Ehlers | Posttraumatische Belastungsstörungen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 8, 125 Seiten

Reihe: Fortschritte der Psychotherapie

Ehlers Posttraumatische Belastungsstörungen


2., überarbeitete Auflage 2025
ISBN: 978-3-8444-3041-7
Verlag: Hogrefe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 8, 125 Seiten

Reihe: Fortschritte der Psychotherapie

ISBN: 978-3-8444-3041-7
Verlag: Hogrefe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine häufige Folge traumatischer Erlebnisse wie Gewalttaten, Unfälle oder Naturkatastrophen. Die Betroffenen erleben immer wieder Aspekte des Traumas in sehr lebhafter und emotional belastender Form und vermeiden Personen, Gespräche und Situationen, die an das Erlebnis erinnern. Die Neubearbeitung des Bandes beschreibt das Vorgehen in der Kognitiven Therapie für PTBS, einem Therapieprogramm, dessen Wirksamkeit durch intensive Forschungsarbeiten belegt ist.
Nach einer Beschreibung des Störungsbildes, die auch auf die aktuellen Diagnosekriterien nach ICD-11 eingeht, werden Modelle zur Entstehung und Aufrechterhaltung einer PTBS vorgestellt. Weiterhin werden diagnostische Verfahren beschrieben und praktische Hinweise für die Diagnosestellung und Therapieplanung gegeben. Praxisorientiert wird die Durchführung der Behandlung geschildert. Ziel ist es, die persönlichen Bedeutungen des Traumas und/oder seiner Folgen zu verändern, das intrusive Wiedererleben zu reduzieren und die Patientinnen und Patienten zu befähigen, die dysfunktionalen Verhaltensweisen und kognitiven Strategien aufzugeben, mit denen sie versuchen, die wahrgenommene aktuelle Bedrohung und die PTBS-Symptome zu kontrollieren. Zahlreiche Beispiele veranschaulichen die einzelnen Elemente der Therapie. Einen besonderen Schwerpunkt bildet die Darstellung der Verbindung der Arbeit mit Traumaerinnerungen und kognitiven Therapiemethoden. Die Neubearbeitung des Buches enthält zusätzliche Informationen zu den zentralen Interventionen zur Aktualisierung des Traumagedächtnisses und zur Diskrimination von Auslösern sowie mehr Beispiele zu wiederholten Traumata und zur komplexen PTBS (kPTBS). Der Band arbeitet noch stärker die Unterschiede zu traditionellen Expositionsansätzen heraus und referiert zahlreiche Befunde zur Wirksamkeit kognitiv-verhaltenstherapeutischer Therapieansätze mit Traumafokus.

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Zielgruppe


Ärztliche und Psychologische Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Klinische Psycholog*innen, Studierende und Lehrende in der psychotherapeutischen Aus-, Fort- und Weiterbildung.


Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


41  Beschreibung des Störungsbildes


Schon aus dem Altertum sind Beschreibungen menschlicher Reaktionen auf traumatische Erlebnisse bekannt (Ben-Ezra, 2002). Erste systematische Beschreibungen der Symptome, die nach traumatischen Erlebnissen auftreten, wurden in der Fachliteratur Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts anhand von Überlebenden schwerer Eisenbahnunglücke, Soldaten der beiden Weltkriege und Überlebenden des Holocausts vorgelegt. In diesen Beschreibungen finden sich die typischen Symptome, wie wir sie auch heute noch als charakteristisch für Reaktionen auf traumatische Erlebnisse betrachten: ungewolltes Wiedererleben von Aspekten des Traumas, z.?B. in Form von „Flashbacks“ oder Alpträumen; Anzeichen einer erhöhten Erregung, z.?B. Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen; Vermeidung von Situationen, Gesprächen und anderen Reizen, die an das Trauma erinnern; sowie Symptome einer emotionalen Taubheit, z.?B. Interesselosigkeit oder Entfremdung von anderen Menschen, und starke negative Emotionen wie Angst, Scham, Schuldgefühle, Ekel, Trauer oder Ärger.

