E-Book, Deutsch, 100 Seiten
Eckermann Cupida
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7641-9098-9
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mitten ins Herz
E-Book, Deutsch, 100 Seiten
ISBN: 978-3-7641-9098-9
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patricia Eckermann, geboren 1969, studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Pädagogik und Anglistik in Köln. Seit 2002 arbeitet sie als freie Autorin. Gemeinsam mit ihrem Mann und Co-Autor Stefan Müller schrieb sie den Roman »Wir vom Neptunplatz«, der 2011 erschienen ist.
Autoren/Hrsg.
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1
»Habt ihr keine Augen im Kopf? Hier ist frisch gewischt!«
Die Stimme von Herrn Diekmann hallte donnernd durch das Treppenhaus. Sara warf ihrer Freundin Michaela einen genervten Blick zu, setzte dann aber ein provozierend freundliches Lächeln auf und drehte sich zu ihm um. Seitdem sie in diesem Mietshaus wohnten, und das waren jetzt schon einige Jahre, schikanierte Herr Diekmann sie, wann immer es ging. Er wusste doch, dass sie fast jeden Tag um diese Uhrzeit aus der Schule nach Hause kam. Konnte er nicht etwas früher oder später wischen? Und warum wischte er überhaupt so oft? Jeden Tag war ja wohl reichlich übertrieben. Saras Mutter glaubte, dass Herr Diekmann ein einsamer alter Mann war, der nichts weiter hatte, als all die Dinge, über die er sich aufregen konnte. Sara wusste es besser: Dieser Typ brauchte Paroli.
»Oh, sorry, Herr Dickmann.«
»Ich heiße Diekmann! Mit »ie«!«
»Klar, Herr Dickmann, ich werd’s mir merken.«
Michaela versuchte krampfhaft, ihr Grinsen zu unterdrücken. Herr Diekmanns Kopf wurde puterrot.
»Bist du zu dumm für die deutsche Sprache, Mädchen? Ich werde mit »ie« geschrieben!«
Er zog seine Wohnungstür mit einem lauten Knall ins Schloss und der unechte Blumenkranz, der seinen Spion umringte, segelte auf die Fußmatte. Jetzt grinste auch Sara. Sie und Michaela klatschten ab.
»Nee, bist du fies«, prustete Michaela los. »Hast du gesehen, wie rot der geworden ist? Ich dachte, jeden Moment explodiert sein Kopf.«
»Iiehh … na ja, dann gäb’s hier wenigstens mal einen Grund zu wischen«, sagte Sara und zog Michaela mit sich die Treppe hoch. Von oben kam ihnen die Postbotin entgegen. Sie war etwa fünfzig, also vermutlich im selben Alter wie Herr Diekmann und mindestens genauso unsympathisch. Auf ihrem Kopf trug sie wie immer eine Baseballkappe mit ihrem Namen darauf: Ursula.
»Platz da«, zischte sie und drängte sich zwischen den beiden Freundinnen durch. »Es gibt auch noch Leute, die müssen arbeiten.«
»Äh … hallo?« Michaela sah der Postbotin empört hinterher. »Was hat die denn?«
»Wenn du mich fragst: keine Freunde«, antwortete Sara.
»Komm, vergiss sie einfach.«
Nach dem nächsten Treppenabsatz, im vierten Stock, standen sie vor Saras Zuhause. An der Tür hing ein selbstgemachtes Schild aus Ton, das Sara in der 5. Klasse getöpfert hatte, darauf stand: »Vanessa & Matteo Minio & Tochter Sara.« Leider stimmte das nicht mehr, denn vor einigen Wochen war ihr Vater urplötzlich ausgezogen. Seitdem sprachen ihre Eltern von Scheidung und konnten kein vernünftiges Wort mehr miteinander wechseln. Wie schlimm sich das für Sara anfühlte, schien die beiden nicht zu interessieren. Sara schloss die Tür auf. Drinnen roch es wie immer nach einem Mix aus Lavendel und Zitrone.
»Ist deine Ma gar nicht zu Hause?«, fragte Michaela. Sie spazierte zielstrebig in die Küche, öffnete den Kühlschrank und begann, sich ein Brot zu schmieren. »Willst du auch eins?«
Sara schüttelte den Kopf. In letzter Zeit hatte sie nur wenig Hunger. Die Trennung ihrer Eltern und ihr Liebeskummer wegen Tom schlugen ihr ziemlich auf den Magen. Eigentlich hatte sie nur Appetit auf Chips. Oder Eis. Oder beides zusammen.
Kurz darauf öffnete sich die Wohnungstür, und Saras Mutter kam herein, bepackt mit einigen Umzugskisten, die sie aus dem Keller geholt hatte. In Saras Hals bildete sich ein Kloß, sie musste sich zwingen, nicht in Tränen auszubrechen. Ihre Mutter schien ihre Gedanken zu erahnen.
»Ich weiß, Sara-Schatz. Mir tut es auch weh. Aber wir müssen uns damit abfinden und nach vorne sehen.«
Sara sah ihrer Mutter an, dass sie noch längst nicht nach vorne sehen konnte. Sie wirkte traurig, ihre Haut war vom Weinen zerknittert, und ihre Augen, die sonst in einem wunderschönen Grün leuchteten, wirkten stumpf und grau. Ihre Haare hatte sie nachlässig auf dem Kopf verknotet, und ihre hübschen, sonnengelben Strähnchen hatte sie seit der Trennung nicht mehr nachfärben lassen.
