E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Eckermann Die Schwarze Träumerin
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-83946-5
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 252 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-83946-5
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patricia Eckermann wurde in Bielefeld geboren. Nach einer Handwerkerlehre wurde sie Beamtin, kämpfte dort für die Gewerkschaft und studierte dann in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Pädagogik und Anglistik. Heute arbeitet sie als Fernsehautorin und engagiert sich für mehr Diversität in den Medien. In den Sozialen Medien findet man sie unter @feireficia. Mehr Infos gibt's auf www.antagonisten.de
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PROLOG
Als ich Remy zum ersten Mal sah, ahnte ich nicht, dass die Welt, wie ich sie kannte, dem Untergang geweiht war. Noch dass er und ich unseren Teil dazu beitragen würden.
Damals hätte mir die Aussicht darauf, dass sich mein ganzes Leben verändern würde, eine Riesenangst gemacht. Heute kann ich mich nur darüber wundern, wie verkopft ich war. Trotzdem muss es schon tief in mir angelegt gewesen sein, das Wissen darum, dass es Dinge gibt, die die Wissenschaft nicht erklären kann. Dass andere Wesen existieren, in uns unbekannten Welten, deren Schicksal mit unserer Realität verbunden ist.
Aber zurück zu Remy. Er strich die Tür des Antiquariats mit schwarzer Farbe, als ich aus Gertas Kräuterhimmel kam, dem herrlich duftenden Teeladen daneben. In der Hand hielt ich eine Packung Hopfenkräuter, die mir gegen meine Schlafprobleme helfen sollten.
Mit ihren über siebzig Jahren war Gerta der Hot Spot für all diejenigen, die einen Rat suchten, der keine weißkittelmedizinische Ausbildung erforderte: Menschen in Designer-Klamotten, die sich selbst optimieren wollten, gestresste Paare mit Babywunsch, Kreative mit Schaffensblockaden – und jetzt auch ich, eine Anfang-zwanzig-jährige Jung-Redakteurin beim Stadtfernsehen, die es einfach nicht schaffte, sich im Job von ihrem toxischen Chef abzugrenzen.
Als ehemalige Hebamme, Heilpflanzenexpertin und praktizierende Schamanin verfügte Gerta über ein immenses Heilwissen und hatte schon vielen Menschen geholfen. Auch wenn mich allein der Gedanke an Schamanismus und Pflanzenheilkunde irritierte, wollte ich versuchsweise daran glauben, dass ihr Hopfentee wirkte und mich schon bald wieder durchschlafen lassen würde. Denn nur so konnte ich die Energie zusammenkratzen, die ich brauchte, um meinem ätzenden Vorgesetzten die Stirn zu bieten.
Ich steckte den Tee in den Rucksack zum Gelben Schein, den ich vom Doc bekommen hatte. Zusammen mit der ärztlichen Anweisung, endlich mal loszulassen.
»Und damit meine ich nicht nur körperlich«, hatte er mit sonorer Stimme gesagt, »auch Ihr Verstand braucht eine Auszeit. Versuchen Sie in der nächsten Zeit doch immer mal, ob Sie Zugang zu Ihrer Intuition erlangen können. Versuchen Sie, die Dinge geschehen zu lassen, auch wenn sie anders laufen als gewohnt. Beobachten Sie. Nehmen Sie wahr, statt einzugreifen. Die Welt geht nicht gleich unter, nur weil Sie mal nicht alles kontrollieren. Vertrauen Sie.«
Ehrlich? Ich habe genickt und so was wie »Ich versuch’s mal«, gesagt. Aber natürlich keine Sekunde daran gedacht, probeweise zum Bauchmenschen zu mutieren. Mich kopfüber in Gefahr zu stürzen war einfach nicht mein Ding. Je mehr du riskierst, desto schlimmer fühlst du dich, wenn es schief geht, dachte ich damals. Und es ging oft schief, da war meine Freundin Kamille das beste Beispiel. Die Bandbreite an emotionalen Höhen und Tiefen in ihrem Leben hätte mich komplett überfordert.
Hinter mir fiel die Tür zu Gertas Kräuterhimmel ins Schloss, begleitet von klirrendem Tür-Glöckchen-Gebimmel. Seit einiger Zeit stresste mich zu meiner Schlaflosigkeit auch mein linkes Ohr, beziehungsweise das, was ich damit hörte. Besonders die hohen Frequenzen waren eine echte Folter.
