E-Book, Deutsch, Band 2, 376 Seiten
Reihe: Nightmare
Dyster Nightmare
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7568-8250-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Finde Mich
E-Book, Deutsch, Band 2, 376 Seiten
Reihe: Nightmare
ISBN: 978-3-7568-8250-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Autorin S. M. Dyster lebt in der Nähe von Hannover und ist promovierte Biologin. Sie schreibt bereits seit ihrer Kindheit Romane und Kurzgeschichten und kann dabei am besten entspannen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Traum
Stellar – Ashes
Ich liege auf weichem Moos und blicke in einen blauen Himmel, vor dem kleine weiße Wolken vorüberziehen. Die üppig grünen Kronen hoher Bäume bewegen sich träge rauschend über mir, ein warmer Wind trägt den Geruch von Wald und Sommer mit sich und ich atme tief ein. Sonnenschein wärmt meine Haut, tanzt als kleine Punkte über den Waldboden und lässt alles leuchten.
»Na, schöne Frau«, sagt eine leise Stimme neben mir und ich wende verwundert den Kopf.
Da ist er, dunkle Haare, blasse Haut und die Aura eines Raubtieres kurz vor dem tödlichen Sprung. Nur wenige Meter neben mir hat sich Sixten auf ein Knie hinuntergelassen und betrachtet mich mit sonderbarer Miene. Sein wirres schwarzes Haar glänzt in der Sonne wie das Gefieder einer Krähe und wirft einen Schatten über seine mysteriösen Augen, die in jedem Licht anders aussehen und deren Blick ich gerade nicht deuten kann. Ist das Zorn, der sich hinter seiner unergründlichen Miene verbirgt? Sein Gesicht wirkt so verschlossen, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe, beunruhigt setze ich mich auf.
»Was hast du? Ist etwas passiert?«, frage ich argwöhnisch. Das warme Gefühl, das ich noch Sekunden zuvor hatte, verflüchtigt sich augenblicklich und weicht einer Besorgnis, deren Ursprung ich nicht kenne. Es kommt mir vor, als wüsste Sixten etwas, das ich vergessen habe. Doch er sagt nichts, starrt mich nur weiter mit dieser halb wütenden, halb betrübten Miene an.
»Du weißt schon, dass Kommunikation das Wichtigste in einer Beziehung ist?«, versuche ich ihn aus der Reserve zu locken. »Oder muss dir das erst so ein kurzlebiger kleiner Mensch wie ich erklären?«
Ich bin verwundert, dass er weder grinst noch einen gepfefferten Konter zurückschießt. Stattdessen murmelt er nur: »Beziehung … Mensch … Die Dinge ändern sich manchmal schneller, als man Scheiße sagen kann.«
Nun reicht es mir aber. Ich verstehe weder, wovon er redet, noch, woher seine miese Laune kommt, doch ich bin entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Also komme ich auf die Beine und überwinde die wenigen Meter zwischen uns, um ihn in den Arm zu nehmen, doch bevor ich auch nur die Hand nach ihm ausstrecken kann, ist er schon in Nachtmahr-Geschwindigkeit aufgesprungen und zurückgewichen, als wäre es ein Sakrileg, mich zu berühren.
»Geht’s noch?«, schimpfe ich ärgerlich und funkele ihn böse an.
»Vertrau mir, Nea. Du willst mich nicht«, murmelt er kalt und jetzt erkenne ich das Gefühl, das ich in seinen Augen sehe. Es ist bittere Enttäuschung.
»Was zum Teufel geht hier vor?«
»Du träumst und in diesem Traum erinnerst du dich nicht an alle Dinge, die geschehen sind. Aber ich tue es und ich werde dich nicht anrühren, weil ich weiß, dass du es gar nicht willst.«
»Das ist doch Schwachsinn!«, herrsche ich ihn an. »Es kann überhaupt keine Welt geben, in der ich dich nicht wollen würde.«
Er lacht düster.
»Bis vor wenigen Stunden dachte ich das auch.«
Wieder tritt dieser enttäuschte Ausdruck, den ich kaum ertragen kann, auf sein Gesicht. Ich mache ein paar weitere Schritte auf ihn zu, er scheint wieder ausweichen zu wollen und ich sehe die widerstreitenden Gefühle in ihm um die Herrschaft kämpfen.
Die ganze Situation verunsichert mich so sehr, dass ich mir nichts mehr wünsche, als dass er mich endlich in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles wieder gut ist. Über den eben noch blauen Himmel ziehen plötzlich dunkle Wolken, das sonnige Licht ist einer diffusen Düsternis gewichen und mich fröstelt. Wir starren uns an, sein Blick ist hart, kalt und abweisend.
»Bitte, Sixten. Was immer du da tust, hör auf damit«, flüstere ich und höre selbst, wie meine Stimme zittert und bebt. Ich kann nur mit Mühe die Tränen zurückhalten.
Sixten sieht es und endlich glaube ich zu erkennen, wie seine starre Miene etwas weicher wird.
»Es wäre nicht richtig, Nea. Erstens habe ich meinen Stolz und zweitens möchte ich deine Wünsche respektieren.«
Seine Stimme klingt noch immer abweisend, doch ich höre in seinen Worten jetzt auch tiefen Kummer. Irgendetwas muss ihn unendlich verletzt haben. Wenn ich mich nur erinnern könnte!
