E-Book, Deutsch, 369 Seiten
Eder Leben ist mein Schmetterling
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7438-0855-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 369 Seiten
ISBN: 978-3-7438-0855-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der junge Andrej wird mit einem Freispruch aus dem Gefängnis entlassen, dennoch fühlt er sich nicht frei. Alpträume und Erinnerungen an seine schwere Vergangenheit plagen den Zwanzigjährigen. Er will neu anfangen, sich ändern und endlich ein normales Leben führen. Doch er beginnt wieder, in sein altes Muster zu verfallen, bis sein Leben endlich einen Wendepunkt zu erreichen scheint. Er lernt die flippige Lera kennen, die in ihm Gefühle auslöst, von denen er glaubte, sie seien bereits erloschen. Sie sieht die wesentlichen Dinge im Leben und weckt in Andrej die Hoffnung, seiner Vergangenheit entfliehen zu können.
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Kapitel 1
Noch nie zuvor hatte ich mir vorstellen können, wie das Leben eines Menschen von heute auf morgen, mit einem Schlag solch eine Wendung nehmen konnte. Und nun konnte ich es mir besser vorstellen, als mir lieb war. Man will glauben, dass das Leben einem ein wenig Hoffnung schenken würde. Ich aber hatte alle Hoffnung, dass mein Leben jemals wieder glücklich verlaufen könnte, aufgegeben. Ich glaubte an keine Wunder mehr – geschweige denn an das Glück. 8 Nachdem der Richter mich freigesprochen hatte, war ich zwar der Meinung, ich könnte mit meinen Erlebnissen weiterleben, doch es war schwer vorstellbar, dass ich es je schaffen würde. Mein Leben der letzten Jahre glich einer Vernichtung, und jetzt, so schien es mir, würde ich noch tiefer abstürzen, und es wäre niemand mehr da, der mich daran hindern könnte. Diesmal würde ich mein Leben einfach aufgeben, wenn sich die Gelegenheit böte. Was hielt mich noch? Als Onkel Leonid und ich aus dem Landgericht Lüneburg heraustraten und auf dem Treppenabsatz stehen blieben, berührte er freundschaftlich – eigentlich eher tröstend – meine Schulter. Er war nicht nur mein Onkel, sondern auch mein Anwalt. Ich atmete erleichtert auf, weil ich endlich draußen war. Aber meinen inneren Druck löste es leider nicht. Es war Altweibersommer und nach tagelangem Regen sehr heiter. Mir kam es vor, als hätte das Wetter meinem jetzigen Gemüt entsprechen wollen, so wie während der Tage meines Gefängnisaufenthalts, die düster und grau gewesen waren. Jetzt war ich frei wie die Sonne am Himmel. Ich genoss die frische Luft, die ich vermisst hatte, das Gewusel der Menschen, meine Stadt, die mit ihren schiefen Altbauten auf dem Salzstock lag. Der Marktplatz war bereits sehr belebt. Eine kleine Touristengruppe war unterwegs, die plötzlich neben dem kleinen Springbrunnen stehen blieb. Die Menschen betrachteten unser Rathaus und schossen unzählige Fotos, während der Stadtführer mit seinen typischen Handbewegungen vor ihnen stand und den begeisterten Gesichtern von unserer Stadt der ›Roten Rosen‹ erzählte. Ich schaute kurz zum Rathaus. Seine beige Fassadenfarbe leuchtete in der grellen Sonne und die goldschimmernde Uhr zeigte – viertel nach elf. Wir gingen zu den Parkplätzen, wo mein Onkel sein Auto abgestellt hatte. Onkel Leonid sprach die ganze Zeit mit mir, doch ich hörte ihm weder zu, noch redete