Eckmann | Der feurige Elias - die Kehdinger Kreisbahn | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 156 Seiten

Eckmann Der feurige Elias - die Kehdinger Kreisbahn

Liebe, Leben und Sterben an der Kehdinger Kreisbahn
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-7109-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Liebe, Leben und Sterben an der Kehdinger Kreisbahn

E-Book, Deutsch, 156 Seiten

ISBN: 978-3-7568-7109-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der angehende Lokomotivführer Klaus Wulff verliebt sich in die hübsche Helferin des Apothekers in Freiburg. Doch seine Freundin weckt auch das Interesse des Bürgermeistersohnes. Er hat mehr Geld und die besseren Verbindungen und kann sich so gegen den Lokführer behaupten. Ein Streit zwischen beiden macht die Runde. Eines Tages wird der Kontrahent tot aufgefunden, der junge Lokführer wird verdächtigt, den Sohn des Bürgermeisters erschlagen zu haben und landet im Gefängnis. Die Polizei konzentriert sich auf das Naheliegende. Kann jetzt noch jemand helfen?

In Pinneberg wurde Peter Eckmann im Jahr 1947 geboren, in Hamburg, in der Nähe der Reeperbahn, wuchs er auf. Er erlernte den Beruf des Chemielaboranten und schloss 1972 sein Studium zum Chemie-Ingenieur ab. Bis 1975 arbeitete er noch in Hamburg, ehe es ihn zum Unternehmen Dow nach Stade zog. An seinem 59. Geburtstag bot sich Peter Eckmann die Gelegenheit, in den Vorruhestand zu wechseln. "Ich bin viel mit dem Fahrrad unterwegs und kümmere mich gerne um meinen Garten", nennt Peter Eckmann seine Hobbys. "Ansonsten schreibe ich nur noch", fügt er hinzu. Mit seiner Frau Eva Maria ist er seit 1974 verheiratet.
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Klaus und Gertrud


Es ist Februar, 4 Uhr morgens und noch finstere Nacht. Eine einzelne Karbidlampe sendet ein blasses Licht in die Dunkelheit. Ein paar Schneeflocken fallen torkelnd durch den Schein. Der Lokschuppen und die Werkstätten bilden einen großen, dunklen Komplex, der sich kaum vom schwarzen Himmel abhebt. Es weht ein kalter Wind, der auf den Wangen brennt und die Wärme erbarmungslos aus dem Körper zieht.

Die schwarze Dampflokomotive ist kaum zu erkennen, leise zischt es aus einer undichten Stopfbuchse, roter Schein dringt aus der nicht ganz geschlossenen Feuerbüchse.

Der Heizer steht mit einer kleinen Kassette vor der Esse in der Werkstatt und füllt mit einer Zange glühende Kohlen hinein. Er ist groß und kräftig, die kurzgeschnittenen blonden Haare werden von einer schwarzen Kappe verdeckt. Er füllt eine zweite, dann bringt er die beiden Behälter zu den Personenwagen, die an die Lok angekoppelt sind. Er schiebt sie in die dafür vorgesehen Öffnungen unten in der Außenseite. So beheizen sie den Boden der Wagen, die Passagiere werden sich freuen. Er hat mehrere Male zu laufen, zu jedem Personenwagen der zweiten Klasse gehören sechs Kohlekästen, vier zu den Wagen der dritten Klasse.

Schritte sind zu hören, leise quietscht der Schnee bei jedem Tritt. Es ist Georg Koch, der Lokführer. Er ist etwas kleiner als sein stämmiger Heizer, er hat schwarze Haare und einen ebensolchen Schnurrbart. In seiner schwarzen Dienstkleidung ist er in der Dunkelheit fast unsichtbar. „Guten Morgen, Klaus, schon fleißig?“ In seiner Stimme schwingt ein freundlicher, wohlwollender Ton mit.

