E-Book, Deutsch, 660 Seiten
Ehlig wenn deine Träume sterben...
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3499-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 660 Seiten
ISBN: 978-3-7534-3499-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren 1949 in Leipzig. Nach Beendigung der Grundschule in Dresden als Straßenbahnfahrer tätig. 1970 verhaftet und zu lang-jähriger Gefängnisstrafe verurteilt. Kurz vor dem Zusammenbruch der DDR aus der Haft entlassen und in die Bundesrepublik ausgewiesen. Rehabilitierung 1993 durch das Landgericht Dresden Danach verschiedene, berufliche Tätigkeiten ausgeübt. Lebt jetzt als Rentner in der schönen Lausitz.
Autoren/Hrsg.
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2. Buch
Hinter Gittern
Heulend fraßen die gehärteten Scheiben der Kreissägen sich in das weiche Holz der Spanplatten und zerteilten es mühelos in die gewünschten Stücke. Anschließend wanderten die vorgefertigten Teile auf einem breiten Transportband nacheinander an verschiedene Arbeitsplätze, wo sie von fleißigen Arbeitern montiert wurden, um schließlich nach einigen Stunden den Produktionsbereich als fertige Schreibtische zu verlassen.
Mehrere Meter hoch türmten sich hunderte mit Stahlrohrrahmen verstärkte Büromöbel im Versandabteil der modernen Großtischlerei, geduldig auf den Tag wartend da sie endlich abgeholt würden, um den ihnen zugedachten Platz bei einer Behörde einzunehmen.
In einem besonders abgeteilten Raum stellten qualifizierte Fachkräfte hochwertige, zum Teil mit Leder bezogene Sitzgarnituren her, über deren endgültige Bestimmung auch die wenigen Gefangenen, die dort Zutritt hatten, lediglich Vermutungen anstellen konnten. Den Gerüchten zufolge sollten diese überwiegend in Handarbeit gefertigten Einzelexemplare hohen Beamten des geheimsten und nebelhaftesten aller Ministerien zugeführt werden.
Solche Legenden nährten sich durch die unterschiedlichsten Gegenstände, die eine mit der Zerlegung verschlissener Möbelstücke beauftragte Gruppe mitunter in versteckten Fächern alter, zur Verwertung angelieferter Sekretäre gefunden hatte.
Neben Akten, die zum Teil noch aus den fünfziger Jahren stammten, sowie anderen ihre Herkunft zweifelsfrei verratenden Papieren, war sogar einmal eine ganze Kollektion künstlicher Gebisse entdeckt worden. Ob irgendein Fetischist seinen zumindest außergewöhnlichen Sammlertrieb damit befriedigen wollte oder ob die gefundenen Prothesen gar von staatspolitischer Bedeutung waren, blieb dahingestellt, zumal derartige Funde dank einiger disziplinierter Gefangener unverzüglich an die zuständige Stelle gelangten.
All das interessierte den jungen Mann, der gerade wütend auf einen massiven Schreibtisch aus deutscher Eiche einhieb, zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht. Eigentlich war es seine Aufgabe, die alten Stücke so zu zerlegen, dass deren Einzelteile sich später als Grundstoff für neue Möbel verwenden ließen. Davon unbeeindruckt schlug der Arbeiter, dessen Zorn sich in gleichem Maße steigerte, wie das steinharte, jahrelang ausgetrocknete Holz den ziellosen Attacken des langstieligen Hammers trotzte, in immer schnellerer Folge auf den Gegenstand seines Hasses ein. Erschöpft hielt er schließlich inne, ohne die Teile voneinander getrennt zu haben, wenn auch deren Oberfläche stark beschädigt war.
"Das ist noch echte Wertarbeit." Ein zweiter Häftling war herangetreten, hatte den Hammer aufgehoben und einen kurzen Hieb von unten her gegen die Schreibtischplatte geführt, die sich sofort zu lösen begann:
"So macht man das. Siehst du, wie einfach es geht?" Lächelnd reichte er dem Mitgefangenem, dessen Zorn inzwischen verraucht schien, das Werkzeug zurück.
"Danke", sagte Andy: "Ich bekomm das jetzt allein in Griff." "Sicher", gab der unerwartete Helfer zurück: "Es gibt ja verschiedene Methoden, das Holz auseinanderzunehmen."
Überrascht schaute Andy auf den Redner. Irgendwie erschienen ihm die Worte des anderen zweideutig: "Meinst du, man sollte...?"
"Ich meine gar nichts. Aber denk ruhig mal darüber nach."
Ohne auf Antwort zu warten, drehte der hilfreiche Häftling sich um und lief in Richtung seines Arbeitsplatzes.
Später, in der oberen Etage der dreistöckigen Betten, lag Andy noch lange wach. Der Kumpel hatte Recht. Mann musste die einfachste Methode anwenden. Nicht in einzeln Stücke zerschlagen, sondern alles auf einmal erledigen. Mit einer Flamme! Zufrieden schlief er ein.
Die achtzig Meter lange Werkhalle war in drei Abschnitte unterteilt. Während man im ersten Raum Rohmaterial vorfertigte, wurden im mittleren, größeren Teilstück Feinarbeiten und Montage durchgeführt. Im hinteren Bereich, der zugleich als Lagerraum diente, befanden sich Lackiererei, Pausenraum und Wachstube.
