E-Book, Deutsch, 113 Seiten
Edel Frau Mimis Vergangenheit
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1128-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 113 Seiten
ISBN: 978-3-8496-1128-6
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kriminalroman aus Schieberkreisen. Die Serie 'Meisterwerke der Literatur' beinhaltet die Klassiker der deutschen und weltweiten Literatur in einer Sammlung.
Autoren/Hrsg.
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Herr Modersohn war kein Langschläfer. Er saß in seinem kleinen Bureauzimmer, gestiefelt und gespornt, rasiert und bereits mit der Zigarre im Munde, die das reichlich eingenommene Frühstück verdauen half. Trotzdem er gewohnt war, die Nacht zum Tage zu machen, kannte er keine Müdigkeit. Seine Riesenkräfte brauchten nur wenig Schlaf. Ein paar Stunden zwischen fünf und acht Uhr in der Frühe, das genügte ihm. Oder des Nachmittags gleich nach dem Essen ein Nickerchen im Klubsessel. Seine Elastizität und sein stetig arbeitender Geist hielten ihn wach.
Das kleine Bureauzimmer hatte zwei Türen, von denen die eine in die anstoßende Wohnung führte, während die andere auf den Korridor ging, genau gegenüber dem Treppeneingang. Beide Türen waren mit dicken Polsterwänden überdeckt, die das Zimmer vollständig schallsicher machten. Auch andere Vorsichtsmaßregeln hatte Modersohn vorgesehen. Auf dem Schreibtisch stand ein dem flüchtigen Beobachter kaum bemerkbarer Apparat, eine Art Aschenbecher mit einer japanischen Bronzefratze, in der zwei verschiedenfarbene Augen eingesetzt waren: Signalzeichen. Die Verbindungstür hatte einen besonderen Trick. Hinter ihr stand ein großer Bibliotheksschrank, der in dem anschließenden Herrenzimmer mit seinen schöngebundenen Büchern einen harmlosen Eindruck machte. Dieser Schrank hatte einen doppelten Innenraum, in dem sich ein Mensch verstecken konnte. Modersohn, der immer darauf bedacht sein mußte, daß die Behörde sich mit ihm befassen konnte, hatte diesen Schrank für solche unliebsamen Besuche eingerichtet. Fritz, der Chauffeur, Diener und Helfershelfer in einer Person war, brauchte im Korridor nur unauffällig auf einen Taster zu drücken, um seinen Herrn zu warnen. Sobald die Glocke im Entree läutete, blitzte, nachdem der Besucher eingetreten, auf dem Schreibtisch ein gelbes oder ein grünes Auge auf. Gelb bedeutete Gefahr, grün: gut Freund.
So saß Herr Modersohn in seinem Bureau, verbarrikadiert gegen alle Überfälle.
Frau Mimi mußte um diese Zeit in Berlin angekommen sein.
Modersohn blickte auf seine Armbanduhr.
Die Entreeglocke läutete.
Sollte es Mimi sein?
Eine Unruhe hatte ihn gepackt. Ein Gefühl der Sehnsucht zitterte in seinem Herzen.
Verdammt! Er brauchte das Frauenzimmer. In den vierzehn Tagen, in dem sie ihm ausgewischt, vermißte er sie. Hatte sich an das Weib gewöhnt. Die Schönheit der blonden Frau wollte er nicht mehr entbehren – – –
Er stieß nervös dicke Rauchwolken gegen die Decke. Verliebt?
Lachte vor sich hin.
"Nee, mein Lieber, so was gibt's nicht", murmelte er.
Aber er war enttäuscht, als Fritz eintrat und meldete:
"Der Niederhuber ist da – – – der mit den Sacharinkisten – na Sie wissen doch?"
Modersohn nickte zerstreut:
"Soll 'rein kommen!"
Er hatte das grüne Signal übersehen. Weiß Gott, hatte an das Mädel gedacht. Das Mädel würde ihm noch das Geschäft verderben, das Frauenzimmer mit ihren Launen und Empfindsamkeiten. Wenn er sie auch nicht liebte, wollte er ihren Besitz keinem anderen gönnen.