ich mit ihm. Die eine Hand in die Hosentasche gesteckt, in der anderen Hand eine Zigarette, ging ich still neben ihm her und musterte die alten Pflastersteine vor mir. Mit den Gedanken war ich in meiner Vergangenheit gefangen. Das Gefühl, dass alles anders werden würde und ich doch problemlos weiterleben könnte, blieb irgendwo im Gerichtssaal auf dem Sockel hängen und ich vergaß, es mitzunehmen. Mir kam alles wieder hoch. Die Wehmut über die vergangenen und sorglosen Zeiten, die Sehnsucht nach meiner Mutter, diese grausamen Bilder jenes Abends und somit auch der Zorn über meine Verluste. Schnell versuchte ich, die guten Erinnerungen hervorzuholen. Xenias hübsches Gesicht tauchte vor meinen Augen auf, und sie sah mich verliebt an. Ich atmete die Luft tief ein. Die Erinnerung tat nicht gut. Da war auch ein düsteres Gefühl, irgendwo ganz tief in meinem Inneren. Es war der altbekannte Herzschmerz, der sich wieder in mir breitmachte. Als wir an Onkel Leonids braunen VW Touareg ankamen, zog ich sein Anzugjackett aus, das er mir für den heutigen Tag geliehen hatte, und warf es in den Kofferraum. »Pass doch bitte auf«, sagte er, woraufhin ich meine Augen rollte. »Er war nicht billig!« Aus der Sporttasche, die er mitgebracht hatte, holte ich meine lederne Buffalo-Jacke hervor, und zog sie an. Diese hatte mir meine Mutter zum letzten Geburtstag geschenkt. Ich sah kurz an mir herunter und war froh darüber, dass ich mich von meinem Onkel nicht hatte überreden lassen, seine Anzughose anzuziehen, sondern meine dunkle Levis-Jeans anbehalten hatte. Ich knöpfte mein weißes Hemd oben auf. Onkel Leonids Blick fiel auf den silbernen Kreuzanhänger meiner Mutter, der auf meiner Brust aus dem Hemd herausblitzte. »Du trägst ihn jetzt«, stellte er leicht verwundert fest, während er mich musterte. Ich räusperte mich, weil mir von so langem Stillsein der Hals ausgetrocknet war. »Ja«, antwortete ich und wollte noch etwas hinzufügen, aber mir kam kein Laut mehr über die Lippen. Er kannte den ganzen Vorfall doch haargenau und wusste auch, aus welchem Grund der Anhänger jetzt um meinen Hals hing. Onkel Leonid war der Bruder meiner Mutter und wusste nur zu gut, wie groß meine Liebe zu ihr gewesen war. Er hatte von Anfang an auf meiner Seite gestanden, als mein Leben diese krasse Wendung genommen hatte. Auch wenn er für mich viel zu schlau war und in seinen Anzügen und mit der Brille spießig aussah, so mochte ich ihn trotzdem. Jetzt war er wohl der einzige Mensch in meinem Leben, dem ich vertrauen konnte und an den ich mich halten musste. Als wir im Auto saßen, sah er mich von der Seite an und sagte: »Ich dachte, du kannst vorerst bei mir wohnen.« Ich schaute durch die Frontscheibe und wartete darauf, dass er endlich losfuhr. »Ich habe eure Wohnung gekündigt. Deine ganzen Sachen habe ich schon abgeholt.« Er machte eine Pause, um mir Bedenkzeit zu geben. Ich wollte nichts dazu sagen. Und er fügte noch hinzu: »Dann sehen wir weiter.« »Wie du meinst«, brummte ich nur und wandte meinen Blick dem offenen Autofenster zu. Am Bürgersteig spazierte ein Pärchen mit ihrem etwa zwölfjährigen Sohn vorbei. Früher hatte ich mir eine solche Situation oft selbst vorgestellt, wie ich mit meiner eigenen kleinen Familie eng aneinander geschlungen durch die Stadt spazierte und wir miteinander lachten. Aber das hatte ich nie erlebt. »Schnall dich bitte an!