E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Elbern Der Inder
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-6866-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Historischer Roman aus der Zeit Gajus Julius Caesars
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-7568-6866-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Stephan Elbern (geb. 1957) veröffentlichte mehrere wissenschaftliche Publikationen zur römischen Geschichte, außerdem eine siebenbändige Enzyklopädie der Grabstätten historischer Persönlichkeiten. Auf zahlreichen Reisen besuchte er nahezu alle bedeutenden Stätten der antiken Welt.
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2. Das große Wasser
Langsam verklangen die Rufe der Breitschädel in den Flußnebeln. Kriegsadler ließ den Mantel auf den Boden des Einbaums gleiten und wandte sich der Geliebten zu. Sie war schwerverwundet, das sah man sofort. Ihr Gesicht war weiß wie der Schnee in den langen Wintermonden, ein gequältes Lächeln spielte um die Lippen: „Das war Rettung in höchster Not“, ächzte sie, der Gedanke an die drohende Vergewaltigung durch den häßlichen Breitschädel ließ sie auch jetzt noch erschauern. „Hast du starke Schmerzen?“ fragte Kriegsadler besorgt. „Die Mädchen unseres Volkes haben gelernt, nicht zu jammern und zu klagen. Ich will dir einen starken und mutigen Sohn schenken – kann er so werden, wenn seine Mutter schwachherzig ist?“ Vorsichtig schnitt er das Gewand der Verwundeten an der Seite auf; der Pfeil stak in ihrer Lunge. Glücklicherweise trat nur wenig Blut aus. „Ich bin kein Medizinmann“, flüsterte Kriegsadler, „aber ich werde dir ein wenig Erleichterung schaffen, mehr kann ich nicht tun. Sei jetzt stark!“ Mit einem energischen Ruck brach er den hölzernen Schaft des Geschosses kurz vor dem Rücken ab; die Spitze blieb freilich in ihrem Leib. „Meine tapfere Braut“, lobte er, als sie keinen Schmerzenslaut von sich gab. Dann schnitt er einen Streifen von ihrem Gewand und reichte ihn Schönes Haar. „Drücke ihn fest auf die Wunde! Es soll nicht noch mehr von dem Lebenssaft entweichen.“ Liebevoll strich er mit der Hand über das bleiche Antlitz der Geliebten, dann kehrte er auf seinen Wachposten zurück.
Inzwischen hatte Schneller Hirsch die Wunde des Großen Bibers versorgt; sie war schmerzhaft, aber nicht gefährlich, denn der Pfeil hatte den Arm glatt durchschlagen. Man konnte den oberen Teil des Schafts abbrechen und das untere Ende mit der Feuersteinspitze mühelos aus der Wunde ziehen. Schneller Hirsch riß ein Stück seines Mantels ab und umwickelte die getroffene Stelle. Die kraftvolle Konstitution des Gefährten würde für eine rasche Heilung sorgen.
Unterdessen glitt der Einbaum weiter flußabwärts. Immer wieder loderten Feuer an den Ufern. „Wohin wollen wir fahren?“ fragten die Kameraden. „Wir dürfen in keinem Fall an Land gehen“, überlegte Kriegsadler. „Hier ist das Kernland der Breitschädel, und ihr wißt, was uns bevorsteht, wenn sie uns fangen sollten. Auch auf dem Flußweg können wir nicht sofort zurückkehren. Der Tod von Drei Bären bleibt bei den Feinden sicherlich lange Zeit unvergessen, sie werden mit allen Sinnen auf uns lauern.“ Fast resignierend fügte er hinzu: „Wir müssen aufs Geratewohl dem Strom folgen, bis wir weit genug entfernt sind, und dann versuchen, uns zu Lande in die Heimat durchzuschlagen. Der Lauf der Sonne wird uns den Weg weisen. Einstweilen bleiben wir in der Mitte des Flusses; dann können sie unsere Gestalten vom Ufer aus nicht erkennen und uns auch nicht mit den Pfeilen erreichen, falls sie doch ahnen sollten, daß wir tapfere Schlangensöhne sind und keine widerwärtigen Breitschädel.“
Inzwischen war der Tag angebrochen. Man sah keine Siedlung, nicht das geringste Lebenszeichen an den Ufern des Flusses; dennoch wagten die vier Krieger nicht, an Land zu gehen, um etwas Eßbares zu suchen. Aufmerksam spähten sie in die dichten Wälder: Verbargen sich Feinde in den Ästen oder hinter den Stämmen – in der Erwartung, sie würden anlanden und ihren Geschossen ein nahes Ziel bieten? Die Strömung hielt das Boot in steter Bewegung, unterstützt von den kraftvollen Schlägen der Paddel. Schneller Hirsch und Tödlicher Pfeil führten diese mit geübter Hand; Großer Biber hatte die Wache bei Schönes Haar übernommen, da ihn seine Verwundung noch behinderte. Kriegsadler stand am Bug des Einbaums und lauschte mit den geschärften Sinnen eines Waldbewohners auf jedes Geräusch. Bei dem geringsten Anzeichen einer Gefahr würde sein Warnruf die Gefährten auffordern, sich rasch hinter die starken Bootswände zu ducken.
