E-Book, Deutsch, Band 1, 311 Seiten
Duval Mord an der Loire
2024
ISBN: 978-3-8392-7860-4
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Fall für Baron Philippe
E-Book, Deutsch, Band 1, 311 Seiten
Reihe: Privatdetektiv Philippe du Pléssis
ISBN: 978-3-8392-7860-4
Verlag: Gmeiner-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Catherine Duval hat im Loiretal gelebt und macht dessen Schlösser zum Schauplatz von Verbrechen. Die reiche Geschichte der Gegend, die seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, inspirierte sie ebenso zu diesem Kriminalroman, wie die französische Lebensart. Heute lebt die Autorin im Rhein-Main-Gebiet.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Zu kalt. Er schlug den Kragen seines Tweedjacketts hoch. Zu hell. Philippe fummelte die Sonnenbrille aus der Brusttasche. Der Himmel über der Rue Colbert hatte sich noch nicht für eine Farbe entscheiden können. Und eindeutig zu früh. Der letzte Drink gestern im »Alexandra« war wohl einer zu viel gewesen. Mechanisch lenkten seine Schritte ihn in Richtung Place Plumereau. Das Telefon hatte ihn aus seinem ersten tiefen Schlaf gerissen. Nur Daniel konnte ihm helfen.
»So früh heute?«
Daniel stand hinter seinem Tresen und nahm eine Tasse von der fauchenden, beeindruckend großen Kaffeemaschine. Mit Schwung klopfte er den Siebträger auf die Holzkante der Bar, die an dieser Stelle bereits eine tiefe Einbuchtung hatte. Sekunden später klemmte frisches Kaffeepulver in dem chromblitzenden Gerät.
»Tante Aude«, seufzte Philippe und griff hinter den Plexiglasschutz. Er angelte nach einem goldgelben Croissant. »Von Robert?«
Daniel nickte.
»Von wem sonst, Chéri?« Butter. Eine schmeichelweiche Masse. Die Croissants au beurre aus Roberts Boulangerie waren legendär. Die langen Warteschlangen vor seinem Bäckerladen gehörten zu Recht zum Stadtbild. Das zarte Gebäck war innerhalb weniger Sekunden verschlungen. Philippe merkte, wie sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen. Zum ersten Mal an diesem Morgen, der so unsanft begonnen hatte.
»Voilà, Monsieur. Nachschub. Mit dem Extraschuss Milch für die deutsch-französische Freundschaft. Hilft auch gegen alte Drachen wie deine Tante Aude.«
Mit einem Augenzwinkern hatte Daniel einen Grand Crème und eine Tartine vor ihm abgestellt. Dann entschwand er ans andere Ende des Tresens, um abzukassieren. Die beiden Bauarbeiter in Montur nickten Philippe zu, bevor sie das Café verließen. Stammkundschaft wie er.
Als er zurückkam, legte Daniel die Stirn in Falten. »Du siehst ein bisschen zerknittert aus, Herr Baron.«
Philippe winkte ab. »Willst du nicht wissen, glaub mir.«
»Hast du’s schon gelesen? Deine Landsmänner bringen uns zurück, was uns gehört. Nach über siebzig Jahren.« Daniel schob ihm mit einem breiten Grinsen einen Stapel Zeitungen zu. Die Ouest-France machte heute mit einem reißerischen Titel auf: »Besiegtes Deutschland. Rousseau-Gemälde an seinen rechtmäßigen Besitzer restituiert«.
Die Nouvelle République formulierte: »Französisches Kulturgut kehrt zurück: Während der Occupation gestohlenes Gemälde wird an seinen Besitzer zurückgegeben. Großes gesellschaftliches Event in Cotignac«.
Philippe lächelte zurück. »Ich sag ja: Tante Aude.«
Er schluckte den letzten Bissen des Croissants herunter und griff nach dem Baguette. Die herrlich rösche Kruste der Tartine krachte zwischen seinen Zähnen. Leicht salzige Butter und tröstlich süße Feigenkonfitüre. Es war ein Genuss. Dazu einen Schluck des bitteren Gebräus. Besiegtes Deutschland? Er ließ sich lieber auf diese Weise besiegen. Er spürte, wie die Lebensgeister in ihn zurückkehrten.
