E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Reihe: tredition GmbH
Eckermann Elektro Krause
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-13651-9
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-13651-9
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patricia Eckermann wurde in Bielefeld geboren. Nach einer Handwerkerlehre wurde sie Beamtin, sie kämpfte für die Gewerkschaft und studierte in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Pädagogik und Anglistik. Heute arbeitet sie als Fernsehautorin, engagiert sich für mehr Diversität in den Medien und veranstaltet Workshops zum Thema. Auf Twitter findet man sie unter @feireficia Mehr Infos gibt's auf www.antagonisten.de
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Home again in Milchschnittenhausen
Wenn ich an 1989 denke, fällt mir nicht zuerst der Mauerfall ein. Auch nicht die erste Loveparade in Berlin. Oder die schwere Ölpest vor Alaska. Ich denke an Nazis. Zugegeben, als Schwarze Deutsche fallen mir immer erst Nazis ein, wenn es um mein Heimatland geht. Egal, um welches Jahr es sich handelt. Denn was auch immer sie uns in der Schule eingetrichtert haben: Die braune Brut war nie weg. Dafür war sie zu einflussreich. Man hat verzichtbaren hohen Tieren einen medienwirksamen Prozess gemacht, die eine oder andere Führungspersönlichkeit prestigeträchtig eingesperrt und den Rest verschont. Okay, ein paar feige Verpisser, darunter auch der Arsch, der uns das ganze Elend eingebrockt hat, haben sich vor Kriegsende selbst aus dem Leben gekugelt, aber der große Teil der Nazis ist einfach so durchgekommen. Schließlich ging es um das Wohl des Landes – und das fußt ja bekanntlich auf Wirtschaft und Wachstum. Was wiederum die ideale Spielwiese für das ganz große Geld ist. Und wenn es ums Geld geht, kennen die Nachfahren der Dichter und Denker nichts, das haben sie ja schon im Krieg bewiesen, als sie Nachbarn, Freunde und sogar Familienmitglieder verraten und an die Gestapo ausgeliefert haben. In der Folge zogen die braven, arischen Deutschen, angeblich nichtwissend, dass Juden, Sinti und Roma, Andersdenkende, Menschen mit Behinderungen, Schwarze und Queers auf grausamste Art ermordet wurden, in deren leerstehende Häuser ein, übernahmen deren florierende Geschäfte und rissen sich deren wertvolle Kunstgegenstände unter die Nägel. Hätte man nach Kriegsende alle Nazis zur Rechenschaft gezogen, wäre unser Land heute vielleicht so sozial, antifaschistisch und zukunftsorientiert, wie es sich die wahren, aber leider wenig einflussreichen Demokraten damals erträumt haben. Und 1989 wäre auch für mich einfach nur das Jahr des Mauerfalls. Stattdessen aber ist es das Jahr, in dem ich auf die Zyankali-Nazi-Verschwörung stieß.
Es war September 1989, nur wenige Monate vor dem legendären Versprecher eines überforderten weißen Mannes, der Deutschland und die DDR wieder zu einem Land verschweißen sollte. Drüben, hinter der Mauer, brodelte es, immer mehr mutige Menschen gingen friedlich auf die Straße, um für ihre Freiheit und Selbstbestimmung einzustehen. Hier, vor der Mauer, erstarkte der Glaube an die Wiedervereinigung und sogar diejenigen von uns, die keine Verwandten in der DDR hatten, hofften, dass bald endlich wieder zusammenwuchs, was zusammengehörte.
Ich allerdings hoffte etwas anderes. Nämlich, dass ich nicht allzu lange in der Pampa würde bleiben müssen. Genauer gesagt in Sieglar, einem kleinen Ort in Troisdorf bei Köln. Am Tag zuvor war ich aus Bielefeld in dieses Nest gezogen, um im Elektrikerbetrieb meines Vaters – Nobby – auszuhelfen.
