälzte die Kiesel. Ich ging ans Wasser und sah die Schaumkronen aus dem Dunkel kommen wie die Zeilen eines endlosen Textes, der vor meinen Füßen versickert. Ich kehrte zum Auto zurück, kurbelte die Sitzlehne nach hinten und versuchte zu schlafen. Als ich endlich ruhig wurde und die Drift in den Schlaf einsetzte, erwachte Ben. Er stand auf dem Rücksitz und haute mir seine kleine Hand auf den Kopf. Er war sehr fröhlich, als dieser Tag begann.
Ich trank den Kaffee, der noch übrig war, und aß die restlichen Brote. Ben hatte keinen Hunger. Dann zogen wir los. Es war ein sonniger Tag. Die Ebbe hatte eingesetzt. Der Strand war breit. Wir gingen zwischen den Kreidefelsen und dem großen Wasser entlang. In den klaren Tümpeln, die das zurückweichende Meer aufgedeckt hatte, schwankten Seeanemonen, eilten junge Krebse. Ben hockte sich daneben und griff in die kleinen Welten hinein. Als er gewickelt werden musste, legte ich ihn auf einen riesigen flachen Kiesel. Vorher hatte ich jede Menge geborstener Muschelschalen heruntergefegt und ich dachte, dass der Stein von den Möwen als Amboss benutzt wird. Es war erstaunlich warm für die Jahreszeit. Wir waren mehrere Stunden unterwegs. Manchmal lief Ben selbst, manchmal trug ich ihn auf der Schulter. Wir kommentierten das, was wir sahen mit seinem kleinen Wortschatz in den dramatischsten Betonungen. Am frühen Nachmittag waren wir zurück. Wir gingen in ein Restaurant und aßen moules frites. Ich zeigte ihm, wie man Muscheln isst und er hatte großen Spaß daran, mit jedem Bissen ein ganzes Tier zu verschlingen wie ein böser Riese. Er aß fast so viel wie ich. Dann musste er sich übergeben.
Nachdem ich ihn sauber gemacht und umgezogen hatte, fing ich an, nach Martin zu suchen. Wir gingen in den nächstbesten Frisörsalon und ich fragte in meinem schlechten Französisch nach einer Friseuse, die mit einem Deutschen verheiratet sei. Ich kannte ihren Namen nicht, aber man wusste sofort Bescheid und beschrieb mir den Weg Eine halbe Stunde später standen wir in dem Laden, der Martins Frau gehörte. Inzwischen wusste ich, dass sie Simone hieß. Ich war überrascht, wie modern und chic die Einrichtung war. Simone war sehr beschäftigt und kam erst zu uns, nachdem wir eine Zeit lang an der Theke gewartet hatten. Ich sagte, dass ich ein Freund ihres Mannes sei und ihn besuchen wollte. Sie schaute mich von oben bis unten an. Dann machte sie mir klar, dass er nicht da sei, und sagte etwas, was ich nur bruchstückhaft verstand. Entweder, dass er an den Strand gegangen, oder dass er mit dem Boot aufs Meer hinausgefahren sei. Sie verbarg nicht, dass sie in Eile war. Ich dachte, dass es egal ist, ob wir ihn finden oder nicht. Ich war so müde, dass ich nur noch die Stunden zählte, bis Ben so weit sein würde, dass ich ihn schlafen legen könnte. Ben konnte überall schlafen. Seit seiner Geburt hatte er immer auf demselben Schaffell gelegen, und wo auch immer das Fell lag, da war sein Bett.
