E-Book, Deutsch, Band 6, 216 Seiten
Reihe: Sina-Reihe
Einwohlt Mein Schutzengel und ich
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-401-80368-5
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 6, 216 Seiten
Reihe: Sina-Reihe
ISBN: 978-3-401-80368-5
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ilona Einwohlt wollte eigentlich Ernährungswissenschaftlerin werden. Aber dann las sie mitten in der Chemievorlesung Simone de Beauvoir, Julio Cortázar und Thomas Mann - und widmete sich fortan der Literatur. Längst ist aus der Germanistikstudentin eine erfolgreiche Autorin insbesondere für Kinder und Jugendliche geworden. Ilona Einwohlt, Jahrgang 1968, lebt mit ihrer Familie in Darmstadt. Die Autorin ist als Bildungsreferentin für das Institut für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen e.V (MuK) regelmäßig mit Workshops und Vorträgen unterwegs, insbesondere zu Themen wie 'Rollenklischees und Sexismus in den Medien' und 'Digitale Identitäten'. Für das Projekt 'Haus der digitalen Medienbildung' führt sie zudem Veranstaltungen und Beratungen für Eltern und Jugendliche in Darmstadt durch.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
ERSTES KAPITEL,
IN DEM SINA ÜBER DAS LEBEN PHILOSOPHIERT
Ich liege auf einer Wiese und sehe lauter Schmetterlinge, gelbe, blaue, rote, getupfte, große, kleine – unzählig viele Schmetterlinge flattern um mich herum. Der Himmel über mir ist tiefblau, wolkenlos und klar, nur eine eckige dunkle Wolke hängt unübersehbar groß auf der rechten Seite. Ich bin ohne Schmerzen, glücklich, einfach nur hier zu liegen, leicht, schwebend, vielleicht für immer. Gleichzeitig weiß ich, dass ich einen Unfall hatte, einen schrecklichen Unfall sogar, und dass ich schwere Verletzungen davongetragen habe. Ich bin nicht tot, aber gleichzeitig lebe ich nicht mehr richtig, zumindest ist es nicht so, dass ich jetzt einfach aufstehen und losmarschieren könnte. Das spüre ich mit jeder Faser meines Körpers, der sich jedoch weigert, irgendeinen Befehl von mir auszuführen, irgendetwas zu tun, sondern der nur einfach liegen bleiben und sich nicht mehr bewegen will. Der den Anblick der Schmetterlinge genießen möchte, die Leichtigkeit des Seins einfach nur fühlen, der wunderschönen Musik um mich herum lauschen, die nur von Engeln stammen kann. Es ist, als träumte ich, als schliefe ich tief und fest wie das Dornröschen, das nur liebevoll wach geküsst werden muss.
Aber wie lange schlafe ich schon?
Hundert Jahre, ein Jahr? Eine Woche, einen Tag?
Wer bin ich, was ist passiert?
Ganz so easy wie im Märchen ist es leider nicht, ich höre gedämpfte Stimmen um mich herum, durch meine geschlossenen Augenlider dringt Licht, ich spüre eine Hand, die mich unablässig streichelt. Irgendwo piepst ein Gerät, ich vernehme das gleichmäßige Pumpen einer Maschine, gedämpft zwar, offensichtlich hat man mich verkabelt, weil mein geschundener Körper alleine nicht mehr überlebensfähig wäre. Oder dient es nur der Überwachung?
„Zwei Tage sind in solch einem Fall völlig normal“, vernehme ich von Ferne eine mir unbekannte, männliche Stimme. „Machen Sie sich mal keine Sorgen, Ihre Tochter schafft das schon!“ Die Stimme klingt monoton, als hätte sie das auswendig gelernt, nicht sehr vertrauenswürdig.