Seit einem Arbeitsunfall war Nobby nicht mehr wiederzuerkennen. Er war die meiste Zeit apathisch und absolut unfähig, den Betrieb zu führen – fand Frauke, die bei ihm eine Lehre zur Bürokauffrau machte und jetzt um ihren Ausbildungsplatz bangte. In einem endlosen Telefongespräch hatte sie mir erzählt, dass es unzählige Kundenbeschwerden gab und kaum noch neue Aufträge eintrudelten. Da ich meinen Vater liebte und mich in meinem Job als Elektrikerin in Bielefeld sowieso unterfordert fühlte, kündigte ich kurzentschlossen und zog von heute auf morgen ins Rheinland. Meine Mutter Alice, eine stolze Schwarze Jamaikanerin, die für die Britische Armee arbeitete und jeden Tag drei Kreuze machte, dass sie seit vielen Jahren von Nobby geschieden war, setzte alles in Bewegung, um mich aufzuhalten. Sie hatte damals nach der Trennung dafür gesorgt, dass ich bei ihr in der ostwestfälischen Großstadt aufwuchs, umgeben von Schwarzen Identifikationsfiguren. Aber ich war schon immer ein Papa-Kind gewesen, und dass Nobby im Gegensatz zu mir so weiß wie ein Vampir war, änderte daran nichts. Es hatte uns im Gegenteil nur sensibler gemacht für die Dinge, die wir gemein hatten: unter anderem unsere Begeisterung für US-amerikanischen Hip-Hop, die Vorliebe für bayrisches Weißbier … und unsere Fähigkeit, Geister zu sehen. Doch während Nobby die Gabe angenommen hatte und unter dem Radar als Geisterjäger arbeitete, wollte ich damit nichts zu tun haben. Es reichte mir, dass ich durch meine Hautfarbe auffiel, ich hatte keine Lust, auch noch als verrückt abgestempelt zu werden. Sollten die Leute doch allein mit den Polter- und Klopfgeistern, den Dämonen, den Wesenheiten aus anderen Dimensionen und den vielen schuldbeladenen Seelen der Verstorbenen fertigwerden, die im Krieg an allem Unrecht vorbeigesehen hatten und denen das Karma jetzt den verdienten Arschtritt verpasste, indem es ihnen den Weg ins Jenseits verwehrte.
***
»Du hättest wirklich nicht kommen müssen, Kassy. Ich krieg den Laden schon allein gestemmt.« Nobby sah mir zum ersten Mal in die Augen, seitdem ich am Tag zuvor angekommen war. Er sah mitgenommen aus: Seine Haut war viel zu kalkig-weiß, sogar für seine Verhältnisse, und seine Augenringe erinnerten an die eines Dauerkiffers. Ich dachte an meine Koffer oben im Dachzimmer, das Nobby immer für mich freihielt, obwohl ich schon seit Jahren nur noch selten und meist viel zu kurz bei ihm aufschlug. Auch diesmal würde ich nicht länger als nötig in Troisdorf bleiben. Vielleicht musste ich nicht mal alles auspacken. Vielleicht war mein Vater in ein, zwei Wochen wieder der Alte. Dann konnte ich ohne Zwischenstopp in OWL direkt nach England fliegen und endlich das Workcamp machen, von dem ich seit meinem Realschulabschluss träumte. Mit meinem Vater Nobby hatte dieser Fluchtimpuls nichts zu tun. Ich liebte ihn und war gern bei ihm zu Besuch, aber dieses Dorf hier war einfach nichts für mich. Ich brauchte die Großstadt, das bunte Nachtleben mit DJs, die die neuste Musik auflegten – und vor allem die Vielfalt der Hautfarben, Nationalitäten und Religionen. Denn wenn man selbst nicht die Norm ist, fühlt man sich denen zugehörig, die es auch nicht sind, egal, wie sehr sie sich von einem unterscheiden. Zu meinem Freundeskreis in Bielefeld gehörten Leute aus dem damaligen Jugoslawien, aus Griechenland, der Türkei, Sri Lanka und Großbritannien, aus Spanien, Portugal und Polen, aus Jamaika, Eritrea, Tunesien und Marokko. In Gegensatz dazu gab es hier in der rheinischen Pampa ausschließlich durchschnittsdeutsche Milchschnittengesichter – wenn man von KaySer und Errol absah, die einzigen Menschen neben Nobby und seinem Freund Peter, mit denen ich in diesem Dorf etwas anfangen konnte. Als Schwarze Frau – meine Haut ist so dunkel, dass selbst meine Mutter neben mir hell wirkt – fühlte ich mich hier wie auf dem Präsentierteller. Wenn ich vor die Tür trat, beobachteten mich Hunderte neugierige Augenpaare, ich konnte niemals einfach untergehen in der Masse, mich treiben lassen. Und da die Milchschnitten ständig miteinander tratschten – was soll man auch sonst tun, in einem Kaff, in dem Dreiviertel der Bevölkerung miteinander verwandt sind – wusste jeder über mich und meine Aktivitäten Bescheid. Wann immer ich meinen Vater zu Weihnachten, in den Sommerferien oder zum Geburtstag besuchte, war ich der Talk of the Town.
