E-Book, Deutsch, 230 Seiten
Einfeldt Frühschwimmen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-0215-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und Glu:ck finden
E-Book, Deutsch, 230 Seiten
ISBN: 978-3-7597-0215-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Einfeldt ist Hamburg geboren, hat dort Zivildienst absolviert, Zahnmedizin studiert, sich verliebt, gearbeitet, geheiratet, Sohn und Tochter zusammen mit seiner Frau großgezogen; neben dem Brotberuf drei historische Romane, zwei Jugendbücher, ein Sachbuch veröffentlicht, diverse fachliche und berufspolitische Artikel geschrieben und sich ehrenamtlich engagiert. Nun aber hat er die berufspolitischen Ehrenämter und die praktische Arbeit aufgeben, um das Leben zu genießen, Freunde zu treffen, zu reisen, neue Texte, Themen und Formate auszuprobieren und mit Haltung und vorsichtigem Sendungsbewusstsein älter zu werden.
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04. Eine Oper
Die Badeanstalt, zu der ich zum Frühschwimmen gehe, ist 1973 eröffnet worden. Die Architektur erinnert ein wenig an die Oper in Sydney, weshalb das Bauwerk auch hochtrabend Schwimm-Oper genannt wird. Natürlich hat man die Schwimmoper innen auch schon renoviert und dem Stil unserer heutigen Zeit angepasst. Die ehemalige Gaststätte, einst wie ein Schwalbennest über dem Becken in die Halle ragend, von der stolze Großeltern durch die Scheiben bei Kaffee und Kuchen die Enkel beim Freischwimmen beobachten konnten, ist jetzt einem Fitness-Bereich mit Steppern, Trimmrädern und anderen Kardiogeräten gewichen. Dort rackern sich die um wohlgefällige Formen und Gesundheit Bemühten mit Blick auf die Wasserfläche ab.
Farblich ist das Gebäude innen jetzt in Weiß und Blau gehalten, das Braun-Gelb der Siebziger passé, nur die poppig kreisrunden Fußbodenfliesen im Flur sind noch ziegelrot, die Duschräume der Frauenabteilung indessen in Rosa gehalten, während man durch die Milchglastüren zur Männerdusche die Keramik hellblau schimmern sieht. Die Elektro-, Umluft-, Wasserleitungen und Röhren, früher offen sichtbar unter der Decke, betonten die eher technische Atmosphäre. Seit der Renovierung sind sie hinter einer Zwischendecke verschwunden, in die Leuchten und Lüftungsöffnungen eingelassen sind. Wandzeichnungen mit stilisierten Schwimmern sollen Kunst am Bau vermitteln, Atmosphäre erzeugen.
Allein im fensterlosen künstlich beleuchteten Umkleideraum, saust und summt die Umluft-Anlage wie Wüstenwind. Doch riecht es weder nach Kameldung noch nach alten Socken, nur eine Spur typischen Chlorgeruchs liegt in der Luft.
Die Schwimmhalle selbst ist mit großen Fensterflächen versehen, das schmetterlingsflügelhaft aufgeworfene Dach ist von außen wie innen ein Blickfang. Die Wände der Halle sind mit besonderen Fliesen von wabenhafter Lochstruktur versehen. Wahrscheinlich, um Schallwellen zu brechen, Lärm zu dämmen. Auch die Decke ist mit lärmhemmenden Latten versehen.
An den Geländern der Tribüne, die nur bei Wettkämpfen zugänglich gemacht wird, prangen Werbeplakate für Schwimmartikel. Sie haben etwas Aufdringliches an sich, was mir nicht behagt. Ich will meinen Körper trainieren und mich nicht zum Kaufen animieren lassen. Aber wahrscheinlich überlebt diese öffentliche Schwimmhalle nur so kommerziell.