Ein Schluchzer nah an meinem Ohr verrät mir, dass es meine Mutter ist, die neben meinem Bett sitzt. Wie gerne würde ich ihr sagen, dass ich ihr liebevolles Streicheln durchaus bemerke und genieße und dass sie sich keine Sorgen um mich machen muss. Da, wo ich gerade bin, geht es mir doch gut! Auf meiner Wiese ist es sonnig und warm! Und all die wunderschönen Schmetterlinge … Doch mein Mund öffnet sich nicht, meine Arme gehorchen mir nicht, ich liege steif und starr, träume vor mich hin und versuche, mich daran zu erinnern, was überhaupt passiert ist …
„Hey, Sina, warte!“ Yannis kommt mit seinem Fahrrad neben mich gedüst. „Du hast es aber eilig heute!“ Weil Yannis und ich nebeneinander in der Reihenhaussiedlung wohnen, seit Urzeiten befreundet und seit knapp einem Jahr ein Paar sind, radeln wir, wenn das Wetter schön ist, mit dem Fahrrad gemeinsam den langen Schulweg durch die Stadt.
„Klar habe ich es eilig. Wer will schon zu spät kommen, wenn gleich Moses rockt?“, grinse ich. Moses ist der heimliche Spitzname unseres Pfarrers Franz Kramer, den wir total cool finden und den wir in diesem Halbjahr in Reli haben. Moses bringt selbst die Oberstufenschüler zum Rocken, wenn er in der Schulband des Goethe-Gymis am Schlagzeug sein Trommelsolo wirbelt.
Mit „Pfarrer“ (oder auch Pastor) wird in christlichen Kirchen derjenige bezeichnet, der den Gottesdienst leitet beziehungsweise seelsorgerische Aufgaben übernimmt. Das Wort „Pfarre“, abgeleitet von „Pferch“, kommt wahrscheinlich aus dem Mittelhochdeutschen, wo es so etwas wie „eingehegter Platz, begrenztes Gebiet“ bedeutet. Folglich ist ein Pfarrer für eine bestimmte Kirchengemeinde zuständig und diese Kirchengemeinde kann ein Dorf, ein Zusammenschluss von Dörfern oder ein Stadtviertel sein. Ein evangelischer Pfarrer wird von der Kirchengemeinde gewählt oder durch die Kirchenleitung ernannt, in der katholischen Kirche werden Diakone zu Priestern ernannt und vom Bischof als Pfarrer eingesetzt.
Erstens fährt er eine Harley Davidson FatBoy und kommt jeden Morgen in seiner Lederkluft angerauscht, seine Unterlagen stecken in einer ledernen Lenkradtasche. Zweitens ist er der netteste Lehrer, den wir jemals hatten (wenn das mal keine Auszeichnung ist!), und drittens macht er einen obergeilen Religionsunterricht. Nicht ständig mit Beten und Bibellesen, Bildchen vom alten Ägypten kleben oder Lieder auswendig lernen, sondern wir diskutieren über all das, was uns bewegt: Themen wie Ausländerfeindlichkeit oder Kinderarmut sind genauso darunter wie ethische Fragen: Sterbehilfe, ja oder nein? Abtreibung, ja oder nein? Künstliche Befruchtung, ja oder nein? Die Diskussionen mit Moses und meiner Klasse geben mir wirklich was, da ist der liebe Gott (sorry!) beinahe Nebensache. Moses organisiert auch mal mit uns Schülern Gottesdienste im Seniorenheim, lässt uns Geld für die Streetworker sammeln, alte jüdische Gräber pflegen – und uns später im Gemeindehaus Party machen. Und ich Glückspilz habe ihn auch noch als Konfirmationspfarrer abgekriegt, weil er in diesem Turnus an der Reihe ist. Seit etwa einem Dreivierteljahr gehe ich jetzt jede Woche einmal in den Konfiunterricht, hätte nie gedacht, dass mir das so viel Spaß machen würde.
„Muss ich eifersüchtig werden, hä?“, fragt Yannis und radelt dichter neben mich, damit er mir einen Kuss auf die Wange drücken kann. Für einen kurzen Moment verhaken sich unsere Lenker ineinander, wir wackeln und kichern dabei, schließlich aber haben wir das Gleichgewicht wiederhergestellt und fahren Hand in Hand weiter. Ein Auto fährt dicht an uns vorbei und hupt.
