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E-Book, Deutsch, Band 3, 268 Seiten

Reihe: Ramakrishna und seine Schüler

Ebert Swami Vivekananda

Sein Leben
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-5074-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Sein Leben

E-Book, Deutsch, Band 3, 268 Seiten

Reihe: Ramakrishna und seine Schüler

ISBN: 978-3-6951-5074-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Narendra Datta, der spätere Swami Vivekananda (1863-1902), war der bekannteste Schüler Ramakrishnas. Von Kindheit an war er sehr lebhaft, talentiert in allen Bereichen und entwickelte sich zu einem wahren Dynamo und Anführer, der unaufhörlich für seine Sache brannte. So wurde seine Begegnung mit Ramakrishna zu seinem Schicksal. Ohne diese herausragenden Eigenschaften wäre es ihm nicht möglich gewesen, den Grundstein für die weltweite Organisation des Ramakrishna-Ordens und der Ramakrishna-Mission zu legen und die Botschaft Ramakrishnas und den Vedanta in den Westen zu bringen. Er war von ganz anderem Naturell als der eher beschauliche Ramakrishna mit seinen Visionen und Ekstasen. Ramakrishna erkannte von Anfang an sein Potential und förderte ihn. Vivekananda wurde nur 39 Jahre alt, was insofern nicht verwundert, da er sich ständig völlig verausgabte und auf seine Gesundheit keine Rücksicht nahm. Was er in diesen wenigen Lebensjahren geleistet hat, ist enorm. Wenn man sich mit ihm befasst, wird man unweigerlich in den Strudel dieser kraftvollen Persönlichkeit hineingezogen. Er war zweifelsohne jemand, mit dem zu beschäftigen sich in vieler Hinsicht lohnt. Zusätzlich zu der kürzeren Biografie in dieser Reihe gibt es noch eine ausführlichere Biografie von derselben Autorin: Vivekananda: Die große Biografie.

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Bei Ramakrishna


Ramakrishna (1836-1886) in seinem Zimmer in Dakshineswar

Schon seit längerer Zeit hatte sich Ramakrishna im Tempelbereich von Dakshineswar, nördlich von Kalkutta, niedergelassen. Er verehrte die Muttergottheit , die Hauptgöttin des dortigen Tempels, und war Ihr Tempelpriester gewesen. Er hatte sich jedoch so sehr in einen Rausch der Verehrung zu Ihr hineingesteigert, dass er allerlei Visionen hatte, für verrückt galt und den priesterlichen Dienst nicht mehr ausüben konnte. Er hatte alle hinduistischen Wege bis zu ihrem Ende verfolgt und verschiedene Lehrer gehabt wie die Bairavi, eine vishnuitische Nonne, die ihn Tantra und die vishuitischen Wege der Gottverehrung gelehrt, und Totapuri, der ihn ins eingeführt hatte. Für kurze Zeit hatte er auch den Islam und das Christentum praktiziert und war nach dieser intensiven Phase zu einem spirituellen Meister geworden. Nachdem er alle Wege zur Gotteserkenntnis ausprobiert hatte, betrachtete er sie alle als gültig. Alle Wege führten zum selben Ziel.

Ramakrishna war mit der viel jüngeren Sarada Devi verheiratet worden, die ab 1872, abgesehen von längeren Unterbrechungen, die sie in ihrem Heimatdorf Jayrambati verbrachte, bei ihm in Dakshineswar lebte, aber er führte trotzdem das keusche Leben eines . Nachdem er alle spirituellen Übungen zu Ende gebracht hatte, sehnte er sich nach Schülern. Doch erst als er fünfundvierzig war, stellten sich die ersten Schüler ein. Es waren verheiratete Männer wie Ramchandra Datta, Surendranath Mitra und auch der Führer des Keshab, aber auch unverheiratete junge Männer, die noch zur Schule oder Universität gingen wie Narendra.