Die Geschichte mit ihrer Heirat.
Der Herr Adolf Grünmeier und Frau Mimis Million?
Modersohn legte die Zigarre in eine Schale und reckte sich.
Wollen wir schon klein kriegen, diese Million. Dann heiraten wir das Mädel selber ...
Er lächelte noch, als der vierschrötige Niederhuber eintrat.
"Also die Geschichte läuft?"
"Ham'mer schon, Herr Direktor", antwortete der andere, holte aus allen Taschen Packen mit Banknoten hervor, die er auf den Tisch legte.
"Gut – – – Wieviel?"
"45 000 Mark auf Ihren Teil".
"Na – und der Sacharin?"
"A bissel Sägspähne und a Weng Sand war schon beigemischt – aber dös mocht halt nix!"
Die beiden lachten.
Niederhuber legte sich über den Schreibtisch.
"Sie, passen's auf, a neie Affär hab ich: zwei Waggons mit Benzin, die in Passau verlorengegangen soan – – –"
Er wartete mit schlauem Augenblintzeln auf Modersohns Antwort.
Modersohn nickte interessiert.
"Brauchen mer halt so a Hunderttausender dazu!"
Modersohn sprang auf, ging im Zimmer auf und ab, überlegte. Suchte in Gedanken nach einem Kapitalisten unter den Geschäftsfreunden.
Blieb vor Niederhuber stehen, sah ihn scharf an.
"Können Sie garantieren, daß die Waggons nach Berlin gelangen?"
Niederhuber warf sich in die Brust.
"No – wenn's Eahna der Niederhuber wos sagt, haben's schon emal g'sehen, daß er Eahna wos unrecht gesagt hat?"
"'s kost halt a bissel", fuhr er fort und machte die stereotype Daumenbewegung des Zahlens.
"Kommen Sie am Nachmittag um vier Uhr nochmal herauf – ich werde die Hunderttausend aufbringen – –"
Als Niederhuber gegangen, blieb Modersohn am Schreibtisch stehen, trommelte in Gedanken versunken auf der Tischplatte.
Wo das Frauenzimmer bleibt!
Warum läutet sie ihn nicht an?
Fritz steckte den Kopf durch die Tür, machte ein Zeichen.
"Was ist?"
Fritz sagte, indem er nach hinten deutete:
"Wilhelm und Karl sind draußen – – von wegen heute abend!"
Das Telephon klingelte.
Modersohn führte den Hörer ans Ohr.
Mimi ...
Endlich.
"Bist du wieder da, mein Täubchen?"
Einen Augenblick lang zitterte Modersohns Stimme von verhaltener Leidenschaft.
Ob sie bei ihm frühstücken wollte? Nein? – –
Er sähe ein, daß sie von der Reise zu müde wäre, aber er käme zu ihr – –
"Auf baldiges Wiedersehen – du Ausreißer!"
Er ertappte sich auf einer Gefühlsduselei, die ihm sonst fremd war.
Dann, als er den Hörer auf den Apparat gelegt, fiel sein Blick auf Fritz, der während des Telephongespräches an der Tür gestanden.
Modersohn fing seines Dieners Lächeln auf.
"Was grinst du, Dummkopf?"
Fritz stand stramm wie vor seinem Feldwebel.
"Die Kerls sollen 'reinkommen – – –" brüllte Modersohn. Ihm war es sichtlich unangenehm, sich vor Fritz eine Blöße gegeben zu haben.
Karl Behmke und sein Freund, der unter dem Namen Wilhelm bekannt war, traten ein. Sie versuchten, einen gewissen familiärvertrauten Ton anzuschlagen. Aber Modersohn wies sie sofort in die Schranken, fragte kurz und schroff:
"Was gibt's, meine Herren?"
Die beiden sahen sich verdutzt an. Waren nicht gewöhnt, formell genommen zu werden.
Karl begann:
"Die Sache in der Speyrerstraße ham mer ausbaldowert. Ganz leicht zu machen. Die Dowbacke von Aufpasser unten an der Türe ist mit dabei. Und der Lausejunge, den Se mit'n Schlüssel runterschicken, kriecht eens...