»Papa braucht noch ein paar seiner Sachen. Er holt sie heute Abend ab.«
Sara nickte nur und ging in ihr Zimmer. Sie wollte und konnte sich jetzt nicht mit den Problemen ihrer Eltern beschäftigen. Sie hatte auch noch ein eigenes Leben, und das war zurzeit frustrierend genug. Michaela folgte ihr, in der einen Hand ein Butterbrot mit doppelt Käse, in der anderen eine große Flasche Apfelschorle und ihren Rucksack, den sie gekonnt an die Türklinke hängte.
»So, schieß los«, sagte sie aufmunternd und fläzte sich aufs Bett, »mit welchem Style willst du Tom morgen den Kopf verdrehen?«
Darüber zerbrach sich Sara jetzt schon seit Wochen jeden Morgen den Kopf. Genauer gesagt seit dem Tag, an dem ihr bewusst geworden war, dass sie Tom liebte und dass sie alles dafür tun wollte, damit er sich auch in sie verliebte. Bisher hatte es aber leider nicht funktioniert, Tom und sie waren immer noch nur Freunde. Er kapierte einfach nicht, dass sie mehr für ihn sein konnte.
»Keine Ahnung. Vielleicht das hier?« Sara zog einen schwarzen Jeansminirock, ein grünes Spaghetti-Top und schwarze Turnschuhe aus dem Schrank. Kombiniert mit ihren glatten, schwarzen, schulterlangen Haaren und ihren tiefbraunen Augen sah das ziemlich lässig aus. Michaela schien allerdings anderer Meinung zu sein.
»Standard. Hast du nichts Ausgefalleneres?« Michaela legte ihr Butterbrot auf dem Nachttisch ab und stand vom Bett auf. Saras Blick fiel auf den Spiegel, der an einer der aufgeklappten Schranktüren befestigt war. Sie und Michaela waren schon ein komisches Paar. Michaela war groß und dünn, hatte hellblonde, lockige Haare, die sie meist zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, und wenn sie lächelte, entblößte sie die perfektesten Zähne, die ein Zahnarzt sich vorstellen konnte. Sara war knapp einen Kopf kleiner und von der Statur weniger wie ein Model, sondern eher wie eine Sportlerin gebaut. Sie hatte muskulöse Arme und Beine und mit Körbchengröße B leider einen viel kleineren Busen als Michaela. Was ihren Klamottenstyle anging, bildete Sara sich nicht besonders viel ein, am liebsten trug sie eigentlich Jeans, in die Jahre gekommene T-Shirts und Turnschuhe. Im Gegensatz dazu sah Michaela immer aus wie ein Hollywoodstar, der inkognito unterwegs war. Sie trug zwar ähnliche Sachen wie Sara, aber sie hatte definitiv ein Händchen dafür, ihre Kleidung überraschend zu kombinieren und mit Accessoires aufzupimpen.
»Das könnte gehen.« Michaela zog ein rotes Hemd, ein orangefarbenes Top und Saras liebste, tief geschnittene Jeans mit zugegeben stümperhaft – auf Knielänge abgeschnittenen Beinen aus dem Schrank. »Damit bist du garantiert der Eyecatcher.«
»Rot und Orange?« Sara betrachtete die wilde Farbkombination skeptisch. Aber je länger sie das Zusammenspiel der Farben auf sich wirken ließ, desto mehr freundete sie sich damit an. Warum eigentlich nicht? Nur weil irgendwann mal irgendjemand festgelegt hatte, dass das nicht zusammenpasste, hieß das doch nicht, dass sich alle daran halten mussten. Die Geschmäcker waren schließlich verschieden. Was Sara prompt wieder an Tom denken ließ. Unglücklich plumpste sie auf ihr Bett.
»Tom oder deine Eltern?«, fragte Michaela. Sie legte Hose und Oberteile auf den kleinen Schreibtisch neben dem Kleiderschrank, setzte sich zu Sara und schlang den Arm um sie.
»Eigentlich hab ich grad an Tom gedacht. Aber wenn du mich so fragst: Mich nervt beides. Nichts ist so, wie ich es haben will.«
Michaela nickte verständnisvoll. »Das ändert sich auch wieder. Garantiert. Nichts bleibt so schlimm, wie es ist. Ein kluger Mann hat mal gesagt: ‚Wenn es schlimm ist, kann es nicht das Ende sein.‘ Oder so ähnlich zumindest.«
Sara wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Dann hoffe ich mal, dass sich bald was ändert. Lange halte ich das nämlich nicht aus. Ich fühl mich total allein!«
»Aber du hast doch mich«, sagte Michaela. Sie zog Sara noch enger an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. »Ich verspreche dir, mich wirst du niemals los. Ehre, schwöre. Wenn du willst, zieh ich sogar bei dir ein, bis deine Eltern sich wieder vertragen haben.«
Sara musste lachen. »Lass stecken. In diesem Minizimmer würden sogar wir uns auf die Nerven gehen.«
Michaela sah sich um. Was ziemlich schnell ging, denn Saras Zimmer war wirklich klein. Es bot gerade mal Platz für ihr gemütliches Bett samt bunter Patchworkdecke, den kleinen Nachttisch mit Flohmarkt-Lampe drauf, den Schreibtisch, über dem ein vollgestopftes Bücherregal hing, und den Kleiderschrank.
»Zu viel Platz hast du echt nicht. Dafür ist es gemütlich. Zumindest gemütlicher als in meiner ewigen...




