Ebmeier | Spätsommer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Ebmeier Spätsommer

Roman
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-86300-049-3
Verlag: Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-86300-049-3
Verlag: Männerschwarm, Salzgeber Buchverlage GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Corey ist ein Verlierertyp, ein verklemmter Pechvogel, dem nichts so richtig gelingt und der stets im Schatten steht. Er will nur irgendwie durchkommen, ohne anzuecken, arbeitet an seiner heterosexuellen Fassade, und wenn's brenzlig wird, schaltet er auf 'Autopilot'. So stolpert er von einer Katastrophe in die nächste, erklärt dem Leser dabei aber immer wieder, wie fantastisch er gerade noch einmal die Kurve gekriegt hat. An seine Grenze stößt Corey, als plötzlich seine heimliche Jugendliebe Scott vor ihm steht. Das große Glück ist mit Händen zu greifen, was soll er nur tun?

Mit viel Sympathie zeichnet Ebmeier seinen Helden und lässt den Leser auf anrührende Weise an dessen skurrilen Verrenkungen teil haben. Am Ende dieser aufregenden Achterbahnfahrt gönnt er ihm fast ein Happy End.

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1
Es gibt hier einen Geistlichen, der zufälligerweise auch Therapeut ist. Einmal erklärte er mir, Sex sei so etwas wie das Tüpfelchen auf dem i. Damit wollte er sagen, dass Sex für zwei Menschen die natürliche Steigerung ihrer geistigen Verbundenheit und somit den höchstmöglichen Ausdruck einer bereits bewährten Vertrautheit bedeuten sollte. Um das herauszufinden, musste ich dem Geistlichen, der zufälligerweise auch Therapeut ist, fünfzig Dollar bezahlen, doch ehrlich gesagt, diese Weisheit hätte ich bestimmt in jedem Groschenroman nachlesen können. Natürlich nennt man sie heutzutage nicht mehr Groschenromane, und ich bezweifle stark, ob man noch irgendwo einen Roman für so wenig Geld kaufen kann. Jedenfalls keinen neuen Roman. Höchstens einen gebrauchten, den man in einer Ramschkiste findet. Zunächst wusste ich überhaupt nicht, dass dieser Geistliche auch Therapeut war, und schon gar nicht, dass sein Beratungshonorar genauso hoch wie das eines Therapeuten war. Mir war lediglich ein Handzettel aufgefallen, durch den kurz auf seine Sexualberatungen hingewiesen wurde, und ich entschied mich, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich bin katholisch und hätte genauso gut einen unserer Priester aufsuchen können, doch da die katholische Kirche ziemlich finstere Ansichten über homosexuelle Männer hat, beschloss ich, einen Geistlichen aufzusuchen, der Methodist war. Und zweifelsohne war er ziemlich kompetent. Nachdem ich die ersten Sitzungen hinter mich gebracht hatte, dachte ich beim Nachhausefahren: Also, Corey, du musst zugeben, selbst für einen Geistlichen versteht er eine ganze Menge von psychologischer Beratung. Doch dann erhielt ich am Ende der dritten Sitzung eine Rechnung über hundertfünfzig Dollar. Können Sie sich das vorstellen? Drei Wochen und hundertfünfzig Dollar? Meiner Meinung nach ist das eine ziemliche Stange Geld. Hätte ich vorher gewusst, dass sein Honorar derart hoch war, hätte ich mich bloß einmal im Monat für eine Sitzung angemeldet oder vielleicht zweimonatlich, wie bei meinem Frisör, aber ganz bestimmt nicht einmal pro Woche. Niemals. Ich mag zu der Zeit wirklich Probleme gehabt haben, aber bestimmt nicht genug, um fünfzig Dollar in der Woche auszugeben. Eine derartige finanzielle Unregelmäßigkeit ist bei weitem zu extravagant für mich. Nicht einmal für mein Auto habe ich jemals so viel ausgegeben, und im