Ich schob die Krankschreibung in die Tiefen meines Rucksacks und zog den Reißverschluss zu. Die Worte meines Docs hallten in meinem Hirn wider. Vielleicht sollte ich mich tatsächlich mal was trauen. Etwas tun, was ich sonst nicht machen würde. Vielleicht würde mir das ja helfen, wieder Spaß im Job zu haben? Eigentlich hatte ich nämlich meinen Traumberuf. Ich arbeitete beim Fernsehen; es war zwar nur ein kleiner Stadtsender mit geringer Reichweite, aber er bot mir täglich neue Themen und Herausforderungen, in die ich mich einarbeiten musste. Ich lernte also nie aus! Dazu war ich Teil einer diversen Redaktion und würde schon bald ein eigenes Team anführen. Das Highlight an meinem Job aber war, dass ich mit meiner besten Freundin zusammenarbeitete. Kamille stand allerdings zusätzlich zu ihrem Job als Redakteurin auch immer öfter vor der Kamera. Sie hatte nach dem Abi Journalismus studiert und sich dabei als ein echtes Interviewtalent entpuppt. In ihrem Vertrag mit dem Sender stand ausdrücklich, dass sie als Redakteurin und als Moderatorin eingesetzt werden sollte. Ich dagegen hatte nach meinem Realschulabschluss eine senderinterne Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht und war danach übernommen worden. Vor die Kamera wollte ich nicht, und abgesehen davon hätte ich dafür auch keine Zeit gehabt. Denn nebenbei war ich Holgers rechte Hand – und genau da fing mein Jobstress an: Holger war unser direkter Vorgesetzter, ein mittelalter, weißer Mann, der nicht mal im Ansatz kapierte, dass nicht seine Kompetenz, sondern seine Privilegien für seinen Status im Sender verantwortlich waren. Dass ausgerechnet er der Kopf unseres diversen Teams war, machte mir schwer zu schaffen. Meine Gedanken kreisten in letzter Zeit nur noch darum, wie ich mich gegen seine Intrigen zur Wehr setzen konnte. Denn er schob mir die Fehler zu, die er gemacht hatte, und sackte im Gegenzug die Lorbeeren für meine Arbeit ein. Dazu drückte er mir all den Papierkram auf, für den er keinen Nerv hatte. Mehrmals täglich stand ich deshalb vor dem Waschbecken im Frauenklo, den Kopf in eiskaltes Wasser getaucht, und brüllte die angestauten Emotionen aus mir heraus. Wenn ich dann den Stöpsel zog und die Holger-Wut strudelnd abfließen sah, ging es mir kurzfristig besser. Doch das gute Gefühl hielt nie lange an, dafür sorgte Holger schon.
Auf meinem Konto zahlte sich meine Leidensbereitschaft allerdings nicht aus: Ich verdiente gerade mal so viel, dass ich mir entweder eine eigene Wohnung oder ein Leben leisten konnte. Ich biss also die Zähne zusammen und klammerte mich an das Licht am Horizont: die Beförderung, die mir die Senderchefin in Aussicht gestellt hatte.
Die schrillen Türglöckchen des Kräuterhimmels schraubten sich tiefer in mein Ohr. Ich schob meine Brille den Nasenrücken hoch und warf einen genaueren Blick auf den Typen im zerknitterten Maler-Overall an der Tür des benachbarten Ladens. Er war weiß, mittelgroß, von Kopf bis Fuß mit schwarzer Farbe besprenkelt und schien etwa so alt wie ich, vielleicht aber auch schon Mitte zwanzig. Er hatte eine feine, leicht gebogene Nase, markante Wangenknochen, volle Lippen und ein schön geschwungenes, kantiges Kinn, das stark war, ohne derb zu sein. Auf einen Schlag verpuppten sich hunderte Schmetterlingsraupen in meinen Eingeweiden.
»Na? Ausgeträumt?« Er sah mich an und legte den Kopf schief. Seine Augen gaben mir den Rest. Sie waren länglich geformt, von unglaublich dichten Wimpern umrahmt und blitzten im krassesten Blau der Evolutionsgeschichte. Als ob er den Ozean und das All in sich trug. Dazu diese winterweiße
Haut und rabenschwarze, glänzende Haare, die er zu einem Knoten auf dem Kopf gebunden hatte: ein echtes Tausendschönchen.
»Hey«, grüßte ich und ärgerte mich über meine Einfallslosigkeit. Das Schrillen der Türglocke war sehr viel leiser geworden. Aber seltsamerweise nervte sie jetzt fast mehr als am Anfang. Das Tausendschönchen im Maler-Overall lächelte. Was tun? »Beobachten, wahrnehmen«, hatte der Doc gesagt. Also blieb ich stehen und wartete ab.
»Ich heiß Remy.« Er ging in die Hocke und kramte einen metallenen Gegenstand aus der Werkzeugkiste, die zwischen uns auf dem Boden stand. Auf seinem rechten Unterarm, unter dem hochgekrempelten Ärmel seines Overalls, blitzte ein dreieckiges Tattoo auf. Es war sehr fein gestochen und bestand aus klaren Linien und dunklen Flächen. Von der Machart her erinnerte es mich entfernt an eine Maori-Tätowierung, doch das Motiv, ein Eber mit großen Hauern, schien eher germanischen Ursprungs zu sein. »Ich hab das Antiquariat hier übernommen«, sagte er mit strahlenden Augen und deutete hinter sich. »Leider ist die Kaution verboten hoch, für einen Handwerker reicht‘s nicht mehr. Die Renovierung muss ich allein stemmen.«
»Ich bin Josina. Willkommen in der Nachbarschaft«, sagte ich und ignorierte die zappelnden Schmetterlingskokons in meinen Eingeweiden.
»In ein paar Tagen ist Eröffnung. Bei schönem Wetter am Freitag, ansonsten auf jeden Fall Samstag. Hast du Lust, vorbeizukommen?«
»Klar«, hörte ich mich sagen. »Also Freitag, mein ich. Samstag eher nicht, da hab ich schon was anderes geplant«, schob ich bremsend hinterher, er musste ja nicht wissen, dass ich ihn so schnell wie möglich wiedersehen wollte.
»Dann bete ich mal zum Wettergott«, lächelte er, und seine Augen waren wie zwei Sterne, die mich in ihre Umlaufbahn rissen. Ich verabschiedete mich einigermaßen souverän und schwebte schwer verknallt in die WG.
Die Euphorie hielt für den Rest des Tages an. Garantiert waren die Glückshormone in meinem Blut auch der Grund dafür, dass ich am Abend in die Schenke ging, in der Kamille mit ein paar Freunden...




