Eimert | Kunst des 20. Jahrhunderts | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 404 Seiten

Eimert Kunst des 20. Jahrhunderts


1. Auflage 2016
ISBN: 978-1-78525-932-6
Verlag: Parkstone International
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

E-Book, Deutsch, 404 Seiten

ISBN: 978-1-78525-932-6
Verlag: Parkstone International
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Das 20. Jahrhundert löste eine Revolution in der Kunstgeschichte aus. Innerhalb weniger Jahre brach sich die Moderne Bahn und scheute nicht davor zurück, sich über die jahrhundertelange Tradition gegenständlicher Darstellung hinwegzusetzen, um etwas radikal Neues zu schaffen. Dieses umfassende Überblickswerk der Moderne stellt alle wichtigen künstlerischen Strömungen des 20. Jahrhunderts vor, vom Fauvismus bis hin zur Pop Art. Die instruktiven, von Experten der Kunstgeschichte verfassten Beiträge sind mit zahlreichen Bildbeispielen der einflussreichsten Werke jener Ära illustriert. Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts gibt einen einzigartigen Einblick in das Innenleben der größten Künstler der Moderne und ist ein Muss für jeden Liebhaber zeitgenössischer Kunst.

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Michail Larionow, , 1912-13.

Öl auf Leinwand, 52,5 x 78,5 cm. Baschkirski Muzei, Ufa.

Abstraktionen


Die russische Avantgarde

Austausch zwischen Ost und West

Die russische Avantgarde ist eine der erstaunlichsten intellektuellen, schöpferischen Bewegungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Ungemein dicht kulminierten innerhalb kürzester Zeit in den Metropolen Moskau und Leningrad die unterschiedlichsten kreativen Innovationen. Russland hatte sich schon im 19. Jahrhundert dem Westen geöffnet, vor allem nach Frankreich und Deutschland. Der lebhafte Austausch zwischen Ost und West in den ersten beiden Dezennien des 20. Jahrhunderts auf intellektuellem und künstlerischem Gebiet entfachte eine innovative, sich gegenseitig befruchtende Künstlerszene auf höchstem geistigem Niveau. Neue Erfindungen im Bereich der Physik, der Technik und der Medizin sowie das Eindringen in die Tiefen menschlichen Seins durch die Psychologie waren Bestandteil wissenschaftlich-künstlerischer Fragestellungen. Östliche und westliche Avantgarde war ein eng verflochtenes Konglomerat gegenseitiger Inspirationen. Die westliche ungegenständliche Kunst ist ohne das östliche Vordenkertum eines František Kupka oder Wassily Kandinsky nicht vorstellbar, nicht ohne und östlichen . Viele Emigranten, die im Westen zu Ehren kamen, haben ihre Wurzeln im Osten, so wie der Rumäne Constantin Brancusi oder der Russe Marc Chagall.

Vor allem nach Frankreich und Deutschland zog es die Russen. Wassily Kandinsky reiste zwar bereits 1896 nach München, so wie auch Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin, doch kehrte er immer wieder nach Russland – wenn auch nur sporadisch – zurück. Léon Bakst, Marc Chagall, Antoine Pevsner und El Lissitzky lebten und arbeiteten zwischen 1910 und 1914 in Frankreich oder Deutschland, Archipenko und Survage gingen 1908 nach Paris, ebenso Zadkine und Lipchitz ein Jahr später. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914) brachten sie ihre Erfahrungen in ihre russische Heimat. Michail Larionow und Natalja Sergejewna Gontscharowa gingen den umgekehrten Weg und emigrierten 1917 nach Paris.

Von etwa 1905 bis in die 20er Jahre zeigte die russische Kunst eine außergewöhnlich komplexe, von kreativer und intellektueller Energie getriebene Entwicklung. Diese Spannbreite eröffneten der und zu Beginn des Jahrhunderts, es folgten , und , , und bis hin zur . Die herausragendsten Vertreter dieser facettenreichen, zeitlich dichten Entwicklung hinsichtlich der Malerei sind Natalja Gontscharowa, Wassily Kandinsky, Michail Larionow, Kasimir Malewitsch, Michail Matjuschin und El Lissitzky.

Der ist einer der wichtigsten Aspekte der spiritistischen Suche um die Jahrhundertwende, eine logische Entwicklung russischer Kultur und nicht aus der Atmosphäre des Dekadenten entstanden wie in einigen westlichen Ländern. Der russische strebte danach, das Schöne als lebensspendende Kraft in den Alltag zu integrieren, begleitet von einer fieberhaften Suche nach dem Sinn des Lebens, nach ethischen Idealen vor dem Hintergrund des nahenden Untergangs des alten Russland. Im Gegensatz zum Westen verlängerte sich aufgrund der nationalen Geschichte die Ausdruckssprache des russischen Symbolismus bis etwa 1910.

Der Genialste unter den Symbolisten war Michail Wrubel. Er schuf höchst psychologische Portraits, verband feinste lyrische Momente mit expressiven Emotionen und tragischer Einsamkeit. Seine Weltanschauung durchdrang eine merkwürdige Dualität. Er verehrte Goethe und die Naturphilosophie und verinnerlichte Theorien von Kant, Nietzsche und Schopenhauer.

Natalja Gontscharowa, , 1911.

Öl auf Leinwand, 92 x 99 cm. Staatsmuseum der schönen Künste, Omsk.