Die Leitung dieses Dienstleistungsunternehmens Bäderland bemüht sich jedenfalls um einen Hauch von Atmosphäre. Die Kunden sollen sich umworben womöglich als Clubmitglieder wohlfühlen.
Als seien die Frühschwimmer Mitglieder eines englisch-exklusiven Clubs, im Club mediterrané oder im Meridian Spa. Auf jeden Fall als Angehörige einer exklusiven Gemeinschaft. Die Clubkarte des Frühschwimmer-Clubs gemahnt zwar eher an einen Dienstausweis, aber das Wort Club darauf ist nicht zu übersehen.
Morgens passiert man als Club-Mitglied erst mal die Schlange der Kartenlöser, die nur gelegentlich zum Schwimmen antreten wollen. Lässig zückt man seine Karte, hält sie kurz an die sensible Stelle des Automaten, ohne ihn zu berühren, und „Sesam-öffne-dich“ weicht die Schranke und lässt dich durch. Stolz und aufrecht schreitet man die große Freitreppe hinunter in die Katakomben der Umkleiden.
Der Umkleide-Bereich ist völlig neugestaltet. Gab es früher viele enge Einzel-Kabinen, wie Bienenwaben in einem Korb, in denen die Intimsphäre gewahrt blieb und der Schwimmwillige sich beim Anziehen der Badekleidung einschließen konnte, ja, musste, kommt man heute anderen Bedürfnissen entgegen und betont das Gemeinsame.
Drei Zonen gibt es zum Umkleiden: eine große für Männer, eine kleinere für Frauen und einen Bereich mit mehreren großen Mehr-Personen-Kabinen für Familien, Kleingruppen oder Paare, bestimmt auch Menschen mit Behinderungen.
In den Zonen für Männer oder Frauen stehen nur noch wenige einzelne kleine Wechselkabinen zur Verfügung. Für die Schamhaften. So wirken diese Räumlichkeiten großzügig. Es ist normal geworden, sich sichtbar vor den Mitschwimmern umzukleiden, bewacht durch die alles registrierenden Kameras. Wer sich geniert, dreht der Kamera den Rücken zu, wer den Auftritt liebt, zelebriert das Aus- und Umkleiden. Neben den in geschwungener Line aufgestellten Schränken gibt es nur wenige tote Winkel, wohin das Auge der Kamera nicht reicht. Offiziell dienen die Aufzeichnungsgeräte der Bewachung und Abschreckung, damit die Spindtüren nicht aufgebrochen würden. Auch soll es früher bei den vielen nicht einsehbaren Einzelkabinen sexuelle Übergriffe gegeben haben. Heute wären sie zumindest für Big Brother sichtbar. Ob die Aufnahmen von männlichem oder weiblichem Aufsichtspersonal oder durch Künstliche Intelligenz gesichtet werden – wer weiß das schon.
So zielgerichtet, wie ich in der Erprobungsphase allein und ohne Scheu an diese Körperertüchtigung heranging, bemerkte ich zunächst meine Mitschwimmer kaum, war damit beschäftigt, einen Platz zu finden, den Ablauf für mich festzulegen, einen Weg, die Zeit zu planen. Nach dem Aufstehen, schmalem Frühstück und dem Schwimmen musste ich pünktlich zurück in der Praxis sein. Zweimal kam ich zu früh, sah, wie sich kleine Pulks vor der noch verschlossenen Schwimmoper trafen, aufeinander warteten, um nach der Öffnung gemeinsam hinein zu gehen.
Doch dann stellte sich Routine ein. Allmählich nahm ich die Leute, die mit mir zur selben Zeit eintrafen, wahr. Meist komme ich jetzt um sechs Uhr fünfundvierzig an, wenn der erste Schwung bereits aus dem Duschraum in das Becken verschwunden ist. Und mit Glück bin ich sogar kurze Zeit allein unter der Dusche.
