Ekinci | Die, deren Träume zerbrochen sind | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Ekinci Die, deren Träume zerbrochen sind


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-95614-663-3
Verlag: Kunstmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-95614-663-3
Verlag: Kunstmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ismail lebt seit 18 Jahren in Deutschland und führt ein einsames und trauriges Leben. Er kennt, außer seinen Kollegen, niemanden und wird von seinem Gewissen geplagt, weil er im Exil und nicht in die Berge gegangen ist wie sein Bruder. Sein Vater macht ihn für das Verschwinden des Bruders verantwortlich und hat ihn aus der Familie ausgestoßen. Als Ismail eines Tages die Nachricht erhält, dass sein Vater im Sterben liegt macht er sich auf den Weg in die Heimat. Aber sein Vater will ihn auch auf dem Sterbebett nicht empfangen. In der Hoffnung von seinem Vater wieder in die Familie aufgenommen zu werden macht er sich auf die Suche nach seinem Bruder. Eine Suche die ihn in die Berge führt, bis in die kurdischen Gebiete des Irak, wo er zum ersten Mal die gehisste kurdische Flagge sieht, zu sich selbst findet und eine zarte neue Liebe beginnt ... Yavuz Ekinci erzählt in diesem Roman, seinem in der Türkei erfolgreichsten Buch, für das er wegen »Terrorpropaganda« angeklagt wurde, eine Geschichte aus dem kurdischen Widerstand und der Diaspora, die, angesichts der derzeitigen Ereignisse in der Türkei und der Debatten um Migration hier, eine akute poetische und politische Dringlichkeit hat.

Yavuz Ekinci,1979 in Batman geboren, arbeitete als Lehrer und ist Herausgeber einer Reihe zur kurdischen Exilliteratur. Für sein Prosawerk erhielt er zahlreiche Preise und gilt in der Türkei als einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Generation. Auf deutsch erschienen bisher die Romane Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam (2017), Die Tränen des Propheten (2019) und Das ferne Dorf meiner Kindheit (2023). Ekinci lebt in Istanbul und inzwischen auch in Berlin.
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II
KAINS GEPLAGTE SEELE


IN MEINEM TRÜBSELIGEN LEBEN war mein Vater meine einzige Freude gewesen. Seit mein Bruder ihn von mir genommen hat, bin ich unbehütet wie ein Haus, dem bei einem Sturm das Dach davonflog.

Als das Flugzeug auf die Startbahn zufuhr, lehnte ich mich in meinem Sitz zurück und sah zum Fenster hinaus. Draußen herrschte ein reges Treiben frisch gelandeter und startklarer Maschinen. Nach der Ansage des Piloten für das Kabinenpersonal klammerte ich mich an den Sitz, und wie jedes Mal fühlte ich mich in eine dichte Schlafwolke gehüllt. Ich konnte die Augen nicht mehr öffnen, und mir war, als wäre ich tausend Jahre nicht geflogen. Verkrampft wartete ich den Start ab, und als die Räder tatsächlich abhoben, durchfuhr mich ein Schauder. Meine Seele holte meinen Körper wieder ein, und ich dachte an die erste Zeit zurück, als ich nach Deutschland geflüchtet war.

Meine Hoffnungen, meine Träume, meine Erwartungen, alles zerstob damals sofort gleich einer zu Boden knallenden Vase. Ich ging zuerst nach Köln, dann nach Dortmund und schließlich nach Berlin. Dort begriff ich so recht, was es bedeutet, in einem Land zu leben, in dem man die Sprache nicht spricht, niemanden kennt und einem selbst das Klima fremd ist. Tag für Tag fühlte ich mich einsamer und hilfloser. Erst hatte ich noch gedacht, ich würde nur kurz bleiben, doch diese Hoffnung schwand allmählich dahin, und schließlich verlor ich sie ganz. Ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, zehn Jahre: achtzehn Jahre, ein Monat und elf Tage. Meine früheren Genossen sagten: »Komm bloß nicht zurück, hier sieht es trübe aus.« Von meinem Vater hatte ich nur gehört: »Komm nicht mal an mein Grab. Auch bei meiner Beerdigung will ich dich nicht haben. Der Teufel soll dich holen. Nimm meinen ganzen Hass und meine Flüche mit und geh!« Darüber wurde ich immer einsamer. Am meisten fürchtete ich, für immer in Deutschland bleiben zu müssen. Wenn ich daran dachte, zog sich in mir alles zusammen. Ich fühlte mich so leer und ausgebrannt, als würde mich nichts mehr am Leben halten. Ich konnte dann nicht schlafen, nicht atmen, keinen Augenblick ruhig sitzen. So wanderte ich von Zimmer zu Zimmer, und nirgends hielt ich es aus. Als wäre ich dem Ersticken nahe. Die Wände erdrückten mich, die Decke drohte herabzustürzen. An solch elenden Tagen stieg ich in die Dusche und ließ kaltes Wasser auf mich rieseln, bis mein Körper ganz taub war. Ich dachte an meine Genossen, die ich zurückgelassen hatte und die nun vielleicht auf der Folterbank lagen, an meinen Bruder, den Guerillakämpfer, von dem ich keine Nachricht hatte, an meinen Vater, der regelmäßig auf die Polizeiwache zitiert und dort geschlagen wurde, an Sabri, den sie vor seinem Haus mit einem Nackenschuss getötet hatten, an die Kämpfer, die ohne Leichentuch irgendwo lagen. Wenn ich an all ihr Leid dachte, hasste ich mich noch mehr und kasteite mich nach Kräften. Ihre Schreie, ihr Wimmern schwoll in meinen Ohren zu einem Wirbelsturm. Ich würde hier verrückt werden, hier sterben, hier begraben werden, der Gedanke machte mich wahnsinnig. »Das geht vorbei, du wirst dich eingewöhnen«, sagten manche, doch meine Einsamkeit wurde im Lauf der Monate und Jahre nur schlimmer. Ich bereute es, hierher geflüchtet zu sein. Wäre ich doch bloß in Batman geblieben und wie Sabri auf offener Straße erschossen worden, wäre ich doch bloß nicht so feige gewesen und wie mein Bruder in die Berge gegangen, wäre ich doch bloß zu Tode gefoltert worden … Wäre, wäre, wäre … Meine Erinnerung: lauter offene Wunden.

