E-Book, Deutsch, 464 Seiten
Eicke Die Verschwörung der Schatten
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-7802-1625-0
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alternative Fortführung von Karl Mays Reiseerzählungen "Der Löwe der Blutrache" und "Bei den Trümmern von Babylon"
E-Book, Deutsch, 464 Seiten
ISBN: 978-3-7802-1625-0
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karl May hat die Abenteuerhandlung der beiden ersten Bände von "Im Reiche des silbernen Löwen" nie zu Ende geführt, da er sich ab 1900 seinem symbolischen Spätwerk zuwandte. Etliche in den Bänden 26 und 27 der Gesammelten Werke geknüpfte Fäden blieben daher lose und viele Fragen offen.
Otto Eicke (1889-1945) gelang eine kongeniale Fortführung des Stoffes. Nun erscheint dieser wunderbare Abenteuerroman im Stile Karl Mays als Sonderband - zur Freude vieler Leser, die wissen wollen, wie die Geschichte um die Verschwörung der "Schatten" weitergeht. Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar setzen ihre Suche nach dem persischen Edelmann Dschafar Mirza fort und stecken bald wieder im schönsten Abenteuer. Die Helden bekommen es mit den "Sillan" oder "Schatten" zu tun, einem undurchsichtigen Geheimbund. Da taucht noch Sir David Lindsay auf, der ebenfalls mit den "Schatten" aneinander geriet. Auch der verschollene Dschafar Mirza und die ebenso schöne wie mysteriöse Prinzessin Gul-i-Schiras scheinen in die Vorgänge verstrickt zu sein. Bevor die Freunde die Zusammenhänge aufdecken können, müssen sie mehr als einmal Leib und Leben riskieren.
Mit einem Nachwort von Christoph F. Lorenz.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ein bedeutsamer Brief
Die 'Unsichtbaren'
Die 'Hüter des Lichts'
Ein wertvoller Fang
Das Blatt wendet sich
Ein 'Wunder'
Am 'Brunnen der Vergeltung'
In den Schirbambergen
Auf neuer Fährte
Im Haus Ghulams
Eine geheime Zusammenkunft
Ein nächtlicher Handstreich
Bei Jussuf, dem Einsiedler
Die 'Rose von Schiras'
Folter
Hinter der Maske
2. Die ‚Unsichtbaren‘
Am andern Tag ritten wir auf leidlich gebahnten Pfaden den Bergen zu, über die unser Weg nach dem persischen Hochland führte. Halef wandte sich bisweilen im Sattel zurück. Dann ließ er wieder den Blick nach den fernen Gipfeln schweifen und atmete tief wie einer, der eine Last von sich abgleiten fühlt. Er, der sonst allzeit Redselige, war auffällig schweigsam. Es musste ihn ein Gedanke beschäftigen, der Zeit brauchte, sich in seinem Kopf zu gestalten. Und richtig! Als der Weg eine Krümmung machte, die uns den Blick auf die tiefer liegende Küstenlandschaft freigab, warf er die Rechte freudig in die Luft und strahlte mich an. „Hamdulillah! – Preis und Dank sei Allah, dass endlich diese Niederungen des Fiebers und diese Ebenen der bösen Dünste überwunden sind! Mein Geist frohlockt und mein Körper dehnt sich wieder frei wie die Blüte des roten Mohns, wenn sie die Knospenhülle gesprengt hat. Fühlst du nicht auch, Sihdi, wie rein hier oben die Luft ist?“ „Gewiss“, nickte ich. „An der Küste ist kein gesundes Hausen. Hoffentlich zeigt sich bei uns nicht nachträglich noch eine schlimme Folge unseres kurzen Besuchs da unten.“ „O Sihdi, meine Gesundheit ist so frisch wie der Tag bei Sonnenaufgang und so unverwüstlich wie ein Gebetsteppich aus Farsistan33, und ich hoffe, du wirst die deinige nicht geringer einschätzen.“ Ich lächelte. Er aber deutete das Lächeln falsch und zog die Brauen hoch. „Ich sehe in deinen Augen die Funken des Gelächters und in deinem Gesicht die Falten der Heiterkeit, Sihdi. Willst du in die Untugend der Zaghaftigkeit und in das Laster der Undankbarkeit verfallen, in dem du deiner und meiner Gesundheit misstraust? Erinnere dich, was wir ihr zugemutet haben und welche Probleme sie schon bestanden hat!