Ederer | Das Volk der Bergwälder | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

Ederer Das Volk der Bergwälder

Teil 4 - Zwischen den Welten
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-9563-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Teil 4 - Zwischen den Welten

E-Book, Deutsch, 220 Seiten

ISBN: 978-3-6957-9563-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



New Mexico, Mitte der 1870er Jahre - die Mescalero Apachen haben nach langen Jahren des Konflikts ihr Reservatsland in den Sacramento Mountains erhalten. Aufgrund unregelmäßiger Lebensmittellieferungen, Krankheiten und Feindseligkeiten verlassen immer wieder Familien das Reservat und suchen Schutz in den Guadalupe Mountains. Die Siedlerin Eve wurde, obwohl sie den Mescalero freundlich gegenüberstand, von einer Gruppe Apachenkrieger überfallen und in ein Bergdorf entführt. Dort gelingt es ihr, sich in die Gemeinschaft einzuleben. Als amerikanische Soldaten das Apachenlager überfallen und sie zur Rückkehr zwingen, muss sie wieder in ihr früheres Leben zurückfinden...

Veronika Ederer studierte Ethnologie, Vor- und Frühgeschichte sowie Anthropologie und Humangenetik in München und Frankfurt. Nach ihrer Promotion war sie als freiberufliche Ethnologin vor allem in Schulen tätig. Seit mehr als 12 Jahren arbeitet als Begabtenförderlehrperson in Zürich und Brugg. Die Autorin reist regelmäßig zu Recherchezwecken in den amerikanischen Südwesten und publiziert Artikel und Fachbücher. Dies ist der vierte Teil ihrer ersten Romanserie.
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1. LEERE

Als hätte sich meine Gefangennahme vom letzten Jahr wiederholt, blieb mir der Marsch aus den Bergen zurück zu meinen Eltern nur bruchstückhaft in Erinnerung. Erst allmählich, viele Wochen später, lösten sich einzelne Eindrücke, Gesprächsfetzen und Gefühle aus der überwältigenden Mischung von Kummer, Panik, Wehrlosigkeit und Verlust. Wie auch zuvor nahm ich kaum etwas von der Umgebung oder Landschaft wahr, noch hätte ich sagen können, in welche Richtung uns unser Weg führte.

Major Rolfe teilte seine Soldaten in zwei Gruppen. Die eine, größere, begleitete unter der Leitung eines Sergeants die gefangengenomme-nen Apachen, fast ausschließlich Frauen und Kinder, zurück ins Reservat. Da die Gefangenen zu Fuß und manche verletzt waren, würden sie langsam vorankommen und immer wieder Pausen einlegen müssen. Ich konnte noch einen kurzen Blick auf die zusammengedrängten Menschen werfen, bevor einer der Soldaten mir auf ein Pferd half. Ich erkannte, dass bis auf Yáltí', Er der spricht, Ch'ig/d náidnltsooz, Er hebt die Decke auf, und Dánee'ãdââ-dá, Früher Morgen alle Männer ums Leben gekommen waren. Auch Naa'ãtì, Es regnet, fand ich nicht unter den Gefangenen und erinnerte mich an ihre unter den Flammen einstürzende Hütte. Die alte Dahsindaa, Du sitzt, kauerte mit völlig apathischem Gesicht an einen Felsen gelehnt und wiegte den toten Körper ihres zweijährigen Enkelsohns Hnãdziã, Er ist stark, in ihren Armen. Nur kurz erhaschte ich einen Blick auf meine Schwägerin Nábi'dilziih, Die geheilt wurde, die -Zaade, Zunge, im Arm hielt und ihr Gesicht in deren Haar vergraben hatte.

Bevor ich glaubte, ich könne nicht noch mehr Schmerz ertragen, gab Major Rolfe der kleineren Gruppe Soldaten um mich das Zeichen zum Aufbruch. Mein Pferd, das von einem der Männer am Zügel geführt wurde, trottete folgsam los, als wir den Weg zurück durch das zerstörte Dorf ritten. Die Hütten und alle Besitztümer waren in Brand gesteckt worden, und dunkle, übelrie-chende Rauchwolken wälzten sich über dem Schlachtfeld, während die Morgensonne golden am Himmel stand. Ich wandte würgend den Kopf ab, um nicht noch mehr Schrecken mitan-sehen zu müssen. In meinem Kopf jagten sich die Gedanken, mein ganzer Körper war dumpf und taub, und ich fühlte mich sterbenselend.