Nobby räusperte sich. Ich unterbrach meinen Gedankenkreisel. Von Frauke wusste ich, dass er nicht eben positiv darauf reagierte, wenn man ihn auf den Arbeitsunfall ansprach. Ich beschloss, das Thema behutsam anzugehen.
»Ich hatte keinen Bock mehr auf den Job in Bielefeld. Außerdem brauchst du jemanden, der dir aushilft. Oder hast du schon Ersatz für Arnulf gefunden?«
»Ich hab doch Peter.«
»Peter ist Frührentner«, wischte ich Nobbys Antwort beiseite. »Außerdem ist er kein Elektriker.«
Vorn, im Schaufensterbüro, hörte ich Peter schnauben.
»So ein paar Strippen zusammenzwirbeln kann ich ja wohl noch!«, empörte er sich. Anscheinend belauschten er und Frauke unser Gespräch. Kurz dachte ich darüber nach, die Tür zu schließen, doch hier im Lager, das gleichzeitig als Werkstatt diente und in dem zumindest früher noch der Spind mit Nobbys Geisterjägerwaffen gestanden hatte, gab es nur ein Kuppelfenster, das ins Flachdach eingelassen war und das weder für besonders viel Licht noch Luft sorgte. Sollten die beiden da draußen also ruhig zuhören. Ich wusste, dass sie meine Sorge um Nobby teilten, auch wenn wir alle anders damit umgingen.
Nobbys Augen wurden wieder glasig und wanderten ins Unendliche. Verdammt. Ich wollte ihn noch so viel fragen!
»Papa?«
Er schwieg.
»Komm schon. Sag mir wenigstens, warum Arnulf gekündigt hat. Er stand kurz vor der Gesellenprüfung. Da schmeißt man doch nicht von jetzt auf gleich das Handtuch.« Nobby sah mich an. Beziehungsweise durch mich durch. Frauke hatte recht. Mein Vater hatte sich wirklich verändert. Vom energiegeladenen Sprücheklopfer war nichts mehr übriggeblieben. Dieser Arbeitsunfall hatte ihn komplett auf links gezogen. »Papa! Lass mich nicht hängen. Ich bin hier, um dir zu helfen. Du kannst Peter ja wohl unmöglich allein zum Kunden schicken. Starkstrom ist nichts für Laien. Das musst du doch am besten wissen!«
Nobby zog die Brauen zusammen. Seine faltige Haut war in den letzten Jahren noch faltiger geworden, das konnte auch der struppige Bart nicht verbergen, den er seit neuestem trug. In Kombination mit seinem chronischen Untergewicht, der über die Schädelplatte kriechenden Glatze und den schwarzen, ungebügelten Klamotten, sah er aus wie ein depressiver Philosophielehrer. Ich legte meine Hand auf seinen Arm und versuchte einen weiteren Anlauf.
»Ich übernehme deine Aufträge, bis du wieder fit bist. Okay?«
Nobbys Augen erwachten.
»Auf keinen Fall! Das ist viel zu...