“ „Hm! Denk an die Tage mit Hassan Ardschir Mirza, an unsere Krankheit bei den Ruinen des Turms zu Babel!34 Da hatte die Pest unsere Gesundheit in den Krallen wie der Geier die Taube und...“ „Grad daran denke ich“, unterbrach er mich. „Der Geier konnte die Beute nicht halten und die Taube flog froh und lebendig davon. Hast du das vergessen, Sihdi?“ „Ich weiß es. Der Allmächtige rettete uns damals aus schwerster Gefahr. Hoffen und vertrauen wir, dass er seine Hand auch ferner über uns hält!“ Das sagte ich nicht ohne Grund. Ich wusste, dass bisweilen schon ein Aufenthalt von wenigen Stunden in diesen ungesunden Küstenstrichen genügt, um auch in einen widerstandsfähigen Körper den Keim des tückischen Fiebers zu verpflanzen. Noch lag kein Anzeichen vor, das meine Bedenken gerechtfertigt hätte. Im Laufe des Tages aber wuchs meine Besorgnis. Ich selber spürte, obwohl die Sonne beträchtlich warm auf unseren schattenlosen Pfad niederbrannte, von Zeit zu Zeit ein leises Frösteln, das mir eine Gänsehaut über den Leib jagte, und Halef griff bisweilen nach seiner Stirn, als gelte es, dort etwas wegzuwischen, was ihm Unbehagen verursachte. „Hast du Kopfschmerzen?“, fragte ich ihn, als er die verdächtige Gebärde immer und immer wiederholte. „Wo denkst du hin, Sihdi?“ Dabei richtete er sich stramm im Sattel auf. „Ich bin Hadschi Halef Omar, der oberste Scheik der Haddedihn vom tapferen Stamme der Schammar. Kann ein solcher Mann Kopfschmerzen haben wie ein altes Weib, dem ein Dschinn35 hinter der Stirn sitzt und versucht, mit einem Hammer die Runzeln und Falten, die Verderber der Schönheit, von innen glatt zu klopfen?“ Ich war geneigt, mich zufrieden zu geben. Wenn Halef in dieser Weise mit seinem Mutterwitz liebäugelte, konnte er sich nicht ernstlich krank fühlen. Aber ich war doch darauf bedacht, die nötige Vorsicht nicht außer Acht zu lassen. Darum machte ich an diesem Tag zeitig Rast. Auch am nächsten Nachmittag sah ich mich beizeiten nach einem geschützten Ort um, wo uns der Nachtwind nicht treffen konnte. Indem ich das vor uns liegende Gelände prüfend überschaute, bemerkte ich auf dem nächsten Bergrücken eine Senkung, ähnlich den Passkerben im eigentlichen Gebirge. Dort schien es zur Rechten hohe Felswände, zur Linken aber dichten Wald zu geben. Das musste ein Lagerplatz sein, wie wir ihn brauchten. Auch vermutete ich, dass das kleine Wasser, dessen Lauf wir seit einiger Zeit folgten, da oben seinen Ursprung hatte, sodass es uns für die Rast an nichts fehlen würde. Meine Vermutungen bestätigten sich. Das Wasser führte uns hinauf zu dem erwähnten Pass. Nur erreichten wir ihn nicht so zeitig, wie ich gedacht hatte. Es dämmerte bereits, als unsere Pferde das letzte Stück der Steigung erkletterten. Ich schwang mich aus dem Sattel, um meinem Tier das Steigen zu erleichtern. Halef folgte meinem Beispiel. Wir schritten jetzt durch einen regelrechten Wald, für die persische Landschaft eine Seltenheit, denn fast nur die Küstengebirge zeigen hier solchen Baumbestand. Die Stämme und Wipfel hinderten die Fernsicht, ein Umstand, der uns in dieser Gegend, wo jedes Zusammentreffen mit Mensch oder Tier eine Gefahr bedeuten konnte, zur Vorsicht mahnen musste. Bisher hatte ich, alter Gewohnheit folgend, ständig nach Spuren ausgeschaut, hatte aber nichts Verdächtiges entdeckt. Nun machte die rasch hereinbrechende Dunkelheit diesem Spähen ein Ende. Da ich jedoch damit rechnen musste, dass uns von der anderen Seite des Passes Menschen entgegenkamen, strengte ich mein Gehör scharf an und vermied auch jede Unterhaltung mit Halef. Und schon wurde diese Vorsicht belohnt. Vor uns erklang plötzlich ein lauter Ruf. Eine andere Stimme antwortete. Genau zu verstehen war nichts. Dazu befanden sich die Rufenden wohl noch zu fern. Auch verwehte der Wind, der sich pünktlich mit Sonnenuntergang erhob, den leichten Schall. Sogleich wendete ich mich zu Halef um und hob warnend die Hand. „Vorsicht! Es kommen Menschen.