„Guten Morgen, Georg. Ja, unsere Passagiere sollen es gut haben. Es sind über zwei Stunden bis Stade, da würden sie ohne unsere Kohleheizung ganz schön frieren.“

„Schön, dass du dich darum kümmerst. Ich werde mal anregen, dass der Nachtheizer das erledigt, du hast vor der Fahrt schon genug andere Dinge zu tun. Apropos: Hast du schon Kohle in der Lok nachgelegt?“

„Natürlich, der Druck beträgt jetzt 10 Atmosphären. Bis wir abfahren, wird er noch bis 12 steigen.“

„Sehr gut!“ Lokführer Koch freut sich über seinen tüchtigen und klugen Heizer. Er fährt gerne mit ihm zusammen und gibt ihm Ratschläge, weil Klaus – wie er weiß – sich bald für die Lokführerprüfung anmelden wird. Falls er die Prüfung besteht, wird er mit einem anderen Heizer fahren müssen. Aber der Lokführer wird Klaus keine Knüppel zwischen die Beine werfen, der junge Mann hat jede Unterstützung verdient.

Die Kohlekassetten sind eingesetzt, die Petroleumlampen in den Personenwagen sind angezündet, nun wird Georg mit seiner Kastenlok den Zug in Richtung Bahnhof ziehen. Klaus hat das Feuer kontrolliert, ein Blick geht zum Druckmesser, dann zum Wasserstandsanzeiger. Diese Kontrollen gehören bei ihm - genauso wie dem Lokführer – zur alltäglichen Routine, sie sind für die Lokomotive lebenswichtig. Die Werte befinden genau dort, wo sie sein sollen – alles ist in Ordnung.

Georg stellt den Steuerungshebel auf langsame Rückwärtsfahrt, dann öffnet er mit Fingerspitzengefühl den Dampfregler. Langsam setzt sich die sechs Meter lange Hohenzollernlok in Bewegung und schiebt den Zug, der aus drei Personenwagen und einem Gepäckanhänger besteht, vor den Freiburger Bahnhof.

Klaus beobachtet genau, wie er das macht. Er beherrscht ebenfalls jeden Handgriff an der Lokomotive. Aber Praxis ist nicht alles, für die Lokführerprüfung muss er noch viel Theorie büffeln. Signalstellungen, Handzeichen, das ganze Regelwerk. Da ist noch viel zu lernen.

Vor dem Bahnhof Freiburg haben sich die Fahrgäste in Richtung Stade versammelt, Abfahrt ist um 5:50, also in einer Viertelstunde. Die Passagiere bestehen zu zwei Dritteln aus den Schülern des Gymnasiums Atheneum in Stade. Außerdem sind einige Frauen mit Körben dort, sie wollen in Stade einkaufen und ebenso einige Herren, adrett mit Hut und Aktentasche. Sie stehen beisammen und unterhalten sich leise.

Die Fahrgäste haben sich an der Schmalseite des Bahnhofes aufgestellt, es ist dort windgeschützt. „Wo bleibt eigentlich Kuddel?“, fragt einer der Herren. „Der öffnet doch sonst immer den Warteraum. Gerade heute, bei dieser Eiseskälte würde ich mich lieber drinnen aufhalten, anstatt mir hier den A... abzufrieren.“

Gemurmel kommt als Antwort. „Da hast du recht, ich fühle meine Fingerspitzen schon nicht mehr“, antwortet Friedrich Hadeler, ein Angestellter der Regierung in Stade.

Von irgendwoher kommt ein Schneeball geflogen und trifft einen der Jungen an der Schulter. Der Getroffene lässt seinen Ranzen fallen und bückt sich. „Peter!“, ruft er, „du Flegel! Das werde ich dir heimzahlen!“ Weitere Jungen neben ihm bücken sich, um rasch Schneebälle herzustellen. Eine muntere Schneeballschlacht entsteht. Dass die Folge später nasse Handschuhe sein werden, stört die Jungen im Moment nicht.

Ein Mann taucht aus der Dunkelheit auf. Er geht eilig auf die Eingangstür des Bahnhofes zu und öffnet sie.

„Da bist du ja endlich, Kurt. Hast du verpennt?“, fragt einer der Herren mit Spott in der Stimme. Seine Kollegen lachen leise.

„Tut mir leid, mein Wecker ist stehengeblieben“, antwortet der Betroffene.

„Du musst den Wecker ab und zu aufziehen, Kurt!“

Zu mehr als Gelächter und ein paar dummen Sprüchen kommt es nicht. Der Zug taucht aus der Dunkelheit auf, er fährt mit der unbeleuchteten Rückseite auf die Passagiere zu, sodass er erst spät bemerkt wird.

