Eder | Be my Sunrise | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 428 Seiten

Eder Be my Sunrise


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7438-0854-6
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 428 Seiten

ISBN: 978-3-7438-0854-6
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Lavinia kehrt in die Wohnung ihrer Mutter zurück, die sie vor einem halben Jahr verlassen hat, als diese plötzlich an einem Herzinfarkt verstarb. Die Sehnsucht nach ihrer Mutter lässt nicht nach, sodass sie ihre Anwesenheit hin und wieder verspürt. Und nicht nur das: Seit ihrer Rückkehr sieht sie in ihren Träumen einen Mann. Sie beginnt sich in ihn zu verlieben. Realität und Traum scheinen zu verschwimmen, denn das, was sie mit dem Mann nachts sieht und erlebt, ist ihre eigene Zukunft. * Erstveröffentlichung 2016 unter dem Titel 'Es scheint die Sonne' *

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Kapitel 1
  2013, September   Die Sonne stand in ihrem Zenit und schien grell, als ich aus dem Schulgebäude kam. Die Luft war herrlich warm. Es duftete nach den Kastanienblüten, die um die Schule rundherum wuchsen und jetzt in ihrer vollen weiß-rosa Blütenpracht standen. Genüsslich atmete ich den Duft durch die Nase ein, reckte mein Gesicht gen Sonne und ließ die angenehm warme Brise durch meine Haare wehen, bevor ich freudig die Treppen hinuntersprang, während die Schultasche an meiner Schulter hin und her baumelte. Ich schlängelte mich durch die dichte Masse an Schülern über den Schulhof bis zum Gehweg. Endlich, der letzte Tag, dachte ich. Auf der anderen Straßenseite bemerkte ich Eric, der rauchend gegen seinen schwarzen BMW lehnte, während eine Blondine aufgeregt auf ihn einsprach. Mann, bald geht er studieren, dann werden wir uns garantiert nicht so häufig sehen. Mir wurde etwas mulmig bei dem Gefühl, dass ich Eric nicht mehr so nah bei mir haben und ihn dann nur an den Wochenenden zu Gesicht bekommen würde. Wenn überhaupt! Er zog an seiner Zigarette und als er den Rauch herausblies, sah er mich und winkte mir freudig zu. Lächelnd winkte ich ihm zurück und schlug die Richtung meines Zuhauses ein. Der Bürgersteig war voller Leben, Geschäftsleute liefen in ihren Anzügen und mit ihren Aktentaschen eilig zu Geschäftsterminen, und Bauarbeiter standen neben den Imbissbuden und Cafés, die am Straßenrand gelegen waren, und aßen Mittag. Eine Mutter ging freudestrahlend mit ihrem Kind an der Hand, das sie vom Kindergarten abgeholt hatte und nicht minder beglückt neben ihr herhoppelte, während es ihr voller Begeisterung etwas erzählte, an mir vorbei. Ein dunkelhaariger Mann mit Anzug und einer Laptop-Tasche über der Schulter kam mir entgegen. Ich musste darauf achten, dass mir nicht versehentlich der Mund offen stehenblieb, weil er verdammt gut aussah, edel, perfekt und makellos. Als er mitbekam, wie ich ihn ansah, lächelte er, ehe er an mir vorüberging. Wow, dachte ich und atmete die angehaltene Luft schnell und laut aus, als ich bemerkte, dass ich bei seinem Anblick offenkundig das Weiteratmen vergessen hatte. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte jemand hinter mir und ich zuckte piepsend zusammen. Rasch drehte ich mich um und erstarrte vor Ehrfurcht, als mich seine azurblauen Augen durchdrangen. „Sie haben mich so angeguckt, kennen wir uns?“, wollte er wissen. Seine tiefe Stimme löste Gänsehaut bei mir aus. Leicht verlegen schüttelte ich den Kopf. „Nein“, hauchte ich in seinen Augen versunken und lächelte ihn ergeben und wohl auch etwas geistesabwesend an. Die Sonne verschwand hinter den Wolken und der Himmel sah jetzt eher milchig aus. „Aber ich habe Sie schon mal gesehen“, stellte er mit etwas verkniffenen Augen fest, als ob er sich genau erinnern wollte. Er sah mir ins Gesicht. „Sie haben in einem Club gesungen“, bemerkte er erstaunlich erleichtert, dass es ihm doch noch eingefallen war. Meine Mundwinkel konnten ein geschmeicheltes Schmunzeln nicht verbergen, so sehr ich mich auch mühte, unbeeindruckt zu bleiben. Als ich antwortete, brachen jedoch alle Dämme. „Ja … kann sein“, grinste ich nun bis über beide Ohren und konnte nach wie vor nicht die Augen von ihm abwenden. Meine Haare wehten mir ins Gesicht, doch das hielt mich nicht davon ab, ihn weiter zu bestaunen. Scheiße, er ist zum Verrücktwerden schön! „Ich heiße Yves“, sagte er lächelnd und schien mich dabei mit seinen Blicken zu studieren. „Und, Sie sind?