“ „Ich hörte zwei Männer miteinander reden“, gab Halef leise zurück. „Verstecken wir uns?“ „Ja! Rasch dahinüber in die Büsche! Da drüben sind wir sicher. Sie werden den Weg hier am Wasser nehmen. Schnell, mir nach!“ Ich drang rechts in das Gesträuch und zog das Pferd hinter mir her. Halef folgte so geschwind wie möglich. Das ging freilich nicht ohne Geräusch ab. Zweige raschelten, Ästchen knackten. Sobald ich uns geborgen glaubte, hielt ich an. „Sie werden uns dennoch entdecken“, flüsterte Halef. „Das Rascheln und Knacken...“ „...haben sie nicht gehört. Sie sind noch zu fern.“ „Und unsere Spuren?“ „Die finden sie erst recht nicht. Sieh, wie dunkel es schon ist! Und die Leute da vor uns sind keine nordamerikanischen Indianer, von denen ich dir erzählt habe, dass keine noch so schwache Fährte ihren Augen entgeht. – Und nun schweig! Sie müssen bald vorüberkommen. Ich will wissen, wer die Leute sind.“ Wir lauschten angestrengt, hörten aber nichts. Alles blieb still. Ab und zu ging ein leises Rauschen durch die Baumkronen. Der Bach gluckste und murmelte. Sonst kein Laut. So verstrichen einige Minuten. Ich wurde bedenklich und horchte womöglich noch schärfer um mich. Hatten die Unbekannten unsere Anwesenheit etwa doch entdeckt? Verhielten sie sich darum so ruhig? Beschlichen sie uns vielleicht gar, um Näheres über uns zu erkunden? Ein Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens stieg in mir auf. Ich sah, dass Halef den Blick fragend auf mich richtete. Er bewegte die Lippen. „Die Männer kommen nicht“, hauchte er. „Wenn sie uns nun...“ „Pst!“ Oben vom Pass her erklang wieder das Sprechen. „Sie halten dort und reden miteinander“, meldete sich Halef, als die fernen Laute wieder verstummten. „Ja. Der Schall kommt noch vom gleichen Fleck und aus gleicher Entfernung wie vorher“, bestätigte ich. „Entweder beraten sie sich über den Weg oder sie wollen im Pass lagern. Es ist grad die richtige Zeit dazu und diese Leute werden wohl auch herausgefunden haben, dass dort ein besonders geeigneter Rastplatz ist.“ „So soll sie der Scheitan36 fressen, diese Söhne der Anmaßung und Enkel der Dreistigkeit! Was können sie einen Ort für sich beanspruchen, den wir schon für uns ausgesucht haben! Was tun wir nun?“ „Ich werde mich anschleichen, um zu erfahren, mit wem wir es zu tun haben. Vielleicht sind die Leute vor uns friedliche Reisende wie wir. In diesem Fall zeigen wir uns ihnen und teilen mit ihnen den Platz.“ „Und wenn es keine friedlichen Reisenden sind, sondern kurdische Räuber und Diebe? Oder persische Wegelagerer? Oder – oder – höre, Sihdi, mir kommt da ein Gedanke, den du gewiss nicht zurückweisen wirst! Wenn es sich nun etwa gar um Schmuggler handelt, um Leute vom Geheimbund der Sillan?“ „Wie kommst du auf die Sillan?“ „Weil wir immer mit ihnen zusammenstoßen, seitdem wir an jenem Abend am Tigris die Bekanntschaft des Pädär-i-Baharat machten. Ist hier nicht jeder zweite Mensch, dem man begegnet, ein Sill? Sag, ob ich Unrecht habe!“ „Ob du Recht hast oder nicht, werde ich sogleich erfahren. Ich gehe jetzt und du bleibst bei den Pferden.“ „Nimm mich mit, Sihdi! Wie leicht kannst du in eine Gefahr geraten, aus der nur dein Freund und Beschützer Hadschi Halef Omar dich zu retten vermag.“ Mit dieser Bitte hatte ich gerechnet. Halef war ehrgeizig und über die Maßen tatenlustig. Wo es ein Abenteuer zu bestehen gab, wollte er dabei sein. Das hatte mich schon oft in Verlegenheit gebracht, denn der Tatendrang des Kleinen war leider nicht mit der nötigen Vorsicht gepaart. Darum ließ ich ihn gar nicht erst weiterreden. Er hätte sonst gewiss nichts unversucht gelassen, mich umzustimmen, und ich fürchtete meine Nachgiebigkeit seinem...