»Wenn sie dich wieder davon überzeugen will, dass du dein Junggesellenleben in Paris endgültig aufgeben und hierbleiben sollst, bin ich ganz ihrer Meinung. Aber vermutlich geht es um das Fest. Die Noblesse ist unter sich. Oder sind auch ein paar richtige französische Bürger dabei, echte Citoyens wie ich? Und seit wann zum Teufel treibst du dich gerne auf Adelsfesten herum?« Daniel sah ihn gespielt vorwurfsvoll an.
»Das ganze Who’s who der Touraine; die Familie und alle anderen Adeligen, die ihr Citoyens bei der Revolution nicht geköpft habt. Ein paar Politiker und so weiter. Hoffentlich ist wenigstens das Catering gut.« Philippe schnippte einige Baguette-Krumen von seinem Tweedjackett. »Und von gerne kann keine Rede sein. Ich bin dort rein beruflich. Ich gehe hin, mache meinen Job als Philippe Auguste Louis Vicomte du Pléssis, Baron de Beaumarchais. Und morgen bin ich wieder Philippe Pléssis und trinke bei meinem Freund Daniel und seinem Göttergatten Eric meinen ersten Kaffee.«
»Rein beruflich. Natürlich. Du haust dir rein beruflich ein paar Gläser roten Chinon hinter die Binde, ein bisschen Foie gras hier, ein paar Petits Fours da, nur aus Pflichtgefühl, versteht sich. Vermutlich gibt’s danach noch ein Dîner, man ist unter sich. Schwerstarbeit. Du erwartest jetzt aber nicht von mir, dass ich dich bedauere, Monsieur le Baron?«
»Doch, eigentlich schon. Aber beim Essen hört für euch Franzosen wohl die Freundschaft auf?« Sie lachten. Dieselben Neckereien wie schon vor über zwanzig Jahren im Collège. Daniel, der Sohn eines Arbeiters. Und er, Spross einer alten Adelsfamilie mit einem Stammbaum bis ins 12. Jahrhundert. So wie sich das im französischen »Tal der Könige« gehörte. Das Blut seiner Urgroßmutter, einer bayerischen Prinzessin, die seinem Urgroßvater seinerzeit bei der Weltausstellung in Paris den Kopf verdreht hatte, machte ihn für seinen Freund zum Deutschen. Damit unterschied er sich, obwohl Républicain, in nichts von Philippes Verwandtschaft. Von ihren Schlösschen links und rechts der Loire aus hatten sie aus ihrer Missbilligung die amourösen Eskapaden seines Uropas betreffend seinerzeit keinen Hehl gemacht. Bis heute blieb es ein Fleckchen auf der ansonsten prächtigen Adelsrobe der Familie derer von Cotignac und du Pléssis.
Daniel wollte antworten, als scheppernd der Torero-Marsch aus Berlioz’ Oper »Carmen« ertönte. Der Klingelton, den er an Tante Aude vergeben hatte. Schon wieder. Nicht genug, dass sie ihn aus dem Bett geworfen hatte. Sie gönnte ihm nun nicht einmal seinen dringend benötigten Kaffee. Wenn sie etwas wollte, ließ sie nicht locker, bis sie es hatte. Und sie gehörte zu der Sorte Frauen, die stets bekam, was sie wollte. Aber diesmal nicht. Er zog sein Handy aus der Tasche, drückte die Anruferin weg und stellte das Gerät auf lautlos. Erst das Vergnügen, dann die Arbeit. Er war noch nicht völlig wiederhergestellt.
»Noch einen Petit Serré mit einem Schuss Zitronensaft, Daniel.«
Der zog die Augenbrauen hoch: »So schlimm heute?«, bevor er sich an die Arbeit machte.