Die Stunden rannen dahin. Bis zum Nachmittag hatte sich kein Feind gezeigt. „Sollen wir an das Ufer gehen und nach Nahrung suchen?“ fragte Kriegsadler die Kameraden. „Wir hungern lieber einige Tage, als in die Hände der Breitschädel zu fallen“, meinte Tödlicher Pfeil. „Ich habe einmal einen Lagerplatz dieser Barbaren gesehen. Dort hatten sie vier unserer Krieger langsam zu Tode gemartert. Jedes Sinnesorgan hatte man ihnen verstümmelt, jedes Körperglied abgeschnitten. Wir Schlangensöhne fürchten den Tod nicht, und wir würden keinen Schmerzenslaut hören lassen. Aber wir müssen einem solchen Tod auch nicht geradewegs in die Arme laufen. Oder wollt ihr den verhaßten Feinden zur Unterhaltung dienen?“
„Mein Vater hat uns einst erzählt, daß sich auch die Weiber der Breitschädel an den Marterungen beteiligen. Sie sind mindestens ebenso grausam wie die Männer! Und diese Barbaren lieben es auch, den Todesstreich von den Frauen führen zu lassen, vor allem, wenn ein berühmter Krieger in ihre Hände fällt. Sie glauben, er geht dann als Weib in die Ewigkeit ein und muß für alle Zeiten niedere Arbeiten verrichten“, ergänzte der Große Biber.
Schneller Hirsch beteiligte sich nicht an der Unterhaltung. Er werkelte an einem der überzähligen Paddel sowie einem Lederriemen herum und hatte schon bald eine provisorische Angel gefertigt. Wie umsichtig von den Breitschädeln, einige Fischhaken im Boot liegenzulassen! Er befestigte daran ein kleines Bröckchen seiner eisernen Ration und warf die behelfsmäßige Rute aus. Geduldig wartete er auf einen gierigen Fisch, dessen Bestimmung es war, seinerseits den hungrigen Schlangensöhnen als Nahrung zu dienen. Unterdessen ging Kriegsadler immer wieder zu seiner Braut, wenn auch nur für kurze Zeit. Das Pflichtgefühl des Anführers stand über allen persönlichen Empfindungen, auch wenn es ihm in das Herz schnitt, Schönes Haar leiden zu sehen. Ohne die baldige Hilfe eines Schamanen war sie dem Tod geweiht – und wie lange mochte es währen, bis sie eine Siedlung des Schlangenvolkes erreichten? Sollte sie ihre Befreiung mit dem Leben bezahlen?
Erneut brach die Nacht herein. Schneller Hirsch hatte erfolgreich geangelt; auf dem Boden des Einbaums zuckten einige Fische. Immer wieder besprengte er sie mit Wasser – so konnten sie ein wenig länger leben und frisch bleiben. Schließlich griff er sich einen nach dem anderen, nahm sie aus und reichte sie den Gefährten; gierig bissen sie in die rohen Körper. Kriegsadler bot auch der Geliebten von der Speise; zu schwach für eine Antwort, schüttelte sie nur leicht den Kopf, blickte ihn aber dankbar an, als er ihr ein wenig Wasser einflößte und die Lippen benetzte. Ein schmerzhafter Hustenreiz begann sie zu quälen. Sie lag im Sterben, und er mußte ihrem Tod hilflos zusehen. Immerhin hatte er sie vor einem weitaus schlimmeren Schicksal bewahrt. Die stolze Tochter von Grauer Wolf hätte es als unerträglich empfunden, den verachteten Feinden tagsüber als Sklavin zu dienen und nachts ihren Lüsten zu willfahren. Dann lieber ein ehrenvoller Tod an der Seite des Geliebten!
Allmählich legte sich nächtliches Dunkel über den Fluß, der das Boot langsam weitertrieb. Kriegsadler teilte die Wachen ein und wählte für sich die letzte. In der Frühe war es am gefährlichsten – das Morgengrauen verbarg menschliche Feinde und andere Bedrohungen auch vor einem geübten Blick, zudem war die eigene Müdigkeit am größten. Während sich Großer Biber am Bug des Einbaums niederließ und mit Adleraugen in die nachtschwarze Umgebung spähte – später würden ihm die ebenso geübten Ohren noch bessere Dienste erweisen – streckten sich die Kameraden auf dem Boden aus, soweit es der beengte Raum zuließ. Kriegsadler legte sich zu seiner Braut. Er hatte zu viele Menschen sterben gesehen, als daß er die Anzeichen des nahenden Todes nicht erkannt hätte; daher würde er die kurze verbleibende Zeit nutzen, um ihr Trost zu geben.
Schönes Haar lag zusammengerollt im Heck des Bootes. Leise ließ er sich neben ihr nieder; sie bemerkte ihn nicht. Vergeblich kämpfte er gegen den Schlaf an – er wollte doch der Geliebten in den letzten Stunden ihres jungen Lebens nahe sein. Aber die vergangenen Tage waren zu anstrengend gewesen, und das leichte Schaukeln des Einbaums verstärkte noch seine Müdigkeit, bis sie ihn vollends übermannte. Es herrschte noch tiefe Finsternis, als ihn Tödlicher Pfeil sanft anstieß: „Es ist Zeit zur Wache“, flüsterte er, bemüht, die Sterbende nicht zu wecken. Kriegsadler schlang den wärmenden Mantel als Schutz gegen die Morgenkühle eng um den Leib, dann übernahm er den Posten an der Bootsspitze.
Einige Stunden später stieg rotglühend die Sonne empor und enthüllte seinem erstaunten Blick ein ungewohntes Bild: Die grünenden Flußufer waren entschwunden, den Einbaum umgab grenzenloses...




