Eger | Die Ballerina von Auschwitz | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Eger Die Ballerina von Auschwitz

Eine wahre Geschichte
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-641-33000-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine wahre Geschichte

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-641-33000-2
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der internationale Bestseller »In der Hölle tanzen« jetzt als Ausgabe für junge Leser*innen

»Ich möchte mein fast hundertjähriges Leben und meine Erfahrung nutzen, euch zu ermutigen, um Krisen, Schmerz und Kämpfe besser zu bewältigen und euer Leben so zu leben, wie ihr es für euch gut ist.« Edith Eva Eger im Vorwort zu »Die Ballerina von Auschwitz«

Edie ist eine talentierte Tänzerin und Turnerin, die sich Hoffnungen macht, in die Olympiamannschaft aufgenommen zu werden. Zwischen strengem Training und ihrem Kampf, ihren Platz in der Familie zu finden, in der sie als »die mit Köpfchen« gilt und ihre Schwester Magda als »die Hübsche«, bleibt Edie keine Zeit, sich mit dem Zustand der Welt zu befassen. Doch für ein jüdisches Mädchen ist das Leben in Ungarn im Jahr 1943 gefährlich.

Als Edie sich zum ersten Mal verliebt, tobt in Europa der Krieg, und Edies bisheriges Leben zerbricht. Ihre Familie wird in einen Zug gezwungen, der sie ins Konzentrationslager Auschwitz bringt. Aber selbst in diesen dunkelsten Momenten schöpft sie Kraft aus Erics Liebe. „Ich werde deine Augen nie vergessen“, sagt er ihr durch die Gitterstäbe des Viehwaggons. Auschwitz ist das Grauen, doch trotz des Hungers und der unvorstellbaren Schrecken findet Edie Kraft in ihrer Liebe zu Eric und der Hoffnung, ihn irgendwann wiederzusehen. Allen Widrigkeiten zum Trotz überleben Edie und ihre Schwester Magda, dank ihrer engen Verbundenheit und ihrem ungeheuren Mut.

Dr. Edith Eva Eger ist Psychologin und Therapeutin mit einer Praxis in La Jolla, Kalifornien. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf posttraumatischen Belastungsstörungen. Eger unterrichtet an der University of California, San Diego und ist national und international eine gefragte Rednerin. Sie ist Mutter, Großmutter und Urgroßmutter und lebt in La Jolla.

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KAPITEL 1
Die Kleine


Sie wollten einen Jungen, doch sie bekamen mich.

Ein Mädchen. Eine dritte Tochter, der Kümmerling der Familie.

»Ich bin froh, dass du Verstand hast, denn Schönheit hast du jedenfalls nicht«, erklärt mir meine Mutter immer wieder. Vielleicht will sie mir damit sagen, dass ich auch nie schön sein werde. Oder vielleicht ist dieses Kompliment, unter Kritik verborgen, ihre Art, mich zu ermutigen, fleißig zu lernen. Motivation in Gestalt einer Warnung. Vielleicht gibt es ein unsichtbares Schicksal, das sie mir ersparen will. Vielleicht versucht sie, mir eine bessere Vorstellung von dem zu vermitteln, was ich werden könnte. »Du kannst ein anderes Mal kochen lernen«, sagte sie, als ich sie bat, mir beizubringen, wie man Challa flechtet oder Hühnchen brät oder die Kirschmarmelade kocht, die sie immer im Sommer macht und für das restliche Jahr aufbewahrt. »Geh wieder lernen.«

Heute stehe ich vor dem Spiegel im Badezimmer unserer Wohnung, putze die Zähne und mache mich bereit für die Schule. Ich mustere mein Spiegelbild. Stimmt es, dass ich nichts Attraktives an mir habe? Ich bin Tänzerin und Turnerin, mein Körper ist schlank und sehnig. Ich mag meine Kraft. Ich mag meine gewellten braunen Haare – wobei Magda, meine älteste Schwester, eigentlich die Hübsche ist. Doch wenn ich meine Augen im Spiegel betrachte, wenn ich mich in dieses geheimnisvolle und vertraute Blaugrün versenke, kann ich nicht verstehen, was ich da erblicke. Es scheint, als würde ich mein Leben von außen und mich selbst als Figur in einem Roman sehen, deren Schicksal unbekannt ist und deren Herz und Selbst noch dabei sind, sich zu entfalten.

Ich habe gerade einen der Romane meiner Mutter zu Ende gelesen – Emile Zolas , aus ihrem Buchregal stibitzt und heimlich verschlungen. Die letzte Szene geht mir nicht aus dem Kopf. Nana, die schöne, elegante Protagonistin, die im Laufe der Geschichte von so vielen Männern begehrt wurde, liegt nun gebrochen da, tot, ihr Körper übersät von Pockennarben. Zolas Schilderung ihres Körpers hat etwas zutiefst Erschreckendes. Selbst vor den Pocken, als sie noch wunderschön und betörend war, strahlte ihr Körper eine Gefahr aus. Wie eine Waffe. Bedrohlich – etwas, wovor man sich in Acht nehmen musste.