Keine Minute später sah Philippe zu, wie der Zucker aus einem schmalen Tütchen langsam durch die Crema sackte, kippte den Zitronensaft dazu und rührte alles zu seiner Spezialmischung zusammen, die er bereits unzählige Male erfolgreich gegen einen dicken Brummschädel eingesetzt hatte. Sie verfehlte auch diesmal ihre Wirkung nicht.
Er tupfte sich die Lippen mit einer kleinen Papierserviette ab. Dann rutschte er von seinem Barhocker.
»Merci, Daniel. Das hat gutgetan.«
»Kommst du zum Mittagessen?«
Philippe schüttelte den Kopf: »Wird mir zu knapp. Ich habe heute noch einen anderen Termin. Eine charmante Dame braucht meine Unterstützung. Ich soll die Rede, die sie über das Bild halten will, mit der Rede von Onkel Jean-Baptiste abgleichen.«
Er kramte in seiner Jackentasche und hielt Daniel schließlich sein Handydisplay hin. Der pfiff durch die Zähne. Von einer deutschen Kunstversicherungs-Website strahlte ihn eine hübsche Blondine an.
»Rein beruflich, natürlich.«
»Selbstverständlich.«
»Wer’s glaubt.«
Philippe legte Daniel einige Münzen auf den Tresen. »Glaub es oder glaub es nicht. Ich muss jedenfalls los. Meine Göttin ist nicht die schnellste, wie du weißt.«
»Sie läuft wieder? Na dann. Viel Glück. Und viel Spaß bei der Schwerstarbeit, Baron. Wir sehen uns.« Daniel nickte ihm zu, während Philippe das Café verließ.
Die dunklen Fachwerkhäuser hoben sich vom inzwischen strahlend blauen Himmel ab. Die Place Plumereau im Zentrum der Altstadt von Tours lag im Schlummer. Die unzähligen Tische und Stühle der Café- und Restaurant-Terrassen, die sich um den fast quadratischen Platz reihten, waren in der Mitte zusammengeschoben. Sie würden sich erst zum Mittag mit Gästen füllen.
In seiner Jackentasche begann es erneut zu vibrieren. Eindeutig zu viele Anrufe angesichts der frühen Tageszeit.
Wenige Minuten später hatte er den Boulevard de Lattre de Tassigny erreicht. Die Loire lag gelangweilt und sich gemächlich rekelnd in ihrem Bett, wie es sich für eine französische Schönheit um diese Uhrzeit gehörte. Ein einsamer Schwan gründelte am Ufer neben einer vertäuten Langère. Das flache Boot gehörte einem der letzten Fischer von Tours, Lieferant von Daniel. Es dümpelte leicht in der Strömung.
Widerwillig riss sich Philippe von dem friedlichen Anblick los.
Auf in den Kampf, Torero, dachte er. Behände glitt er hinter das Steuer seines Oldtimers. Die Schiebermütze ließ er auf, der nächtliche Nebel des Flusses war durch die Ritzen gekrochen und machte den Innenraum klamm. Ob der Frühling in diesem Jahr noch in die Gänge kam? Dreimal musste Philippe starten, ehe seine Göttin ansprang. Dann wackelte die DS mit ihrem Hinterteil. Die Hydraulik ruckelte das Chassis in die Höhe. Er zündete sich einen Zigarillo an und blies die Luft durch das kleine Seitenfenster, das er nach außen gedreht hatte. Das kalte Lenkrad mit der Rechten greifend, in der Linken seinen Zigarillo, steuerte er den Wagen in Richtung Westen, aus der Stadt heraus. Die Straße führte an der Loire entlang, die sich nun breit ausgedehnt an die freie Landschaft der Touraine verschwendete. Philippe konnte Möwen sehen, die kreischend auf dem Wasser landeten. Ein leichter Wind streichelte die Äste der typischen Trauerweiden, die das Ufer säumten, und schüttelte die grünen Büsche und Sträucher der vielen lang gezogenen Inseln und Sandbänke in der Flussmitte.
Der Kies knirschte, als Philippe den alten...