“, fragte er etwas ungeduldig. Ich versuchte, mich zu beruhigen und meinen Namen ohne Stottern auszusprechen. Möglichst unmerklich und leise atmete ich tief durch und hielt meine Haare zurück, denn es wurde immerzu windiger und der Himmel verdüsterte sich allmählich. „Lavinia“, antwortete ich endlich. Es begann stürmisch zu werden und ich musste mein weißes Sommerkleid bändigen, um keine Blöße zu zeigen. „Wollen wir uns irgendwohin setzen, falls Sie nichts dagegen haben? Ich glaube, es fängt gleich an zu regnen“, sprach er lauter, um gegen den Wind anzureden. „Ehm, ja, warum nicht? Sehr gerne. Dort drüben ist ein schönes Café“, schlug ich vor und wies auf die andere Straßenseite. Dabei bemerkte ich, dass Eric noch immer da stand und mich beobachtete. Als Eric sah, wie ich mit Yves die Straße überquerte, setzte er sich in seinen Wagen, ohne dabei seine Augen von mir abzuwenden. Wir wechselten die Straßenseite, betraten das Café und ich sah Erics Auto nur noch davonfahren.   Das Geräusch des vorbeirasenden Autos riss mich jäh aus meinem Traum. Verzweifelt bemühte ich mich, weiter daran festzuhalten. Als es nicht gelang, öffnete ich ein wenig missgestimmt meine Augen. Ein seltsamer Traum. Er war so klar und deutlich, dass er mir bisher vollkommen unbekannte Gefühle auslöste. Ich richtete mich leicht auf, nahm mein Handy vom Nachttisch und sah auf die Uhr: 5.48 ... Toll! Wieder einschlafen kann ich jetzt wohl vergessen. Das Hintergrundbild, das mich und Eric dabei zeigt, wie wir Grimassen schneiden, tröstete mich über diesen Umstand jedoch ein wenig hinweg. Ich legte mein Handy zurück und mich wieder hin. Erst vor zwei Wochen kehrte ich in die Wohnung meiner Mutter zurück. Vor einem halben Jahr verstarb sie plötzlich an einem Schlaganfall. Sie kam damals ächzend nach der Arbeit nach Hause und ich hörte, wie sie schwer keuchte. Ich sprang aus meinem Bett und wollte nach ihr sehen. Sie konnte kaum sprechen und presste ihre Hand auf die Brust. Ihren Blick dabei werde ich nie vergessen: erschrocken, panisch. Ich zerrte sie auf das Sofa und legte sie hin. Ich war starr vor Angst. Geschockt und hilflos versuchte ich zu begreifen, was gerade geschah. Als das Adrenalin in meine Adern schoss, rannte ich schnell in die Küche, goss mit zitternden Händen Leitungswasser in ein Glas und rannte zurück zu ihr. Dort, im Wohnzimmer, ließ ich vor Schreck das Glas fallen. Sie lag vollkommen regungslos da. Ein Arm hing nach unten, der andere lag auf der Brust, die Beine waren erschlafft. Die Wärme aus ihren Augen war gewichen, sie strahlten kein Leben mehr aus. Ich versuchte sie wachzurütteln. Vergeblich. Noch nie hatte ich einen derart stechenden Schmerz in mir verspürt. Selbst meinem ärgsten Feind würde ich ein solches Erlebnis nicht wünschen. Es war sehr schwer für mich, den Tod meiner Mutter zu akzeptieren, morgens aufzustehen und das Leben ohne sie weiter zu führen. Irgendwann muss man aber einsehen, dass man die Vergangenheit nicht zurückholen kann. Ich wusste, ich musste sie loslassen, denn so hätte sie es sich für mich gewünscht, sagte ich mir. Ich wusste freilich nicht, ob mir das je gelingen würde. Und, da ich zurück war, tat es mir wieder weh, die Wohnung so zu sehen, wie ich sie vor einem halben Jahr verlassen hatte. Alles erinnerte mich an meine Mutter und bereitete mir höllische Schmerzen in der Brust. Als würden tausende feine Nadeln auf mich einstechen, ohne dass ich mich dagegen wehren konnte. Aber da musste ich durch. Mich überwinden, lernen mit dem Schmerz und meiner Trauer fertigzuwerden und zu leben. Wie Mutter es mir einmal sagte: „Das ganze Leben ist dir ein Lehrer und der Unterricht hat einen hohen Preis.“ Erst jetzt verstand ich den Sinn dieses Ausspruchs. Nach meiner Rückkehr räumte ich erst einmal die Wohnung auf, putzte das Bad und befreite die Möbel vom Staub der letzten Monate. Das Aufräumen brachte leider nicht den gewünschten Effekt. Es half mir nur wenig. Die Vergangenheit ließ sich einfach nicht aufräumen. Jeder Gegenstand, den meine Mutter berührt hatte, zwang mich, an sie zu denken. Jede Ecke löste in mir die Hoffnung aus, dass sie hervorkommen und mich mit ihrem liebevollen Lächeln anstrahlen würde. All ihre Sachen, die noch umherlagen, ihre Kleidung im Schrank, weil ich es nicht übers Herz brachte, sie auszuräumen, ihre kleine Wolldecke, mit der sie sich die Füße beim Lesen zugedeckt hatte, all das erinnerte mich an sie. Die Trauer übermannte mich immer und immer wieder. Wie eine stürmische Welle, in der ich panisch und voller Hast um Atem rang, weil ich zu ertrinken drohte, drückte sie mich nieder. Zum dritten Mal seit meiner Rückkehr in die Wohnung tauchte dieser Mann in meinen Träumen auf. Zuerst sah ich nur seine schönen blauen Augen und schemenhaft vereinzelte Gesichtszüge, später etwas mehr. Meist waren diese Träume trüb und verschwommen, doch nun wurden sie zunehmend klarer und intensiver. Ich führte letzte Nacht sogar ein Gespräch mit diesem Mann, was zuvor stets unmöglich schien. Endlich, endlich kenne ich seinen Namen und … mein Gott, er ist wunderschön, so umwerfend. „Ich hoffe, ich treffe ihn irgendwann mal wirklich“, flüsterte ich im Dunklen meines Schlafzimmers vor mich hin und grinste dabei mein breitestes Grinsen. „Nicht!“, zischte meine Mutter. Ich schreckte hoch und versuchte, die Stimme im Raum zu lokalisieren....



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