1.1  Bezeichnung


Für die Symptome, die in der Folge traumatischer Erlebnisse auftreten, wurden zunächst eine Vielzahl diagnostischer Bezeichnungen vorgeschlagen, z.?B. „Schreckneurose“, „Kampf- oder Kriegsneurose“ (combat/war neurosis), „Granatenschock“ (shell shock) oder „Überlebenden-Syndrom“ (survivor syndrome; Übersichten bei Gersons & Carlier, 1992; Kinzie & Goetz, 1996).

Es wurde lange bezweifelt, dass das traumatische Ereignis die wesentliche Ursache für die Symptome darstellt. Viele Expert:innen1 hielten organische Faktoren für entscheidend. So wurde z.?B. vorgeschlagen, dass eine Rückenmarksverletzung dem Eisenbahn-Rückgrat-Syndrom (railway spine syndrome) zugrunde liegt oder dass ins Gehirn gelangte kleinste Teile explodierter Bomben die Ursache des Granatenschocks darstellen. Andere Expert:innen bezweifelten die Validität der berichteten Symptome und hielten in den meisten Fällen Simulation und den Wunsch nach finanzieller Kompensation (Kompensationsneurose) für die wesentliche Ursache der berichteten Symptome. Schließlich wurden die Symptome auf bereits bestehende psychische Störungen zurückgeführt. Die vorherrschende Meinung war, dass psychische Reaktionen auf traumatische Ereignisse normalerweise vorübergehend sind und dass daher nur Personen mit labilen Persönlichkeiten, bereits bestehenden neurotischen Konflikten oder Geis5teskrankheiten chronische Symptome entwickeln (Übersichten bei Gersons & Carlier, 1992; Kinzie & Goetz, 1996).

Heute ist anerkannt, dass auch Personen mit stabiler Persönlichkeit klinisch bedeutsame psychische Symptome entwickeln können, wenn sie außergewöhnlich schrecklichen Erlebnissen ausgesetzt sind. Hierzu hat unter anderem die Beobachtung beigetragen, dass viele Veteranen des Vietnam-Krieges langwierige psychische Probleme entwickelten und dass die psychischen Auswirkungen sexueller Gewalt im Rahmen der Frauenbewegung verstärkt thematisiert wurden. Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) wurde in den einschlägigen diagnostischen Klassifikationssystemen als Diagnose eingeführt, und damit wurde anerkannt, dass traumatische Erlebnisse eine kausale Rolle in der Entstehung der Symptome spielen. Neue diagnostische Kategorien für Trauma- und Stressreaktionen inklusive der PTBS wurden in der zehnten Auflage der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation (ICD-10; Dilling, Mombour & Schmidt, 1991) und der fünften Auflage des Diagnostischen und Statistischen Manuals (DSM-5) der American Psychiatric Association (APA, 2013; APA/Falkai et al., 2018) eingeführt.

1.2  Definition


1.2.1  Symptome der PTBS


Das charakteristischste Symptom der PTBS ist das ungewollte Wiedererleben von Momenten eines oder mehrerer Traumata. Die Betroffenen haben die gleichen sensorischen Eindrücke (z.?B. Bilder, Geräusche, Geschmack, Körperempfindungen) und gefühlsmäßigen und körperlichen Reaktionen wie während des Traumas. So sah z.?B. eine Frau, die als Kind und Jugendliche wiederholt von einem Mann sexuell missbraucht worden war, immer wieder die Gestalt des Mannes vor sich, wie er damals immer auf sie im Hausflur gewartet hatte, wenn sie von der Schule nach Hause kam. Eine andere Frau hörte nach einem Autounfall immer wieder das Geräusch des Aufpralls. Bedeutsam für die Erklärung und Behandlung des Wiedererlebens ist, dass diesen Gedächtnisfetzen eine Zeitperspektive fehlt: Sie werden so erlebt, als ob sie im „Hier und Jetzt“ geschehen würden. Dementsprechend werden auch die damaligen Emotionen wie Todesangst, Wut, Trauer, Schuld, Scham, Ekel intensiv wiedererlebt; oder dissoziative Zustände wie Derealisation und Depersonalisation.