Und dennoch war sie begehrt. Ich sehne mich nach solcher Liebe. Gesehen und geschätzt zu werden wie etwas Kostbares. Mit Zuneigung überschüttet zu werden, genossen wie ein Fest.

Stattdessen warnt man mich.

»Sich waschen funktioniert wie der Abwasch in der Küche«, erklärt mir meine Mutter einmal. »Man beginnt mit den Gläsern und arbeitet sich hinunter bis zu den Töpfen und Pfannen.« Heb das Schmutzigste bis zum Schluss auf. Selbst mein Körper ist verdächtig.

Magda hämmert an die Badezimmertür. Sie hat keine Lust mehr, noch länger zu warten.

»Hör mit der Trödelei auf, Dicuka«, beschwert sie sich. Sie benutzt den Kosenamen, den mir meine Mutter gegeben hat. Diese sinnlos aneinandergereihten Silben bedeuten gewöhnlich Wärme und Zuneigung für mich. Heute jedoch klingen sie harsch und scheppernd.

Ich eile an meiner verärgerten Schwester vorbei in unser gemeinsames Zimmer, wo ich mich anziehe, während ich an das Mädchen im Spiegel denke – das Mädchen, das sich nach Liebe sehnt. Vielleicht ist die Art von Liebe, die ich mir wünsche, unmöglich. Ich habe dreizehn Jahre damit verbracht, meine Erinnerungen und Erfahrungen zu einer Geschichte zusammenzuweben, die erzählt, wer ich bin – eine Geschichte, die zu zeigen scheint, dass ich schadhaft bin, dass man mich nicht will, dass ich nicht dazugehöre.

Wie an jenem Abend, als ich sieben Jahre alt war und meine Eltern ein Abendessen gaben. Sie schickten mich aus dem Zimmer, um den Wasserkrug nachzufüllen, und aus der Küche hörte ich, wie sie scherzten: »Die hätten wir uns sparen können.« Damit meinten sie, dass sie bereits als Familie komplett gewesen waren, bevor ich kam. Sie hatten Magda, die Klavier spielte, und Klara, das Wunderkind an der Geige. Ich steuerte nichts Neues bei. Ich war unnötig, nicht gut genug. Es gab keinen Platz für mich.

Mit acht stellte ich diese Theorie auf die Probe und beschloss, wegzulaufen. So wollte ich erfahren, ob meine Eltern überhaupt bemerken würden, dass ich verschwunden war. Statt in die Schule zu gehen, fuhr ich mit der Straßenbahn zum Haus meiner Großeltern. Ich vertraute meinen Großeltern – der Vater meiner Mutter und ihre Stiefmutter – und wusste, dass sie mich nicht verraten würden. Sie befanden sich wegen Magda in ständigem Streit mit meiner Mutter und versteckten Kekse für meine Schwester in ihrer Kommodenschublade. Für mich bedeuteten meine Großeltern Sicherheit. Sie hielten Händchen – etwas, das meine Eltern nie taten. Sie waren Trost und Geborgenheit – der Duft von Braten und gebackenen Bohnen, von Hefezopf, von Tscholent, einem reichhaltigen Eintopf, den meine Großmutter in die Bäckerei brachte, um ihn am Sabbat kochen zu lassen, wenn es ihr die orthodoxen Regeln nicht erlaubten, ihren eigenen Ofen zu benutzen.

Meine Großeltern freuten sich, mich zu sehen. Für ihre Liebe, ihre Wertschätzung musste ich nichts leisten. Sie gaben sie freimütig und wir verbrachten einen wunderbaren Vormittag in der Küche, wo wir zusammen Nusszopf aßen. Irgendwann klingelte es an der Haustür. Mein Großvater ging, sie zu öffnen. Einen Moment später rannte er in die Küche. Er war schwerhörig und sprach seine Warnung deshalb zu laut aus. »Versteck dich, Dicuka!«, rief er. »Deine Mutter ist hier!« Indem er mich zu beschützen versuchte, verriet er mich.

Was mich am meisten quälte, war der Ausdruck im Gesicht meiner Mutter, als sie mich in der Küche meiner Großeltern entdeckte. Sie war nicht nur verblüfft, mich hier vorzufinden – es war vielmehr so, als würde sie die bloße Tatsache meiner Existenz überraschen. Als ob ich nicht diejenige wäre, die sie wollte oder erwartete.

Und dennoch bin ich oft ihre Gefährtin und sitze bei ihr in der Küche, wenn mein Vater auf Geschäftsreise in Paris ist, wo er seine Koffer mit Seiden für die Schneiderei füllt. Meine Mutter wirkt starr und wachsam, wenn er zurückkehrt, voller Sorge, dass er zu viel Geld ausgegeben haben könnte. Sie lädt keine Freunde zu uns nach Hause ein. Im Wohnzimmer gibt es keine müßigen Plaudereien, keine Gespräche über Bücher oder Politik. Ich bin es, der meine Mutter ihre Geheimnisse anvertraut. Und ich liebe die Stunden, die ich mit ihr allein verbringen darf.

