E-Book, Deutsch, 600 Seiten
Ebert Swami Vivekananda
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-1273-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die große Biografie
E-Book, Deutsch, 600 Seiten
ISBN: 978-3-6951-1273-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Narendra Datta, der spätere Swami Vivekananda (1863-1902), war der bekannteste Schüler Ramakrishnas. Von Kindheit an war er sehr lebhaft, talentiert in allen Bereichen und entwickelte sich zu einem wahren Dynamo und Anführer, der unaufhörlich für seine Sache brannte. So wurde seine Begegnung mit Ramakrishna zu seinem Schicksal. Ohne diese herausragenden Eigenschaften wäre es ihm nicht möglich gewesen, den Grundstein für die weltweite Organisation des Ramakrishna-Ordens und der Ramakrishna-Mission zu legen und die Botschaft seines Meisters und den Vedanta in den Westen zu bringen. Er war von ganz anderem Naturell als der eher beschauliche Ramakrishna mit seinen Visionen und Ekstasen. Ramakrishna erkannte von Anfang an sein Potential und förderte ihn. Vivekananda wurde nur 39 Jahre alt, was insofern nicht verwundert, da er sich ständig völlig verausgabte und auf seine Gesundheit keine Rücksicht nahm. Was er in diesen wenigen Lebensjahren geleistet hat, ist enorm. Wenn man sich mit ihm befasst, wird man unweigerlich in den Strudel dieser kraftvollen Persönlichkeit hineingezogen. Er war zweifelsohne jemand, mit dem zu beschäftigen sich in vieler Hinsicht lohnt. Zusätzlich zu dieser großen Biografie gibt es noch eine kürzere Biografie von derselben Autorin in der Reihe "Ramakrishna und seine Schüler, Band 3" mit dem Titel: Swami Vivekananda: Sein Leben.
Autoren/Hrsg.
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Die Studentenzeit
Im Januar 1880 begann Narendra sein Studium im Presidency College. Er war soeben siebzehn geworden. Das College wurde staatlich geführt, und die Professoren waren meist Europäer. Die Studenten konnten entweder in indischer oder in europäischer Kleidung erscheinen. Sie sollten auch eine Armbanduhr tragen. Narendra entschied sich für ein loses indisches Gewand. Er besuchte das College ein Jahr lang, doch dann erkrankte er an Malaria und fehlte länger, weshalb er am ersten Examen (First Arts, F.A.) nicht teilnehmen durfte. Doch die General Assemly’s Institution, die später Scottish Church College hieß, ließ ihn schließlich zu und schickte ihn 1881 zur Prüfung, die er bestand.
Er studierte am General Assemly’s Institution weiter bis zum Bachelor of Arts 1884. Er hatte Englisch, Geschichte, Mathematik, Logik und Psychologie für seine F.A.-Prüfung ausgewählt und dieselben Fächer für seinen B.A., wobei er nur Psychologie gegen Philosophie getauscht hatte. Er beschränkte das Lernen nicht nur auf das Universitätsstudium, sondern las auch die Meisterwerke der westlichen Logik und Philosophie, beginnend mit Aristoteles. Vor allem Herbert Spencer interessierte ihn, und er verwendete später dessen Methode der Argumentation in seinen Diskussionen über die Lehre der und des . Er studierte auch die deutschen Philosophen wie Kant und Schopenhauer sowie John Stuart Mill, Auguste Comte und William Hamilton. Sein kritischer Verstand rührte sich zunehmend, und er rebellierte gegen das hinduistische Sozialsystem, in dem die Priesterkaste das alleinige Sagen hatte. Das Netz aus Glauben und Kaste war für ihn nicht länger tolerierbar. So stand er zunehmend in einem ständigen inneren Konflikt und suchte leidenschaftlich nach einem Ausweg. Er hinterfragte immer alle Sachverhalte, diskutierte viel, nahm es mit jedem auf, der ihn herausforderte, und verlangte, dass seine gedankliche Freiheit respektiert wurde.