Im Duschraum gibt es keine Kameras, aber auch keine Trennwände. Hier kuckt man sich nicht so genau an, allenfalls grüßt man freundlich und knapp beim Hineingehen. In meiner Jugend dienten die Duschen mehr dem Akklimatisieren, der Vorbereitung auf das kalte Wasser im Schwimmbecken. Dazu musste man die Badekleidung nicht ausziehen. Heutzutage steht die Hygiene im Vordergrund. Die Schwimmer sollen sich vor dem Einstieg in das Becken gründlich reinigen. Nackt, damit auch nicht ein Teil vernachlässigt bliebe.
Die jungen Frauen haben heute stark gestutzte Schambehaarung, teils wie von Buchsbaumgärtnern in Ornamente französischer Barockgärten geschnitten. Wer diese Frisuren wohl schneiden mag? Ob es dafür besondere Salons gibt? Oder die jungen Damen sind ganz rasiert. Dazu passend die Piercings in Bauchnabel oder Brustspitze, wie die spiegelnden Rosenkugeln oder eisernen Rankhilfen von neueren Beeten in Home and Garden.
Überhaupt ist mir der Anblick dieser jungen Brüste manchmal lästig. Wie junge ungeduldige Dobermänner.
Frauen meines Alters machen weniger Gewese um den Pelz am Schoß. Doch überlegte ich kürzlich eitel, ob ich vielleicht meine teils ergrauten Schamhaare wie mein gefärbtes Haupthaar tönen sollte. Ich musste über mich selber lachen. Wozu dies Frühschwimmen wohl noch führt?
Die Mode meiner Jugend hat mich davor bewahrt, mir eine Rose auf das Hinterteil tätowieren zu lassen – Tatoos galten damals noch als vulgär. Ich gebe zu, dass so ein kleines Herzchen, ein Schmetterling oder eine Orchidee auf junger straffer Haut den Schmelz der Jugend ganz hübsch unterstreicht. Allein, wenn ich mir die kleinen Dellen und Runzeln an meinem Körper ansehe, bin ich ganz froh, dass dieses Welken der Haut nicht ein ehemals dunkelrotes frühlingshaftes Rosenknospen-Tatoo zur herbstlich blassen Dahlie quellen ließ.
Aber diese Wasserkur tut mir einfach gut. Ich bewege mich im Wasser doch wohl anders als bislang beim Joggen. Das Gefühl beim Abtrocknen, dass sich das Gewebe um Bauch und Po schon fester anfühlt. Und meine Lieblingshose kneift nicht mehr so.
Mehr als das beschäftigen mich jedoch die anderen ‚Anstaltsinsassen‘. Ein paar Male ertappte ich schon die üppige Blondine, die kurz vor mir den Duschraum betreten hatte, beim Rasieren ihrer Beine, obwohl dies untersagt ist. Schnell kaschiert sie ihren Ladyshaver und lässt ihn im Kulturbeutel verschwinden, hält sich aber so lange unter der Dusche auf, bis ich gegangen bin. Einmal ließ ich absichtlich mein Shampoo stehen, um einen Grund zur Rückkehr vorzutäuschen. Tatsächlich war sie schon wieder an ihrem Schienbein beschäftigt.
Grausliche Geruchsnoten gibt es bei den Shampoos. Am schlimmsten ist die Apfelsorte einer Bodybuilderin, die wie ein wandelndes Steak aussieht, weil ihr die Fettschicht fehlt und sich direkt unter der Haut die Muskelfasern bündeln. Ein altes Mütterchen parfümiert sich immer mit Maiglöckchen-Duft. Eine andere Frau, in meinem Alter, trägt ihr Geld offenbar auf die Sonnenbank. Braun wie eine Aktentasche, die Haut aus Pergament, bevorzugt sie eine Waschlotion mit Kokosduft. Die wilde Fa gibt es auch noch, obschon in die Jahre gekommen, trägt sie noch gern Bikini, Größe 46. In den Geruch des Chlors mischt sich Sandelholz-Duft....