Der Gegensatz zwischen Ramakrishna und Narendra konnte kaum größer sein. Ramakrishna war ein Mystiker mit vielen Visionen, Ekstasen und -Erlebnissen, Narendra dagegen ein eher nüchterner Rationalist, der sich über Ramakrishnas Ansichten und Empfindungen lustig machen konnte. Ramakrishna symbolisierte das traditionelle Indien der – Naren war ein Kind der neuen Zeit, unwillig, selbst die höchste religiöse Wahrheit ohne entsprechenden Beweis zu akzeptieren. Er musste noch lernen, dass die Vernunft den Menschen nur bis zu einem gewissen Punkt bringen kann. Trotzdem verband eine zunehmende Anziehungskraft die beiden, und es entstand eine sehr starke Lehrer-Schüler-Beziehung. Das Ergebnis dieser Beeinflussung Narendras durch den Meister war, dass er zu Swami Vivekananda wurde, der beides, Ost und West, verband, die tiefe Spiritualität des Ostens mit dem Pragmatismus des Westens.

Die erste Begegnung in Dakshineswar war außergewöhnlich. Ramakrishna berichtete: „Naren kam am ersten Tag durch die westliche Tür (die dem Ganges zugewandt ist) herein. Ich bemerkte, dass er sich nicht um seinen Körper kümmerte. Seine Haare und seine Kleidung waren völlig ungepflegt. Anders als andere hatte er überhaupt keinen Wunsch nach einem äußeren Objekt. Er war sozusagen frei von allem. Seine Augen zeigten, dass der größte Teil seines Geistes unweigerlich nach innen gerichtet war. Als ich das alles sah, fragte ich mich: ‚Ist es möglich, dass solch ein großer spiritueller Aspirant, der einen Überfluss an besitzt, in Kalkutta lebt, der Heimat von weltlichen Leuten?‘

Auf dem Boden lag eine Matratze ausgebreitet. Ich bat ihn, sich daraufzusetzen. Er setzte sich in die Nähe des Kruges mit Gangeswasser. An diesem Tag waren auch einige Bekannte von ihm mitgekommen. Ich spürte, dass ihr Wesen wie das der gewöhnlichen weltlichen Leute war und ganz das Gegenteil von seinem. Ihre Aufmerksamkeit war nur auf den Genuss gerichtet.

Als ich ihn fragte, erfuhr ich, dass er nur zwei oder drei bengalische Lieder gelernt hatte. Ich bat ihn, sie zu singen, und er begann, das -Lied zu singen: ‚Oh Geist, komm, lass uns nach Hause gehen. …‘ Er sang es mit ganzem Herzen und Verstand, als wäre er in Meditation. Als ich es hörte, konnte ich mich nicht mehr beherrschen und geriet in Ekstase.

Als er später gegangen war, trug ich die ganzen vierundzwanzig Stunden des Tages eine Begierde im Herzen, ihn zu sehen. Ich kann es nicht in Worten ausdrücken. Von Zeit zu Zeit fühlte ich einen qualvollen Schmerz, als würde mein Herz wie ein nasses Handtuch ausgewrungen. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, rannte zu den Tamariskenbäumen im Norden des Gartens, wohin die Leute gewöhnlich nicht gehen, und weinte laut: ‚Oh mein Kind, komm! Ich halte es nicht aus, dich nicht zu sehen.‘ Erst, nachdem ich auf diese Weise etwas geweint hatte, konnte ich mich wieder beherrschen. Das geschah sechs Monate lang beständig. Mein Geist war auch manchmal unruhig nach einigen anderen Jungen, die kamen. Aber das war nichts im Vergleich zu Narendra.“9

Narendra berichtete von seinem ersten Besuch: „Ich beendete das Singen. Sofort stand der Meister auf, nahm mich bei der Hand und führte mich auf die nördliche Veranda. Es war Winter. Um das Zimmer vor dem Nordwind zu schützen, war der offene Raum zwischen den Säulen der Veranda mit Schirmmatten bedeckt. Wenn man auf die Veranda trat und die Tür schloss, konnte man von niemandem im Zimmer oder von draußen gesehen werden. Sobald der Meister auf die Veranda getreten war, schloss er die Tür zum Zimmer. Ich dachte, er wolle mir vielleicht privat einige Anweisungen geben. Aber was er sagte und tat, übertraf meine Vorstellungskraft. Er ergriff plötzlich meine Hand und vergoss Freudentränen. Er sprach mich liebevoll an wie einen, der ihm bereits vertraut ist, und sagte: ‚Gehört es sich, dass du so spät kommst? Hast du nicht daran gedacht, wie sehr ich auf dich gewartet habe? Wenn ich beständig das unnütze Geschwätz der weltlichen Leute höre, versengt das fast meine Ohren. Da ich keinen habe, mit dem ich über meine innersten Gefühle reden kann, bin ich fast am Platzen.‘

