Eckstein | Nero | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 486 Seiten

Eckstein Nero


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8496-2815-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 486 Seiten

ISBN: 978-3-8496-2815-4
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ecksteins Roman stellt sich der Aufgabe, den Lesern zu schildern, wie und durch welche Momente sich der ursprünglich so milde, unverdorbene, groß und edel veranlagte Nero in das übermenschliche Ungeheuer verwandelt hat, von dem uns die alten Autoren so unbegreifliche Dinge erzählen. Spannend und authentisch erzählt gehört dieser biographische Roman zu den großen Werken historischer Romane.

Eckstein Nero jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material



Mit großer Hast drängte sich Acte durch das Getümmel und erreichte das Freie, ohne daß Nicodemus ihr Enteilen bemerkt hätte.

Es war ihr ein unerklärliches, aber zwingendes Herzensbedürfnis, mit den Eindrücken dieser bedeutsamen Stunde allein zu sein.

Wenn sie sich vorstellte, wie ihr Gebieter sie ausforschen, wie er jegliches Wort, das der Kaiser zu ihr gesprochen hatte, zweifach und dreifach beleuchten würde, so verspürte sie eine unsägliche Angst. Es war ihr, als solle sie einer ungeweihten, fühllosen Hand die Durchmusterung ihrer kostbarsten Schätze gönnen. Eh' dies geschah, wollte sie wenigstens eine Weile noch glücklich sein im Alleinbesitz; sie wollte, was sie erlebt hatte, ungestört auskosten, und sich hinlänglich sammeln.

Fast eine halbe Stunde lang schritt sie so durch die entlegneren Teile des Marsfeldes, ab und zu die zaghaften Blicke auf das Kleinod gerichtet, das sie am Finger trug. Sie meinte zu träumen. Ein Ring mit dem Insiegel des römischen Imperators, von dem Allgewaltigen selber gespendet, an ihrer Hand! Klang das nicht wie ein Märchen aus der pelasgischen Urzeit? Damals stiegen die Uranionen, vom Lichte des Aethers umflossen, zu den Töchtern der Menschen herab und legten den Hirtenmädchen des Oeta die himmlischen Donnerkeile zu Füßen. Aber hier, in dem wirklichen, wahrhaftigen Rom, das von dem gar nicht märchenhaften Schwerter- und Lanzengeklirre der Prätorianer erdröhnte, hier am Tibergestade, wo alles so neu, so frisch, so lebendig ins Dasein blickte – es war unfaßlich!

Ihr Blick schweifte hinüber nach der gewaltigen Zweimillionenstadt . . . Ein rötlicher Dunst lagerte, trotz des klaren Oktobertages, breit über dem südlichen Horizont. Fernab ragten die sonnbestrahlten Tempel des Kapitols, rechts davon das hochgetürmte Palatium, der Herrschersitz des blühenden Jünglings, der über dies ganze unabsehbare Häusermeer, über Italien, über den Erdkreis das Scepter hielt, und doch mit ihr, der Niedriggeborenen, so warm, so liebevoll, so ganz über alle Beschreibung traulich gesprochen hatte . . .

Sie seufzte.

»Wär' er doch einer von den elenden Sklaven, die dort mühsam die Steine zum Ausbau der Halle schleppen!« dachte sie traurig. »Alles, was ich besitze, wollte ich geben, ihn loszukaufen, – jahrelang wollte ich schaffen und arbeiten, damit ich's zusammenbrächte, was etwa fehlte, – und dann . . .«

Sie schloß die Augen.

Da plötzlich hörte sie eine Stimme, die sanft ihren Namen rief.

Emporschauend, gewahrte sie einen etwa vierzigjährigen Mann in vornehmer Tracht. Die blitzenden grauen Augen mühten sich offenbar, liebenswürdig und verbindlich zu scheinen.

»Acte,« sprach er, »du wandelst allein, wie die trauernde Demeter. Darf dir ein neugewonnener Freund seine Begleitung anbieten?«

»Herr, ich kenne dich nicht.«

»Diesem Uebelstande ist mit Leichtigkeit abzuhelfen. Mein Name wird dir, so denk' ich mir, weniger fremd sein, als meine Züge. Ich bin Pallas, der Vertraute der Kaiserin.«

»Pallas!« rief sie erschreckt, als habe sie kein gutes Gewissen. »Der Name ist allerdings gekannt und – gefürchtet.«

»Nur derjenige hat mich zu fürchten, der meiner Gebieterin die schuldige Ehrerbietung versagt, ihr weisheitsvolles Wirken mißachtet, ihre glorreichen Pläne zu kreuzen strebt, oder sich sonst wider die göttliche Majestät versündigt. Durch die Gunst Agrippinas bin ich das, was ich bin: Dankbarkeit aber und Treue sind die vornehmsten Tugenden.«

Acte sah, wie in tiefe Gedanken versunken, auf das Kleinod des Imperators. Dann plötzlich das duftige Blondhaar aus ihrer Stirne streichend, fragte sie beinahe keck: »Woher kennst du mich, und was willst du von mir?«

»Ich sah dich neulich, als der Cäsar den Freigelassenen des Flavius Scevinus begnadigte. Ich befand mich an der Spitze der kaiserlichen Gefolgschaft.«

