E-Book, Deutsch, 334 Seiten
Eisner Raue Februarwinde über den Elbmarschen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-96145-022-0
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman. Nili Masal ermittelt (3)
E-Book, Deutsch, 334 Seiten
ISBN: 978-3-96145-022-0
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Elbmarschenstädtchen Oldenmoor gerät wegen des am Rande neu entstehenden Parks von Windenergieanlagen in großen Aufruhr: Die Gemüter der Erbauer und die ihrer Widersacher erhitzen sich zusehends, sodass die Ordnungshüter diese Entwicklung mit Sorge betrachten. Als zudem die Leiche eines vermeintlichen Aktivisten der WEA-Gegner in der halb ausgehobenen Baugrube für das Fundament eines Windrades entdeckt wird, drohen die Spannungen zu eskalieren. LKA-Kriminalhauptkommissarin Nili Masal und ihr Lebensgefährte, Erster Kriminalhauptkommissar Walter Mohr, verbringen zufällig einige Urlaubstage in der Kleinstadt und unterstützen die Kollegen vor Ort bei den Ermittlungen. Die Ermordung der Morgenmagazin-Moderatorin eines Kieler Privat-Fernsehsenders, deren Recherchen die Kontrahenten gegenseitig weiter aufstacheln, bringt den Konflikt fast zum Überkochen, sodass Staatsanwaltschaft und die Polizeibehörden des Kreises das LKA um Unterstützung bitten. Zusammen mit ihrem neuen Teampartner Kriminalkommissar Robert Zander und den Kollegen aus Oldenmoor und Itzehoe macht sich Nili auf zur Ermittlung des Täters. Schließlich gipfelt die Entwicklung des Falles in dem plötzlichen Verschwinden der vierzehnjährigen Tochter eines Juristen, der die inzwischen in Konkurs gegangenen Windparkerbauer vertreten hatte. Auch in ihrem dritten Fall gelingt es Nili, der pfiffigen Leiterin des neu gegründeten LKA-Teams für Sonderermittlungen, die Täter zu entlarven und dingfest zu machen. »...vor allem überzeugt mich seine präzise Beschreibung sozialer Milieus, seine liebevolle Zeichnung seiner Personen und seine schöne und klare Sprache.« (Gert Eisenbürger, Kulturredakteur der Zeitschrift ILA, Bonn)
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. GROWIAN lässt grüßen
»Nichts ist mehr so, wie es früher einmal war!« Oma Clarissa legt mit einem tiefen Seufzer des Bedauerns den Courier beiseite und setzt die Lesebrille ab.
»Wie meinst du das, Abuelita?« Nili sitzt mit ihrer Mutter Lissy und der Omi vor dem wohlige Wärme ausstrahlenden Kamin im Wohnzimmer vom Onkel Suhls Haus in Oldenmoor, der kleinen Stadt in den Elbmarschen. Der Februar hat bisher relativ wenig Niederschlag gebracht, bedingt durch das stabil herrschende Hochdrucksystem über Norddeutschland mit seinen rekordverdächtigen Niedrigtemperaturen. Draußen ist es eisig kalt und das Thermometer zeigte in der letzten Nacht minus 15 Grad Celsius an. Deswegen machen es sich die drei Frauen an diesem späten Samstagnachmittag auf Sofa und Sessel dicht vor dem Kamin gemütlich.