Auf diese Weise tobte und weinte er sich aus. Im nächsten Augenblick stand er mit gefalteten Händen vor mir, ehrte mich wie einen Gott und sagte: ‚Ich weiß, mein Herr, dass du der altehrwürdige bist, ein Teil von , der sich diesmal inkarniert hat, um das Elend und die Leiden der Menschheit zu beseitigen.‘ Ich war völlig verblüfft und dachte: ‚Wen habe ich da besucht? Wie ich sehe, ist er völlig verrückt. Warum sollte er sonst auf diese Weise mit mir sprechen, der ich der Sohn von Vishwanath Datta bin?‘ Doch ich schwieg, und der wundervolle Verrückte sprach weiter, wie es ihm beliebte.

Im nächsten Augenblick bat er mich zu warten, ging ins Zimmer, brachte Butter, Kandiszucker und und gab sie mir mit eigenen Händen zu essen. Er achtete nicht auf meine wiederholte Bitte, mir diese Dinge zu geben, damit ich sie mit meinen Gefährten teilen konnte, sondern sagte: ‚Sie werden später davon bekommen. Nimm du sie selbst.‘ Er fütterte mich mit all diesen Süßigkeiten und war erst dann zufrieden. Dann ergriff er meine Hand und sagte: ‚Versprich mir, dass du bald wiederkommst und allein.‘ Ich konnte seiner ernsthaften Bitte nicht entgehen und sagte: ‚Ich werde es tun.‘ Dann ging ich mit ihm ins Zimmer zurück und setzte mich neben meine Gefährten.

Ich beobachtete ihn genau, konnte aber keine Spur von Verrücktheit in seinem Benehmen und seinen Gesprächen oder seinem Verhalten anderen gegenüber entdecken. Ich war von seinen guten Gesprächen und seiner Ekstase beeindruckt und dachte, dass er wirklich ein Mann der Entsagung war, der alles für Gott aufgegeben hatte, und persönlich übte, was er vertrat. ‚Gott kann gesehen werden, und man kann mit Ihm sprechen, genauso wie ich dich sehe und mit dir spreche. Aber wer will das? Die Leute trauern und vergießen kannenweise Tränen beim Tod ihrer Frauen und Söhne und um des Geldes und Besitzes willen. Aber wer tut das, weil er Gott nicht erkennen kann? Wenn jemand ebenso begierig ist, Ihn zu sehen und Ihn mit einem sehnsuchtsvollen Herzen anruft, wird Er sich ihm bestimmt offenbaren.‘

Als ich seine Worte hörte, erweckten sie in mir den Eindruck, dass es sich nicht nur um Dichtkunst oder Einbildung handelte, die in schönen Redewendungen formuliert werden, wie andere religiöse Prediger sich ausdrücken, sondern dass er von etwas sprach, das er unmittelbar kannte – von etwas, das er erlangt hatte, als er wirklich alles für Gott aufgegeben und Ihn mit seinem ganzen Geist angerufen hatte.

Als ich versuchte, diese Worte mit seinem Verhalten mir gegenüber in Einklang zu bringen, erinnerte ich mich an das Beispiel von den Monomanen, die Abercrombie und andere englische Philosophen erwähnt haben, und kam zum sicheren Schluss, dass er dieser Klasse angehörte. Trotzdem konnte ich nicht die Größe seiner wunderbaren Entsagung für Gott vergessen. Sprachlos dachte ich: ‚Nun gut, er kann verrückt sein, aber nur eine seltene Seele kann in der Welt solche Entsagung üben. Ja, verrückt, aber wie rein! Und welche Entsagung! Er ist wahrhaft wert, vom menschlichen Herzen geachtet und verehrt zu werden.‘ Als ich das dachte, verneigte...



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