»So? Ich bemerkte dich nicht.«

»Wenig schmeichelhaft. Aber du warst so völlig in Anspruch genommen, daß ich geneigt bin, diese Vernachlässigung zu entschuldigen. Vielleicht reizte mich gerade dein blumenhaftes Versenktsein in die Forderungen des Augenblicks. Du schienst mir wie ein lieblicher Ruhepunkt inmitten der ewig hastenden Weltstadt. Mit einem Wort: du entzücktest mich . . .«

»Weshalb sagtest du mir das?«

»Seltsame Frage! Weshalb sagt man der Amphora, daß man dürstet? Ich liebe dich, Acte, und flehe zu allen Göttern, sie möchten dein Herz mir geneigt stimmen.«

»Da wirst du umsonst stehen,« fuhr das Mädchen heraus. »Ich kann nicht lieben. Ich habe nicht Sinn noch Seele für solche Thorheit.«

»Nennst du Thorheit, was die wonnigste, ja, die einzige Blüte des Lebens ist? Acte, Acte, was sprichst du da? Du nicht lieben . . .? Du mit deinen sehnsüchtig verschwimmenden Augen, mit deinen süßschwellenden Lippen, die wie ein immerwährender Kuß in die Welt lächeln? Täusche du einen Dümmern!«

»Ich kann nicht lieben,« wiederholte sie traurig. »Und wenn ich's könnte – meinst du, ich würde mich wegwerfen?«

»Wegwerfen? Ist denn die Liebe des Pallas so entehrend und schmachvoll?«

»Für hundert andre gewiß nicht. Glaub' mir, ich kenne die Welt und ihre Gebrechen trotz meiner Jugend! Ich weiß, wie Rom von uns freigelassenen Mädchen zu denken pflegt, wie unser Name fast gleichbedeutend geworden ist mit Unehrbarkeit und Leichtsinn. Viele, sehr viele würden sich glücklich schätzen, ihre Sünden mit dir zu teilen; denn du bist mächtig und reich, und etwas vom Glanze der weltbeherrschenden Hofburg fällt auch auf die Geliebte des Pallas. Ich aber verachte solche Erhebung, die in Wahrheit doch nur Erniedrigung ist. Ich verachte sie: einmal weil mir der Abscheu vor solcher Verirrung unüberwindlich im Blute liegt; dann aber, weil Jesus Christus von Nazareth, dem ich von Herzen anhange, die Tugend lehrt und die Reinheit im Sinn und im Wandel.«

Pallas schwieg eine Weile. Dann versetzte er zögernd: »Du sagst mir nichts Neues, Acte. Gleich von Anbeginn war zu vermuten, das junge Mädchen, das für den Nazarener um Gnade flehte, sei Nazarenerin. Dann aber erfuhr ich's von Nicodemus. Ich hatte bemerkt, daß ihr beide in Beziehungen steht; ihn kannte ich, da ich ihn mehrmals bei Seneca traf . . . Wisse also, daß deine hochgemute Erwiderung mich keineswegs überrascht. Dennoch war sie verfehlt.«

»Wieso?«

»Weil du zurückweisest, ohne geprüft zu haben. Acte! Ich sehe dich jetzt zum drittenmal. Vorgestern im Hause des Nicodemus hatte ich vollauf Gelegenheit, dich zu beobachten . . . Ich stand, ohne daß du es ahntest, mit dem graulockigen Sonderling im Tablinum. Wie ein junges Reh huschtest du über die Fliesen; du sprachst mit den Sklaven, und jedem gönntest du ein freundliches Wort; du besprengtest die Spätrosen am Rand des Impluviums; du streutest den Tauben Körner und Brosamen; du gossest sogar von dem Lichte, das dich umfließt, einen Strahl in die Seele des alten Hundes, der halbgelähmt vor dem Bassin lag, und schweifwedelnd zu dir aufschaute. Nun war's beschlossen: bei nächster Gelegenheit wollt' ich dir sagen, wie sehr ich das Tier beneide, das deine beglückende Nähe genießt; ich wollte dir sagen . . . Aber was hast du?«

»Nichts, nichts!« stammelte Acte. »Ein dummer Gedanke . . . eine Erinnerung . . .«

Sie hatte die Hand wie eine Taumelnde vor die Augen gepreßt. Jetzt, da sie merkte, daß Pallas ihr von echter und wahrhaftiger Liebe sprach, stellte sich ihrer Phantasie plötzlich ein Bild, so greifbar, so deutlich, daß sie laut hätte aufschreien mögen: das Bild des Cäsars, wie er zum erstenmal sagte, daß er sie reizend finde. Und mit diesem Bilde kam ein beklemmender Krampf, ein süßbetäubender Schmerz, der sie beinah zu Boden geworfen hätte.

Als sie sich wieder gefaßt hatte, fuhr Pallas mit wachsender Inbrunst fort: »Ich will nicht hoffen, daß meine Worte es waren, die dich erschreckt haben. Bin ich zu stürmisch gewesen? Aber in meinem Alter hat man nicht Zeit; wochen- und monatelang zu werben. Gerade heraus: Pallas der Vertraute der Kaiserin, der Furchtbare, wie du ihn selber genannt hast, – er begehrt dich zum Weibe. Hörst du, Acte? Zur...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.