Eder Das Gesicht der Anderen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-99200-117-0
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-99200-117-0
Verlag: Braumüller Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fabian Eder, geboren 1963, lebt als freiberuflicher Autor und Filmemacher in Wien. Regie und Drehbuch u. a. bei der Verfilmung des Romans 'Die Schrift des Freundes' von Barbara Frischmuth oder bei Fernsehfilmen aus der Reihe 'TATORT' (Granit, Kein Entkommen). 2013 erschienen 'Griechenland blüht', ein Buch über das Leben in der Krise, sowie sein Debütroman 'Aufstand' bei Braumüller.
Autoren/Hrsg.
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Margarete klappte den Laptop ganz behutsam zu, als schließe sie eine Schatztruhe. Sie betrachtete die Maske, die auf dem Schreibtisch lag und sie mit ihren leeren Augen anstarrte. Schnell nahm sie diese, als sie einen Wagen kommen hörte, und ging zum Fenster. Die Limousine von Albert Hager fuhr vor. Ist schon wieder ein Monat vorbei?, dachte sie und war überrascht, es war ihr nicht aufgefallen. Der Handwerker begegnete Hager auf der Außentreppe. Die Männer grüßten einander im Vorübergehen. Der eine betrat das Schloss, der andere ging zu seinem Wagen, in den er das Werkzeug einlud. Jeder kannte hier jeden und jeder wusste alles über den anderen. Sie mied die Menschen aus Wasserbrunn, sie waren anders, und Margarete hatte das Gefühl, von ihnen gehasst zu werden.
Sie ging zum Schrank, zog Jeans und T-Shirt aus und schlüpfte in ein einfaches, dezentes Kleid. Sie steckte rasch die Haare hoch und kontrollierte, ob die Maske richtig saß. Dann lief sie barfuß hinunter. In der Halle betrachtete sie die reparierte Fliese. Sie gefiel ihr nicht. Die Farbe war anders. Sie durchquerte die Halle und öffnete die Tür zum Arbeitszimmer. Hager, der sich bereits gesetzt hatte, erhob sich rasch.
„Bleiben Sie sitzen, bitte.“ Mit gestrecktem Arm und geöffneter Hand bedeutete sie ihm, wieder Platz zu nehmen. Hager, der sich noch immer nicht an Margaretes Stimme gewöhnt hatte, dieses jämmerliche Krächzen, blickte kurz zu Boden, seine Gedanken waren ihm unangenehm. Als er aber sah, dass sie barfuß war, musste er schmunzeln. Ihr entging das nicht.
„Guten Morgen, Margarete.“
Sie nahm den Platz ihres Vaters ein und setzte sich hinter den wuchtigen, alten Schreibtisch. Hager öffnete seine Aktentasche und holte eine grüne Flügelmappe heraus, die er ihr reichte.
„Die Zahlen des letzten Monats.“
„Wie schnell ein Monat vergeht.“
Hager hob die Brauen und pflichtete ihr mit einem Kopfnicken bei. Margarete schlug die Mappe auf.
„Ich werde diese Zahlen nie verstehen! Sie haben es mir schon so oft erklärt und ich will es mir nicht merken!“
Hager schmunzelte. „Die Geschäfte laufen gut.“
„Fein. Dann bin ich also reicher als vor einem Monat!“ Sie schlug die Mappe wieder zu.
„Das bist du ohnehin jeden Monat. Egal, was mit der Firma ist. Dein Vater hat gut für dich vorgesorgt.“
„Das hat er“, aus dem Gekrächze ihrer Stimme konnte er kein Gefühl ableiten und selbst im Gesicht hinter der starren Maske regte sich nichts. „Also, was hat sich in der Firma getan?“
„Wir haben auch im letzten Monat neue Mitarbeiter eingestellt. Einen Maschinenschlosser sowie zwei Softwarespezialisten, eine Mitarbeiterin in der Lohnverrechnung, eine Assistentin im Marketing, eine Grafikerin, und es gelang uns endlich, einen hervorragenden Repräsentanten für Nordosteuropa anzuwerben.“
„Welche Qualifikationen hat er?“
„Er hat eine Schweizer Privatschule absolviert und in Harvard studiert, anschließend leistete er seinen Militärdienst in der russischen Armee, brachte es immerhin zum jüngsten Ersten Offizier, der jemals auf einem Atom-U-Boot der Akula-Klasse gedient hatte. Danach war er bis neunzehnneunundachtzig beim KGB und hatte dort eine steile Karriere vor sich, der Rest ist Geschichte.“
Margarete lehnte sich zurück und stellte die nackten Füße auf die Schreibtischkante. Sie wackelte verspielt mit den Zehen.
„Bestens, Hager, weiter so!“, krächzte sie und Hager musste lächeln, Josef Boll hatte das auch immer gesagt. „Was würde ich nur ohne Sie tun?“
„Hast du darüber nachgedacht, was ich bei unserem letzten Treffen angeregt habe?“
„Ja.“
„Und?“
„Nein.“
„Ich habe großes Verständnis dafür. Aber bitte, überleg es dir noch einmal.“
„Das werde ich nicht und das wissen Sie.“
„Du musst es ja nicht selbst machen.“
„Bitte, Herr Hager. Die Räumlichkeiten meiner Eltern bleiben verschlossen. Darüber hinaus versteht es sich von selbst, dass nur ich persönlich diese durchsuchen kann.“
„Ich habe Grund zur Annahme, dass dort wichtige Unterlagen sind, Pläne, Skizzen, Ideen – die Visionen deines Vaters. Es wäre wichtig für alle.“
„Sie wissen, dass ich Ihnen kaum eine Bitte abschlagen kann. Aber in diesem Fall will ich Ihnen keine falschen Hoffnungen machen. Haben Sie nicht eine andere Bitte, eine, die ich Ihnen erfüllen kann?“
„Die habe ich.“
„Ja?“ Die Maske sah nahezu keck aus, wenn Margarete den Kopf zur Seite legte.