Situationen oder Personen, die an das traumatische Erlebnis erinnern, werden als sehr belastend erlebt und rufen starke körperliche Reaktionen (z.?B. Herzrasen, Atemnot, Schmerz, Ohnmachtsgefühle, Übelkeit) hervor. Sie werden dementsprechend vermieden, ebenso wie das Sprechen über das Ereignis. Auch die kognitive Vermeidung ist ausgeprägt. Die Betroffenen versuchen, Erinnerungen an das Erlebnis aus dem Kopf zu drängen und nicht an die schlimmsten Momente des Traumas zu denken. Manche versuchen, sich ständig zu beschäftigen, um nicht an ihre Traumata zu denken. Andererseits grübeln viele über das Zustandekommen und die Konsequenzen des Traumas, z.?B. darüber, warum das Ereignis passiert ist, wie es hätte verhindert werden können, wie sie sich rächen können oder inwiefern ihr Leben ruiniert ist.

6Der emotionale Zustand der Betroffenen reicht von intensiven negativen Emotionen bis zu emotionaler Taubheit. Oft beschreiben sie, dass sie sich entfremdet von anderen Menschen fühlen, und geben Kontakte und Aktivitäten auf, die ihnen vorher wichtig waren. Sie zeigen eine Reihe von Symptomen autonomer Übererregung, z.?B. eine erhöhte Vigilanz, starke Schreckreaktionen, Reizbarkeit, Konzentrations- und Schlafstörungen.

1.2.2  Was macht einen Stressor traumatisch?


In der Alltagssprache werden viele Situationen als „traumatisch“ beschrieben, z.?B. Scheidung, Verlust des Arbeitsplatzes oder Durchfallen bei einer Prüfung. Eine Feldstudie fand jedoch, dass solche Stressoren nur bei 0.4 % der Betroffenen zu den charakteristischen Symptomen einer PTBS führen (McNally, 1998). Es erscheint daher notwendig, den Begriff Trauma in der Diagnose der PTBS relativ eng zu fassen.

Wie ein Trauma am besten definiert werden sollte, wird seit langem diskutiert. Die ICD-11 definiert Traumata breit als „ein oder mehrere extrem bedrohliche oder entsetzliche Ereignisse“.

Die Verfasser des DSM-IV und DSM-5 (American Psychiatric Association, 1994, 2013) versuchten, spezifischere Definitionen zu formulieren. Sie orientierten sich dabei an Forschungsergebnissen, nach denen das Gefühl der Lebensbedrohung einer der konsistentesten Prädiktoren der PTBS ist (March, 1993). Zu beachten ist hierbei, dass die wahrgenommene Lebensbedrohung entscheidend ist, die nicht unbedingt die objektive Lebensbedrohung widerspiegelt (z.?B. können Personen, die mit Spielzeuggewehren bedroht wurden und glaubten, sie würden erschossen, eine PTBS entwickeln).

Nach der DSM-5-Definition müssen Betroffene eine Situation selbst erlebt oder direkt beobachtet haben, die Tod, Lebensgefahr, schwere Körperverletzung oder sexuelle Gewalt beinhaltete, oder erfahren haben, dass eine nahestehende Person bei einer Gewalttat oder einem Unfall gestorben ist oder in Lebensgefahr war. Das wiederholte oder extreme Erleben belastender Aspekte von solchen traumatischen Ereignissen (z.?B. bei Rettungskräften und Soldat:innen) wurde auch explizit in die Definition aufgenommen.

Potenziell traumatische Erlebnisse nach ICD-11 und DSM-5 wären also z.?B. Vergewaltigung, sexueller Missbrauch, körperliche Gewalttaten,...



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