Abends verzehrte ich mich in der Sehnsucht nach meinen Eltern, meinen Geschwistern, meinem tapferen Bruder, nach Batman. Immer wieder griff ich zum Handy, scrollte bis zum Namen meines Vaters, war drauf und dran, die Anruftaste zu drücken, und ließ es dann doch sein. Ich wusste ja, dass er mich mit Vorwürfen überschütten würde, mich anschreien und abrupt auflegen. Ich hatte es probiert und mir jedes Mal anhören müssen, ich solle nur ja nicht an sein Grab kommen, denn ich habe ihm seinen Yusuf weggenommen. Das schnitt mir immer wieder ins Herz. Manchmal rief ich an, sagte aber nichts, sondern horchte nur wehmütig auf seinen Atem, auf sein »Hallo! Hallo!« und auf die Flüche, die er vom Stapel ließ, da er dachte, die Polizei sei am Apparat. Ich schmiegte mich an seine Stimme, wie man sich in einer kalten Nacht in seine Bettdecke wickelt.

Ganz zu Anfang rief ich niemanden an, aus Furcht, ich könnte den Leuten damit schaden. Der Staat ist überall, so wie Gott. Ich wusste, dass Polizei und Militär nach mir fahndeten und meine Familie immer wieder abgeholt und verhört wurde. Mein Vater musste andauernd auf die Polizeiwache und sich die schon fast spöttische Frage anhören: »Wo ist dein Sohn?« Dazu zog er sich jeweils besonders dick an, damit es weniger wehtat, wenn er geschlagen wurde. Schweigend ließ er alles über sich ergehen. Seit meiner Flucht war noch kein Monat vergangen, da wurde mein Freund Sabri erschossen, der alles eingefädelt und mich in jener Nacht davor bewahrt hatte, umgebracht zu werden. Da wuchs meine Furcht noch weiter an. Acht-undfünfzig Tage hatte ich unter der Folter verbracht, doch an jenem Abend fürchtete ich die Folter noch mehr als am Tag, an dem ich freigelassen wurde. Ich hatte Sabri im Stich gelassen, meine Freunde, meine Mutter, meine Geschwister, meine Schüler, und war nach Deutschland abgehauen, um meinen Hintern zu retten. Hier war ich nichts weiter als ein Fremdling, mir graute vor mir selbst, und jeden Morgen begann ich den Tag damit, mein Leben zu verfluchen.

Selbstmord. Der Gedanke, mich umzubringen, hatte sich in meinem Gehirn eingenistet wie ein in dunkler Nacht blinkendes Licht. Selbst unter furchtbarster Folterqual hatte ich keinen Selbstmord erwogen, doch seit ich hier war, ließ der Gedanke mich nicht los. Ich konnte mich von einem Hochhaus hinabstürzen und unten wie eine Wassermelone aufschlagen, konnte mich vor die U-Bahn werfen und zu Hackfleisch werden, konnte mir die Pulsader aufschneiden und in der Badewanne zusehen, wie mir langsam das Blut entfloss, konnte Pillen schlucken und mit zugekniffenen Augen im Dunkel versinken, konnte das Gas aufdrehen und das Haus in die Luft gehen lassen. Doch wenn ich bedachte, dass ich dann hier begraben würde und für immer hierbliebe, verwarf ich das alles wieder. Wenn ich hier starb, wie sollte da meine Seele nach Batman finden? Hätte ich darauf eine Antwort gefunden, so hätte ich keinen Tag gezögert und mich sofort umgebracht. Am Leben hielt mich eigentlich nur die Unzahl unbeantworteter Fragen.