Ein kurzer Pfiff von der Lokomotive informiert den Bremser, der sich in einem kleinen Anhängsel des Gepäckwagens befindet, dass er jetzt die Bremse anziehen muss. Er steht von seinem hölzernen Sitz auf und reibt sich die kalten Hände. Dann dreht er das Rad, mit dem die Bremsklötze an die Bremstrommeln gepresst werden. Quietschend kommt der Zug zum Stillstand.

Die Kinder klettern die Stufen der Personenwagen mit viel Lärm hinauf. Es ist nicht ganz einfach, der Ranzen auf dem Rücken behindert das Einsteigen. Einige nehmen den Tornister vorher ab, stellen ihn in den Wagen und steigen dann ein.

Drinnen ist es kalt, von der Heizung unter dem Fußboden ist noch nicht viel zu bemerken. Der Atem der Passagiere gefriert auf den Scheiben zu glitzernden Eisblumen. Die Petroleumlampen geben ein schwaches Licht, es reicht gerade, um sich zurechtzufinden.

Johann Holthusen ist heute Morgen der Schaffner. Genau um 5:50 gibt er ein Pfeifsignal, um dem Lokführer anzuzeigen, dass der Zug abfahrbereit ist.

Georg hat die Steuerung bereits auf Vorwärtsfahrt gestellt, jetzt öffnet er gefühlvoll den Dampfregler. Unter lautem Zischen setzt sich der Zug in Bewegung. Allmählich wird er schneller, der Bahnhof Freiburg liegt jetzt hinter ihm. Die nächste Station ist »Landesbrück-Oederquart«, sie ist 2,2 Kilometer entfernt. Die Landschaft liegt in völliger Dunkelheit, Schnee bedeckt die Wiesen und Felder. Im Bahnhofsgebäude Landesbrück-Oederquart gibt es ein Gasthaus der Familie Vollmers – wie bei vielen Bahnhöfen an der Strecke. Auch hier warten ein paar Gäste auf den Zug.

Um 7:40 wird die Endstation in Stade erreicht. Die Schulkinder springen aus dem Zug, sie haben noch ein Stück Fußweg bis zum Atheneum in der Harsefelder Straße vor sich. Unter ihnen ist Otto Suhr, ein schmächtiger Junge von 14 Jahren. Er trägt eine Brille, was ihm immer wieder den Spott seiner Kameraden einbringt. Er mag sich kaum damit abfinden, eine zusätzliche Erschwernis ist, dass er als Klassenbester ohnehin spöttische Bemerkungen auf sich zieht. Er seufzt, rückt sich den Ranzen zurecht und trottet einer Gruppe Schüler hinterher.

Klaus Wulff und Georg Koch haben es sich in der Bahnhofswirtschaft bequem gemacht und ihre Brote herausgeholt. Außer ihnen sind noch zwei weitere Herren hier. Sie tragen einen Anzug, es scheinen leitende Angestellte zu sein. Der Warteraum ist klein, eine kleine Theke grenzt ihn zu der Getränke- und Essensausgabe ab.

Die Lok steht hinter dem Bahnhofsgebäude, Wasser und Kohle müssen noch nicht ergänzt werden, bis zur Abfahrt um 8:10 zurück nach Freiburg und weiter nach Itzwörden haben Lokführer und Heizer noch etwas Zeit. So Essen sie in Ruhe und haben etwas Muße zum Klönen.

„Hast du die neue Helferin in der Adler-Apotheke schon gesehen?“, fragt der Lokführer seinen Heizer. „Das dürfte doch genau deine Kragenweite sein.“

Klaus lächelt. „Du meinst die Apotheke in Freiburg? Nein, da war ich lange nicht mehr. Ist sie hübsch?“

„Das kannst du laut sagen, bildhübsch.“

„Vielleicht sollte ich mal unter einem Vorwand hin.“ Er lächelt und stopft die Papiertüte in seine Tasche. „Zeit, aufzubrechen, obwohl ich lieber noch ein wenig ausruhen und mit dir schnacken würde.“

Georg nimmt sein Teeglas und stellt es auf die Theke.

Der Wirt nickt und bedankt...



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