»Vergiss meine Wünsche«, wispere ich eindringlich und versuche ihn mit meinen Blicken zu hypnotisieren und dazu zu bringen, seinen Widerstand aufzugeben. »Ich bin eine Frau, hat man dir nicht gesagt, dass ich das Recht habe, meine Meinung so oft zu ändern, wie es mir gefällt?«
Endlich sehe ich, wie sich ein winzig kleines Lächeln um seine Augen herum ausbreitet, das kurze Zeit später auch seine wunderschön geschwungenen Lippen erreicht.
»Nun, nein, das hat mir niemand gesagt. Ohnehin haben die Wünsche und Ansichten von Menschenfrauen bisher kaum eine Rolle für mich gespielt.«
»Woher dann plötzlich diese Rücksicht? Wirst du etwa weich und willensschwach auf deine alten Tage?«
Ich grinse ihn frech und herausfordernd an und sehe mit Genugtuung, dass er nicht anders kann, als darauf einzugehen. Da ist plötzlich so ein dunkles Funkeln in seinen Augen und ein hungriges Knurren in seiner Kehle. Noch einen Moment hält er den intensiven Blickkontakt zu mir aufrecht und ich sehe, wie seine Iriden sich schwarz färben. Dann ist er in einer einzigen schnellen Bewegung bei mir, zieht mich besitzergreifend in seine Arme, vergräbt grollend das Gesicht in meinen Haaren und schiebt mich ungestüm ein paar Schritte rückwärts, bis ein Baum uns stoppt.
»Ich habe mich wirklich bemüht, ein guter Kerl zu sein«, flüstert er an meinem Hals, während er ihn mit leidenschaftlichen Küssen bedeckt. »Aber das ist einfach gegen meine Natur. Also sieh es mir bitte nach, dass ich die Tatsache, dass du dich offensichtlich gerade an nichts erinnerst, so schamlos ausnutze. Ich will dich nur noch einmal spüren, noch einmal deinen Geruch einatmen, um ihn mir für immer einzuprägen.«
Ich erschaudere wohlig unter den warmen Berührungen seiner Lippen in meiner Halsbeuge, während er sich immer stärker an mich drängt, meinen Körper mit seinem gegen den Baumstamm presst und seine Hände in meinen Haaren vergräbt. Schließlich umfasst er meinen Hals und sieht mir fest in die Augen. Seine sind inzwischen komplett schwarz wie die sternenloseste Nacht und ich versinke darin, ein Sturz in bodenlose Tiefen, bevor er seine Lippen auf meine presst und mich so hingebungsvoll küsst, als stünde das Ende der Welt bevor. Da ist so ein Hunger in jeder seiner Berührungen, eine verzweifelte Sehnsucht, die ich nicht begreife. Am liebsten würde ich ihn wieder danach fragen, doch ich will diesen wunderschönen, intensiven Moment nicht zerstören. Seine Hände gleiten an meinem Körper hinab, halb Klauen, halb menschliche Finger, und schwarze Schatten erheben sich aus dem Dunkel des Waldes um uns. Ich schließe die Augen und überlasse mich ganz seinen Küssen, versinke in dem Gefühl der Begierde, das er in mir auslöst. Ich spüre, dass er dasselbe will wie ich, und dränge mich noch näher an ihn, während alles in mir in Aufruhr gerät vor Leidenschaft und Erregung, aber auch vor Verwirrung und Sorge. Hitze strömt durch meinen Körper und ich glaube fast zu verbrennen, als seine Hände weiter nach unten wandern und mich auf eine Art berühren, die mich jede Beherrschung vergessen lässt. Ich seufze leise und bitte ihn, nicht aufzuhören, was er mit einem dunklen Grinsen und einem sinnlichen Schnurren an meinem Ohr quittiert. Und während ich mich ihm vollkommen hingebe, spüre ich plötzlich etwas anderes. Da ist noch ein Gefühl in meinem Körper, das sich jetzt frei bewegt und nach außen drängt. Eine dunkle, entfesselte Kraft, die sich von ihren Ketten befreit hat, als ich für einen Moment abgelenkt war, und die sich nun zu voller Größe aufrichtet. Mir kommt eine schwarze Schlange in den Sinn und gleichzeitig rauscht eine Welle von Panik über mir zusammen. Gleich darauf beginnt Sixten zu keuchen.
Ich öffne die Augen und sehe ihn rückwärts taumeln, weg von mir. Seine Haut wird schwarz, seine zu Klauen geformten Hände scheinen vor meinen Augen zu zerbröckeln, als bestünden sie aus verbrannter Kohle. Er schreit vor Schmerzen und ich will zu ihm, will ihm helfen.
»Sixten!«, brülle ich außer mir vor Angst und strecke die Hände nach ihm aus, doch das macht alles noch schlimmer. Der Wald um uns herum beginnt zu tosen, während die Schwärze nach ihm greift, die Baumstämme hinaufkriecht, die Blätter in ihre Bestandteile auflöst und alles zerfallen lässt, sodass Sixten und ich in einem Wirbel aus Ascheflocken stehen, die um uns herumfliegen wie schwarzer Schnee direkt aus der Hölle. Einen Moment...