Gegensatz zu Luxusgütern wie einer Sexualberatung oder einem Stereo-Videorekorder ist ein Auto heutzutage schließlich eine notwendige Anschaffung. An dem Tag, als der Geistliche, der zufälligerweise auch Therapeut ist, darüber sprach, dass Sex nur das Tüpfelchen auf dem i sei, forderte er mich auf, eine meiner liebsten sexuellen Fantasien zu beschreiben. Der Grund dafür war, dass er mich kurz zuvor gebeten hatte, ein wirkliches sexuelles Erlebnis zu beschreiben, worauf ich entgegnet hatte: «Es tut mir wirklich leid, aber es gibt kein Erlebnis, über das ich sprechen könnte. Das ist der eigentliche Grund meines Kommens, Reverend.» Daraufhin sagte er: «Das macht nichts, Corey. Sie brauchen sich deswegen nicht zu schämen. In der Tat bedeutet eine geringe sexuelle Aktivität auch ein äußerst geringes Risiko, sich bestimmte Krankheiten einzufangen.» «Was denn für Krankheiten, Reverend?» «Krankheiten, die durch Sex übertragen werden, Corey, wie zum Beispiel Hepatitis, Geschlechtskrankheiten oder Infektionen der Harnwege. Ganz besonders Infektionen der Harnwege – der Fluch des befreiten Mannes; und der befreiten Frau, Corey. Also, schämen Sie sich nicht.» In Wahrheit schämte ich mich doch. Mir war zu Mute, als wäre ich endlich aus meinem Schattendasein hervorgekrochen, nur um gleich wieder in ewiger Finsternis versinken zu müssen. Doch er sagte: «Mr. Reese, Sie brauchen sich nicht wie ein Frosch vorzukommen, denn Sie werden herausfinden, dass Sex zu einem guten Teil aus Fantasien besteht.» Mir war unklar, ob er damit meinte, dass sexuelle Fantasien einen entscheidenden Anteil am Sex ausmachen, oder ob sie sogar der beste Teil davon sind. Ich befragte ihn jedoch nicht weiter zu diesem Thema, und als ich später herausgefunden hatte, wie hoch sein Beratungshonorar war, fühlte ich mich überglücklich, keine unnötige Zeit darauf verschwendet zu haben. Meine Fantasie begleitet mich schon seit den Tagen, als ich herausbekam, was Sex ist und was man dabei alles anstellen kann. Der Geistliche nannte das sexuelles Erwachen, ich dagegen nenne es eine verlassene Farm nördlich der Stadt. Es ist eine wunderschöne Farm, so wie verlassene Farmen nun mal sind. Die lange, gerade Auffahrt ist von hohen Kiefern gesäumt, und am Ende befindet sich eine von diesen großen Scheunen mit hohem sechseckigem Dach, deren einstmals rote Farbe ganz verblasst ist. Dann gibt es noch mehrere Außengebäude, die mit verwitterten grauen Holzschindeln verkleidet sind und leerstehen, seit vor Jahren die Farbe von ihnen abblätterte. Eines der Gebäude, ein kleines Hühnerhaus, dessen Schrägdach in abfallender Richtung nach Norden oder in aufsteigender Richtung nach Süden zeigt, je nachdem, wie Sie es betrachten, ist jedoch noch immer von der gleichen leuchtend roten Farbe wie an dem Tag, als es angestrichen wurde. Von dort aus hat man einen Blick über ein kleines Tal, dessen Hügel im Frühling und im Sommer ganz mit Mais bedeckt sind. Warum das Hühnerhaus noch immer so rot ist, werde ich wahrscheinlich nie erfahren. An der Stelle, wo früher das Wohnhaus stand, wuchert jetzt nur noch hohes Büffelgras. Bitte gedulden Sie sich noch einen Moment, ich komme gleich zum schlüpfrigen Teil. Sehen Sie, früher stieg ich oft auf mein Fahrrad und fuhr zu dieser verlassenen Farm hinaus, wo ich stundenlang durch das hohe Büffelgras watete und mich in das staubige alte Stroh auf der Tenne der alten Scheune legte, wo durch die Lücken zwischen den Holzplanken und durch zwei kleine quadratische Fenster, die vom Dreck vieler Jahre völlig verschmiert waren, die Nachmittagssonne