„Nur noch zwei Wochen, dann sind endlich Osterferien!“, jubele ich, mache mich von Yannis’ Hand los und fahre ein Stück vor, weil wir an die Kreuzung kommen und der Verkehr dichter wird. Und dann geht alles ganz schnell. Ich höre, wie Yannis hinter mir „Achtung, Sina!“ ruft, ich denke noch: Hä, wir haben doch Grün, da krache ich auch schon mit voller Wucht in ein Auto, das mit überhöhter Geschwindigkeit von links angeschossen kommt. Und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.
Jetzt liege ich also hier, im Krankenhaus, offensichtlich war ich zwei Tage ohne Bewusstsein. Ich habe etliche Prellungen, ein gebrochenes Bein, ein Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades und zwei gequetschte Rippen mit Verdacht auf Pneumothorax. Das weiß ich so genau, weil ich, Sina Rosenmüller, zwar völlig regungslos ans Bett gefesselt bin, aber zum Glück meinen Verstand nicht verloren habe. Folglich habe ich alles mitbekommen, als die beiden Krankenschwestern vorhin beim Bettzeugwechseln meinen Zustand diskutierten. Ich kann nur hoffen, dass Mama draußen war und sich nicht diesen Blödsinn anhören musste, den die beiden sonst noch abgelassen haben. Eigentlich wollte ich gar nicht wissen, dass Dr. Fresenius-Meyer Nachtdienst mit Schwester Klara gemacht hat und Pfleger Mischa und Pfleger Mika sich im Kühlraum zum Quickie treffen. Die denken wohl, Menschen im Koma kriegen nichts mit!
Bei meiner Liste an Verletzungen grenzt es an ein Wunder, dass ich keine Schmerzen spüre. Haben mich die Ärzte vielleicht mit Medikamenten vollgepumpt? Liege ich im Wachkoma? (Horror!) Oder bin ich vielleicht doch schon tot und denke nur, ich wäre es nicht …
Ich erinnere mich, kurz nach dem Unfall, da war ein dunkler Gang, an dessen Ende ein Licht schien, hell, gleißend, verheißend, jemand winkte mir zu, freundlich … eine Stimme sagte:
„Ist sie tot?“
Und eine andere antwortete:
„Nein, sie ist noch im Leben. Sie hatte einen Schutzengel.“
Wessen Stimmen waren das?
Mama sitzt wieder an meinem Bett, ich höre sie leise beten, sie bittet Gott um Beistand und Kraft in dieser schweren Zeit, dankt ihm für seinen guten Schutz, er soll mich behüten und ihre große, liebste, einzige Tochter vor dem Schlimmsten bewahren und seine guten Engel über mich wachen lassen.
Engel (lat. angelus, Bote, Botschafter) gelten sowohl im Christentum Judentum als auch im Islam als von Gott geschaffene Geisteswesen, die ihm untergeordnet sind. Gemäß zahlreicher Bibelstellen und religiöser Überlieferungen dienen sie als Mittler zwischen Himmel und Erde – wir kennen zum Beispiel den Verkündigungsengel aus der Weihnachtsgeschichte (Lukas-Evangelium). Engel werden aber auch zum Schutz angerufen, so bittet Martin Luther in seinem Morgen- bzw. Abendsegen explizit um den Beistand der Engel: „Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der Feind keine Macht an mir findet.“ Die römisch-katholische Kirche hat in ihrem Katechismus festgeschrieben, dass „Engel personale Gestalten des Schutzes und der Fürsorge Gottes“ sind. Der Islam kennt eine Reihe von Engeln, u. a. auch solche, die dem Menschen persönlich zugeordnet sind, asiatische und indianische Religionen dagegen kennen den Glauben an eine Reihe von Schutzwesen bzw. Schutzgeister.
Aus der Sehnsucht der Menschen nach...