»Ach, Kindchen! Ich meine ja nur so. Als ich noch ein Kind war, war das Lebenstempo viel gemächlicher. Man ließ alles ruhiger angehen, die Leute hatten – oder besser gesagt nahmen sich – für sich selbst und ihre Familien und Freunde viel mehr Muße, obwohl die tägliche Arbeitszeit doch erheblich länger war als heute. Ich möchte nicht das Gezeter hören, wenn man auf eine 48-Stunden-Woche zurückkehren wollte. Die alltäglich geläufigen Begriffe ›Stress‹ und ›Burn-out‹ waren absolut unbekannt, das Leben verlief in ruhigeren Bahnen. Obwohl – das muss ich fairerweise einschränken – dieses Idyll mit dem Aufkommen der Nazis und schließlich der Machtergreifung Hitlers ein abruptes Ende fand.«
»Nun ja, liebe Oma, die Zeiten ändern sich, das ist nun mal so. Immerhin arbeiten viele Leute auch heute weit über das vorgegebene Maß hinaus. Sieh mal, ich muss erst wieder am nächsten Donnerstag zum Dienst, weil ich so viele Überstunden abzufeiern habe.«
»Ja, ja, ich weiß! Die Zeit lässt sich eben nicht zurückdrehen. Aber das, was jetzt hier um uns herum passiert, ist auch nicht gerade beruhigend. Die eskalierenden Auseinandersetzungen von Befürwortern und Gegnern der Windkrafträder in unserer Region machen mir doch Sorgen. Heute berichtet Maddes Neffe, Jan-Jürgen Ploog, in seinem Leitartikel des Courier von den kontroversen Argumenten der heftig aufeinanderprallenden Eiferer auf beiden Seiten. Da wird mit echt harten Bandagen gerungen.«
»Wat dem eenen sin Uhl, is dem anneren sin Nachtigall!«, zitiert Ima Lissy auf Plattdeutsch.1
»Ja, Ima, stimmt! Aber es muss doch möglich sein, auch hier einmal Vernunft walten zu lassen und den realen Bedarf an erneuerbaren Energiequellen nüchtern und etwas leidenschaftsloser zu erörtern. Es ist wahr, dass die von der Bundesregierung als Reaktion auf die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima – zwar leider ohne die gebotene Vorausplanung – verordnete Kehrtwende mit Ausstieg aus der Atomenergie eher populistischer Natur war und sozusagen aus Frau Merkels Bauch heraus erfolgte, um von vornherein den Atomgegnern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ebenso wahr ist aber, dass wegen der hierdurch verursachten Kluft in der Stromerzeugung für die nach und nach stillgesetzten Kernkraftwerke schnellstmöglich Ersatz geschaffen werden muss. Hier im Norden haben wir als alternative Energiequellen nur bedingt etwas Sonne, dafür jedoch Wind im Übermaß zu bieten. Eine weitere Verschmutzung der Umwelt durch CO2- Emissionen von mit Gas, Kohle oder Erdöl betriebenen Kraftwerken können wir uns überhaupt nicht mehr leisten, im Gegenteil: Diese müssen ebenfalls nach und nach abgeschafft werden.«
»Bravo, Nili, besser konnte es selbst unser Jan-Jürgen in seinem Plädoyer nicht formulieren«, bestätigt Clarissa. »Doch leider steht der menschlichen Vernunft meist die maßlose Geldgier im Wege. Dadurch werden gelegentlich intime Freundschaftsbande und familiäre Verbindungen zunichtegemacht. Im Artikel wird erwähnt – allerdings ohne Nennung der Namen –, wie sehr die Mitglieder einer gewissen Bauernfamilie wegen der Errichtung dreier Windräder auf ihrem Acker ernsthaft zerstritten, ja sogar verfeindet sind.«
»Das erinnert mich an den alten Witz vom Josele«, kommentiert Lissy mit einem verschmitzten Lächeln.
»Welchen meinst du denn, mein Kind?«, fragt Oma Clarissa.
»Ach, Ima, erzähl doch bitte!«, bettelt Nili.
»Also gut.« Lissy räuspert sich. »Eines Tages kommt der Josele zum Rabbi. Fragt der Rabbi: ›Nu, Josele, was hast du?‹ Der antwortet: ›Rebbe, ich versteh die Welt nicht mehr!‹ Fragt der Rabbi: ›Wieso? Was ist passiert?‹ – ›Nun ja‹, antwortet Josele, ›der Moischele und ich sind gewesen wie Brüder. Wir kennen uns seit der ersten Kindeszeit. Wir waren zusammen im Kindergarten, dann in der Schule. Wir haben geheiratet zusammen ein Zwillingspaar, hatten eine gemeinsame Hochzeit. Alles war wunderbar bis letzte Woche, da hat der Moischele plötzlich gewonnen im Lotto, sechs Richtige mit Zusatzzahl. Hat gemacht zweieinhalb Millionen. Und jetzt plötzlich tut er so, als ob er mich nicht kennt. Ich bin für ihn ein Fremder, hat er mir gesagt. Rebbe, ich versteh die Welt nicht mehr!‹ – ›Mm…‹, überlegt der Rabbi und streichelt seinen langen weißen Bart. Dann sagt er: ›Josele, geh zum Fenster und schau hinaus. Was siehst du?‹ Josele blickt hinaus und sagt: ›Nun ja, Rebbe, was man soeben auf der Straße sieht: die Leute, die Autos, die Bäume.‹ – ›So, Josele, und jetzt geh hinüber zum Spiegel und sag mir, was du siehst.‹ Josele folgt dem Rabbi und antwortet: ›Nu, was schon soll ich sehen? Mich selbst!‹ Sagt der Rabbi: ›Ja, mein lieber Josele, das Leben ist eben wie eine Glasscheibe. Normalerweise kann man durch sie hindurch alles sehr gut sehen. Aber kaum kommt ein bisserle Silber dazwischen, sieht man nur noch sich selbst!‹«
»Wie wahr, Ima!« Nili erhebt sich, denn es hat soeben an der Haustür geklingelt. Sie geht, um zu öffnen. Die bekannte Silhouette, die sich auf der matten Fensterscheibe abzeichnet, beschleunigt ihren Herzschlag vor Freude und sie zieht schwungvoll die Tür auf. »Waldi, Liebster, was für eine schöne Überraschung!«
Beide geben sich einen sehr langen Kuss.
