Eckert | Suche Frieden und jage ihm nach | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Eckert Suche Frieden und jage ihm nach

Die Botschaft des heiligen Benedikt für heute
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-451-84008-1
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Botschaft des heiligen Benedikt für heute

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-451-84008-1
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Begründer des abendländischen Mönchtums, Patron Europas und Friedensstifter - der Heilige Benedikt von Nursia gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Heiligen der Kirche. Der Benediktinerabt Johannes Eckert nimmt die Weisheit der beiden 1500 Jahre alten Texte in seinem neuen Buch genau unter die Lupe und entdeckt in den alten Klosterregeln und den teils skurrilen Legendenerzählen vom 'widerspenstigen Raben' oder dem 'zerbrochenen Sieb' erstaunlich zeitgemäße Inspirationen und Orientierung für unsere heutige, von Konflikten und Krisen geprägte Zeit. 

Johannes Eckert OSB, Dr. theol., geb. 1969, ist Abt der Benediktiner-Klöster St. Bonifaz in München und Andechs. Neben seinen vielfältigen seelsorgerlichen Tätigkeiten gestaltet er seit Jahren Manager-Exerzitien und ist eingefragter Gesprächspartner für Medien. Johannes Eckert ist Verfasser zahlreicher Bücher, bei Herder zuletzt 'Steht auf!' und 'Was sucht ihr?'.
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Wegweiser 1
Das zerbrochene Sieb


„Gefallen wollen“ – „möglichst viele Likes bekommen“ ist ein wesentlicher Lebensbestandteil und das nicht nur von jungen Menschen, die sich in den sozialen Medien präsentieren. Wie viele Follower habe ich? Wie kann ich meine Performance noch verbessern und höheres Interesse wecken? Wie komme ich gut an?

Diese Fragen sind nicht neu. Anerkennung zu finden und bewundert zu werden sind Themen, die die Menschheitsgeschichte durchziehen. Und das mag zunächst auch nichts Schlechtes sein. Allerdings kann es gefährlich werden, wenn ich mich und mein Leben hauptsächlich darüber definiere. Dann mache ich mich davon abhängig, wie andere über mich urteilen, ob sie mich mögen oder nicht.

Der junge Benedikt geht einen anderen Weg. Aus vornehmem Hause wird er von seinen Eltern zum Studium nach Rom geschickt, um sich dort für die öffentliche Laufbahn zu qualifizieren. Eine gute Grundlage soll gelegt werden. Dies wünschen sich auch heute viele Eltern, nicht nur aus begüterten Familien, und schicken ihr Kind deshalb beispielsweise an eine Eliteschule. Dabei muss ich an eine junge Frau aus meinem Bekanntenkreis denken. Als ihre Mutter einmal sagte: „Kind, wir wollen doch nur dein Bestes!“, konterte die Tochter schlagfertig: „Das stimmt – ich gebe es euch aber nicht!“

Der junge Benedikt bleibt nicht beim Vordergründigen stehen. Er schaut hinter die Kulissen und stellt fest, dass der scheinbare Glanz der Welt in Wahrheit eine brüchige Fassade ist. Auch er gibt seinen Eltern nicht sein Bestes. Als junger Mensch ist er offensichtlich den Idealen sehr nahe. Allein Gott will er gefallen, so heißt es. Was für ein großer Freiheitswunsch steht hinter dieser Sehnsucht! Wenn ich nur Gott gefallen will, bin ich frei von allen anderen Gefälligkeiten.

So bricht Benedikt sein Studium ab, verlässt alle Sicherheiten, die seine Familie und deren Besitz ihm schenkten, und sucht das Gewand gottgeweihten Lebens (lat. sanctae conversationis habitum quaesivit), wie es Gregor berichtet. Das klingt sehr fromm, und automatisch denkt man an einen Klostereintritt. Etwas offener formuliert könnten wir sagen: Benedikt gibt sich mit den gängigen Deutungsmustern nicht zufrieden. Von der „Conversatio“ ist die Rede und vom „Habitus“. Letzteres meint nicht nur ein Gewand, wie wir unser Ordenskleid „Habit“ nennen. Es bezeichnet ebenso ein Gehabe, eine Lebenshaltung. Wörtlich übertragen könnten wir feststellen: Benedikt suchte nach einem Lebensstil, der die Welt anders denkt.