Eines Abends, als ich neun Jahre alt war, saßen wir wieder einmal allein in der Küche. Sie bereitete gerade einen Strudel aus Resten, für den sie den Teig ausgerollt und wie schweres Leinen über den Tisch im Esszimmer gelegt hatte. »Lies mir etwas vor«, sagte sie und ich holte das abgegriffene Exemplar von von ihrem Nachtkästchen. Wir hatten es bereits einmal ganz gelesen und hatten es vor Kurzem noch einmal von vorn begonnen. Ich hielt bei der geheimnisvollen Widmung inne, die auf Englisch auf der Titelseite des übersetzten Buchs stand. Es war die Schrift eines Mannes, jedoch nicht die meines Vaters. Meine Mutter verriet mir nur, dass es das Geschenk eines Mannes war, den sie kennengelernt hatte, als sie noch im Außenministerium gearbeitet hatte – damals, bevor sie meinem Vater begegnete.

Wir saßen auf Stühlen mit aufrechten Lehnen in der Nähe des Holzofens. Wenn wir zusammen ein Buch lasen, musste ich sie mir mit niemandem teilen. Ich versank in den Worten, in der Geschichte und in dem Gefühl, allein mit ihr auf der Welt zu sein. Scarlett kehrt am Ende des Kriegs nach Tara zurück, wo sie erfährt, dass ihre Mutter tot ist und ihr Vater vor Trauer dem Wahnsinn verfällt. »«, sagt Scarlett, « Meine Mutter schloss die Augen und lehnte ihren Kopf an die Lehne. Ich wollte ihr auf den Schoß klettern. Ich wollte meinen Kopf an ihre Brust legen. Ich wollte, dass sie meine Haare mit ihren Lippen berührt.

»Tara …«, sagte sie. »Amerika … Das ist ein Ort, den ich gerne einmal sehen würde.« Ich wünschte mir, sie würde meinen Namen mit der gleichen Zärtlichkeit aussprechen, die sie für ein Land empfand, in dem sie nie gewesen war. Die köstlichen Gerüche aus der Küche meiner Mutter vermischten sich in diesem Moment für mich mit dem Drama um Hunger und Festessen – wobei es selbst bei den Festen diese Sehnsucht nach etwas anderem zu geben schien. Ich wusste nicht, ob es ihre Sehnsucht war oder meine, oder etwas, das wir miteinander teilten.

Wir saßen da, der Ofen bullerte.

»Als ich in deinem Alter war …«, begann sie.

Endlich redete sie mit mir. Ich wagte kaum, mich zu rühren, aus Angst, dass sie dann nicht weitersprechen würde.

»Als ich in deinem Alter war, schliefen die jüngeren Geschwister zusammen und ich teilte mir ein Bett mit unserer Mutter. Eines Morgens wachte ich auf, weil mich mein Vater rief: ›Ilonka, weck deine Mutter. Sie hat mir noch kein Frühstück gemacht und keine Kleider herausgelegt.‹ Ich drehte mich zu meiner Mutter um, die neben mir unter der Bettdecke lag. Aber sie rührte sich nicht. Sie war tot.«

Ich wollte jede Einzelheit über diesen Moment erfahren, über den Moment, in dem eine Tochter neben einer Mutter aufwacht, die sie bereits verloren hat. Gleichzeitig wollte ich nicht hinsehen. Es war zu schrecklich, sich so etwas vorzustellen.

»Als man sie am selben Nachmittag begrub, dachte ich, man würde sie lebendig in die Erde legen....


Eger, Edith Eva
Dr. Edith Eva Eger war Autorin, Psychologin und Überlebende des Holocaust. Sie starb am 27. April 2026 im Alter von 98 Jahren. Ein weltweites Publikum erreichte Dr. Eger durch ihre Bücher. «Ich bin hier, und alles ist jetzt«, »Das Geschenk« und »Die Ballerina von Auschwitz« wurden zu Bestsellern und haben Millionen Leser*innen berührt und bestärkt. Sie war eine der eindrucksvollsten Stimmen für Menschlichkeit, Aufarbeitung und innere Freiheit. Edith Eva Eger wurde 1927 in Košice geboren. Im Alter von 16 Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte die Lagerhaft, Todesmärsche und schließlich die Befreiung im Jahr 1945 im Außenlager Gunskirchen. Nach dem Krieg arbeitete sie über Jahrzehnte hinweg als klinische Psychologin und Therapeutin. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag auf der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen. Darüber hinaus lehrte Edith Eva Eger an der University of California, San Diego, und war national wie international eine gefragte Rednerin. Dr. Edith Eva Eger hinterlässt ein Vermächtnis von außergewöhnlicher moralischer Kraft. Ihre Stimme lebt weiter – in ihren Büchern, in den Leben der Menschen, die sie begleitet hat, und in der Erinnerung an eine Frau, die selbst angesichts des Unvorstellbaren an Würde, Mitgefühl und Hoffnung festhielt.

Barth, Meredith
Meredith Barth ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und heute als Übersetzerin und Dozentin tätig. Nach vielen Jahren in London lebt sie heute in München.



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