»Ich hatte gar nicht mit dir gerechnet! Komm erst mal rein, dein Gesicht fühlt sich eisig an, du bist ja halb erfroren!«
»Ja, bei den vereisten Straßen habe ich es vorgezogen, mit der Bahn zu fahren. Und am Bahnhof stand natürlich mal wieder kein Taxi bereit, da bin ich eben zu Fuß hergelaufen.«
»Du Armer! Hättest du mich angerufen, dann wäre ich hingefahren, um dich abzuholen! Komm, gehen wir ins Wohnzimmer, damit du dich am Kamin etwas aufwärmen kannst!« Sie schließt die Tür und geht vor. »Abuelita, Ima, seht mal her, Überraschung!«
Sehr herzlich begrüßen die beiden Frauen den Ersten Kriminalhauptkommissar Walter Mohr vom Kieler LKA, wohl in seiner dreifachen Funktion als Nilis Vorgesetzter, Kollege und – wie man heute zu sagen pflegt – der Mann an ihrer Seite.
»Ich bitte höflichst, diesen unangemeldeten Überfall zu entschuldigen, meine Damen!« Er begrüßt Clarissa und Lissy in seiner gewohnt freundlichen Art. »Es ist ja so, dass Nili für die nächsten paar Tage nicht in Kiel sein wird, und ehrlich gesagt sind mir diese ohne sie viel zu lang und öde.« Nun lächelt er Nili an. »Wir sind doch sowohl im Job als auch privat ein eingespieltes Team, nicht wahr, mein Schatz?«
»Aber, aber, Herr Mohr«, Lissy lacht, »dafür brauchen Sie sich doch nicht zu entschuldigen! Sie wissen ja, dass Sie in unserem Hause jederzeit gern gesehen sind! ›Mi casa es su casa‹, wie man in Südamerika sagt. Mein Haus ist Ihr Haus!«
»Ich danke Ihnen, sehr geehrte Frau Masal, das ist wirklich nett von Ihnen!«
»Ach, Leute, lasst doch bitte ein für alle Mal diese steifen norddeutschen Förmlichkeiten«, regt Nili an. »Waldi und ich sind schließlich ein Paar und ihr solltet euch endlich duzen!« Sie macht Anstalten, das Wohnzimmer zu verlassen. »Ich setze rasch Wasser auf. Dann gibt es einen schönen heißen Grog für uns alle, und es wird ›ornlich‹ auf Du und Du geprostet! Basta!«
»Nili hat gesprochen!«, kommentiert Oma Clarissa mit einem vergnügten Lächeln.
*
Diplomingenieur Wolfgang Schneider sitzt am Schreibtisch seines Arbeitszimmers, das in dem großen reetgedeckten Barghus am Störufer in der Nähe von Itzehoe untergebracht ist. Hier hat die Wind-Powermasters – Genossenschaft mit beschränkter Haftung – seit etwa fünf Jahren ihr Hauptquartier etabliert. Er überarbeitet den Lageplan des letzten Windparks, den das Unternehmen zurzeit in der Nähe der Kleinstadt Oldenmoor neu errichtet. Im letzten Jahr konnte man wegen der sehr spät einsetzenden Frostperiode bis in den Monat Dezember hinein Fundamentgruben für die Tragesäulen der Windkrafträder ausheben. Es war sogar gelungen, den ersten Mast aufzustellen, bis dann die strenge Kälte eine Unterbrechung der Arbeit verursachte. Der sechzigjährige schlanke und gut aussehende Mann mit den krausgelockten grauen Haaren blickt nachdenklich aus dem Fenster und sieht in der Ferne eine noch unvollständige Windanlage in den trüben winterlichen Himmel aufragen. Er zündet sich eine Zigarette an und betrachtet tief in Gedanken versunken den ausgeatmeten Rauch. Über dreißig Jahre ist es her, seit er erstmals mit der Windkraft in Berührung gekommen ist. Nach seinem Maschinenbaustudium an der Berliner TH hat er Ende der siebziger Jahre als junger Angestellter am Institut für Aerodynamik und Gasdynamik der Universität Stuttgart seine ersten Erfahrungen in diesem Fach mit der Einführung des...