«, befahl Onkel Leonid. Manchmal kann er echt ätzend sein. Erst nachdem ich mich angeschnallt hatte, schaltete er die Zündung ein und lenkte den Wagen anschließend aus der Parklücke. Wir fuhren durch halb Lüneburg zu seiner Eigentumswohnung. Es war ungefähr ein Jahr her, als ich das letzte Mal bei ihm zu Hause zu Besuch war. Damals hatte Onkel Leonid die Wohnung gerade erst gekauft. »Und, was hast du jetzt vor?«, brach Leonid erneut die Stille. »Kein Plan«, antwortete ich, legte meinen Kopf gegen die Lehne und sah, wie der schleichende Mittagsverkehr durch die Straßen kroch. Diese Frage konnte ich weder ihm noch mir selbst beantworten. Es stimmte, ich hatte wirklich keinen Plan. »Bitte, fall nicht in dein altes Muster zurück«, bat er. »Willst du mir jetzt eine Predigt halten?« Ich war selbst überrascht, wie ruhig es aus meinem Mund kam. Das lag wohl an meiner seelischen Erschöpfung. Er atmete tief durch. »Nein … natürlich nicht.« Seine Stimme war besonnen. »Es ist nur, nach so einem Erlebnis … das quält einen doch enorm.« »Mich nicht«, entgegnete ich. Doch, die Ereignisse quälten mich, weil ich dadurch meine Mutter verloren hatte. Aber ich bereute nichts von dem, was ich getan hatte. Wieder hörte ich ihn tief durchatmen. Er hielt an einer roten Ampel an. »Vielleicht brauchst du einen … Psychologen.« »Geht’s noch?«, brachte ich scharf hervor. Jetzt sah ich ihn direkt an. Er riss die Augen auf und schüttelte den Kopf. Für einen kurzen Augenblick dachte ich, er würde zu einem Konter ansetzen, was aber nicht geschah. »Na also.« Ich wandte meinen Blick wieder ab. Er fuhr bei Grün los. »Ich komm schon klar«, brummte ich wenig später, obwohl ich das selbst stark bezweifelte. Genauso wie ich bezweifelte, nicht wieder in mein altes Muster zu verfallen. Meine Mutter hätte das auch nicht gewollt. Aber sie war nicht mehr da, und wie um Himmelswillen sollte ich nun ohne sie zurechtkommen? »Okay«, lenkte er ein. »Wenn du Geld brauchst oder so …« Er verstummte kurz und überlegte. »Ach ja, und Arbeit kann ich dir auch besorgen, wenn du dafür bereit bist.« Ich nickte nur. Beim Thema Arbeit stellten sich mir immer die Nackenhaare auf. Wer würde in Deutschland einen ungelernten Deutsch-Russen einstellen wollen, noch dazu jemanden, der unter Anklage gestanden hatte? Auch wenn ich freigesprochen wurde, würde ich den Dreck wohl mein ganzes Leben lang mit mir herumtragen. 8 Vor drei Jahren kam ich mit meinen Eltern nach Deutschland. Hier – in der Heimat meiner Großeltern – sollte es für uns alle anders und besser werden. Das hatte uns mein versoffener Vater versprochen. Ein Versprechen, das er nie eingehalten hatte. Meine Zukunft war jedoch zum Scheitern verurteilt. Ich war fast volljährig, als wir auswanderten. Ein Jugendlicher, der für die Schule eigentlich schon zu alt war, aber ohne einen Abschluss auf dem Arbeitsmarkt unbrauchbar schien. Also wurde ich mit meinen achtzehn Jahren in die Hauptschule gesteckt, wo ich ein Jahr lang zwischen Sechzehnjährigen hockte und wegen der neuen Sprache geradeso den Hauptabschluss schaffte. Dem grässlichen Abschluss und meinen mangelnden Deutschkenntnissen war es zu verdanken, dass ich bis heute ungelernt blieb. Ich fragte mich immer noch, wozu...