hineinblinzelte. Gewöhnlich stellte ich mir dann vor, wie es wohl wäre, mit dem Objekt meiner Sehnsüchte in dem staubigen Stroh oder im Büffelgras oder sogar in dem Hühnerhaus Sex zu haben. Das Objekt meiner Sehnsüchte ist groß und schlaksig, gut gebaut, mit einem jungenhaften Gesicht, und ist ein überaus maskuliner Mann mit derbem Benehmen, der innerlich aber immer noch wie ein Junge ist. Unter einer durchgeschwitzten Baseballkappe schauen seine stahlblauen Augen und sein dünnes strohblondes Haar hervor, und die Ärmel seines blauen Flanellhemds sind bis über den Bizeps aufgerollt und enthüllen goldbraune sehnige Arme, deren kräftige Muskeln mit dicken Adern überzogen sind. Seine staubigen Jeans sitzen so eng, dass sich sein knackiger, muskulöser Hintern in ihnen abzeichnet und man sehen kann, dass er ziemlich gut bestückt ist. Gut bestückt ist ein Ausdruck, der hauptsächlich von Homosexuellen verwendet wird und sich auf den Schritt bezieht. Der Mann ist voller Lebenslust und von überschäumender Vitalität und ist am treffendsten als unverzagter Geist zu beschreiben. Das ist für mich besonders erregend, denn ich selbst bin ein durch und durch verzagter Geist. Ja, und jetzt sind wir schon die allerbesten Freunde. Sein Name ist Scott Sommerfeld, aber ich habe nie ernsthaft daran geglaubt, bei ihm landen zu können. Außer dass er sich meine sexuellen Fantasien anhörte, brachte mir der Geistliche, der zufälligerweise auch Therapeut ist, noch eine wunderbare Entspannungstechnik bei, bevor ich in weiser Voraussicht meine Besuche zu fünfzig Dollar die Woche einstellte. Gummibälle. Sie müssen aus echtem Gummi sein, Plastik ist aus irgendeinem Grund nicht so gut geeignet. Man legt sich auf den Fußboden und versucht, eine bequeme Stellung zu finden, dann legt man sich den größten Gummiball – insgesamt sind es drei, ein großer und zwei kleine – unter den Kopf, genau am Nackenansatz. Man schließt die Augen und rollt mit dem Kopf langsam über den großen Gummiball. Die kleinen Bälle kann man je nach Belieben unter den Schultern, dem unteren Rückenbereich, in den Kniekehlen, unter den Hacken oder aber am untersten Ende der Wirbelsäule platzieren, also überall dort, wo die Muskeln verspannt sind. Ich habe diese Technik schon sehr häufig angewandt, seit ich bei dem Geistlichen gewesen bin, und das mit einigem Erfolg, sodass ich sie jedem ans Herz legen kann. Ich glaube, der Geistliche erwähnte sogar, dass diese Methode von einem berühmten New-Yorker Schauspiellehrer entwickelt wurde. Manchmal krame ich meine alte Scott-Sommerfeld-Phantasie wieder hervor, während ich mich auf den Gummibällen auf meinem Wohnzimmerteppich entspanne. Mein Gott, Sie hätten ihn sehen müssen in seinem offenen Flanellhemd. Scott und ich lernten uns 1960 kennen, gleich nachdem er neu in die zweite Klasse in Grinnell gekommen war. Die kleine Schule auf dem Land, die er bis dahin besucht hatte, war geschlossen und mit unserer zusammengelegt worden, und so befand er sich in Grinnell im Nachteil, da dort alles neu und ungewohnt für ihn war. Ich stürzte mich auf ihn...


Larry P. Ebmeierwurde 1950 in Nebraska geboren. "Spätsommer" (Originaltitel: "Tweeds") ist sein dritter Roman. Die amerikanische Kritik würdigte "Spätsommer" als einen der besten Aidsromane des Jahres, als "ansprechende Mischung aus romantischer Komödie und Aidstragödie." Larry Ebmeier verdiente seinen Lebensunterhalt als Apotheker in einem Krankenhaus in Nebraska. Er starb am 6. Oktober 2011 an den Folgen eines Fahrradunfalls.



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