Da er kein strenger, trockener Denker war, sondern auch ein mystisches Wesen besaß, war die reine Philosophie für ihn jedoch kein Weg. Das Problem des Lebens musste gelöst werden, der Verstand und die Sinne mussten überschritten werden. Er musste einen annehmbaren Weg zu Gott finden – falls Gott überhaupt existierte. Das war für ihn ein essenzielles Bedürfnis. Und falls kein Gott existierte, würde er auch das als Wahrheit akzeptieren und ein ehrlicher Atheist werden. Dabei konnten ihm die Philosophie und empirische Wissenschaft allein nicht helfen. Um der Wahrheit auf die Spur zu kommen, beschäftigte er sich mit Medizin und dem Nervensystem, besonders dem Gehirn und Rückenmark. Zudem interessierte er sich für die alte und neue Geschichte Europas und die Frage, wie sich der Charakter der Völker entwickelt hatte. Er mochte auch die Dichtung, in der die höchsten Ideale zum Ausdruck gebracht werden.
Andererseits liebte er auch Spaß und galt im College wegen seiner Geschichten, seines Humors und seiner Fröhlichkeit als „guter Kumpel“. Oft verbrachte er seine Tage mit Freunden und studierte spät am Abend ein historisches oder philosophisches Buch. Oder er packte seine Kameraden in eine Droschke, und sie gingen singend durch die Straßen. An religiösen Festtagen badeten sie im Ganges, und bei öffentlichen Festen wanderten sie nachts durch die erleuchteten Straßen und feierten. Naren war immer der Anführer, und er pflegte viele Freundschaften.
Einmal half er Haridas Chattopadhyaya, seinem Mitstudenten, der in finanziellen Schwierigkeiten steckte und seine College-Gebühren nicht bezahlen konnte, weshalb er nicht zum Examen zugelassen werden sollte. Er ging zu Rajkumar, der dafür zuständig war, erklärte ihm, dass Haridas die Gebühren nicht bezahlen konnte, und bat ihn, sie zu erlassen und Haridas zur Prüfung zuzulassen, was in Härtefällen üblich war. Doch dieser weigerte sich. Naren wusste, dass Rajkumar gern die Opium-Höhlen besuchte, und stellte ihn eines Nachts dort mit der Forderung, Haridas zu helfen, oder er würde seine Opiumsucht öffentlich machen. Da gab Rajkumar nach. Als er seinem Freund mit viel dramatischer Gestik seine Begegnung mit Rajkumar in der Opium-Höhle beschrieb, brachen beide in Gelächter aus.
Naren bereitete sich immer erst in letzter Minute auf ein Examen vor. Vor der B.A.-Prüfung, die am 31. Dezember 1883 begann, hatte er die meisten vorgeschriebenen Bücher noch nicht gelesen, wie etwa Green’s Short History of the English People, das fast 900 Seiten umfasste. Er besaß nicht einmal ein Exemplar. Also besorgte er sich eines, zog sich ins Haus seiner Großmutter zurück, wo es ruhiger war, und verleibte es sich in kürzester Zeit ein, indem er Tag und Nacht studierte. Er gelobte, das Zimmer nicht zu verlassen, ehe er nicht das Tagespensum geschafft hatte. In drei Tagen kannte er es gründlich. Später berichtete er: „Ich saß im Zimmer, das Buch in der Hand, mit einer Kanne starken Tee oder Kaffee neben mir, um zu verhindern, dass das Gehirn übermüdete. Wenn ich nachts am Einschlafen war, band ich eine Schnur an meinen Fuß. Wenn ich einschlief und mich bewegte, um es mir bequemer zu machen, zog die Schnur an mir, und ich wachte sofort auf.“11
Naren sang gern zwischen seinen Studienphasen. Im gegenüberliegenden Haus wohnte eine junge Witwe. Sie stand oft an seinem Fenster und hörte ihm zu, ohne dass er es bemerkte. Einmal kam sie über die Straße, und Naren sah sie im Dämmerlicht an seinem Zimmereingang stehen. Sie war jung und in ihn verliebt. Für sie war sein Singen romantisch. Naren war überrascht. Er hatte das Mädchen nie zuvor gesehen. Da fiel er ihr zu Füßen und rief: „Mutter, warum bist du gekommen? Ich möchte dich als meine eigene Mutter betrachten.“ Das Mädchen verstand und ging. Am nächsten Tag wechselte er die Unterkunft.