Das lateinische Wort conversatio greift die ersten Worte Jesu im Markusevangelium auf, der die Menschen auffordert: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ (Mk 1,15) Oder, wie wir vom griechischen Wort metanoia ausgehend sagen könnten: „Ändert euren Sinn aufgrund der Frohen Botschaft!“ Oder: „Lernt die Welt mit den Augen Gottes zu sehen, begreift, worum es ihm geht!“ All das bewegt offensichtlich Benedikt, wenn er seinem Studium in Rom, seiner Familie und seiner Herkunft den Rücken kehrt und sich auf den Weg macht, um allein Gott zu gefallen.

Er gab also das Studium der Wissenschaften auf und war entschlossen, in die Einsamkeit zu gehen. Nur seine Amme, die ihn sehr liebte, folgte ihm. Sie kamen nach Effide und blieben bei der Kirche des heiligen Petrus. Dort führten viele angesehene Männer ein Leben in Gemeinschaft.

Die Amme erbat sich nun von Nachbarinnen ein Sieb, um Weizen zu reinigen, und ließ es unbekümmert auf dem Tisch liegen. Es fiel hinunter und zerbrach in zwei Stücke. Als die Amme zurückkam, bemerkte sie sofort, was geschehen war. Da begann sie heftig zu weinen, weil das Gerät, das sie ausgeliehen hatte, zerbrochen war.

Als der junge Benedikt seine Amme weinen sah, hatte er Mitleid wegen ihres Kummers. Er nahm die beiden Teile des zerbrochenen Siebes und begann unter Tränen zu beten; denn er war fromm und liebevoll. Als er vom Gebet aufstand, fand er das Sieb neben sich unversehrt; es zeigte keine Spuren eines Bruches. Sogleich tröstete er die Amme mit freundlichen Worten und gab ihr das Sieb, das er zerbrochen an sich genommen hatte, unversehrt zurück.

Dieses Ereignis wurde dort allen bekannt und erregte solche Verwunderung, dass die Einwohner des Ortes das Sieb beim Eingang der Kirche aufhängten. Jetzt und später sollten alle erfahren, wie vollkommen der junge Benedikt in der Kraft der Gnade sein Mönchsleben begann. Viele Jahre war das Sieb dort vor aller Augen und hing noch bis zur Zeit der Langobarden über der Kirchentür.

Benedikt aber wollte lieber die Drangsale der Welt erfahren als ihr Lob, sich lieber in harter Arbeit für Gott abmühen, als durch Gunst und Erfolg im Leben berühmt werden. Deshalb verließ er heimlich seine Amme und zog sich an einen einsamen Ort zurück, der Sublacus heißt, ungefähr vierzig Meilen von Rom entfernt. Dort entspringt eine starke Quelle mit frischem, klarem Wasser. Es sammelt sich in einem weiten See und wird dann zu einem Fluss.

2. Dial 1,1–3

Offensichtlich fällt es dem jungen Benedikt schwer, einen klaren Schnitt zu machen. Selbstständig zu werden ist nicht einfach und vollzieht sich in vielen kleinen Schritten. So nimmt Benedikt seine Amme (heute würde man sagen: seine Nanny) mit. Von ihr wird eigens erwähnt, dass sie „ihn sehr liebte“. Geliebt und versorgt werden ist schön und entlastend. Es erleichtert so manches, wenn sich jemand um uns kümmert. Viele junge Menschen nutzen auch nach dem Schulabschluss das sogenannte „Hotel Mama“. Es ist praktisch, wenn für einen eingekauft und gekocht, die Wäsche gemacht und geputzt wird und einfach jemand da ist. Zugleich spart man sich so manche Kosten. Ob Benedikt sich freute, dass ihn sein Kindermädchen begleitete oder ob sie ihm eher lästig war, erfahren wir nicht.

Auffallend an der Szene ist, dass er nicht direkt in die Einsamkeit geht, sondern in Effide zunächst die Lebensgemeinschaft von angesehenen Männern sucht. Diese hatten sich in die Ruhe eines Landgutes zurückgezogen, wie es in der ausgehenden Antike üblich war. Dort ließ es sich ungestörter als im Trubel Roms gemeinsam philosophieren und theologisieren. Bestimmt war es eine ehrenwerte Männergesellschaft, bei denen der junge Mann vieles lernen konnte. Aber auch hier besteht die Gefahr, nicht selbst-klug zu werden, sondern alt-klug.