„Ich habe sie schon mehrfach geäußert. Sag bitte Albert zu mir oder …“
„Oder?“
Die Pause schien den Sauerstoff aus dem Raum zu saugen. Margarete ließ die Füße von der Schreibtischkante gleiten und beugte sich vor. Sie saß nun mit gestrecktem Rücken und hatte die Unterarme auf den Tisch gelegt. Hager sah in das tote Antlitz. Margarete schwieg. Er räusperte sich, seine Kehle wurde trocken. Draußen fuhr ein Windstoß in die Bäume und die Terrassentür, die Anna offen gelassen hatte, schlug zu. Margarete erhob sich und zwang damit Hager ebenfalls aufzustehen.
„Wir sehen uns in einem Monat, Herr Hager.“
„Auf Wiedersehen, Frau Boll“, antwortete er leise.
Margarete verließ den Raum.
Sie betrat den Salon, die große Glastür schlug nun leise, bewegt von dem leichten, aber steten Luftzug, der immerzu durch das Gebäude glitt. Behutsam schloss sie die Tür, durch deren altes, unebenes Glas die Rotbuche im frühsommerlichen Licht erstrahlte. Es war nicht die Zurechtweisung, die sie Hager zukommen hatte lassen und die zur Machtdemonstration geraten war – das war ihr gar nicht aufgefallen, viel zu selbstverständlich war es, dass er sie endlich nicht mehr nur als gleichberechtigte Erwachsene, sondern als ihm Übergeordnete anzunehmen hatte. Was sie beschäftigte, war sein wiederholter Wunsch, in die Räumlichkeiten der Eltern zu dürfen, die Margarete für sich selbst und alle anderen zum Sperrgebiet erklärt hatte, von Annas jährlichem Lüften abgesehen. Hager vermutete dort, wo sie Verderben ortete, einen Schatz.
Trotz der vermeintlichen Isolation hatte Margarete nie aufgehört, die eigenen Gedanken zu reflektieren, und war imstande, sich und ihre Entscheidungen jederzeit infrage zu stellen. Wenige Menschen waren dazu in dieser Form in der Lage. Wer war dieser Hager? Obwohl sie ihn ein Leben lang kannte, war er ihr fremd. Vertrauen? – Nein, Vertrauen hatte sie keines. Sie ging am Flügel vorbei zurück ins Arbeitszimmer, schlug die Mappe auf, die er ihr gebracht hatte. Die Zahlen sprachen eine eindeutige Sprache und sie verstand diese sehr wohl. Hager war der beste Geschäftsführer, den sie haben konnte, zudem bestand eine Verpflichtung, ein unausgesprochenes Versprechen über den Tod hinaus. Das hatte mit Ehre zu tun, wie Männer sie empfanden, wenn sie schworen einander zu folgen. Diese Treue bedeutete nicht nur Stärke, sie stellte auch einen Schwachpunkt dar. Die Schwäche des anderen ist letztlich die eigene Stärke. Diese Schwäche musste sie nutzen, Hager würde nicht ewig in der Fabrik bleiben, er war schon deutlich über sechzig – er hatte bestenfalls noch ein paar Jahre. Wer auch immer ihm folgen würde, diese Schwachstelle würde derjenige gewiss nicht mehr haben. Ihre Augen wanderten über die Tabellen. Er hatte Sorge, dass die Entwicklung nicht zügig voranging, dass nicht genügend innovative Ideen nachkämen. Die Ausgaben für die Entwicklung stagnierten, bald würden sie rückläufig werden. Die Boll-Werke hatten immer von den Visionen ihrer Väter gelebt. Hager wähnte diese Ideen in den verschlossenen Räumlichkeiten, vermutlich nicht zu Unrecht und so gut der Verkauf auch lief: Es war klar, dass Hager eine solche Vision brauchte, um die Firma zusammenzuhalten.
„Wachse oder weiche“, hatte er einmal doziert. Margarete schlug die Mappe mit den Zahlen wieder zu. Antipathien spielten, genau wie Sympathien, in dieser Frage keine Rolle und auch Zahlen konnten nicht mehr als nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit abbilden. Meine Gedanken bestimmen die Wirklichkeit, dachte Margarete, ich bestimme die Wirklichkeit. Sie war aufgestanden, hatte hinter ihrem Rücken das linke Handgelenk mit der Rechten umklammert, hob immer wieder ihre Fersen ein kleines Stück und blickte ins satte Grün des Parks. Die Visionen der Väter! Die Zeiten ändern sich und mit ihnen mussten sich auch die Visionen ändern. Sie mochte Hager nicht, er war nett, er war klug, er war klein, noch benötigte sie ihn, aber sie würde keine Sekunde...