Die letzten Worte meines Vaters, seine Blicke, sein ganzes Verhalten hatten sich tief in mir eingegraben. Als sie mich freiließen, glich mein Körper einem zerschlissenen Anzug. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, als ich zu Hause klingelte. Mein Vater öffnete die Tür. Er trug ein weißes Hemd, als wollte er ausgehen. Kaum sah er mich in meinem erbärmlichen Zustand, wurde er auch schon wütend. Er funkelte mich an, als wollte er fragen, warum ich überhaupt zurückgekommen sei, doch spürte ich, dass er auch auf meine Wunden schielte. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen und blickte wie ein Schuldiger zu Boden. »Du bist nicht mehr mein Sohn«, sagte er schließlich. »Und ich nicht mehr dein Vater. Das hier ist nicht mehr dein Zuhause. Du hast meinen geliebten Yusuf in die Berge geschickt und ihn somit von mir genommen. Geh fort und komm nie wieder zurück. Nicht einmal an meinem Grab will ich dich haben. Geh fort! Mögen meine Flüche und meine Wut dich nie verlassen!« Die Abscheu in seiner Stimme und seiner Miene fuhr mir wie eine feurige Zunge übers Gesicht. Dann schlug er die Tür vor mir zu. Eine schwarze Wolke der Scham sank auf mich herab. Wie ein blutloser Leichnam sackte ich vor der Tür zusammen und horchte auf das Schreien und Schluchzen meiner Mutter drinnen, auf das Brüllen meines Vaters. Ich fasste meinen ganzen Mut zusammen und klingelte noch einmal. Diesmal ließ sich mein Vater nicht mal dazu herab, mir zu öffnen. Stundenlang blieb ich draußen hocken, dann stand ich auf und ging. Nie werde ich meine letzte Nacht in Batman vergessen, die vorwurfsvollen Blicke meines Vaters, seine mich tief verletzenden Worte, das Schluchzen meiner Mutter, die Warnungen Sabris.

Um mir die Zeit zu vertreiben, durchblättere ich das Magazin der Fluggesellschaft. Fotos, Texte, Werbung … Da fällt mir jener Morgen ein, vor anderthalb Monaten.

Seit meiner Flucht nach Deutschland waren achtzehn Jahre vergangen. Jeden Morgen las ich im Internet aufmerksam die Lokalzeitungen von Batman. Obwohl ich schon so lange fort war, wusste ich genauestens Bescheid, was in Batman vorging. Welche Restaurants eröffnet hatten, wie der neue Gouverneur hieß, der neue Bürgermeister, wie Batman Petrolspor gespielt hatte, welche Filme in den Kinos liefen, welche Frauen sich umgebracht hatten, wer bei Scharmützeln mit der Armee ums Leben gekommen war, welche Dörfer im Umkreis geleert und niedergebrannt worden waren, welche Frauen nach Batman eingeheiratet hatten, und noch vieles mehr. Dabei hatte ich damals, als ich noch in Batman wohnte, über jene Blätter nur die Nase gerümpft. Nun verbrachte ich Stunden in den Internetarchiven der Zeitungen. Wenn ich wieder und wieder Berichte über Ereignisse las, die mir wohlbekannt waren, freute ich mich jeweils, als würde ich einen alten Freund wiedertreffen. Oft genug betrübte mich die Lektüre. Mein Suchen glich ein wenig der Wahrsagerei durch willkürliches Aufschlagen einer Buchseite. Ich stieß in den Archiven auf sehr alte Nummern, doch vor zwei bestimmten Ausgaben fürchtete ich mich. Die eine war...


Ekinci, Yavuz
Yavuz Ekinci,1979 in Batman geboren, arbeitete als Lehrer und ist Herausgeber einer Reihe zur kurdischen Exilliteratur. Für sein Prosawerk erhielt er zahlreiche Preise und gilt in der Türkei als einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Generation. Auf deutsch erschienen bisher die Romane Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam (2017), Die Tränen des Propheten (2019) und Das ferne Dorf meiner Kindheit (2023). Ekinci lebt in Istanbul und inzwischen auch in Berlin.

Yavuz Ekinci,1979 in Batman geboren, arbeitete als Lehrer und ist Herausgeber einer Reihe zur kurdischen Exilliteratur. Für sein Prosawerk erhielt er zahlreiche Preise und gilt in der Türkei als einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Generation. Auf deutsch erschienen bisher die Romane Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam (2017), Die Tränen des Propheten (2019) und Das ferne Dorf meiner Kindheit (2023). Ekinci lebt in Istanbul und inzwischen auch in Berlin.

Yavuz Ekinci,1979 in Batman geboren, arbeitete als Lehrer und ist Herausgeber einer Reihe zur kurdischen Exilliteratur. Für sein Prosawerk erhielt er zahlreiche Preise und gilt in der Türkei als einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Generation. Auf deutsch erschienen bisher die Romane Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam (2017), Die Tränen des Propheten (2019) und Das ferne Dorf meiner Kindheit (2023). Ekinci lebt in Istanbul und inzwischen auch in Berlin.



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