Am Vortag seiner B.A.-Prüfung war Naren in seltsamer Stimmung und dachte: „Wirf alle Bücher weg, denn was bedeutet schon das Lernen in der Gegenwart des Herrn!“ Er sang bis neun Uhr fromme Lieder und sprach auf diese Weise. Ein Freund erinnerte ihn an seine Prüfung, doch er beachtete ihn nicht. Am nächsten Tag erschien er allerdings pünktlich zur Prüfung.
Musik spielte für ihn eine immer größere Rolle. Er konnte nicht nur hervorragend singen und Musikinstrumente spielen, sondern befasste sich auch mit der Musiktheorie. So arbeitete er an einer musiktheoretischen Abhandlung in Bengalisch mit dem Titel „Sangita-Kalpataru“ mit, die auch eine Sammlung von Liedern enthielt und 1887 erschien. Er komponierte auch selbst Lieder und Hymnen. Der Tanz, der in , dem tanzenden , seinen Ausdruck findet, spielt in Indien eine zentrale Rolle. Naren lernte auch diese Kunst und tanzte oft zu den Liedern.
In jenen Zeiten fand in Indien ein politisches Erwachen statt. Kalkutta war die Hauptstadt von Britisch Indien und stand unter der Fremdherrschaft. Das bewirkte, dass der Patriotismus zunahm. Es wurde die „Students‘ Association“ gegründet, die darauf abzielte, dass junge Bengalen physisch stark sein mussten. Viele junge Männer aus angesehenen Familien traten der Association bei und übten sich im Ringen. Auch Naren war unter ihnen, ebenso Rakhal, der spätere Swami Brahmananda.
Zudem wurde Narendra Mitglied im Der war eine religiöse Reformbewegung, die Raja Rammohan Roy 1828 in Kalkutta gegründet hatte und der viele junge Männer beitraten. Er vertrat sozialreformerische Ideen, forderte die Wiederverheiratung der Witwen, die Abschaffung der Kinderhochzeiten und die Bildung der Frau und kritisierte das rigide Kastensystem. Auch protestierte er gegen bestimmte Formen des orthodoxen Hinduismus wie den Polytheismus, die Bilderverehrung, die Lehre von der göttlichen Inkarnation und die Notwendigkeit eines Gurus. Er proklamierte ein monotheistisches Gottesbild und orientierte sich am Islam und Christentum. Später übernahm Devendranath Tagore, der Vater des berühmten Dichters Rabindranath Tagore, die Leitung und gab der Bewegung eine Organisationsstruktur und ein Glaubensbekenntnis. In der Folge wurde Keshab Chandra Sen, ein vertrauter Verehrer Ramakrishnas, ein gefeierter Redner des . Doch als es zu Auseinandersetzungen mit Devendranath kam, spaltete Keshab 1866 seine Gruppe ab. Er wurde die Zentralfigur des neuen und das Idol der jungen Bengalen.
Aufgrund einer weiteren Streitigkeit spaltete sich 1878 ein Zweig von Keshabs Richtung ab, der sich nannte und dessen Führer Shivanath Shastri und Vijay Krishna Goswami waren. Zunächst schloss sich Narendra Keshabs an und wechselte später zum . Er sang bei den religiösen Zusammenkünften im Chor mit.
Obwohl Narendra die Sozialreformen und die intellektuelle Ausrichtung des befürwortete und die Gebete und das Singen mochte, konnte die Bewegung ihn spirituell nicht wirklich befriedigen. Deshalb war er weiterhin auf der Suche. Der betrachtete Gott als ein gestaltloses Wesen, das aber Eigenschaften besitzt, also nicht mit dem...