Die Amme nun leiht sich bei den Nachbarinnen ein Sieb aus. Mit ihm kann der Spelz vom Weizen getrennt werden. Das Werkzeug dient also zur Reinigung und zur Unterscheidung. Hierin könnten wir einen versteckten Hinweis sehen, dass es in dieser Szene um Trennung und die Gabe der Unterscheidung geht. Wenn das Sieb überraschend zu Bruch geht, wird deutlich, dass beim Aufbruch etwas zu Bruch gehen muss.

Das Unglück erfüllt die Amme mit Schmerz und sie weint. Benedikt zeigt Mitleid, auch das zeichnet ihn aus, und er tröstet die Frau liebevoll. Diese Haltung könnte ein echter Wesenszug Benedikts gewesen sein, denn immer wieder berichtet Gregor davon, dass Benedikt Mitleid mit Menschen hat und sie in ihrer Not tröstet.

Der junge Mann macht seiner Amme keine Schuldzuweisungen noch lässt ihn ihr Schicksal kalt. Vielmehr betet er unter Tränen, wie es eigens heißt, d. h. er drückt seine innere Betroffenheit über das Zerbrochene vor Gott aus. Zugleich solidarisiert er sich mit den Tränen seiner Amme, sodass das Wunder der Heilung geschehen kann. An diesem sollen alle teilhaben: Das unversehrte Sieb wird über der Kirchentür von Effide sichtbar angebracht. Was für ein wunderbarer Erfolg, der den jungen Mann schnell berühmt werden lassen könnte.

Doch Benedikt bleibt seinem Vorsatz treu. Anscheinend wird ihm nun erneut bewusst, warum er Rom und alle Sicherheiten hinter sich gelassen hatte. Allein Gott wollte er gefallen und sich nicht vom Ruhm der Welt abhängig machen. Benedikt erkennt, dass es dazu einen erneuten Ab- und Aufbruch braucht. Dies aber fällt ihm offensichtlich schwer. Auch das ist nachvollziehbar, schließlich lässt er mit der Amme auch seine Kindheit und Jugend hinter sich. Was hätte aus dem „Jugendstar von Effide“ alles werden können, wenn er sich der Ausbildung und dem Management der angesehenen Männer anvertraut hätte?! Bestimmt so einiges, aber vielleicht wäre er immer Kind geblieben, kleingehalten und abhängig von der Anerkennung anderer, und nie zu sich selbst gekommen. Papst Gregor ist sich dieser Entwicklung bewusst, denn er spricht ab dem Aufbruch Benedikts von Effide nicht mehr vom puer – „Jungen“ –, sondern vom vir – „Mann“.

Es fällt schwer, die mütterlich-sorgende Liebe, für die die Amme steht, hinter sich zu lassen. Vielleicht sucht Benedikt deshalb keine direkte Auseinandersetzung oder stellt sich einer anrührenden Abschiedsszene, sondern bricht heimlich auf. Es macht den Anschein, als stehle er sich regelrecht davon. Auch dieses Verhalten lässt sich deuten: Selbstständig und erwachsen zu werden ist mühsam. Es geschieht oft auf holprigen Pfaden in vielen kleinen Etappen und nicht auf geraden Wegen. Gregor spricht davon, dass sich Benedikt lieber in harter Arbeit vor Gott abmühen wollte. Von labor ist hier die Rede, was „Arbeit“/ „Mühe“/ „Leid“ bedeutet. Von der äußeren Zufriedenstellung, für die die...


Eckert, Johannes
Johannes Eckert OSB, Dr. theol., geb. 1969, ist Abt der Benediktiner-Klöster St. Bonifaz in München und Andechs. Neben seinen vielfältigen seelsorgerlichen Tätigkeiten gestaltet er seit Jahren Manager-Exerzitien und ist eingefragter Gesprächspartner für Medien. Johannes Eckert ist Verfasser zahlreicher Bücher, bei Herder zuletzt "Steht auf!" und "Was sucht ihr?".

Johannes Eckert OSB, Dr. theol., geb. 1969, ist Abt der Benediktiner-Klöster St. Bonifaz in München und Andechs. Neben seinen vielfältigen seelsorgerlichen Tätigkeiten gestaltet er seit Jahren Manager-Exerzitien und ist eingefragter Gesprächspartner für Medien. Johannes Eckert ist Verfasser zahlreicher Bücher, bei Herder zuletzt "Steht auf!" und "Was sucht ihr?".



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