Die russischen Kaufleute und Sammler Sergei Schtschukin und Iwan Morosow waren die ersten, die die neuen Kunstströmungen förderten. Bereits 1904 öffnete Schtschukin in Moskau seine Sammlung aktueller Kunst für die Öffentlichkeit. Welche Bedeutung diese Sammlungen französischer Avantgarde für die spezifische Kunstentwicklung Russlands vor der Revolution hatte, lässt die Äußerung des Malers David Burliuk, einem der führenden späteren Kubo-Futuristen, erahnen, der damals an einen Freund in St. Petersburg schrieb:

In Moskau sahen wir uns häufig die beiden Franzosensammlungen von S.I. Schtschukin und I.A. Morosow an – ohne das hätte ich es nicht gewagt, die Arbeit anzufangen. Wir sind den dritten Tag zu Hause – alles Alte ist auf den Müll gewandert, und ach, es ist schwer und beschwingend, alles von vorn zu beginnen.

In Schtschukins Speisezimmer hing ein einzigartiges Ensemble von Gemälden Paul Gauguins, eng beieinander als Fries in der Art einer altrussischen Ikonostase. Im Zentrum befand sich das Gemälde aus der letzten Tahitiperiode. Natalja Gontscharowa, tief beeindruckt, antwortete Paul Gauguin mit einer vierteiligen Komposition . Sie malte eine ebenso exotische Darstellung des Alltagslebens, aber mit russischen folkloristischen Motiven und erhob den einfachen Alltag der russischen Bauern in ihr Tahiti, in ihren paradiesischen Zustand.

Noch nie zuvor waren die künstlerischen Beziehungen zwischen Russland und Frankreich von solcher Intensität gewesen. Eine legendäre Ausstellung im Jahr 1908 in Moskau mag dies spiegeln: , benannt nach der gleichnamigen Zeitschrift. Sie zeigte 282 Gemälde, davon zwei Drittel aus Paris. Viele russische Künstler sahen nun zum ersten Mal Cézanne, Degas, Gauguin, van Gogh, Renoir, Pissarro und die mit Bonnard, Denis, Vuillard, Sérusier und die Pointillisten. Was die Russen am meisten beeindruckte, waren die mit Derain, Marquet, Matisse und van Dongen. Der Einfluss dieser Ausstellung auf die entstehende russische Avantgarde kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

In der Folge formierten sich entschieden zwei Gruppen, in St. Petersburg der und in Moskau , angeführt von Larionow und Gontscharowa, abgelöst 1911 von der Gruppe , bei der Tatlin und Malewitsch ausstellten, sowie 1913 von der Gruppe . Die Aktivitäten von Larionow und seiner späteren Frau Gontscharowa waren für die Kunstszene in Moskau vor der Revolution von entscheidender Bedeutung. Vor dem Ersten Weltkrieg nahmen beide an einer Reihe von Ausstellungen im Ausland teil, so 1912 am in München und 1913 am in Berlin. Larionow reiste 1914 ein weiteres Mal nach Paris, um dort für Diaghilew und sein Ballett zu arbeiten. Gemeinsam mit Gontscharowa stellte er in Paris aus, für den Katalog schrieb Apollinaire das Vorwort.

Auch der italienische gab der russischen Intellektuellenszene wichtige Impulse. Ein kurzlebiger , dem neben Michail Larionow und Natalja Gontscharowa auch Alexandra Exter, David Burliuk, Ljubow Popowa und Kasimir Malewitsch angehörten, verband futuris-tische Bildvorstellungen mit denen des russischen Neo-Primitivismus. Hieraus entwickelte sich der nahezu gegenstandsfreie . In Sankt Petersburg trafen sich die Futuristen bei Matjuschin und Elena Guro, hinzu kamen die Brüder Burliuk, Wassili Kamenski, Kasimir Malewitsch, Wladimir Majakowski und Olga Rosanowa.

Michail Wrubel, , 1901.

Aquarell, Gouache und Farbe auf Papier, 21 x 30 cm. Skizze für das Gemälde von 1902, Puschkin Museum für bildende Künste, Moskau.

Der Rayonismus

In den Jahren 1912 und 1913 hatte die russische Avantgarde ein starkes eigenes Profil entwickelt und besann sich nun verstärkt auf die eigenen Ursprünge, auf die Kraft und den Wert der nationalen Wurzeln. Larionow begründete gemeinsam mit Gontscharowa den – eine frühe Spielart abstrakter Kunst -, mit dem sie sich vor allem auch vom italienischen abzusetzen gedachten. Im 1912 verfassten und 1913 veröffentlichten priesen sie ausdrücklich den Nationalismus.

Der führte die europäischen zeitgenössischen Strömungen zusammen: den und insofern, als er die Fläche aufsplittert und dynamisiert und den insofern, als er die Dynamisierung des Lichts durch Farbkontraste verwirklicht. Für Michail Larionow bedeutete der (Rayon = Strahl) die Auflösung des Bildgegenstands. Er bezog sich dabei auf die wissenschaftlichen Forschungen über die Materialität von Licht. Dies visualisierte er in seinen Gemälden durch Strahlenbündel und prismatische Brechungen. Eine gegenstandsbezogene Darstellung hatte für ihn kaum mehr Bedeutung. Ihm ging es darum, die Ausstrahlungskraft, diese allen Dingen anhaftende Energie, und nur dieses Phänomen zur Darstellung zu bringen....



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