Wir gingen zurück zum Strand. Es dämmerte und der Himmel war immer noch klar. Wir schlugen die Richtung ein, die Simone uns gezeigt hatte. Nach ein paar Minuten merkte ich, dass wir auf einen Damm zugingen, der aus großen Wacken gebaut war und offenbar als Wellenbrecher diente. Im Näherkommen sah ich Rauch und dann ein paar Menschen, die um ein kleines Feuer standen. Sie hatten uns bemerkt und wandten uns ihre Gesichter zu. Sie waren zu dritt. Wir waren noch zu weit weg, um zu erkennen, ob Martin dabei war. Dann löste sich einer aus der Gruppe und kam ein paar Schritte auf uns zu. Ich blieb stehen und Ben zog an meiner Hand. Er wollte umkehren. Der Mann war Martin. Er winkte uns. Wir gingen weiter und kletterten hinter ihm den Damm hoch. Martin stellte uns seinen Freunden vor. Sie konnten kein Deutsch, sodass wir uns ein paar Sätze lang auf Englisch unterhielten. Sie hatten sich auf dem Damm getroffen, um ein kleines Feuer aus Treibholz zu machen, einen Joint zu rauchen und aufs Meer hinauszuschauen. Martin gab die Tüte an mich weiter, als er an der Reihe war, und ich nahm ein paar Züge. Es tat mir gut. Die zwei anderen sagten etwas auf Französisch und verabschiedeten sich.
Ich fragte Martin, ob wir sie gestört hätten, und er sagte: »Das ist schon okay.«
Er baute einen neuen Joint. Wir setzten uns auf die Steine, Ben kletterte in unserer Nähe herum, und wenn er ein Hölzchen fand, warf er es aufs Feuer. Ich fragte Martin, wie es ihm ginge, ob er zufrieden sei. Er sagte: »Am Anfang war es schlimmer. So allmählich gewöhne ich mich dran.«
Er hatte keinen Job und im Frisörsalon ließ man ihn nur die einfachsten Dinge tun: Haare zusammenkehren, Waschbecken sauber machen, Trockenhauben über die Köpfe der Kundinnen stülpen. Ich erzählte ihm, dass ich mich gerade von meiner Freundin getrennt hätte und nicht wisse, wie es weiter geht. Dann hörten wir auf, über die Sachen zu reden, die uns deprimierten.
Er berichtete von einem Tauchkurs, den er im letzten Sommer gemacht hatte, und dass das genau sein Ding sei, das Tauchen. Der Kif hatte die Spannung und die Müdigkeit von mir genommen. Ich saß zurückgelehnt auf einem flachen Stein, so bequem wie in einem Liegestuhl. Ich hörte ihm zu, wie er vom Tauchen sprach. Manchmal kam Ben und zeigte mir etwas. Ich dachte, so könnte es jetzt eine Zeit lang bleiben.
»Wenn du zum Tauchen gehst, hast du so einen Neoprenanzug an, Flossen, Tauchermaske, Schnorchel und natürlich die Harpune. Dann musst du erstmal einen Fisch finden, der sich lohnt. Aber da wimmelt es ja nur so, wenn das Wasser klar ist. Du suchst dir also einen raus, schwimmst ihm hinterher und drückst im richtigen Moment einfach ab. Paff! Dann ziehst du ihn an der Schnur zu dir her und machst den Pfeil raus. Die Widerhaken kannst du einfach einklappen, da geht der Pfeil meistens gut wieder raus. Der zappelt aber ganz schön, der Fisch. Den musst du schon ordentlich festhalten. Ganz selten, dass da einer nach dem Schuss schon tot ist. Getötet werden die Burschen in dem Moment, wo du sie auf den Ring ziehst. Du hast da so einen Metallring am Gürtel, wie ein großer Schlüsselring ist das, den kannst du aufmachen und der hat an der Stelle, wo er auseinander geht, eine ziemlich scharfe Spitze. Mit der Spitze gehst du ihm durchs eine Auge rein, dann durchs Hirn und zum anderen Auge wieder raus. Das überleben die praktisch nie. Dann machst du den Ring wieder zu und hängst ihn an den Gürtel. Da passen schon ein paar drauf.«
Ben fragte, wann wir was essen. Ich sagte: »Gleich.«
Martin fragte, ob wir schon...