Keiner sprach mit mir in den nächsten Stunden. Ich kämpfte bei jedem Atemzug darum, bei klarem Verstand zu bleiben. Das Bild des sterbenden Mannes brannte in mir und höhlte mich aus, sodass ich fürchtete, ich könnte jederzeit wie ein dünnes Tongefäß zerschellen. Ich konnte und wollte nicht begreifen, dass man ihn mir genommen hatte, dass ich nichts hatte tun können, um ihn und die anderen zu retten. Ich hatte nicht einmal bei seinem letzten Atemzug dabei sein dürfen. Glühende Panik durchflutete mich bei dem Gedanken, dass ich ihn nie wieder sehen, nie wieder sprechen, nie wieder meine Hand an seine Wange legen konnte. Wie sollte ich weiterleben, jetzt, nachdem alles geschehen war?

Der schmerzhafte Druck in meiner Brust schwoll immer wieder so heftig an, dass ich fürchtete, er würde mir die Rippen brechen. Ich versuchte, Luft zu holen, und dabei nicht den Brandgeruch des verwüsteten Lagers einzuat-men, der sich in meinem Haar und meiner Kleidung, vielleicht auch in der Kleidung der Soldaten festgesetzt hatte, sodass er mir immer wieder in die Nase stieg. Obwohl ich fühlte, dass mein Körper unter der Hitze der steigenden Sonne ausdörrte, liefen mir unablässig Tränen über das Gesicht. Hätte es eine Macht gegeben, die mich einfach jetzt und hier tot vom Pferd stürzen lassen würde, ich hätte mich ihr mit ausgebreiteten Armen entgegengeworfen.

****

Gegen Mittag rasteten die Soldaten und entzündeten ein kleines Feuer, auf dem sie Kaffee kochten. Sie halfen mir, vom Pferd zu steigen, aber sie behielten mich wachsam im Auge. Noch hatte keiner meine Handfesseln angerührt, und obwohl die Stricke und die erzwungene Armhaltung mich schmerzten, war es mir in gewisser Hinsicht gleichgültig. Solange ich Schmerzen fühlte, war ich noch am Leben und bei Bewusstsein. Überhaupt war mir klar, dass ich auf die Soldaten einen gewissermaßen erschreckenden Eindruck machen musste. Aus Furcht vor Überfällen hatten wir uns in den letzten Tagen im Lager immer in unserer Kleidung zur Ruhe gelegt, und so war ich zwar mit Bluse, Rock und Schuhen bekleidet, aber ich hatte mich weder waschen noch mein Haar kämmen können. Durch den heftigen Kampf war mein hüftlanges Haar sandig und zu dichten Strähnen verwirrt. Auch meine Beine und meine gesamte Kleidung mussten sandig sein und mein Gesicht zudem verweint. Meine Bluse war an einigen Stellen durch meinen heftigen Widerstand gegen den Griff der Soldaten eingerissen, und an meinem linken Oberarm sowie an meinem Rock klebte geronnenes Blut von meiner Verletzung und der des Mannes, dessen Verlust ich nicht überwinden konnte.

Ich hatte mich etwas entfernt von den Männern zu Boden sinken lassen, mit gesenktem Kopf. Da kauerte sich Major Rolfe mit einer Blechtasse voll Kaffee in der Hand vor mir nieder. Während ich aufblickte, fragte er etwas, doch so benommen und verstört, wie ich war, drangen seine Worte nicht zu mir durch. Er stellte jedoch die Tasse vor mir in den Sand und trat dann hinter mich, um die Stricke an meinen Händen zu lösen. Behutsam und mit zusammengebissenen Zähnen zog ich meine Arme hinter meinem Rücken hervor und spürte das heftige Brennen in meinen Händen, als die Blutzirkulation wieder in Gang kam. Die Riemen hatten sich tief in meine Haut gegraben, und mein wilder Kampf gegen sie hatte blutige Furchen hinterlassen. Meine Schultern schmerzten, als ob jemand ein Messer hineingestoßen hätte, und eine lähmende Taubheit breitete sich in meinen beiden Armen aus.

