E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten
Reihe: Die Schwarze Träumerin
Eckermann Nicht schon wieder Ragnarök
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-347-83953-3
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten
Reihe: Die Schwarze Träumerin
ISBN: 978-3-347-83953-3
Verlag: tredition GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Patricia Eckermann wurde in Bielefeld geboren. Nach einer Handwerkerlehre wurde sie Beamtin, kämpfte dort für die Gewerkschaft und studierte dann in Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Pädagogik und Anglistik. Heute arbeitet sie als Fernsehautorin und engagiert sich für mehr Diversität in den Medien. In den Sozialen Medien findet man sie unter @feireficia. Mehr Infos gibt's auf www.antagonisten.de
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WIEDER AUF SPUR
Als mir klar wurde, dass Surt aus dem GAP GINNUNGA
verschwunden war, war es, als würde ich zum ersten Mal wirklich erwachen.
Und das nicht nur in meinem Traum.
Ich begriff endlich, das alles zusammenhing. Dass ich weder im Traum noch in der Realität alle Fäden in der Hand hielt.
In der WELT hatten YMIR und die NORNEN ihre Finger im Spiel: Wenn Skuld Surts Lebensfaden zerschnitt, konnte mein Gebo ihn nicht retten. Und wenn Verdanda unsere Lebensfäden voneinander trennte, würde ich ihn nie wiedersehen.
Außerdem gab es Situationen, Orte und Wesen, bei denen mein Gebo nicht stark genug war. Ich konnte dann zwar Dinge beeinflussen, aber nicht grundsätzlich ändern. Im GAP zum Beispiel schien es ähnlich schwach zu sein wie gegenüber dem Fenriswolf. Während es am BRUNNEN DES MIMIR so mächtig gewesen war, dass ich Surt vor dem sicheren Feuertod hatte bewahren können.
Nicht ich träumte also meine Träume. Ein anderes Wesen erträumte all die Abenteuer, die ich als die Schwarze Träumerin erlebte und mitgestaltete. Mir fiel nur ein Wesen ein, das diese Macht besaß: YMIR.
Und war es in der Realität nicht ähnlich? War ich nicht wie eine Schlafende, die den Traum der Chef-Etage lebte?
Anfangs hoffte ich, dass Surt einen Weg zurück in die WELT gefunden hatte. Den ganzen Traum über versuchte ich, mich aus dem GAP heraus zu ihm zu träumen. Aber es funktionierte nicht.
In der nächsten Nacht träumte ich mich zum Berserker. Vielleicht wusste er, wo Surt war. Und ob es ihm gut ging. Doch ich erwischte einen ungünstigen Moment und platzte mitten in seine Mönchsweihe.
»Warum hast du nicht gewartet? Du hättest doch danach mit ihm reden können«, fragte Kamille. Wir saßen in der Küche und tranken heiße Hafermilch mit Kakao und Zimt. Es war viel zu früh, der Wecker würde erst in zwei Stunden klingeln. Auf dem Tisch stand eine flackernde Kerze, seit Kamille schwanger war, hasste sie künstliches Licht.
»Ich wollte ja warten und mit ihm sprechen«, gähnte ich. »Aber du hast mich geweckt, schon vergessen?«
»Sorry.« Sie kraulte sich die Kopfhaut und verknotete die lockigen Haare zu einem Dutt. »Aber Shane ist einfach nicht wachzukriegen … und das Baby …« Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. »Ich mach mir Sorgen, dass etwas nicht stimmt.«
Kamilles Schwangerschaft verlief tatsächlich atypisch. Ihr Bauch vergrößerte sich übertrieben schnell, und ihr Biorhythmus war außer Rand und Band. Sie war abwechselnd müde und munter, ihre Nägel wuchsen so schnell, dass man ihnen fast beim Wachsen zusehen konnte, und ihr Hunger kannte keine Grenzen. Für heute stand der erste Termin bei der Gynäkologin an, hoffentlich wusste die ein paar Mittel, die Kamille halfen, etwas zur Ruhe zu kommen. Dem Bauch nach zu urteilen war sie schon monatelang schwanger – was natürlich unmöglich war, denn Shane war ja erst vor wenigen Wochen wieder aufgetaucht.
»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ich Kamille. »Shane ist riesig. Ist doch kein Wunder, dass auch das Baby größer als der Durchschnitt ist.«
Kamille musste grinsen.
»Apropos groß,« wechselte sie das Thema, »träumst du dich heute Nacht noch mal zum Berserker?«
»Unbedingt«, antwortete ich entschlossen. »Wir müssen rausfinden, wo Surt steckt und ihn retten. Und wenn das nicht klappt, dann müssen wir die Prophezeiung ohne ihn erfüllen. Die NEUE WELT, für die Surt gelebt hat, wird entstehen.«
Genau das war der Moment, in dem ich beschloss, wieder ins Büro zu gehen. Ich würde nicht nur weiter meine Träume aktiv mitgestalten. Auch meine Realität wollte ich zu meinen Bedingungen verändern.
Keine vier Stunden später saß ich endlich wieder an meinem Schreibtisch im Redaktionsbüro des Senders. Ich war wochenlang weg gewesen, aber natürlich hatte sich nichts verändert. Dieselben Abläufe, derselbe schlechte Radiosender, der den Raum beschallte, derselbe Holger, der mich schon fünf Minuten nach meiner Ankunft nervte. Wenigstens freute sich das Team, dass ich wieder da war und half mir bei der Einarbeitung.