Sorgfältig alle wichtigen Gegebenheiten registrierend, hatte Andy den gesamten Produktionstrakt ausgespäht. Dabei war ihm eine seltsame Entdeckung gelungen. Zwei andere Gefangene, unter ihnen derjenige, der ihm vor einigen Tagen den Trick mit der Zerlegung gezeigt hatte, beschäftigten sich offenbar mit etwas Geheimnisvollem. Mehrmals am Tage tuschelten sie abseits der übrigen Häftlinge miteinander. Außerdem konnte er die beiden wiederholt beobachten, wie sie von den übrigen Arbeitern unbemerkt, in bestimmtem Teilen der Werkhalle deren Beschaffenheit ausspähten.
Das Wachpersonal bestand aus nur einem Mann, so dass die Gefangenen zumeist unkontrolliert ihren jeweiligen Aufenthaltsort innerhalb des Betriebes wechseln konnten. Deshalb fiel es Andy nicht schwer, mit einem der beiden Verdächtigen näher bekannt zu werden, zumal er außerhalb der Arbeit in dessen Zelle untergebracht war. Schon nach wenigen Gesprächen gestand ihm Pelle, so nannte man ihn aus unerfindlichen Gründen, er habe zusammen mit seinem Freund geplant, die gesamte Tischlerei abzubrennen.
"So einfach wird das kaum gehen, ohne dass ihr dabei erwischt werdet", gab Andy zu bedenken.
"Doch, wir stellen in das Fach eines versandfertigen Schreibtisches eine Schüssel mit brennbarer Farbverdünnung und lassen ein Holz darin schwimmen, auf dem eine Kerze befestigt ist. Wenn wir längst auf Zelle sind und die zweite Schicht mit der Arbeit angefangen hat, ist die Kerze runter gebrannt und das Feuer geht los."
Er kicherte leise: "Keiner wird auf uns kommen."
"Raffiniert." Anerkennend nickte Andy mit dem Kopf, wandte aber nach kurzer Überlegung ein:
"Und was ist, wenn eure Flamme vorher erlischt?" Wegen Sauerstoffmangels?"
Verdutzt schaute der andere auf: "Daran habe ich nicht gedacht. Vielleicht können wir das Fach offenlassen?"
"Keinesfalls", entgegnete Andy auf diesen Vorschlag: "Das brennende Wachs riecht man sofort. Von der frischen Verdünnung ganz zu schweigen."
Ihm kamen plötzlich Zweifel, ob es richtig war, über diese Sache zu reden. Sein früherer Freund Klaus hatte ihn oft genug davor gewarnt, einfach jemanden zu vertrauen. Sogar von Angelika war er verraten worden:
"Weißt du was, ich empfehle dir die Angelegenheit zu vergessen. Gebt es auf, es gelingt sowieso nicht."
Ohne Erklärung ließ er den Verblüfften stehen.
Schlecht gelaunt begann Andy mit einem Sandpapierstreifen die rauen Seitenkanten zusammengefügter Schubladen abzuschmirgeln. Es war nicht so sehr die Tätigkeit, die ihm Verdruss bereitete. Aber ausgerechnet neben der Meisterbude werkeln zu müssen, behagte ihm gar nicht. Ob das wohl ein Zufall ist, dachte er flüchtig. Dann schaute er auf die große elektrische Uhr. Die Zeiger standen kurz vor acht. Draußen begann es bereits dunkel zu werden. Nun musste er sich beeilen, wenn er bis zum Feierabend noch etwas schaffen wollte. Schließlich zählte der Schichtleiter am Arbeitsende die gefertigten Werkstücke.
Er konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass in diesem Betrieb niemals wieder irgendetwas gezählt werden würde.
Keiner achtete auf die beiden Gefangenen, die nur eine allgemeine Zigarettenpause abgewartet hatten, um unbemerkt von den restlichen Häftlingen in die Arbeitsvorbereitung schlüpfen zu können. Kurz darauf waren sie dort, wo sonst das Rohmaterial zurechtgeschnitten wurde, völlig allein.
Riesige Stapel abgelagerten, für die Verarbeitung geeigneten Holzes, füllten den Raum fast bis unter die Decke. Viel Zeit blieb ihnen für ihr Vorhaben nicht, weil in wenigen Minuten die ersten Arbeiter an ihre Maschinen zurückkehren konnten. Pelle bezog an der stählernen Verbindungstür Posten und spähte durch das Schlüsselloch. Währenddessen war andere zwischen zwei Holzstapel geklettert. Dort nahm er einen Putzlappen aus der Hosentasche, übergoss diesen mit Feuerzeugbenzin und zündete ihn an. Schlagartig brannte er lichterloh. Erschrocken ließ der Gefangene ihn fallen und rannte zur Tür zurück, die Pelle bereits geöffnet hatte.
Ungesehen gelangten die Brandstifter in die Toilette, wo sie das Ende der Pause in Ruhe abwarten wollten. Entgegen ihren ursprünglichen Plänen sollte ein begrenztes Feuer nur ein wenig Verwirrung stiften, weil es ihnen zuletzt unmöglich erschienen war, die gesamte Produktionsstätte zu vernichten.
Allerdings irrten sie mit dieser Einschätzung gründlich, denn was nun geschah, übertraf jede Erwartung.
Genau zwanzig Uhr und sechzehn Minuten drang das schrille Heulen der Alarmsirene in den Aufenthaltsraum, den die pflichteifrigsten Häftlinge eben verließen.
Die elektrischen Temperaturmessfühler hatten das Feuer signalisiert.
"Wieder so ein doofer Probealarm", schimpfte ein Gefangener unwillig, der jedoch überrascht war, als er am anderen Ende der Halle eine dichte Qualmwolke gewahrte.
Alle schrien jetzt durcheinander. Einige, die speziell zur Brandbekämpfung ausgebildet worden waren, begannen mit dem Ausrollen eines Schlauches....




