Eichinger Weil ein Schwein nicht immer Glück bringt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7026-5906-6
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-7026-5906-6
Verlag: Jungbrunnen
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Rosemarie Eichinger studierte Geschichte in Wien, wo sie auch heute noch mit ihrer Tochter und ihrem Lebensgefährten lebt. Mit dem literarischen Schreiben begann sie nach dem Studium. Sie schreibt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und hat für ihre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen erhalten.
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Eins führt zum anderen
Jeden Tag pünktlich um 5 Uhr 45 morgens öffnet sich die Eingangstür von Block zwei einen Spaltbreit. Mehr braucht es auch nicht. Konrad ist klein und vor allem schlank. Er trippelt die vier Stufen hinunter und hinterlässt seine erste Pfütze des Tages. Danach streckt er seine Nase in die kühle Morgenluft und macht sich auf seinen täglichen Rundgang.
Schnüffelnd trabt er quer über den Hof, gemächlich und aufmerksam, genau zwischen Block eins auf der rechten und Block zwei auf der linken Seite. Beim Spielplatz hebt er neuerlich sein linkes Hinterbein und markiert den Pfosten des Eingangstores. Am Zaun entlang geht er weiter bis zur Bank. Just, wo die Mütter immer ihre Körbe oder Taschen abstellen, hinterlässt er die dritte Duftmarke des Tages. Danach trippelt er schräg links, in einer geraden Linie zum Eingangstor von Block eins. Dort pinkelt er genau in die Mitte der untersten Stufe, wie mit einem Maßband ausgemessen.
Weiter geht’s, an der Hausmauer entlang, vorbei an der Schmalseite von Block zwei, wo sich der zweite Hof öffnet. Konrad reckt die Schnauze in die Luft und schaut sich um. Er biegt ab, markiert die Ecke von Block eins, überquert die Wiese, setzt noch eine Duftmarke an der Doppelbank samt Tisch, wo er kurz verweilt, weil es so penetrant nach Marder riecht. Bei der hinteren Grenze der Anlage verschwindet er in den Sträuchern.
Ausgiebig buddelt er in der Erde, wie es sich für einen Dackel gehört. Er ist ein Jagdhund und wird dieses elende Mardervieh irgendwann stellen. Bis dahin steckt er seine lange Schnauze in diverse Mauselöcher. Gefangen hat er noch nie etwas, aber auf geben kommt für einen Dackel nicht in Frage. Er ist schließlich nicht so ein Weichei von Mops. Er suhlt sich noch genüsslich in den Überresten einer halb verwesten Nacktschnecke. Falls ihm der blöde Pudel aus Block drei begegnet, kann Parfum nicht schaden.
Hinter der Fußballwiese taucht er wieder aus dem Gestrüpp auf. Die Stange des linken Tores muss gewässert werden, dann geht er schnurgerade hinüber zur Stange des rechten Tores. Das kann Konrad ewig machen. Was das Pinkeln betrifft, macht ihm niemand was vor. Der kopfsteingepflasterte Weg führt ihn hinüber zu Block drei. Der wird mit einer Pfütze bei den Forsythien an der hinteren Ecke und ebenfalls mit einer vor dem Eingangstor bedacht.
Schließlich hält er geradewegs auf sein Zuhause zu. Einmal kurz gebellt und schon eine Minute später öffnet sich die Tür. Wieder einen Spaltbreit. Genug, dass er durchschlüpfen kann.
So geht das jeden Tag. Und es wäre eigentlich kein Problem, wenn da nicht auch sein Häufchen wäre. Diesmal hat er es beim Elterntisch hinterlassen und das löst unweigerlich eine Kettenreaktion aus: Zuerst regen sich die Schober und die Klenk fürchterlich auf, weil der Spielplatz und die Wiese das reinste Minenfeld seien und ihre kleinen Engel mittendrin. Die treten nämlich zielstrebig in jeden Haufen zwischen Haustür und Spielplatz. Dann müssen die Mütter die Profilsohlen der sündteuren, gesunden Kinderschuhe mit Zahnstochern säubern. Und sie haben, weiß Gott, Besseres zu tun.
Deswegen wird dann der Malz fuchsteufelswild, weil er der Hausmeister ist und von den aufgebrachten Frauen herausgeläutet wird. Und wenn er etwas gar nicht leiden kann, dann ist es, herausgeläutet zu werden. Schließlich hat er, weiß Gott, ebenfalls Besseres zu tun. Was das ist, verrät er nicht, weil er sich nicht vor jedem rechtfertigen kann, sonst würde er mit dem Rechtfertigen ja gar nicht mehr fertig. Also fängt er sich so etwas gar nicht erst an.
Im Grunde sind ihm die Hundehaufen nämlich egal, solange er nichts damit zu tun hat. Überhaupt ist ihm ja alles egal, solange er nichts damit zu tun hat. Weil er in der Anlage aber irgendwie mit allem was zu tun hat, wenn die Leute mit jedem Mist zu ihm kommen, ist es der reinste Teufelskreis. Und da Hunde schon schlimm genug sind, Schweine aber noch viel schlimmer, gerät Daniel mitten hinein in diesen Teufelskreis.