Die Liveshows der kommenden Woche waren durchgeplant, die Abläufe der einzelnen Sendungen hingen an fünf überdimensional großen Pinnwänden an der Wand. Daran steckten Karteikarten, auf denen die einzelnen Module jeder Sendung notiert waren. An jeder Pinnwand hing außerdem ein Bild mit dem jeweiligen Gast, den Kamille interviewen würde. In der Regel wurden die Interviews drei bis vier Stunden vor der Liveshow aufgenommen, damit noch genügend Zeit blieb, die wichtigsten Passagen zusammenzuschneiden.
Am späten Nachmittag, kurz bevor unten im Senderstudio die Live-Sendung on air ging, saß ich allein im Büro. Ich hatte das Radio ausgestellt und genoss die Stille, die den Raum erfüllte. Der Rest des Redaktionsteams sah sich im Studio die Sendung an und die meisten würden von dort direkt in den Feierabend gehen. So hatte ich die Ruhe, mich um den Feinschliff der Sendungen der kommenden Woche zu kümmern. Ich checkte die Abläufe und vervollständigte die Gästedossiers. Danach setzte ich mich an die Aufzeichnungspläne für die Interviews, die Kamille in der nächsten Zeit bevorstanden. Da kam ein ziemliches Pensum auf sie zu. Spannende Gäste, für die sie sich Grundwissen in Geomantie, in germanischer Mythologie und in Quantenphysik aneignen musste. Hoffentlich wurde ihr das nicht zu viel, die Schwangerschaft zehrte schon genug an ihren Nerven.
Mein Handy klingelte. Ein Schnappschuss von Shane erschien auf dem Display. Das Bild zeigte einen Schwarzen Mann mit ebenholzfarbener Haut in einem schmal geschnittenen, braunen Anzug mit braunem Hemd und gleichfarbigem Hut. Er trug eine elegante Brille aus braunem Holz und lächelte selbstbewusst. Ich nahm das Gespräch an.
»Hey Shane! Ausgeschlafen?«
»Geht so«, sagte er am anderen Ende der Leitung. »Zum Glück hab ich heute frei.« Er gähnte. »Wo seid ihr alle? Bringst du Falafel mit?«
»Geht leider nicht«, antwortete ich. »Bin im Sender.«
»Du arbeitest wieder?« Shane klang überrascht. »Freut mich, dass du fit bist! Sag mal, ist Kamille in der Nähe? Ich dachte eigentlich, sie hat heute auch frei.«
»Die ist zur Frauenärztin«, antwortete ich. »Ihr macht doch sonst alles zusammen. Hast du den Termin vergessen?«
Auf der anderen Seite der Leitung schepperte es.
»Shit!« Shanes Stimme klang blechern und wie aus weiter Ferne. Anscheinend hatte er sein Handy fallen lassen. »Wo ist die? Wie heißt die?«
»In Nippes«, antwortete ich. »Dr. Klempin.« Ich sah auf die Menüleiste auf meinem Desktop. Die Uhrzeit sagte mir zweierlei: Unten im Studio hatte die Live-Sendung begonnen, und Kamille war garantiert längst auf dem Heimweg. »Hinterherfahren macht aber keinen Sinn. Den Termin hatte sie vor zwei Stunden.«
»Scheiße!«, fluchte Shane aufgelöst. Von der Ruhe, die er sonst ausstrahlte, keine Spur. »Warum ist sie da ohne mich hin? Jetzt erfährt sie von einer Wildfremden, das mit dem Baby was nicht stimmt.«
Das traf mich wie ein Schock. Angst wühlte sich durch meinen Bauch und umklammerte mein Herz.
»Was stimmt mit dem Baby nicht?« Ehrlich gesagt wollte ich die Antwort gar nicht hören. »Ihre Schwangerschaft verläuft doch normal. Oder?«
Shane sog hörbar die Luft ein. Mit klopfendem Herzen versetzte ich meinen Monitor in den Ruhezustand und starrte auf den Bildschirmschoner, der sich sofort in Bewegung setzte: Eine wirbelnde schwarze Spirale vor einem feuerroten Hintergrund. Ich schickte einen stummen Wunsch ans Universum: Bitte, bitte lass mit dem Baby nichts Schlimmes sein. Shane schien nach Worten zu suchen.
»Erinnerst du dich an deinen Traum von Fenris?«, sagte er endlich. »Daran, dass wir uns da begegnet sind?«
»Ich erinnere mich an alles«, antwortete ich irritiert. »Aber woher weißt du davon? Ich hab Kamille nicht erzählt, dass ich von dir geträumt habe.«
»Das war kein normaler Traum«, begann Shane. »Es war eine Heimsuchung.«
»Ich verstehe kein Wort.«
Die Tür des Redaktionsbüros öffnete sich, und die Praktikantin kam herein. Sie trug Kopfhörer und wippte zur Musik. Als sie mich entdeckte, winkte ich ihr wortlos zu. Sie interpretierte meinen Gruß anscheinend als Aufforderung, leise zu sein. Plötzlich ging sie wie auf Eiern und bewegte sich fast in Zeitlupe. Ich unterdrückte ein Grinsen.
»Ich habe den Ort geschaffen, an dem wir uns begegnet sind. Genauer gesagt habe ich einen Korridor geöffnet«,...