Als ich das Gefühl hatte, meine Finger würden die Tasse halten können, nahm ich sie vorsichtig auf und hob sie an die Lippen. Doch der erste warme bittere Schluck löste in meinem Körper eine so unerwartete Reaktion aus, dass sie nicht nur die Soldaten, sondern auch mich völlig überrumpelte. Ich hatte den Kaffee noch nicht einmal ganz schlucken können, da erbrach ich mich haltlos in den Sand. Fast schleuderte ich die Tasse von mir, um mich abfangen zu können. Mein Magen hob und wand sich krampfhaft, und ich musste dem Reflex keuchend und würgend nachkommen, obwohl ich zum letzten Mal am Abend zuvor Nahrung zu mir genommen hatte. Ich übergab mich so lange hustend und nach Luft ringend, bis ich nichts mehr hervorbrachte, dann kam mein Körper langsam und bebend zur Ruhe.

Erst jetzt sah ich, dass die Männer alle aufgesprungen waren und mich fassungslos anstarrten. Sie mochten nicht begreifen, dass ich, die ich noch vor wenigen Stunden wie eine Wildkatze gekämpft und ihnen so blindwütig Widerstand geleistet hatte, nun zitternd im Sand kniete und vor Schwäche kaum den Kopf heben konnte. Es waren junge Männer, manche von ihnen erst kurze Zeit bei der Armee, und sie wirkten alle mit dem, was sie hier vorfanden, überfordert. Auch Rolfe, der immer noch am nächsten bei mir stand, ballte ein wenig hilflos die Fäuste. Ich konnte nicht ermessen, was er dachte: ob die seiner Meinung nach unmenschliche Behandlung durch die Apachen an meinem Zustand schuld war, oder ob er ahnte, dass mein Zusammenbruch möglicherweise doch etwas mit seinem Angriff und dem Toten zu tun hatte.

Nach einer Weile jedenfalls konnte ich mich aufsetzen. Vorsichtig trank ich von dem Wasser aus der ausgewaschenen Tasse, die mir ein rothaariger Soldat mit einem unsicheren Lächeln reichte. Diesmal jedenfalls konnte ich schlucken, und auch wenn es in meinem Magen gewaltig ru-morte, behielt ich die Flüssigkeit. Geistesabwesend ließ ich meinen Blick über die Landschaft schweifen, strich mir das Haar aus der Stirn. Das Zittern in meinem Körper hatte nicht nachgelassen, und ich konnte an nichts anderes denken als an die Schrecken dieses Morgens. Immer noch wollte ich nicht glauben, dass dies alles wirklich geschah, doch wenn es nicht die Striemen an meinen Handgelenken waren, so war es mein vor Blut steifer Rock, der nach Wahrheit drängte.

Zeit hatte keine Bedeutung für mich. Irgendwann nahm mir Rolfe die Tasse ab – ich weiß nicht, ob ich mehr als einen Schluck daraus getrunken hatte – und hieß mich, wieder aufzusteigen. Tatsächlich gehorchte ich ihm, denn selbst, wenn ich ihnen zu Fuß hätte entkommen können, sie hätten gewusst, wo sie mich hätten finden können. Und was hätte ich vorgefunden, dort, wohin ich geflohen wäre? Nur Tod und Zerstörung, nur Schmerz und Leid. Es machte keinen großen Unterschied, denn in mir selbst war weniger als Leere. Stunden waren bereits vergangen, das Unausweichliche war bereits eingetreten. Nichts in dieser Welt konnte das Erlebte ungeschehen machen. Ich hatte nicht die Kraft, weiter-zukämpfen, denn ich wusste nicht, wofür. Und so nahm einer der Soldaten mein Pferd wieder als Handpferd und reihte sich in die Kolonne ein,...



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