Daniel Mayer besitzt nämlich neuerdings ein Schwein, ein Minischwein namens Penelope. Obwohl streng genommen gar nicht er es besitzt, sondern die alte Frau Leitner. Die hat sich den Oberschenkelhals gebrochen, was Daniel komisch findet, weil er gar nicht gewusst hat, dass auch Oberschenkel Hälse haben können. Auf jeden Fall muss man da ins Krankenhaus und anschließend in ein Rehazentrum, wo Schweine nicht erlaubt sind. Obwohl Penelope stubenrein und ausgesprochen adrett ist. Deshalb hat die alte Frau Leitner Daniel kurzerhand zum Schweinehirten ernannt, weil sie fast auf ihn draufgefallen wäre, als es passiert ist. Und wo er schon einmal da war, hat es sich irgendwie aufgedrängt.
Da man einer alten Frau mit gebrochenem Bein keinen Wunsch abschlägt und Daniel ohnehin schon immer ein Haustier haben wollte, hat er ja gesagt. Und auch wenn sein Vater ganz rot und seine Mutter ganz weiß im Gesicht geworden sind, haben sie letztendlich widerwillig zugestimmt, sonst hätten sie es nämlich der alten Frau Leitner beibringen müssen, höchstpersönlich am Krankenbett, wo so ein alter Mensch gleich noch viel kleiner und verschrumpelter ausschaut als er eh schon ist.
Frau Leitner hat Penelope auch Penelope genannt, weil sie die griechische Mythologie so liebt. Gerade Odysseus hat es ihr angetan. Ein richtiger Held. Sie wäre ja für ihr Leben gern gereist. Daraus ist aber nie was geworden, also hat sie zumindest Penelope nach Odysseus’ Frau benannt. Daniels Vater nennt Penelope aber nur „das blöde Schwein“, seine Mutter „das Tier“, der Hausmeister „das Mistvieh“, Frau Schinkel, die Nachbarin, nur „oh mein Gott“, wobei sie sich mit der rechten Hand ans Herz fasst, sich mit der linken die Augen zuhält und den Kopf schüttelt. Wegen des Niveaus in der Anlage, weil es sinkt und sinkt und es so etwas früher nicht gegeben hätte.
Die meisten Bewohner ignorieren Penelope jedoch. Nicht zuletzt deshalb, weil die alte Frau Leitner ihr geliebtes Schwein in selbst genähte Mäntelchen gesteckt, ihm selbst gehäkelte Hütchen aufgesetzt und mit ihm die Neuigkeiten des Tages erörtert hat. Irgendwie traurig, fanden die Leute, so alt, allein und wunderlich. Und wenn man etwas traurig findet, ist das ziemlich unbehaglich. Da schaut man am besten weg, möglichst in die andere Richtung.
Im Laufe der letzten Jahre hat man sich an das Schwein gewöhnt. Wie an den abblätternden Putz der Fassade oder die herausstehenden Holzsplitter an den Bänken. Froh ist man nicht, aber andererseits geht es einen ja auch nichts an.
So kam Daniel zu einem Schwein, zumindest vorübergehend. Sein Freund Christoph findet es toll. Er selbst hat nur zwei Riesenkakerlaken, Madagaskar-Fauchschaben genau genommen, fast zehn Zentimeter lang. Sein Vater fand das originell, weil solche Tiere bestimmt keiner hat. Aus gutem Grund, findet Christoph. Er hasst die Geräusche, die sie machen. Insekten sind nicht sein Ding, weil sie einfach eklig sind. Umso mehr, wenn sie wie Mutanten ausschauen. Die dünnen Beinchen kratzen über den Boden und die Scheiben des Terrariums, als würde man mit einem Nagel über eine Schiefertafel fahren. Viel zu bieten haben sie sonst nicht. Sie sind Insekten und machen langweiliges Insektenzeug.
Johanna hätte einen Ameisenigel vorgezogen, weil Eier legende Säugetiere etwas Besonderes sind und ein Schwein nur ein Schwein ist. Ihrer Schwester Sophie ist das egal. Die hat es nicht so mit Tieren, nachdem sie so ziemlich auf alles allergisch ist, was ein Fell hat, auch wenn Penelope Borsten hat. Bis jetzt musste sie aber noch nicht niesen und die Augen sind auch trocken geblieben.
Auf jeden Fall ist Penelope seit fast zwei Wochen in Daniels Obhut und auch seine drei Freunde haben sich an das kleine Schwein gewöhnt. Das Borstenvieh gehört jetzt gewissermaßen zur Familie. Deshalb gibt es auch so etwas wie Sippenhaft. Das heißt, alle werden bestraft, wenn einer was falsch macht. In diesem Fall ist es eine, nämlich das Schwein.
Penelope wühlt für ihr Leben gern in der Wiese herum, sodass es im Hof von Erdhaufen nur so wimmelt. Daraufhin beschweren sich die Leute beim Malz, obwohl für den Garten der Gärtner zuständig ist. Das regt den Hausmeister auf, weil er es ganz allgemein hasst, belästigt zu werden und ganz besonders mit Beschwerden, die ihn im Grunde nichts angehen. Also macht er alle zur Schnecke, sogar das Schwein, und wer braucht das schon?
Gegen die alte Leitner hat der Malz ja nichts unternehmen können. Einerseits, weil sie schon ewig und drei Tage in diesem Haus wohnt, also schon hier gewohnt hat, als er selbst noch in die Windeln gemacht hat, wie sie ihm so oft mitgeteilt hat und andererseits, weil sie ihn an seine Oma erinnert, die ihm diesen Spruch auch bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben hat. Vor seiner Oma, Gott hab sie selig, hatte der Malz zeitlebens Angst, was er natürlich niemandem sagen würde, weil er hier schließlich eine Autoritätsperson ist.
Der gebrochene Oberschenkelhals der alten Frau ist eine regelrechte...




